Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Feedback(un)kultur

Nichts gegen Ehrlichkeit, aber seitdem sich die Menschen angewöhnt haben, zu jeder Kleinigkeit ihr Feedback abzugeben und zwar auch dann, wenn man sich nicht besonders nahe steht, geht sie mir zuweilen richtig auf den Geist.

„Als ich mich zum ersten Mal mit dir unterhalten habe, fand ich dich echt sonderbar“, sagt man zum Beispiel und plötzlich ist da eine Befangenheit, die nicht wäre, wenn die andere Person es nicht für nötig erachtet hätte, die erste Begegnung zu evaluieren.

„Ich an deiner Stelle hätte jetzt anders reagiert, als dein Kind aufsässig wurde“, bemerkt jemand, den du kaum kennst und schon fühlst du dich andauernd einem kritischen Blick ausgesetzt, wenn es in Anwesenheit dieser Person zu einer spannungsgeladenen Situation mit den Kindern kommt.

„Als du dich zu uns gesetzt hast, hat mich das erst einmal gestresst, weil ich mich gerne mit der anderen Person fertig unterhalten hätte, aber jetzt war es doch noch ganz unterhaltsam zu dritt“, schliesst jemand eine lockere Gesprächsrunde ab und schon ist ein eben noch wunderbarer Moment verdorben. 

„Jetzt, wo ich mal bei dir zu Hause war, bin ich echt beruhigt. Es gibt tatsächlich Leute, die noch mehr Chaos haben als ich“, sagt ein seltener Gast und du fragst dich, ob das jetzt wirklich ein Kompliment hätte sein sollen. 

„Ach, wissen Sie, das macht doch nichts, wenn man ein wenig rundlicher ist. Hauptsache man ist gesund und ein netter Mensch“, sagt ein fast Fremder jovial und du denkst, dass dies doch eigentlich eine Angelegneheit zwischen dir und deiner Waage wäre. 

„Das Essen war ganz in Ordnung, aber ich hätte das Risotto etwas länger gekocht“, lässt dir eine entfernte Verwandte über deinen Mann ausrichten und von nun an hast du irgendwie keine Lust mehr, dir für diese Person allzu viel Mühe zu geben beim Kochen. 

Himmel, muss man denn wirklich immer sagen, was man denkt? Andauernd gibt jeder ungefragt eine Rückmeldung und irgendwann fängst du an, dich nach der guten alten Höflichkeit zu sehnen, die den Menschen gebot, gewisse Dinge ungesagt zu lassen. 

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Dialekt, wenn ich bitten darf

Eigentlich gehöre ich ja nicht zu den Menschen, die ein Problem mit Schriftdeutsch haben.  Hätte man in unserem Kanton über ein Mundart-Obligatorium im Kindergarten abgestimmt, hätte ich ein Nein in die Urne gelegt. Wenn Lehrer im Sportunterricht und auf der Schulreise Hochdeutsch reden, finde ich dies zwar ziemlich übertrieben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deswegen einen Aufstand zu machen. Mich stört es nicht mal gross, wenn kleine Kinder hierzulande eine Zeit lang so klingen, als wären sie direkt einer seichten Fernsehsendung entstiegen. Früher oder später wächst sich das ja wieder aus. 

Sprechen mich aber auf der Strasse Kinder, die des Dialekts durchaus mächtig wären, auf Schriftdeutsch an, weil ich ja eine Fremde und somit so etwas wie eine Respektsperson bin, finde ich das schon ein wenig bedenklich. Nicht unbedingt, weil ich fürchte, unsere Mundart werde allmählich verdrängt, sondern weil den armen Knöpfen nicht mehr auffällt, dass man unser helvetisch gefärbtes Hochdeutsch besser nur hinter den verschlossen Türen eines Schulzimmers sprechen sollte, damit keiner hört, wie lächerlich wir klingen. 

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Debattieren wir ruhig weiter…

Internationaler Frauentag. In den Medien toben einmal mehr die Debatten um Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gerechte Aufteilung von Hausarbeit. Jede Zeitschrift, die etwas auf sich hält, liefert eine Strickanleitung für den „Pussy Hat“ und als ein Ewiggestriger behauptet, Frauen könnten nun mal besser putzen als Männer, brandet eine Welle der Empörung durch die Sozialen Medien. Die Dinge müssten sich endlich ändern, fordern Frauen und Männer im Chor. 

