Samstägliche Einsichten

  • Hätte ich doch bloss früher einen Schrittzähler besessen, der mir sagt, wie viele Kilometer ich an einem ganz gewöhnlichen AufräumBrotbackPutzWäscheKleinkram-Samstag abspule. Dann hätte ich in den vergangenen Jahren nicht jedes Mal, wenn mich ein gestrenger Arzt nach meinen sportlichen Aktivitäten fragte, verschämt zu Boden geblickt und gemurmelt: „Ich weiss ja, dass ich sollte…“ Nein, ich hätte ihm voller Selbstbewusstsein ins Gesicht geschaut und gesagt: „Dauerlauf ist mein Leben.“
  • Es mag ja rührend sein, dass das Prinzchen mich darauf aufmerksam macht, es fange gleich an zu regnen, ich sollte vielleicht lieber die Wäsche reinholen, damit ich sie nicht zweimal waschen müsse. Daraus sollte man aber nicht schliessen, dass der Junge allmählich lernt, den Wert von Hausarbeit zu schätzen. Eine halbe Stunde später lässt er nämlich wieder seinen ganzen Kram im eben erst aufgeräumten Wohnzimmer liegen. Und wehe, man bittet ihn, das Zeug wegzuräumen, man wolle doch nicht die ganze Arbeit zweimal machen…
  • Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat nach einer Woche Abwesenheit sagt, er habe die ganze Familie furchtbar vermisst und sei froh, wieder zu Hause zu sein, bedeutet dies nicht, dass er deshalb ganz viel Zeit mit uns verbringen will. Sein Handy hat ja während dieser Woche auch fast gänzlich ohne ihn auskommen müssen und braucht jetzt ganz viel Aufmerksamkeit.
  • Niemand hat die Banane geschält, gedrückt und dann wieder zurück in die Obstschale gelegt. Bananen tun solche Dinge manchmal ganz von sich aus und es ist eine Unverschämtheit, dass ich eines der Kinder dafür verantwortlich machen wollte. 
  • Wenn Karlsson sagt, er werde eine Sache „gleich“ erledigen, dann kann dies durchaus bedeuten, dass erst noch Klavier spielen, Violine üben, im Zimmer herumhängen, nach Basel an die Herbstmesse fahren, essen, lernen und sich ein wenig ausruhen wird. Aber er wird tun, was er versprochen hat. Man muss sich nur ein wenig gedulden. 

skog

Etwas geht hier nicht ganz auf

Man könnte so circa alle sechs Monate ins schwedische Möbelhaus rennen, um neue Schälchen, Gläser, Küchenmesser, Teller, und ein paar Löffel zu kaufen, weil in Schubladen und Schränken schon wieder gähnende Leere herrscht. Und wo man schon dabei wäre, könnte man noch ein paar Badetücher in den Einkaufswagen schmeissen, weil auch die schon wieder knapp sind. 

Oder „Meiner“ kann zwei oder drei Tage lang dabei helfen, die Zimmer auszumisten, noch Nützliches vom herumliegenden Abfall zu trennen und Geschirrspüler und Waschmaschine pausenlos laufen lassen. Wenig später platzt der Geschirrschrank aus allen Nähten, die sauberen Badetücher stapeln sich im Regal und im Gläserfach kann man eine bunte Retrospektive sämtlicher Trinkgläserserien, die wir in den vergangenen drei Jahren erstanden haben, bewundern. 

Ganz egal, ob man den einen oder den anderen Weg wählt, am Ende drängt sich die gleiche Schlussfolgerung auf: Unsere Strategie, den Teenagern die alleinige Verantwortung für die Ordnung in ihren Zimmern zu überlassen, ist wohl gescheitert. 

schon wieder mais

Rollenwechsel

„Mal sehen, ob das auch jemand anders kann“, knurrte ich heute schlechtgelaunt, als auf der WC-Rolle nur noch ein kleiner Rest Papier übrig war. Ich tat einfach so, als würde ich nichts davon bemerken und liess die Rolle so, wie sie war. Ja, ich ging sogar noch weiter: Ich stellte nicht mal eine Ersatzrolle auf den Badewannenrand, um meinen Nächsten das Holen des Nachschubs zu erleichtern. Ich führte mich also für einmal so auf, wie meine geliebten Mitbewohner es immer tun. Sollten die doch mal sehen, wie mühsam das ist, wenn keiner sich darum kümmert, die Rolle zu wechseln, wenn sie fast leer ist. 

