Du sollst keine Ablenkung haben neben mir

Was haben wir doch immer gepredigt: „Leg das Handy weg, wenn du am Lernen bist! Nein, diese Snapchat-Nachricht kann jetzt warten. Du kannst dich so doch nicht konzentrieren. Ja, ich weiss, Snapchat verlangt sofortige Aufmerksamkeit, aber die Prüfung hat jetzt Vorrang. Hättest eben nicht erst zwei Tage vor dem Termin mit Lernen anfangen sollen. Nein, du kannst jetzt nicht schnell zwischendurch im Zimmer chillen gehen, du schaffst sonst nicht mehr den ganzen Lernstoff. Das haben wir dir doch schon hundertmal erklärt. – Sag mal, hörst du uns überhaupt zu?“

Immer und immer wieder dieselbe alte Leier, die irgendwann nicht nur Luise tüchtig auf den Geist ging, sondern auch uns.

Dann fiel eines Tages der berüchtigte Groschen, Luise fing nicht nur an zu büffeln, sondern auch weit im Voraus zu planen, wann sie mit der Vorbereitung für welchen Test anfangen muss und welchen Elternteil sie an ihrer Seite braucht, falls Fragen auftauchen sollten. 

Tja, und seither klingt die Leier eben so: „Papa, leg sofort dein Handy weg! Ich kann mich doch so nicht konzentrieren. Schau, du musst mir jetzt bei dieser Aufgabe helfen. Instagram kann warten. Ich hab nächste Woche einen wichtigen Test und ich muss mich rechtzeitig vorbereiten, damit ich noch Zeit habe, Unklarheiten zu klären. Man kann nicht immer alles bis zum letzten Moment aufschieben. Das solltest du doch wissen…“ 

Oder wenn etwas weniger Naturwissenschaftliches auf dem Programm steht: „Mama! Wohin gehst du schon wieder? Du musst jetzt nicht den Herd putzen und Pause kannst du dann später machen. Du sollst in der Nähe sein, damit du mir meine Fragen beantworten kannst, falls ich welche habe. Nein, du kannst jetzt auch nicht deine Mails checken, sonst hörst du mir wieder nur mit einem Ohr zu…“ 

Glaubt mir, wenn ich gewusst hätte, dass die ganzen Moralpredigten irgendwann auf uns zurück fallen, hätte ich damals, als sie noch nicht lernen wollte, meine Klappe gehalten.

blüemli

Blind vor Wut

Dass es unter Kindern immer mal wieder zu kleineren und grösseren Streitigkeiten kommen kann, war mir schon bewusst, bevor Karlsson in den Kindergarten kam. Dass Mütter und Väter sich erst in solche Konflikte einmischen sollten, wenn die Knöpfe ohne Hilfe nicht mehr hinausfinden, war nicht nur für „Meinen“ und mich, sondern auch für die meisten anderen Eltern klar. Dass man bei der Schlichtung zwar zugunsten des eigenen Kindes voreingenommen sein darf, dabei aber nie das Ziel eines möglichst friedlichen Zusammenlebens aus den Augen verlieren sollte, stellte niemand grundsätzlich in Frage. Auch dann nicht, wenn man mal etwas deutlichere Worte gebrauchen musste, um dem Zoff ein Ende zu setzen. 

Aus diesem Grund rieb ich mir erstaunt die Augen, als ich zum ersten Mal einer Mutter gegenüberstand, die nicht gekommen war, um den Streit zwischen ihrem und meinem Sohn schlichten zu helfen, sondern um sich mit mir zu zoffen und mir mangelnde Erziehungsfähigkeiten vorzuwerfen.

Noch erstaunter und ziemlich besorgt bin ich, weil mir vermehrt Geschichten zu Ohren kommen von Müttern und Vätern, die blind vor Wut auf Acht- oder Neunjährige losgehen, um sie mit wüsten Schimpfwörtern, Beleidigungen und Gewaltandrohungen einzuschüchtern. Dass ihr kleiner Sonnenschein zu Hause eine sehr einseitige Version der Vorfälle geschildert haben könnte, fällt ihnen nicht im Traum ein, und so sehen sie sich berechtigt, den „Feind“ ihres Kindes mal so richtig zusammenzustauchen. Soll der doch heulend und vor lauter Angst zitternd zu Mama rennen! In ihren Augen hat er es nicht besser verdient. 

