Gefiltert

Man behauptet ja gerne, wir alle würden uns nur noch in unserer eigenen Filterblase bewegen und hätten keine Ahnung mehr davon, wie andere Menschen die Welt sehen. Doch wie war das eigentlich damals, als die Hauptinformationsquellen die Tageszeitung, Nachrichtensendungen und der Tratsch im Quartier waren?

Ich erinnere mich noch lebhaft an die Zeiten, als man sich nie mit der Aussage konfrontiert sah, Eltern seien „Kinderhalter“ und es mache nicht den geringsten Unterschied, ob man ein Haustier oder ein Kind zu betreuen habe. Als man noch nicht wusste, zu welcher Gewalt an Rechtschreibung und Grammatik manche Menschen fähig sind, weil Korrektoren alles dafür taten, dass solche Gräuel dem Auge der Leserin verborgen blieben. Als man sich noch einreden konnte, der Rassismus befinde sich auf dem Rückzug, weil man nicht mit Menschen verkehrte, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe für etwas Besseres hielten. Als Menschen, die einander wildfremd waren, nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, in aller Öffentlichkeit eine gehässige Diskussion über politische, religiöse oder andere Differenzen vom Zaun zu brechen. Als man noch glaubte, man sei von lauter vernünftigen Menschen umgeben, da keiner ungefragt in die Welt hinaus posaunte: „Ich glaube jede Verschwörungstheorie, die gerade im Umlauf ist, schere mich einen Dreck um den Klimawandel und bin im Weiteren fest davon überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist.“ 

Man mied die Menschen, die das Heu ganz und gar nicht auf der gleichen Bühne hatten, liess sich mit Fremden nicht auf allzu kontroverse Themen ein und abonnierte keine Blätter, die verqueres Gedankengut verbreiteten. War das vielleicht kein Leben in der Filterblase? 

Möglicherweise haben wir damals einfach ein wenig selbstbestimmter gefiltert, wen und was wir an uns heranlassen…

röd

Wie kann man die blockieren?

Der Kaminfeger, der dir ungefragt seine Meinung über Ölheizungen (das Beste, was es auf dieser Welt gibt), den Vaterschaftsurlaub (ein unnötiger Mist, über den man nur redet, weil die Frauen heute zu verweichlicht sind, um sich alleine um den Nachwuchs zu kümmern) und die heutigen Eltern (lauter Loser, die keine Ahnung haben vom Leben) vor die Füsse knallt.

Der Sitznachbar im Bus, der dich fragt, ob du verstanden hättest, was die zwei Männer miteinander geredet hätten, nur um dir dann für den Rest der Fahrt erzählen zu können, was er von diesen zwei Männern im Speziellen (nichts) und von Afrikanern im Allgemeinen (noch einmal nichts) hält.

Die Frau im Wartezimmer, die dir – kaum hast du ihr erklärt, du möchtest deine Wartezeit gerne zum Arbeiten nutzen – die traurige Lebensgeschichte ihrer Cousine zweiten Grades zu erzählen beginnt und auch dann nicht aufhört, als du anfängst, demonstrativ in die Tasten zu hauen.

Der Typ in der Warteschlange, der dir voller Stolz erzählt, wenn ein Rentner hinter ihm an der Kasse drängle, frage er ihn, ob er ein Rendezvous mit dem Tod habe. (Worauf ich ihm erzähle, wenn meine Kinder sich darüber wunderten, dass ich mit jedem rede, würde ich ihnen jeweils sagen, solange mir einer nicht zweifelsfrei bewiesen habe, dass er ein Idiot sei, würde ich versuchen, nett zu bleiben. Wodurch er sich natürlich nicht angesprochen fühlte, da ich weiterhin nett und freundlich blieb.)

Manchmal verstehe ich ja schon, warum sich die Menschen lieber hinter ihren Computern verschanzen, wo man solche Leute einfach blockieren kann. 

fågel

 

 

Heute auf Social Media

Furchterregende Filmaufnahmen von Schlamm und Geröll, die sich ins Tal wälzen und dies schon zum zweiten Mal innert kürzester Zeit.

Erschütternde Berichte über Menschen, die seit Tagen schon in den Fluten ausharren.

Ein Artikel, der der Frage nachgeht, weshalb uns das Schicksal der Flutopfer am einen Ort näher geht als dasjenige der Flutopfer am andern Ort. 

Endlos viel Wasser, Schutt und Leid wohin man auch blickt.

Wettergejammer von betrübten Mitmenschen, die nun schon zwei Tage Regenwetter hinter sich haben und denen allmählich mit Schrecken bewusst wird, dass die warmen Tage des Jahres wohl gezählt sind.