Als ich etwas später wieder aufs WC musste, sah es – wohl zum allerersten Mal in meiner Mütterkarriere – danach aus, als hätte eines meiner Familienmitglieder endlich begriffen, dass auch jemand anders als ich denn Rollenwechsel beherrscht. Da hatte doch tatsächlich jemand für Nachschub gesorgt und zwar nicht nur auf dem Badewannenrand.

Fast wollte ich in Tränen der Dankbarkeit ausbrechen, aber ehe ich das tun konnte, musste ich etwas zur Hand haben, um mich zu schnäuzen, falls das Augenwasser allzu grosszügig fliessen würde. Also rollte ich ein Stück Papier ab. Oder ich versuchte es zumindest, doch leider ging das nicht, denn der Rollenwechsel meines Vorgängers war bloss ein netter Versuch gewesen, der sich als gescheitert erwies, wenn man am Papier ziehen wollte. Und so durfte ich trotz seiner Umsicht einmal mehr meines heiligen Amtes als einzige fähige WC-Rollen-Wechslerin im Hause Venditti walten und das Ding richtig in den Halter legen.

Ob meine Lieben denken, ich bräuchte meine Rolle als Rollen-Ersetzerin, um täglich daran erinnert zu werden, wie unersetzlich ich bin?

chügeli

Im Achtsamkeit-Stress

Achtsam sollen wir sein, sagen sie. Das Leben mit Bedacht angehen und ganz bewusst im Moment leben. Alle sollen das und ganz besonders wir Eltern, denn wir sind es ja, die der heranwachsenden Generation zeigen, wie leben geht. Von uns lernen die Kleinen, ob man das Dasein als hektischen Wettlauf gegen die Zeiger der Uhr oder als gemütliche Wanderung über Höhen und Tiefen versteht. 

Wir sollen kein ödes Programm abspulen, sondern alles, was uns das Leben bietet, mit offenen Armen und sämtlichen Sinnen in Empfang nehmen. Wir sollen nicht zornig mit dem Putzlappen durch die Wohnung fegen, sondern unsere schmutzigen Fussböden und staubigen Regale mit Liebe und Hingabe pflegen. Wir sollen unserem Nachwuchs keine eilig aufgewärmte Fertigkost vorsetzen, sondern mit Lust zubereitete Mahlzeiten aus Zutaten, die wir zumindest sorgsam auf dem Wochenmarkt ausgewählt haben, wenn sie denn nicht in unserem eigenen Garten unter unserer fürsorglichen Pflege herangewachsen sind. Natürlich berieseln wir unsere Kleinen nicht mit Musik aus der Konserve, sondern singen stundenlang Lieder und ermutigen unseren Nachwuchs dazu, selber zu musizieren. Wir setzen unsere Kinder nicht andauernd vor die Glotze, sondern bieten echte Erlebnisse, draussen in der Natur, beim Kreativsein, beim gemeinsamen Arbeiten.

Selbstverständlich dreht sich in unserem Leben nicht alles um den Nachwuchs, denn wir müssen auch zu uns selber Sorge tragen. Müssen Zeit haben, auf unseren Körper zu hören, ihm Gutes zu tun und ihn zu pflegen. Wir halten immer mal wieder inne, um an Blumen zu riechen, die Schmetterlinge zu beobachten und den kühlenden Wind auf unserer Haut zu spüren. Und natürlich gehen wir regelmässig in uns, um zu spüren, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, oder ob wir unnötigen Ballast abwerfen müssen.