So sehr ich verstehen kann, wie wütend man wird, wenn ein Kind wegen eines anderen Kindes schniefend und schluchzend nach Hause kommt – Beschimpfungen und Drohungen gegen kleine Kinder gehen meiner Meinung nach entschieden zu weit. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich die guten alten Zeiten zu glorifizieren beginne. Zeiten, in denen sich Eltern noch wie halbwegs vernünftige Erwachsene aufführten und nicht wie der übelste Pausenhof-Bully.

karo

 

Zurück

Dinge, die man erfährt, wenn man nach einem wunderbaren Wochenende mit Freunden wieder nach Hause kommt:

  • „Meiner“ und ich sind viel die besseren Eltern als Karlsson und Luise (findet das Prinzchen).
  • „Meiner“ und ich sind viel die schlechteren Eltern als Karlsson und Luise (findet der FeuerwehrRitterRömerPirat).
  • „Meiner“ und ich können nicht anständig putzen (findet Luise, die solche Dinge ja wissen muss, da sie in der Kochschule fürs Putzen meistens Bestnoten bekommt).
  • Luise und Karlsson können wirklich ganz wunderbar putzen und für Ordnung sorgen (finden „Meiner“ und ich, die solche Dinge ja wissen müssen, weil wir seit 17 Jahren mehr oder weniger erfolglos darum bemüht sind, hier irgendwie das Chaos einzudämmen.
  • „Meiner“ und ich sollen bloss nicht glauben, wir hätten nach der Heimkehr das Recht, ganz langsam und sanft wieder im Alltag anzukommen, wo wir doch ganze 55 Stunden Erholung hinter uns haben, während unsere Kinder sich in dieser Zeit abrackern mussten wie die Ackergäule.
  • Unsere Kinder kommen ohne uns ganz wunderbar miteinander klar und sind durchaus in der Lage, ihre Differenzen auf den Moment zu verschieben, wo wir wieder da sind, um sie daran zu hindern, einander an die Gurgel zu springen. 
  • Während unsere Kinder das Wochenende ohne uns bestens überstanden haben, hätte mein Lievito Madre beinahe das Zeitliche gesegnet, weil Karlsson ihn für einen ganz gewöhnlichen Tortilla-Teig hielt. 
  • So schön es ist, am Freitagvormittag dem ganzen Trubel mal für eine Weile zu entfliehen, so schön ist es auch, am Sonntagabend wieder in den Trubel zurückzukehren und von denen, die einen grossen Teil des Trubels verursachen, bei Kerzenschein mit Tee und Guezli empfangen zu werden. 
  • Karlsson ist froh und dankbar, dass er nicht jeden Tag unseren Job machen muss.

himmelblau

Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

ball

 

Etwa so würde ich das sagen

Wenn eine Mutter sich Sorgen macht, bei ihrem Kind sei etwas nicht so, wie es sein sollte, dann sagen wir anderen Mütter in der Regel: „Mach dir keine Sorgen. Du wirst sehen, das geht ganz von selbst. Die einen können etwas früher reden, die anderen laufen dafür schon bald. Das kommt schon gut.“ Meistens haben wir Mütter recht mit dieser Aussage. Dennoch würde ich heute etwas differenzierter antworten, wenn mich eine andere Mutter fragen würde, wie ich die Dinge sehe. Nämlich je nach Situation so: 

