Wer ist hier der Chef?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht wiedermal eine Ewigkeit, bis er sein Mittagessen aufgegessen hat. Als wir alle bereit wären fürs Dessert, fragt er zum ersten Mal nach einem Nachschlag und da er für einmal am Essen nichts auszusetzen hat, ist davon auszugehen, dass er noch einen zweiten, ja vielleicht sogar einen dritten Nachschlag verlangen wird. Luise hält es derweilen fast nicht mehr aus auf ihrem Stuhl, sucht nach Ausreden, weshalb sie jetzt auf keinen Fall mehr länger am Tisch sitzen bleiben kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich besseres zu tun hätte, als dem FeuerwehrRitterRömrPiraten dabei zuzusehen, wie er sich genüsslich aber in einer unbeschreiblichen Langsamkeit Knödel und Zwetschgenkompott in den Mund schiebt.

„Ob es sinnvoll wäre, die Essenszeit auf eine halbe Stunde zu beschränken? Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann ja dann alleine fertig essen.“, schiesst es mir durch den Kopf. Es kann ja nicht sein, dass die ganze Familie immer auf einen warten muss, der sich alle Zeit der Welt lässt. „Muss mal herausfinden, was Erziehungsexperten zu dieser Frage meinen“, denke ich. Und bin sogleich schockiert. Was habe ich da gedacht? Ich will einen Experten zu Rate ziehen, um herauszufinden, ob ich meinem Sohn sagen darf, ab jetzt könne er alleine fertig essen, wenn alle anderen bereits ausgegessen hätten und nur noch auf ihn warteten! Bin ich denn nicht Expertin genug, um zu bestimmen, welche Abmachungen zu unserer Familie passen? Kenne ich meine Kinder nicht gut genug, um zu wissen, was ihnen gut tut und was ihnen schadet? Und überhaupt: Ich drohe ja dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht an, er müsse ab jetzt alleine in der dunklen Speisekammer ausessen!

Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele „Experten“ auch bei mir in die Erziehung dreinreden, wie viele „Fachleute“, die weder mich noch meine Kinder kennen, meine Entscheidungen beeinflussen. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Experten hätte; manchmal hilft einem ein Ratschlag wirklich weiter, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Doch eigentlich ist es beängstigend, wie viele Eltern sich das Erziehen nicht mehr zutrauen, nicht mehr daran glauben, dass sie es instinktiv richtig machen werden, dass auch Fehler dazugehören, die meistens gar nicht so schlimm sind. Es sei denn, man erhebe die Fehler zum einzig richtigen Erziehungsstil, nur damit man nicht zugeben muss, dass man falsch lag. Heute glaubt jeder, eine Super Nanny zu  brauchen, die ihm auf die Finger schaut. Ohne die Erlaubnis des Erziehungsratgeber traut sich keiner mehr, seinem Kind laut und deutlich nein zu sagen, wenn es die Finger im WC baden will und wenn nicht ein Experte das O.K. gegeben hat, wagt man es nicht einmal mehr, dem Baby die Fingernägel zu schneiden, wenn sie zu lang sind.

Und ich bin keinen Deut besser! Was habe ich damals gelacht, als mir die Hebamme nach der Geburt des Prinzchens eingeschärft hatte: „Es ist ihr Kind. Sie bestimmen, was gut ist für ihn und was nicht.“  Ich hielt mich allen Ernstes für unabhängig und erfahren genug um zu wissen, dass mir bei meinen Kindern keiner dreinredet, es sei denn, ich gebe ihm das Recht dazu. Und jetzt ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bestimmen darf, wie lange meine Familie am Tisch sitzen muss. Und wenn ich die Zeit hätte, weiter darüber nachzudenken, würde mir bestimmt noch öfters auffallen, dass nicht ich, sondern irgend ein „Experte“ bestimmt hat, was gut ist für meine Kinder.

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