Wer mich kennt, weiss, dass mir viele von diesen Gedanken nicht fremd sind. Ich will ein Familienleben, in dem gemeinsame Mahlzeiten, echte Erlebnisse und Kreativität eine wichtige Rolle spielen. Will selbst gebackenes Brot auf dem Tisch, hergestellt aus Teig, der Stunden und Tage Zeit hatte, um zu reifen. Will mein eigenes Gemüse und bunte Blumen, die nicht nur uns, sondern auch den Schmetterlingen und Bienen Freude bereiten. Will Zeit haben, um über mein Leben nachzudenken und reflektiert zu handeln. Will lieben Menschen genügend Raum lassen und trotzdem Zeit für mich alleine haben. Will an manchen Tagen sogar ein aufgeräumtes Zuhause haben, weil man sich darin einfach mehr zu Hause fühlt. 

Weil ich das alles will, verlangt plötzlich der Brotteig nach Aufmerksamkeit, während auf dem Herd das liebevoll zubereitete Essen für die gemeinsame Mahlzeit überkocht und draussen im Garten der Salat von den Schnecken gefressen wird, weil ich keine Zeit hatte, die zarten Pflänzchen zu schützen, da ich vollauf damit beschäftigt war, mit „Meinem“ darüber zu reden, wie wir unser Leben ruhiger gestalten könnten, anstatt dafür zu sorgen, dass Haus und Garten nicht im Chaos versinken. 

Und plötzlich stehe ich schimpfend und zeternd inmitten meines wunderbaren, bewussten Lebens und verliere die Nerven, weil diese elende Achtsamkeit, die alle predigen, einem ganz schön viel abverlangt. 

cavatelli

Entsteint

An rund 360 Tagen im Jahr führen mein Kirschenentsteiner und ich eine durchaus harmonische Beziehung. Etwas distanziert vielleicht, da wir einander nur selten begegnen, aber doch ganz nett. Sehe ich ihn irgendwo auf dem Regal stehen, nicke ich ihm freundlich zu, er fragt, wie es dem Kirschbaum gehe und falls dieser bereits in Blüte steht oder sich erste Früchte zeigen, strahlt er mich an und sagt, er freue sich auf den Juni. „Ich freu mich auch“, sage ich dann und meine das durchaus so, wie ich es sage, denn ohne ihn macht die Kirschernte nur halb so viel Freude.

Dann aber kommt dieser eine Tag, an dem ich auf die Leiter steige, weil die Kindern, die sich über Tage fast ausschliesslich von Kirschen ernährt haben, alle Bauchweh haben, weshalb ich den Rest der Ernte verwerten darf. Dies wäre dann der Moment, in dem der Kirschenentsteiner und ich ein paar Stunden fröhlich miteinander arbeiten sollten, aber natürlich steckt der Kerl nicht mehr dort, wo ich ihn zum letzen Mal angetroffen habe…oder wo ich geglaubt habe, ich hätte ihn getroffen. Und er steckt auch nicht dort, wo er sonst noch sein könnte und auch nicht an den unmöglichen Orten, an denen ein Kirschenentseiner nun wirklich nichts verloren hat, die ich aber trotzdem absuche, weil man ja nie wissen kann, auf welche Gedanken ein Gerät kommt, wenn es zu lange nicht im Einsatz ist. Natürlich ist er auch dort nicht und wenn ich nicht will, dass die Kirschen in den Schüsseln verfaulen, bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Ernte mit dem Messer zu entkernen. 

Irgendwann, zwischen dem dritten und dem vierten Kilo, wenn mir der Kirschsaft bereits bis über die Ellbogen fliesst und die Finger schmerzen, fange ich an, auf das nutzlose Gerät, dessen Arbeit ich nun im Schweisse meines Angesichts erledigen muss, zu schimpfen. Warum räumt man einem solchen Nichtsnutz überhaupt Platz im Regal ein, wo er doch nie zur Stelle ist, wenn man ihn braucht? 