  • Machst du dir Sorgen, weil das Kind deiner besten Freundin schon ganz selbständig isst, deines sich aber noch füttern lässt? Dann mach dir keine weiteren Gedanken. Deines redet dafür schon in Zweiwortsätzen.
  • Ach so, die Grossmama findet, in diesem Alter müsse das Kind das doch schon längst können? Dann vergiss die Sache gleich wieder und schalte deine Ohren beim nächsten Treffen mit der Grossmama auf Durchzug. 
  • Die Grossmama hat dich neulich gefragt, ob dir auch schon aufgefallen sei, dass dein Kind in dieser oder jener Sache vielleicht ein wenig Mühe habe? Und dir selber ist das tatsächlich auch schon aufgefallen? Dann behalte die Sache im Auge und lass dich von kompetenter Seite beraten, wenn die Bedenken bestehen bleiben.
  • Die Kindergärtnerin, die dir bei jedem Elterngespräch gesagt hat, es sei alles bestens, dein Kind entwickle sich prächtig, sagt jetzt –  kurz bevor die Stellenprozente fürs neue Schuljahr festgelegt werden-, auf einmal, dein Kind brauche ganz dringend spezielle Förderung? Und die Förderlehrerin, die ohne dein Wissen zum Gespräch eingeladen worden ist, nickt eifrig? Dann informiere dich umgehend, ob vielleicht die Stelle der Förderlehrerin bedroht ist, weil für das nächste Schuljahr nicht so viele Anmeldungen eingegangen sind. Falls dem so ist, wehre dich mit Händen und Füssen dagegen, dass dein Kind dazu verknurrt wird, den Job der Förderlehrerin zu retten.
  • Die Kindergärtnerin, die dafür bekannt ist, dass sie jedem Kind sein eigenes Tempo lässt und nicht vorschnell unterstützende Massnahmen vorschlägt, weist zum wiederholten Mal darauf hin, sie habe den Eindruck, dein Kind brauche in einem bestimmten Punkt Unterstützung? Sie bringt dir gar einen Vorschlag, wie sich diese Unterstützung möglichst sanft umsetzen liesse, ohne dein Kind zum Problemfall abzustempeln? Dann stell deine Überzeugung, Unterstützung sei in jedem Fall schlecht, mal für eine Weile in die Ecke und befasse dich eingehend mit der Sache. Könnte nämlich sein, dass etwas dran ist. 
  • Du hast einen Artikel gelesen und wurdest immer mal wieder vom Gefühl beschlichen, da werde dein Kind beschrieben? Dann hast du im Internet im Namen deines Kindes einen Selbsttest gemacht und zur Antwort bekommen, die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind genau in diese Schublade gehöre, liege bei 61,54 Prozent? Dann schmeiss die blöde Zeitschrift weg, vergiss das Testergebnis und befreie dein Kind um Himmels Willen sofort wieder aus dieser elenden Schublade, bevor es keine Luft mehr bekommt.
  • Du wirst einfach das Gefühl nicht los, dass da irgend etwas ist? Dein Kind scheint unglücklich zu sein und Menschen, die euch nahe stehen, zeigen sich besorgt? Dann lass nicht locker, bis du der Ursache auf die Spur gekommen bist. Hole Zweitmeinungen ein, wenn du das Gefühl hast, ihr würdet nicht ernst genommen. Informiere dich eingehend und wenn du endlich Antworten auf deine Fragen bekommen hast, sorge dafür, dass dein Kind die bestmögliche Hilfe bekommt. (Ja, auch dann, wenn du in solchen Angelegenheiten grundsätzlich skeptisch bist. Wenn dein Kind Hilfe braucht, dann soll es die auch bekommen. Basta!)

fisk

 

Vorwarnung

Liebe Kleinkind-Eltern

Nur ein kleiner Tipp von einer, die weiss, wovon sie spricht: Lasst euch nicht dazu hinreissen, Eltern von grösseren Kindern Erziehungstipps zu geben. Nicht nur, weil ihr euch damit absolut lächerlich macht. Sondern vor allem auch, weil der Tag kommen wird, an dem ihr am liebsten im Boden versinken möchtet vor Scham, wenn ihr euch daran erinnert, was ihr erfahrenen Eltern einst an den Kopf geworfen habt.

Und dieser Tag kommt meist schneller, als man denkt…

blättchen

 

Etwas geht hier nicht ganz auf

Man könnte so circa alle sechs Monate ins schwedische Möbelhaus rennen, um neue Schälchen, Gläser, Küchenmesser, Teller, und ein paar Löffel zu kaufen, weil in Schubladen und Schränken schon wieder gähnende Leere herrscht. Und wo man schon dabei wäre, könnte man noch ein paar Badetücher in den Einkaufswagen schmeissen, weil auch die schon wieder knapp sind. 

Oder „Meiner“ kann zwei oder drei Tage lang dabei helfen, die Zimmer auszumisten, noch Nützliches vom herumliegenden Abfall zu trennen und Geschirrspüler und Waschmaschine pausenlos laufen lassen. Wenig später platzt der Geschirrschrank aus allen Nähten, die sauberen Badetücher stapeln sich im Regal und im Gläserfach kann man eine bunte Retrospektive sämtlicher Trinkgläserserien, die wir in den vergangenen drei Jahren erstanden haben, bewundern. 

Ganz egal, ob man den einen oder den anderen Weg wählt, am Ende drängt sich die gleiche Schlussfolgerung auf: Unsere Strategie, den Teenagern die alleinige Verantwortung für die Ordnung in ihren Zimmern zu überlassen, ist wohl gescheitert. 

schon wieder mais