WM-Kummer


Himmel, hätten die Brasilianer heute nicht etwas besser spielen können? Ein bisschen mehr Anstrengung wäre doch bestimmt möglich gewesen. Immerhin sind das Profis…

Eigentlich geht es mir ja am Allerwertesten vorbei, wenn die und all die anderen für viel zu viel Geld einem Ball hinterher rennen und so tun, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Aber ich bin nun mal Prinzchens Mutter und muss mit wehem Herzen mitansehen, wie der Arme ab Spielminute 31 Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher sitzt, sich nach der Niederlage schluchzend auf den Boden wirft und sich danach in den Schlaf weint.

Wie um alles in der Welt soll ich das Kind trösten können, wenn ich seinen Kummer so ganz und gar nicht nachvollziehen kann? Wie soll „Meiner“ ihm helfen, wo er doch ebenfalls nicht verstehen kann, was an dem Theater auf dem Rasen so spannend sein soll? Uns fällt da nicht mehr ein, als hilflos daneben zu stehen, ein paar tröstende Floskeln zu murmeln und uns zu fragen, wie wir zwei Fussballmuffel ein solches Kind zustande gebracht haben. Und weil er sich nicht mal in den Arm nehmen lässt, um sich bei seinen verständnislosen Eltern auszuheulen, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn traurig ins Bett gehen zu lassen und uns grün und blau zu ärgern über ein Spielresultat, das uns eigentlich so herzlich egal wäre.

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Die können das

Wenn ich von Dienstagnachmittag bis Freitagabend aus beruflichen Gründen ausser Hause bin,…

setzt „Meiner“ den Kindern zwar nicht jeden Tag zwei warme Mahlzeiten vor, aber ganz bestimmt genügend Essbares, auch wenn Luise bei einem verzweifelten Anruf kurz vor Mitternacht das Gegenteil behauptet.

sind die Unterlagen für die Steuererklärung, die monatelang unberührt herumlagen, endlich fertig ausgefüllt. Und die Anträge für die italienischen Pässe der Kinder auch.

ist alles für das morgige Jugendfest organisiert, auch wenn längst nicht alle nötigen Infos automatisch den Weg von der Schule nach Hause gefunden haben.

ist das Bett frisch bezogen, die Wäsche weitgehend erledigt, die Wohnung aufgeräumt und der Kühlschrank voll.

geht nicht die kleinste aller Kleinigkeiten vergessen. Nicht einmal das Flohmittel für die Katzen.

ist das Wohnzimmer frisch gestrichen. Leider ohne Rücksprache mit mir. Aber wer will sich schon beklagen, dass man nicht dabei sein durfte, als das ganze Wohnzimmer Kopf stand?

werde ich von einem ausgesprochen gut gelaunten Herrn Gemahl, einer gar nicht besonders ausgehungert wirkenden Tochter und einem kühlen Getränk am Bahnhof empfangen.

frage ich mich einmal mehr, warum das alles ohne mich so viel reibungsloser läuft.

Schon wieder improvisieren…

So ein unerwarteter Spitalaufenthalt wirft uns nicht mehr komplett aus der Bahn. Natürlich werden wir erst einmal leicht nervös, wenn der Kinderarzt erklärt, der Zoowärter könne nicht zu Hause genesen, der brauche mehr als nur ein paar Tabletten und ein wenig Salbe, um gesund zu werden. Ist diese Nachricht aber erst mal verdaut, laufen die Dinge einfach weiter – zwar nicht ganz so geordnet, wie wir das gerne hätten, aber dennoch irgendwie. Wir spielen so etwas ja nicht zum ersten Mal durch. 