Am Ende dieser Woche kehrt der FeuerwehrRitterRömerPirat aus dem Skilager nach Hause. Er sei gelobt worden, weil er in der Küche so gut geholfen habe, erzählt er. Die meisten Jungs in seiner Gruppe hätten gesagt, sie müssten im Haushalt nie mithelfen. Von den Mädchen hingegen müsse eigentlich jede zu Hause mit anpacken. 

Da können wir am Frauentag noch lange weiter debattieren…

Hört auf zu träumen, meine Lieben

Heute wiedermal ein Gespräch zwischen zwei kinderlosen jungen Frauen, die sich Gedanken über die Familienplanung machen:

„Zwei oder drei Kinder möchte ich dann schon.“

„Zwei oder drei? Das kann ganz schön teuer werden, wenn du nicht mehr arbeitest.“

„Wird schon irgendwie gehen.“

„Kommt ganz darauf an, wie viel dein Mann nach Hause bringt. Denkst du, sein Lohn reicht, wenn du keinen Job mehr hast?“

„Gibt ja noch Kinderzulagen. Acht- oder neunhundert Franken im Monat für jedes Kind oder so.“

„Bist du dir sicher, dass es so viel ist? Ich glaube nicht, dass die Kinderzulagen reichen, um dein Einkommen zu ersetzen.“

„Das wird schon irgendwie gehen. Zwei oder drei Kinder müssen einfach drin liegen.“

„Und was machst du, wenn eines der Kinder behindert ist?“

„Ja, da muss man sich dann halt überlegen, ob man es behalten will oder nicht. Man kann’s ja auch abtreiben.“

„Du hast recht, da muss man sich schon sehr sicher sein, dass man das wirklich will, sonst wird es schwierig. So etwas machst du nicht, wenn du dir nicht hundert Prozent sicher bist, dass du es auch auf dich nehmen willst.“

„Arbeiten gehst du dann bestimmt nicht mehr, weil du zu deinem behinderten Kind schauen musst. So etwas müsste man sich wirklich gut überlegen.“

Ich fürchte, für die eine wird das ein böses Erwachen geben, wenn sie mit ihren zwei oder drei Kindern zu Hause sitzt und erkennt, dass die zweihundert Franken Kinderzulagen, die es in der realen Welt pro Kind gibt, bei Weitem nicht ausreichen, um ihr Einkommen zu ersetzen.  

Und man kann nur hoffen, dass das Leben keiner von beiden ein Kind schenkt, bei dem sich die angeborene Krankheit erst nach der Geburt zeigt. Die Armen hätten dann ja gar nicht die Chance gehabt, sich reiflich zu überlegen, ob sie „so etwas“ wirklich auf sich nehmen wollen. 

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Was tun?

Vor wenigen Monaten noch hätte sich wohl keiner von uns vorstellen können, wie schnell scheinbar Selbstverständliches ins Wanken geraten kann. Immer öfter reiben wir uns am Morgen erstaunt die Augen, weil die Welt schon wieder eine andere ist, als sie am Abend zuvor noch war. Noch bevor wir die Ereignisse halbwegs verdaut und eingeordnet haben, kommt schon die nächste Sache, die uns verwirrt, verunsichert, verängstigt… Und weil wir  nicht zu denen gehören wollen, die später, wenn unsere Gegenwart Geschichte ist, von ihren Kindern vorwurfsvoll gefragt werden, warum sie tatenlos zugeschaut haben, quält uns die Frage, was wir denn überhaupt tun können.

Ich weiss es offen gestanden noch nicht. Zu sehr plagt mich im Moment das Gefühl, wir seien nichts weiter als Statisten in dem weltumspannenden Drama, zu dem sich der Vorhang eben erst gehoben hat. Ich weiss nur, dass mich das Ganze dazu anstachelt, noch mehr darauf zu achten, das kritische Denken nicht zu verlernen, noch mehr danach zu streben, den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte zu sehen und nicht das Etikett, das an ihm haftet, noch mehr nach Gelegenheiten zu suchen, im Kleinen Gutes zu bewirken, weil ich gar nicht die Wege und Mittel dazu habe, im Grossen etwas zu bewegen, noch mehr darauf zu achten, den Kindern beizubringen, wie wichtig Nächstenliebe ist, auch wenn uns gerade ganz viele weis machen wollen, am sichersten sei es, alle zu fürchten und keinem zu trauen.

Mich dünkt, mehr könne ich im Moment nicht tun.

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Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

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