Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

ball

 

Etwa so würde ich das sagen

Wenn eine Mutter sich Sorgen macht, bei ihrem Kind sei etwas nicht so, wie es sein sollte, dann sagen wir anderen Mütter in der Regel: „Mach dir keine Sorgen. Du wirst sehen, das geht ganz von selbst. Die einen können etwas früher reden, die anderen laufen dafür schon bald. Das kommt schon gut.“ Meistens haben wir Mütter recht mit dieser Aussage. Dennoch würde ich heute etwas differenzierter antworten, wenn mich eine andere Mutter fragen würde, wie ich die Dinge sehe. Nämlich je nach Situation so: 

  • Machst du dir Sorgen, weil das Kind deiner besten Freundin schon ganz selbständig isst, deines sich aber noch füttern lässt? Dann mach dir keine weiteren Gedanken. Deines redet dafür schon in Zweiwortsätzen.
  • Ach so, die Grossmama findet, in diesem Alter müsse das Kind das doch schon längst können? Dann vergiss die Sache gleich wieder und schalte deine Ohren beim nächsten Treffen mit der Grossmama auf Durchzug. 
  • Die Grossmama hat dich neulich gefragt, ob dir auch schon aufgefallen sei, dass dein Kind in dieser oder jener Sache vielleicht ein wenig Mühe habe? Und dir selber ist das tatsächlich auch schon aufgefallen? Dann behalte die Sache im Auge und lass dich von kompetenter Seite beraten, wenn die Bedenken bestehen bleiben.
  • Die Kindergärtnerin, die dir bei jedem Elterngespräch gesagt hat, es sei alles bestens, dein Kind entwickle sich prächtig, sagt jetzt –  kurz bevor die Stellenprozente fürs neue Schuljahr festgelegt werden-, auf einmal, dein Kind brauche ganz dringend spezielle Förderung? Und die Förderlehrerin, die ohne dein Wissen zum Gespräch eingeladen worden ist, nickt eifrig? Dann informiere dich umgehend, ob vielleicht die Stelle der Förderlehrerin bedroht ist, weil für das nächste Schuljahr nicht so viele Anmeldungen eingegangen sind. Falls dem so ist, wehre dich mit Händen und Füssen dagegen, dass dein Kind dazu verknurrt wird, den Job der Förderlehrerin zu retten.
  • Die Kindergärtnerin, die dafür bekannt ist, dass sie jedem Kind sein eigenes Tempo lässt und nicht vorschnell unterstützende Massnahmen vorschlägt, weist zum wiederholten Mal darauf hin, sie habe den Eindruck, dein Kind brauche in einem bestimmten Punkt Unterstützung? Sie bringt dir gar einen Vorschlag, wie sich diese Unterstützung möglichst sanft umsetzen liesse, ohne dein Kind zum Problemfall abzustempeln? Dann stell deine Überzeugung, Unterstützung sei in jedem Fall schlecht, mal für eine Weile in die Ecke und befasse dich eingehend mit der Sache. Könnte nämlich sein, dass etwas dran ist. 
  • Du hast einen Artikel gelesen und wurdest immer mal wieder vom Gefühl beschlichen, da werde dein Kind beschrieben? Dann hast du im Internet im Namen deines Kindes einen Selbsttest gemacht und zur Antwort bekommen, die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind genau in diese Schublade gehöre, liege bei 61,54 Prozent? Dann schmeiss die blöde Zeitschrift weg, vergiss das Testergebnis und befreie dein Kind um Himmels Willen sofort wieder aus dieser elenden Schublade, bevor es keine Luft mehr bekommt.
  • Du wirst einfach das Gefühl nicht los, dass da irgend etwas ist? Dein Kind scheint unglücklich zu sein und Menschen, die euch nahe stehen, zeigen sich besorgt? Dann lass nicht locker, bis du der Ursache auf die Spur gekommen bist. Hole Zweitmeinungen ein, wenn du das Gefühl hast, ihr würdet nicht ernst genommen. Informiere dich eingehend und wenn du endlich Antworten auf deine Fragen bekommen hast, sorge dafür, dass dein Kind die bestmögliche Hilfe bekommt. (Ja, auch dann, wenn du in solchen Angelegenheiten grundsätzlich skeptisch bist. Wenn dein Kind Hilfe braucht, dann soll es die auch bekommen. Basta!)

fisk

 

Vorwarnung

Liebe Kleinkind-Eltern

Nur ein kleiner Tipp von einer, die weiss, wovon sie spricht: Lasst euch nicht dazu hinreissen, Eltern von grösseren Kindern Erziehungstipps zu geben. Nicht nur, weil ihr euch damit absolut lächerlich macht. Sondern vor allem auch, weil der Tag kommen wird, an dem ihr am liebsten im Boden versinken möchtet vor Scham, wenn ihr euch daran erinnert, was ihr erfahrenen Eltern einst an den Kopf geworfen habt.