Klar, mit Betroffenheitsposts über das Leiden der anderen könnten sie das Schlimme auch nicht ungeschehen machen, aber wäre es denn so schwierig, das Wettergejammer wenigstens vorübergehend einzustellen? 

stjärnorna

 

Respekt

Samstagnachmittag in der ziemlich belebten Fussgängerzone, einige Mädchen stehen zusammen und unterhalten sich. Ein älterer Mann hastet an der Gruppe vorbei und rammt einem der Mädchen mit voller Absicht den Ellbogen in den Rücken. Das Ganze geht so schnell, dass niemand reagieren kann, weder die Mädchen noch die Passanten, die das Geschehen verdattert beobachten.

Würde mich nicht wundern, wenn das einer von denen wäre, die bei jeder Gelegenheit lautstark lamentieren, die „Jugend von heute“ habe keinen Respekt mehr vor dem Alter. 

kopp

 

Wenn Mama nicht mitspielt…

Wenn mir der Zoowärter mit leuchtenden Augen vorschlägt, unser Mama-Sohn-Ausflug, den er von seinem zehnten Geburtstag noch zugute hat, könnte nach Deutschland zur Games-Messe führen,…

Wenn das Leuchten in seinen Augen schlagartig erlischt, als ich ihm erkläre, das sei erstens zu weit weg, zweitens zu teuer und drittens ganz und gar nicht das, wozu ein solcher Mama-Sohn-Ausflug gedacht sei,…

Wenn schliesslich die Tränen fliessen, weil ich auch nicht dafür bin, dass er mit seinen Freunden fährt und sich das Ticket mit seinem Taschengeld kauft,…

Wenn er krampfhaft versucht, nicht laut loszuheulen, als ich ihm darlege, den Leuten, die Kinder mit fabelhaften Werbespots bombardieren, ginge es eigentlich nur darum, Geld zu verdienen,…

Wenn er mir lustlos aufzählt, was er gern macht und gut kann, damit ich ihm daraufhin eine Predigt über sein spannendes, abwechslungsreiches Leben abseits des Bildschirms halten kann,…

Wenn er sich widerwillig von mir dazu überreden lässt, an seinem nächsten freien Nachmittag einen Kuchen mit mir zu backen, weil solche echten Erlebnisse so viel toller sind als das mehr oder weniger sinnlose Drücken von Knöpfen,…

Wenn er nach unserem langen Gespräch mit hängendem Kopf in seinem Zimmer verschwindet, wo man ihn noch bis spät laut schluchzen hört,…

… dann wünsche ich mir einen Augenblick lang, wir hätten uns dazu entschieden, unsere Kinder irgendwo in der Abgeschiedenheit grosszuziehen, damit wir uns nicht immer mit dem Mist herumschlagen müssen, den andere an unsere Knöpfe herantragen. 

danse

Die Zeiten haben sich halt geändert

Wer meiner Generation angehört, gerät nicht selten ins Schwärmen, wenn er von seiner Kindheit erzählt. Mit leuchtenden Augen wird von den Abenteuern aus längst vergangenen Zeiten berichtet. Von kleineren und grösseren Kindern, die gemeinsam durch die Quartiere zogen, mit selbstgebastelten Seifenkisten Rennen veranstalteten, im Wald Feuer machten, beinahe die Bäume in Brand steckten, bei jedem Bandenmitglied zu Hause Süssigkeiten erbettelten und nackt im Bach badeten. Erwachsene kommen in diesen Geschichten nur am Rande vor. Als gütige Mütter, die aufgeschlagene Knie verarzten. Als naive Nachbarinnen, die allen Ernstes glauben, die Süssigkeiten bettelnden Kinder hätten an diesem Tag noch kein einziges Körnchen Zucker konsumiert. Als gestrenge Väter, die ihre ungezogenen Nachkommen ohne Abendessen ins Bett schicken, weil sie dem Schreiner für den Seifenkistenbau ein paar Bretter entwendet haben. Oder als gütiger Onkel, der dafür sorgt, dass die Knöpfe dennoch nicht mit leerem Magen schlafen gehen müssen, weil seine liebenswerte Frau gerade einen grossen Topf Suppe auf dem Herd stehen hat.

Herrliche Zeiten müssen das gewesen sein! Offenbar aber nicht herrlich genug, um meine Generation davon zu überzeugen, dass diejenigen, die jetzt heranwachsen, ähnlich Freiheiten geniessen sollten. Die Zeiten hätten sich geändert, sagen sie. Man könne den heutigen Kleinen nicht mehr zutrauen, was man ihnen zugetraut habe. 

