Zuckerschaum und Milchschokolade

Das war mal wieder ein Spektakel. Das Prinzchen, der Zoowärter und ich in der Migros. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, aber offenbar für das Publikum dermassen anstrengend, dass am Ende alles erleichtert aufatmete, als wir den Laden endlich verliessen. Ich kann zwar nicht verstehen, warum das Publikum am Ende erschöpft war, den Stress hatten nämlich wir. Ich hatte mich vom Zoowärter weichklopfen lassen, ihn in eines jener unsäglichen Auto-Einkaufswägelchen zu setzen. Ist ja eigentlich nur etwas, worauf Neu-Eltern reinfallen, alle anderen wissen, dass man mit den Dingern unmöglich um die Regale kurven kann. Aber weil ich der Meinung bin, dass meine jüngeren Kinder nicht unter meiner Desillusionierung leiden sollen, habe ich eben für einmal nachgegeben. Und so hat mein Image schon von Anfang an einen Kratzer: Achtung, da kommt sie, die unerfahrene Mama, die nicht weiss, worauf sie sich eingelassen hat. Wann immer wir einer zittrigen alten Dame den Weg abschneiden oder einem gehetzten Rentner versehentlich das Auto in die Wade rammen, ernten wir böse Blicke. Aber was kann ich denn dafür, dass diese Autos eine komplette Fehlkonstruktion sind?

Während meine beiden Jüngsten anfangs recht brav sind, falle nur ich auf, wie ich schimpfend das Ungetüm durch den Laden zu manövrieren versuche. Irgendwann aber fängt sich das Prinzchen an zu langweilen und schnappt sich eine Schachtel, die mit „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“ angeschrieben ist. Das sind die Dinger,  die in der Schweiz politisch völlig inkorrekt noch immer „Mohrenkopf“ genannt werden. Fröhlich beisst das Prinzchen auf der Verpackung herum und mir käme nicht im Traum im Sinn, dass der blondgelockte Engel damit etwas im Schilde führt. Erst als er plötzlich so ein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings in der Hand hält, dämmert mir, dass des Prinzchens unschuldige Spielerei nur Tarnung war und dass der Kleine sehr wohl wusste, warum er sich diese Schachtel geschnappt hat und nicht jene mit den Batterien drin. Und weil ich dem Kerlchen sein grossartiges Erfolgserlebnis nicht versauen will, lasse ich es schweren Herzens zu, dass er das klebrige Zeugs in sich reinstopft. Ich will ja nicht, dass er später mal völlig ohne Ambitionen vor sich hin gammelt, bloss weil ich ihm seinen ersten grossen Erfolg nicht habe gönnen mögen.

Bald schon sitzt das Kerlchen mit zuckerschaum- und milchschokoladeverschmiertem Gesicht im Wagen und der Zoowärter brüllt, weil er auf sein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings warten muss, bis die Mama bezahlt hat. Die Leute drehen sich entsetzt nach uns um. So also sehen diese Unterschichten-Mamas aus, die ihre Kinder schon am frühen Morgen mit Süssigkeiten vollstopfen und unfähig sind, das Gebrüll ihrer Brut auf Knopfdruck abzustellen. Die ersten Zuschauer suchen verstohlen nach ihren Handys, um der Super-Nanny mitzuteilen, dass sie ein wahres Prachtsexemplar von einer schlampigen Mama in freier Wildbahn entdeckt haben.

Bei der Kasse dann kommt es zum Eklat: Das verschmierte Prinzchen ist in seinem Sitzchen aufgestanden und ich bemerke natürlich nichts davon, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Einkäufe einzupacken. Um mich herum rufen Leute, aber ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Bis eine giftige Alte von der Kasse nebenan mich anschnauzt: „Das Kind könnte herunterfallen! Hören Sie denn nicht, dass die Leute schon rufen?“ Da stehe ich also, die gleichgültige Rabenmutter, die sich einen Dreck darum schert, wenn ihre Kinder vor die Hunde gehen. Die Menge geifert. Solche Mütter sieht man sonst nur bei RTL oder wie das heisst. Endlich haben sie mal wieder etwas, worüber sie beim Kaffeeklatsch lästern können.

Das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe, verlange ich Eintritt. Die Leute sollen nicht glauben, sie könnten sich gratis unterhalten, während ich und meine Kinder uns abmühen, ihnen eine perfekte Vorstellung zu liefern…

7 Gedanken zu “Zuckerschaum und Milchschokolade

  1. Pingback: Anders, aber noch immer schweisstreibend | Beautiful Venditti - Grossfamiliengroove à discrétion

  2. Ja, man wird tatsächlich relaxter. Das merke ich auch immer wieder. Und doch erstaunt es mich immer wieder neu, wie sehr ich mich noch immer auf die Palme treiben lasse…

  3. Danke schön. Dann mache ich mal weiter. 😉
    Das mit dem Abenteuer war auch nicht so bierernst gemeint 😉
    Es ist aber schon so, dass ich früher (als wir so 2 – 3 Kids hatten) eher nicht begeistert war, wenn mir die bessere Hälfte ein oder zwei Nachgewächse mitgeben wollte. Heutzutage bin ich da viel relaxter und nehm die Kleinen (meistens) ganz gerne mit (die Großen wollen ja eh nicht mehr so …).
    Unser Großer ist jetzt 19, der Kleinste knapp 1 2/3.

  4. Herzlich willkommen! Reinstolpern (und natürlich auch kommentieren) ist immer erlaubt.
    Das mit dem Abenteuer ist so eine Sache: Mein Leben ist momentan mit fünf Kindern zwischen 1 und 9 so abenteuerlich, dass ich auswählen muss, welche Abenteuer ich mir noch gönnen mag und welche ich erst in ein paar Jahren wieder erleben will. Das ist so ähnlich wie mit Ferien, bei denen einfach mal ins Blaue fährt: Das mache ich auch erst wieder, wenn ich keine Kinder in Windeln mehr habe… 🙂

  5. Wieso? Einkaufen mit kleinen Kindern ist doch das letzte Abendteuer, dass einem in der „Freizeit“ noch bleibt! 😀
    Als wir unseren Ältesten kriegten, konnte ich es mir nicht vorstellen, aber heutzutage fühle ich mich richtig gehend einsam, wenn ich (wie heute) unseren Wocheneinkauf alleine machen muss. 😉

    Ach ja, Hallo erstmal! 🙂 Bin über „Ach, Sie bloggen…“ hier herein gestolpert und denke, dass ich hier öfter mal reinschauen werde, wenn genehm ist …

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