Und dieser Tag kommt meist schneller, als man denkt…

blättchen

 

Etwas geht hier nicht ganz auf

Man könnte so circa alle sechs Monate ins schwedische Möbelhaus rennen, um neue Schälchen, Gläser, Küchenmesser, Teller, und ein paar Löffel zu kaufen, weil in Schubladen und Schränken schon wieder gähnende Leere herrscht. Und wo man schon dabei wäre, könnte man noch ein paar Badetücher in den Einkaufswagen schmeissen, weil auch die schon wieder knapp sind. 

Oder „Meiner“ kann zwei oder drei Tage lang dabei helfen, die Zimmer auszumisten, noch Nützliches vom herumliegenden Abfall zu trennen und Geschirrspüler und Waschmaschine pausenlos laufen lassen. Wenig später platzt der Geschirrschrank aus allen Nähten, die sauberen Badetücher stapeln sich im Regal und im Gläserfach kann man eine bunte Retrospektive sämtlicher Trinkgläserserien, die wir in den vergangenen drei Jahren erstanden haben, bewundern. 

Ganz egal, ob man den einen oder den anderen Weg wählt, am Ende drängt sich die gleiche Schlussfolgerung auf: Unsere Strategie, den Teenagern die alleinige Verantwortung für die Ordnung in ihren Zimmern zu überlassen, ist wohl gescheitert. 

schon wieder mais

Wieder so ein Wochenende…

Wir haben…

1. Zwei verschiedene Infoblätter, auf denen steht, um welche Zeit der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen an ihren Ständen erwartet werden und um welche Zeit sie zu ihrem Auftritt aufkreuzen müssen.

2. Einen kleinen Papierstreifen, auf dem steht, dass die Auftrittszeit auf Prinzchens Infoblatt nicht mehr gilt, da es eine Programmänderung gegeben hat, weshalb wir das Kind erst 45 Minuten später als ursprünglich angegeben zum Festplatz schicken sollen.

3. Einen Getränkebon und einen Essensgutschein für das Prinzchen.

4. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sagt, er hätte diese Bons eigentlich auch bekommen sollen, aber der Lehrer habe wohl nicht mehr dran gedacht.

4. Einen Zoowärter, der auf die Frage, wann er denn seinen Einsatz habe, ob er in der Schule auch ein Infoblatt bekommen habe und wo seine Bons seien, nur die Schultern zuckt und antwortet: „Ääääääh… böööööö“.

5. Einen Zoowärter, der aber immerhin weiss, dass er um zehn vor elf auf dem Schulhausplatz erwartet wird. Was dort genau mit ihm geschehen wird? „Ääääääh… böööööö“.

6. Eine Luise, die auf den Tag verteilt mehrere Einsätze hat, was sie mir aber nicht im Detail erklären will, weil ich mich gerade wieder aufgeführt habe wie eine Mutter, weshalb sie leicht angesäuert ist. 

7. Eine WahtsApp-Nachricht, in der steht, um welche Zeit ich für den Getränkeausschank vorgemerkt bin, was ich aber nicht überprüfen kann, weil mein Handy den Geist nun definitiv aufgegeben hat.

8. Einen Ehemann, der verkündet, er habe eigentlich gar keine Lust auf das ganze Theater, er möchte lieber den ganzen Tag malen.

9. Ein Haus, das ganz dringend aufgeräumt werden sollte.

10. Einen Karlsson, der eigentlich vollkommen unbeteiligt sein könnte und deshalb lieber mit mir besprechen möchte, welche Sorte Brot er zur Abschlussfete mit dem Chemielehrer, die am Dienstag stattfindet, mitbringen soll, für wie viele Menschen so ein Laib denn reicht, wie man das Ganze umrechnen muss und ob ich ihm beim Backen helfen kann. 

11. Eine Wekaustellung, bei der es viele wunderschöne Schülerarbeiten zu besichtigen gibt, was man natürlich in aller Ruhe tun möchte.