Wer heute durch die Quartiere spaziert, trifft deshalb nur selten auf einen Trupp Kinder, der die verkehrsberuhigte Zone unsicher macht. Dafür ist jeder Vorgarten in einen eingezäunten Privatspielplatz umgewandelt worden. Beim einen Haus trifft man auf einen einsamen Ritter, der nicht so recht weiss, wie er die gigantische Spielburg, die ihm der Opa zum Geburtstag gezimmert hat, ohne Hilfe von Freunden erobern soll. Im Nachbarhaus regieren zwei Prinzessinnen über ein paradiesisches Reich mit Pool, Spielhaus, Schaukel, Wippe und Trampolin. Ein paar Häuser weiter vorne hat eine kleine Piratin keine Lust mehr, den Ausguck ihres Kahns zu erklettern, seitdem der grosse Bruder den ganzen Tag in der Schule sitzt. Und wenn der Ritter, die Prinzessinnen und die Piratin eines Tages in den Kindergarten kommen, heulen sie sich die Augen aus dem Kopf, wenn sie die Sandschaufeln, die Mosaiksteinchen und die Farbstifte miteinander teilen sollen. 

Derweilen tummeln sich auf den öffentlichen Spielplätzen ein paar wenige Bedauernswerte, die in einem Haus ohne Umschwung leben, weshalb ihnen Mama und Papa kein privates Spielparadies erschaffen können. Vielleicht hätten ihre Mamas und Papas es sogar gekonnt, aber sie wollten es nicht, weil sie an ihrer verklärten Vorstellung von einer nicht perfekten, dafür aber etwas freieren Kindheit festhalten. 

Wann begreifen diese Ewiggestrigen endlich, dass sich die Zeiten geändert haben und Kinder nur gut gedeihen, wenn sie auf allen Seiten eingezäunt sind?

mais

 

So doof sind wir nun wirklich nicht

Eigentlich sollte es ja witzig sein, aber allmählich nerven mich diese blöden Beiträge auf Social Media, mit denen man sich darüber lustig macht, wie unbeholfen wir Mütter uns angeblich mit Handy, iPad und Laptop herumschlagen. Meistens sieht man da eine verstaubte Alternde, die verzweifelt auf einen Bildschirm starrt und doofe Fragen stellt, die dann von einem leicht genervten Halbwüchsigen in Karlssons Alter beantwortet werden.

Was mich daran so nervt?

Nun, erstens einmal, dass die Mütter der heutigen Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen in diesen Filmchen dargestellt werden, als wären sie Frauen, die knapp vor der Pensionierung stehen oder diese bereits hinter sich haben. Ja, wir sind nicht mehr taufrisch, aber muss man uns deswegen aussehen lassen, wie in der Realität die Urgrossmütter unserer Kinder aussehen?

Zweitens bewegen sich heutzutage wohl die meisten Mütter ziemlich gewandt in den Welten von Internet & Co. Zwar lassen wir  – aus gutem Grund – die Finger von snapchat und vielleicht tippen wir unsere Nachrichten nicht ganz so schnell ins Handy wie unsere Kinder. Doch im Grossen und Ganzen sind wir durchaus in der Lage, mit dem Geräten umzugehen. Wir verbringen den grössten Teil unserer Arbeitszeit am Bildschirm, erledigen unsere Zahlungen online, buchen die Familienferien im Netz, verabreden uns via WhatsApp mit Freundinnen, teilen unser halbes Leben auf allen möglichen Kanälen und manche von uns treiben sich stundenlang in online-Foren rum, um sich mit andern über ihre Sorgen auszutauschen. Die Mutter, die heute noch entsetzt fragt, ob sie mit dem Drücken der falschen Taste das Internet gelöscht habe, muss man mir erst noch zeigen. 

Drittens finde ich es eigentlich ganz beachtlich, was wir in den vergangenen 30 Jahren alles gelernt haben. Immerhin gehören wir noch zu denen, die im Informatikunterricht vor riesigen Monitoren sassen und verzweifelt versuchten, das Zeug zu programmieren, das der Lehrer, der von der Sache auch nicht viel mehr verstand als wir, uns langfädig erklärt hatte. Wenig später verdiente ich einen Sommer lang ziemlich viel Geld damit, Disketten mit Kundendaten ins Laufwerk zu schieben, darauf zu warten, bis auf dem Bildschirm der Asterisk erschien und dann „delete“ zu drücken. Irgendwie haben wir es von diesen rudimentären Anfängen ganz gut ins Heute geschafft, finde ich. 

Viertens geht es mir auf den Geist, wenn man sich über Menschen lustig macht, die mit der digitalen Entwicklung überfordert sind. Es mag nicht meine Generation sein, die hier an die Grenzen kommt, aber die Generationen davor haben meiner Meinung nach jedes Recht dazu, nicht alles zu verstehen, was sich da so rasend schnell entwickelt hat. 

Aus all diesen Gründen bringe ich nicht mal mehr ein müdes Lächeln zustande, wenn wieder eines dieser doofen Filmchen auf meiner Timeline erscheint. Himmel, ich mache mich ja auch nicht über die Jugend von heute lustig, weil sie keine Ahnung davon hat, wie man ein Stofftaschentuch umhäkelt.

Nicht dass ich mich noch daran erinnern würde, wie das geht, aber ich kann mir ja demnächst einmal ein Tutorial auf youtube anschauen…

blüemli