Luises Termin beim Kieferorthopäden fällt deswegen nicht ins Wasser und wenn sie Fragen zu den Deutsch-Hausaufgaben hat, bekommt sie die nötigen Antworten. Karlsson muss bei seinen musikalischen Auftritten nicht gänzlich auf Familienmitglieder im Publikum verzichten und der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt trotz frühmorgendlichem Chaos rechtzeitig zur Schule. Auch an organisatorisch komplizierten Tagen wissen wir, wo sich das freiheitsliebende Prinzchen aufhält, wenn gerade keine Schule ist und selbst wenn die gesunde Ernährung nicht zu jedem Zeitpunkt gewährleistet ist, sind doch alle mehr oder weniger satt, wenn sie satt sein sollten. Unsere Arbeitgeber müssen nicht gänzlich auf unsere Dienste verzichten, der Haushalt läuft nicht komplett aus dem Ruder und die Momente, in denen der Zoowärter ohne elterliche Begleitung im Spitalzimmer liegen muss, sind rar. Nur noch gelegentlich stolpern wir über den einen oder anderen Denkfehler, wenn wir versuchen, unsere Einsätze im Spital so zu koordinieren, dass sie sich mit unseren jeweiligen anderen Verpflichtungen am besten vereinbaren lassen. 

Man könnte uns also durchaus als alte, erfahrene Hasen bezeichnen. Dennoch wären wir nicht unglücklich gewesen, wenn uns diese Geschichte erspart geblieben wäre. Nicht nur, weil uns der arme Zoowärter so furchtbar leid tut. Sondern auch, weil sogar alte, erfahrene Hasen irgendwann die Nase voll haben vom Improvisieren.

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Variationen

Auf die Gefahr hin, dass ich mich – wenn ich schon endlich mal wieder schreibe – auch noch wiederhole, hier eine Weisheit aus einem Haus voller Teenager und solcher, die es bald schon werden wollen:

  • Abends, wenn du allmählich zur Ruhe kommen möchtest, tropft auf einmal Wasser durch die Zimmerdecke, denn oben steht einer so lange unter der Dusche, bis die Duschtasse überläuft und sich das Wasser in den Eingangsbereich ergiesst. Weil er gerade unter der Dusche steht, kann er nicht dabei helfen, die Sauerei zu beseitigen und es liegt an den Erzeugern, den Schaden so rasch als möglich zu beheben, bevor das ganze Haus unter Wasser steht. Und weil du ihm erst hundert Mal gesagt hast, dass er nicht so lange duschen darf, bis es eine Überschwemmung gibt, trifft ihn keinerlei Schuld. 
  • Nachts, wenn dir endlich die Augen zugefallen sind, plötzlich laute Schritte im Treppenhaus. Bald darauf geht die Tür und wenig später steht ein halbwüchsiger Mensch mit einer Sorge in deinem Schlafzimmer. Vorbei ist es mit der Nachtruhe und du ahnst, dass du morgen einmal mehr mit schwerem Kopf erwachen wirst.
  • Mittags am Tisch, alles ist halbwegs friedlich, bis einer wagt, dem anderen einen falschen Blick zuzuwerfen. Vielleicht hat er sich auch erfrecht, ein unerwünschtes Geräusch von sich zu geben. Oder er nimmt sich die Freiheit heraus, nicht so frisch zu riechen wie alle anderen. Was auch immer der Grund sein mag – am Ende fliegen die Fetzen und man weiss nicht, wie die Dinge enden würden, wenn nicht ein Erwachsener schlichtend eingriffe. 
  • Irgendwann, im Laufe des Tages, völlig aus dem Nichts eine Frage, auf die du keine Antwort weisst. „Mama, warum…?“ und du stammelst irgend etwas zusammen, denn mit einem „Das erkläre ich dir, wenn du grösser bist“, lässt sich keiner mehr abspeisen.
  • Am Ende eines langen Tages, wenn du dir sehnlichst wünschst, endlich ins Bett gehen zu dürfen, schwirren energiegeladene junge Menschen durch die Räume und sämtliche Ermahnungen, es sei jetzt wirklich Zeit für Feierabend, stossen auf taube Ohren.

Immer wieder Situationen, die du irgendwie kennst und die doch nicht mehr ganz gleich sind. Und plötzlich dämmert dir: „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen“ ist komplett falsch.