12. Mehrere Zettel und Zettelchen, auf denen angegeben ist, um welche Zeit am Sonntag die vielen schönen Werkarbeiten abzuholen sind. 

13. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der auf gar keinen Fall vergessen darf, die Werkarbeiten seines Schulkameraden ebenfalls abzuholen, da dieser am Sonntag nicht da ist. 

14. Eine Mama, die morgen nach Bern zum schwedischen Buchklub abrauschen wird, obschon der Papa doch wirklich ein Paar zusätzliche Hände gebrauchen könnte, um all die Werkarbeiten unversehrt nach Hause zu bringen.

15. Einen Fresszettel, auf dem ich versucht habe, die wichtigsten Punkte aus den einzelnen Infobriefen zusammenzufassen, um einen mehr oder weniger geordneten Gesamtüberblick zu bekommen. 

Und jetzt füge man aus all diesen Zutaten einen gelungenen Wochenende zusammen, an dem sich nicht nur die einzelnen Familienmitgleider zu den rechten Zeiten an den rechten Orten einfinden, sondern auch die Familie als Ganzes sich aktiv und selbstverständlich vollkommen entspannt am Schul- und Dorfleben beteiligt.

Und jetzt bitte einen Muttertag…

  • Zwei Teenager, die sich beim Kochen des Mittagessens in die Haare geraten und deshalb die Küche in ein Schlachtfeld verwandeln
  • Ein Sohn, der nicht im Traum daran denkt, sich an das zu halten, was man ihm sagt, ganz egal, wie gut begründet die Vorgaben sind
  • Zwei kleine Jungs, die spät abends noch kichernd im Bett liegen und keine Anstalten machen, irgendwann die Klappe zu halten 
  • Zwei Mahlzeiten die durch endlose Sticheleien und Streitigkeiten unter Geschwistern verdorben werden
  • Viel unwilliges Murren über ein paar klitzekleine Aufgaben im Haushalt, die „Meiner“ und ich nicht ohne Hilfe erledigen wollen
  • Diverse hässliche pubertäre Wutausbrüche
  • Bruder, der seine Schwester aus dem Haus sperrt, einfach weil es angeblich so furchtbar lustig ist, wenn sie danach pausenlos Sturm läutet
  • Heftige Geschwisterrivalität inklusive lautstarker Auseinandersetzungen beim Fussballspiel auf der Quartierstrasse
  • Ein Papa, der irgendwann aus purer Verzweiflung damit anfängt, die Muttertags-Moralkeule zu schwingen

Eine geballte Ladung von all dem also, was das Elterndasein an manchen Tagen so anstrengend macht. Ein Muttertag, an dessen Ende du denkst, du hättest dir jetzt eigentlich einen Muttertag mehr als verdient. Nein, keinen mit rührseligen Gedichten, Pralinen und Selbstgebasteltem, sondern einen, an dem du dich mal ausgiebig von den oben aufgeführten Dingen erholen kannst. Dies bitteschön mindestens einmal pro Monat und nicht bloss an diesem einen Sonntag im Mai. 

Und weil du das Ganze ja nicht alleine durchstehst, sollte dem Mann an deiner Seite das Gleiche ebenfalls zustehen.  

anka

Kinderträume

Gross wollen sie sein und zwar so schnell als möglich.

Den lieben langen Tag nur tun, was ihnen gefällt, kein Erwachsener im Rücken, der zum Aufräumen und zum Lernen drängt.

Die Welt erobern und allen zeigen, was in ihnen steckt.

Nicht sein wie die Eltern, die all die wunderbaren Möglichkeiten, die sie hätten haben können, für ein paar Kinder und ein Haus mit Garten in den Wind geschlagen haben. Diese faden Alten, die nicht begreifen wollen, wie cool es ist, erwachsen zu sein. Diese Stümper, die ihr Geld lieber für Steuern und Krankenkasse als für schönes Mobiliar und tolle Reisen ausgeben. Diese Spinner, die glauben, davor warnen zu müssen, wie schnell man selber so ist wie jene, über die sie heute noch den Kopf schütteln.

Und natürlich verstehen sie beim besten Willen nicht, weshalb Papa in seiner Freizeit bis zum Ellbogen im verstopften WC steckt.

Nein, meine lieben Kinderlein, er macht das nicht, weil das schon immer sein Zukunftstraum war.

Er macht das, weil Erwachsenen wirklich nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie Kinder bekommen. 

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