Der Kirschenentseiner ist natürlich nicht weniger eingeschnappt, was ich meist wenige Tage nach der Ernte erfahre, wenn er plötzlich wieder dort ist, wo er schon immer war und mir Vorwürfe macht, weil ich ihm, der doch nur eine Sache richtig gut kann, nicht ein einziges Mal im Jahr die Chance gebe, sein grossartiges Können zu beweisen. Ich verspreche ihm dann hoch und heilig, ihn nächstes Jahr, wenn die Kirschen wieder reif sind, ganz bestimmt zu berücksichtigen und er verspricht mir ebenso hoch und heilig, er werde dann auch ganz bestimmt an exakt dieser Stelle auf mich warten. Dann liegen wir uns versöhnt in den Armen, beide wohl wissend, dass weder er noch ich in einem Jahr unsere Versprechen, die wir einander unter Tränen gegeben haben, werden einhalten können.

Weil er ja doch nie dort ist, wo man ihn sucht…

rosor

 

Mach kein Drama

Wenn lange genug eins nach dem anderen schief läuft, fängst du früher oder später an, auch dort Probleme zu sehen, wo gar keine sind. Dann gehst du, wenn es beim Kochen plötzlich knallt und der Backofen seinen Dienst quittiert, nicht in den Keller, um zu überprüfen, ob eine Sicherung rausgefallen ist. Nein, du brichst fast in Tränen aus, weil du dich nicht schon wieder mit dieser unsäglichen Firma rumärgern willst und du in Gedanken schon vor dir siehst, wie sie kommen, um deinen geliebten Herd abzutransportieren, weil er nicht mehr zu retten ist. Da die Herdplatten noch funktionieren, schiebst du den Anruf bei der Firma drei oder vier Tage vor dir her und nachdem du endlich zum Telefon gegriffen hast, siehst du dem Besuch des Technikers mit Bangen entgegen. Nicht schon wieder ein Stein im Weg, denkst du. Nicht schon wieder diese elende Jagd nach einem funktionierenden Haushaltgerät. 

Tja, und dann steht ein paar Tage später dieser Techniker in der Küche, verlangt den Sicherungskasten zu sehen und verkündet Augenblicke später, dass da, wo du schon wieder einen Berg gesehen hast, eigentlich nur eine kleine, doofe Sicherung war. Eine von zwei, die für den Betrieb von Backofen und Kochplatten zuständig sind.

Bevor du vor lauter Scham im Fussboden versinkst, denkst du noch, dass du dir dringend mal wieder eine Portion Optimismus besorgen solltest. Mindestens so viel, dass es reicht, um erst die paar Treppenstufen zum Sicherungskasten unter die Füsse zu nehmen, ehe du ein Drama machst. 

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Wie haben die das bloss geschafft?

In meiner Kindheit erzählte mir ein Mädchen von einer sechsköpfigen Familie, in der die Kinder im Turnus dazu verdonnert wurden, täglich das Lavabo im Badezimmer zu reinigen. Wir waren beide entsetzt.

Sie, weil sie aus einem tadellos geführten Haushalt stammte, in dem das Lavabo gar nie die Chance hatte, schmutzig zu werden, da die treusorgende Hausfrau bereits mit dem Schwamm angerannt kam, wenn ein Kind sich nur schon dem Waschtrog näherte. Das Mädchen wusste also gar nicht, dass Lavabos dreckig sein können.

Ich, weil ich damals in kindlicher Selbstüberschätzung tatsächlich glaubte, wenn ich beim gemeinsamen samstäglichen Hausputz das Lavabo sauber mache, bleibe es danach eine ganze Woche lang blitzblank. Offenbar war ich ausgesprochen erfolgreich darin, nicht zu bemerken, wie meine Mutter an allen anderen Wochentagen die Spuren beseitigte, die sieben Kinder im einzigen Badezimmer hinterliessen. 

Noch heute versetzt mich jene sechsköpfige Familie in Erstaunen. Ich kann mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, wie um alles in der Welt die es geschafft haben, ihr Lavabo sauber zu halten, wenn sie es bloss einmal am Tag geputzt haben.

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