Es müsste heissen: „Kleine Kinder, tausend Sorgen – grosse Kinder, Variationen von genau den gleichen Sorgen.“

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Elternwettbewerb

Allmählich überkommt mich das Gefühl, ich befände mich in einem Wettbewerb:

Wer von uns Mamas und Papas kann am besten Englisch, Französisch, Deutsch und Mathematik?

Bei wem zu Hause treffen sich die Kinder, wenn die Aufgabe lautet, in der Gruppe eine Arbeit zu erledigen? Wo erwarten sie die kompetenteste Hilfe?

Sind die Eltern gebildet genug, damit der Nachwuchs in der Schule mit schönen Formulierungen und ansprechenden Präsentationen auftrumpfen kann? Oder konnten Mama und Papa bloss mit einem rudimentären Schulwortschatz und Wikipedia-Wissen aufwarten, so dass sich das Kind vor den Mitschülern schämen muss? 

Ja, ich weiss, dass ich mich wiederhole, aber mich dünkt je länger je mehr, für den Übertritt an die Oberstufe sei der elterliche Bildungsrucksack wichtiger ist als das, was das Kind an Fähigkeiten mitbringt. 

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Zweiergespann

Wenn ich für ein paar Tage ausser Hause gehe, sagt man zu mir: „Wie schön, dass ‚Deiner‘ dir das ermöglicht. Aber du hast bestimmt alle Hände voll zu tun vor der Abreise, damit daheim trotz deiner Abwesenheit alles läuft wie gewohnt.“ 

Dass ein Mann den Laden problemlos mal ein paar Tage ohne seine Frau schmeissen kann, scheint für manche Menschen auch im Jahr 2018 noch unvorstellbar zu sein.

Wenn „Meiner“ mehrere Kurse hintereinander durchführt und darum für einige Tage ausser Hause ist, sagt man zu mir: „Wie schön, dass er mal ein paar Abende ganz für sich hat. Das hat er sich verdient.“ Natürlich widerspreche ich nicht, denn auch ich finde, die freie Zeit stehe ihm zu. Ein wenig verwundert bin ich dennoch, dass keiner fragt, was er im Voraus alles erledigen muss, damit er Kinder und Haushalt mehr oder weniger beruhigt mit mir alleine lassen kann.

Wo doch unser Karren schon längst im Dreck stecken geblieben wäre, wenn er nicht ebenso tatkräftig ziehen würde wie ich. 

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Ganz kurz nur

Montagnachmittag, 16 Uhr, „Meiner“ und ich sitzen bei einer Tasse Tee gemütlich am Tisch und unterhalten uns. Nach einer Weile kommt der Zoowärter nach Hause, erzählt von der Schule und bringt ein Problem zur Sprache, das wir gemeinsam zu lösen versuchen. Wenig später ist auch Luise da. Bevor sie in ihrem Zimmer verschwindet, lässt sie uns an ihrem Schultag teilhaben. Es dauert nicht lange, bis auch der FeuerwehrRitterRömerPirat zu uns stösst und von seinem Tag berichtet. Karlsson und das Prinzchen bekommen ihre Portion elterliche Aufmerksamkeit ein wenig später, aber auch sie müssen nicht ganz leer ausgehen. Für einen heiligen Moment sind wir genau die Eltern, die wir immer sein wollten. 

Für einen sehr kurzen, heiligen Moment…

Ein einziges falsches Wort reicht nämlich, um die Stimmung zu kippen und die Lawine loszutreten, die „Meinen“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und mich jeweils erfasst, wenn seine Ziele und unsere Ziele nicht die gleichen sind. Tja, und schon sind wir nicht mehr die ruhigen, gefassten Eltern, die für jedes ihrer Kinder ein offenes Ohr haben, sondern die Totalversager, die falsch machen, was man nur falsch machen kann. 

Und so endet auch dieser einstmals nahezu perfekte Tag damit, dass wir unsere Wunden lecken und uns die bange Frage stellen, ob wir es jemals schaffen werden, den besonderen Bedürfnissen unseres dritten Kindes gerecht zu werden. 

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