Die Glucke und ich

Nein, als die klassische Glucke würde ich mich nicht bezeichnen. Ich muss nicht jeden Schritt meiner Kinder überwachen, muss auch nicht rund um die Uhr mit ihnen zusammen sein und Händchen halten. Aber vor Tagen wie morgen wird mir jeweils klar, dass da irgendwo, tief in mir drinnen, doch eine Glucke schlummern muss.

Luise kommt in die Schule. Was dazu führt, dass ich schon Wochen vorher davon träume, wie ich flennend auf dem Pausenplatz stehe. Und ganz bestimmt werde ich das morgen auch tun, denn meine einzige Tochter ist endgültig kein Baby mehr. Auch kein Kleinkind. Jetzt will sogar schon fast kein Rosa mehr tragen. Schrecklich, nicht wahr? Da freut man sich jahrelang auf den Tag, an dem Luise lesen und schreiben kann und plötzlich taucht die Glucke auf, die einem leise ins Ohr flüstert, dass es nach dem ersten Schultag noch zwei, vielleicht drei Wochen geht, bis das Kind erwachsen ist und nichts mehr von Mama wissen will.

Aber es kommt noch schlimmer. Morgen geht nämlich der FeuerwehrRitterRömerPirat zum ersten Mal in den Kindergarten. Eben noch habe ich ihm die Windeln gewechselt – und ach, was bin ich froh, dass ich das nicht mehr tun muss! – und schon muss ich schauen, wie ich die Zeit am Morgen ohne ihn totschlagen kann. Bisher hat er nämlich immer dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde langweilig war. Weil er sonst das Bad unter Wasser setzte, Kacke in die Ecke schmierte oder schmutzige Windeln aus dem Dachfenster schmiss. Sorry, das war unappetitlich, aber es ist leider die ganze Wahrheit. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich aber an seinen freien Vormittagen auch immer wieder aufs Sofa gelockt, wo wir zusammen Bücher erzählt, Lieder gesungen und die Welt verbessert haben. Das alles dürfen jetzt die Kindergärtnerinnen mit ihm tun. Ich fürchte (und hoffe zugleich), dass die etwas schwierigere Seite meines dritten Kindes weiterhin mir überlassen bleibt.

Als wäre das alles nicht genug, um die Glucke in mir aufzuschrecken, kommt Karlsson morgen in die dritte Klasse. Erst gestern noch war ich selber in der dritten Klasse und jetzt ist schon mein Ältester soweit. Noch einmal die läppischen neun Jährchen, die ich jetzt schon Mutter bin und Karlsson ist volljährig. Grössere Füsse als ich hat er jetzt schon und übermorgen wächst er mir über den Kopf.

Was mich an dem Ganzen am meisten befremdet, ist, dass sich die Glucke im Bezug auf die Kleinsten vollkommen still hält. Das Prinzchen versucht, ohne fremde Hilfe zu stehen? Die Glucke schert sich einen Dreck darum. Er will keinen Brei mehr essen? Ist der Glucke doch völlig egal. Der Zoowärter kommt in die Spielgruppe? Beschimpft zum ersten Mal seinen Erzeuger als „domme Papa“? Die Glucke verschliesst die Augen ob der Tatsache, dass auch der Zweitjüngste von Tag zu Tag unabhängiger wird. Sie lässt es klaglos zu, dass Mama über jeden Fortschritt jubelt, dass sie sich über jedes Fetzchen wiedergewonnener Unabhängigkeit freut. Die Glucke wird sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn auch die beiden Kleinen nicht mehr wirklich klein sind.

Das wird dann wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal erwähnen werde, dass ich ganz gerne ein Enkelkind hätte…

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