Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
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102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Vor die Füsse geknallt

Kinder können einen ja schon manchmal überrumpeln. Da sitzt du nichts Böses ahnend keuchend, schniefend und mit brummendem Schädel spätabends auf dem Sofa, als sie plötzlich angerannt kommen, völlig aufgedreht und überglücklich, weil sie zu später Stunde – sie haben noch Schulferien – in einem entlegenen Winkel des Estrichs gestöbert haben und dabei auf Relikte aus deiner Vergangenheit gestossen sind. Diese Relikte knallen sie jetzt kommentarlos vor dich hin, entschwinden kichernd in ihr kindliches Universum und lassen dich alleine …

…mit deinem Poesiealbum aus Kindertagen. Jawohl, so eines, in das man Bilder malte und sinnvolle Sprüche wie diesen hier schrieb: „Bist du heiter, trag es weiter. Drückt dich ein Stein, trag ihn allein. <3“ Das waren vielleicht noch Liebesbezeugungen damals!

…mit einem Kündigungsschreiben, das die Erinnerung an den Tag lebendig werden lässt, an dem du mit der neugeborenen Luise im Arm im Spital ans Telefon gerufen wurdest, wo man dir mitteilte, dass dein Job gestrichen wird.

…mit einem fünfseitigen, fiktiven, vor Bitterkeit triefenden Brief an die Schwiegermama, den du mal auf Geheiss einer Seelsorgerin verfasst hast, um wenigstens so zu tun, als könntest du der Frau, die deinen Mann geboren hat, all das, was dich verletzt hat, an den Kopf werfen.

…mit einem Foto einer Weiterbildungsgruppe, auf dem du genau zwei Personen erkennst: Dich selber und die komplett unbegabte Dozentin, die glaubte, sie könne andere Menschen darin unterrichten, wie man richtig unterrichtet.

…mit der Todesanzeige eines geliebten Menschen.

…mit dem Impfausweis, den du schon oft hättest vorweisen müssen, von dem du aber nicht mal gewusst hättest, wo du zu suchen anfangen müsstest, um ihn wieder zu finden. Der Impfausweis, der noch die Unterschrift des unfreundlichen Arztes trägt, zu dem du Gott sei Dank nur dann geschleppt wurdest, wenn wirklich keine Hausmittel mehr halfen und deine Mutter dein ewiges Gejammer allmählich satt hatte.

…mit einem zerknitterten Blatt Papier, auf dem du kurz nach der oben genannten Kündigung deine kurz- mittel- und langfristigen Ziele notiert hast. Ziele, für die du heute nur noch ein müdes Lächeln übrig hast.

…mit Karten von lieben Menschen, die dir überschwänglich für gute Taten danken, an die du nicht die leiseste Erinnerung hast.

… mit einem Kalligraphie-Bild, das schon längst seinen Rahmen verloren hat, aber immer noch in wunderbaren Worten eine Freundschaft besingt, die aufgrund der Distanz leider schon längst erloschen ist.

… mit einem Quartalsplan aus dem Kirchenvorstand, dem du vor Jahren, als du eigentlich keine Zeit für solche Dinge gehabt hättest, einmal angehört hast. Ein Papier, das in dir noch einmal die Frage aufkommen lässt, warum du dort mitgemacht hast, wo es doch so vieles gab, hinter dem du nicht stehen konntest.

… mit einer auf Aluminium aufgezogenen Fotografie aus Teenagertagen, die eines deiner Geschwister nur darum hatte vergrössern lassen, weil er oder sie wusste, dass du deswegen an die Decke gehen würdest.

…mit ein paar Liebesbriefen von „Deinem“, einer davon noch mit „Fräulein“ adressiert.

…mit einem Couvert voller Bea-Punkte, auf die du damals, als du noch viele Spielsachen kaufen musstest, ganz wild warst, die eine ehemalige Arbeitskollegin dir aber offenbar erst dann hat zukommen lassen, als du schon mehr als genug davon hattest. (Der Vorrat, den du dir damals angelegt hast, ist bis heute nicht aufgebraucht.)

Tja, und dann sitzt du also da, möchtest eigentlich nichts weiter tun, als deine Grippe zu hätscheln. Stattdessen drehst und wendest du die Erinnerungen, die sie dir vor die Füsse geknallt haben und fragst dich, ob die Zeit schon reif ist, sie zu glorifizieren, oder ob du sie noch eine Weile in den Estrich zurück verbannen sollst, wo sie unbeobachtet heranreifen können.

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Dieser Valentin…

Nein, ich mag ihn wirklich nicht, diesen Valentin. Ich finde ihn geradezu grausam. Man braucht sich nur mal anzusehen, was diejenigen, die niemanden haben, der sie beschenken möchte, an diesem Tag auf Facebook posten. Verzweifelte Ironie, hilflose Versuche, doch noch von irgendwo ein „Ich mag dich, du bist ein ganz besonderer Mensch“ zu erheischen, manchmal auch schlecht kaschierter Neid, wenn eine, die von ihrem Liebsten keinerlei Zeichen der Zuneigung erwartet hätte, doch noch überrascht worden ist und dies nun aller Welt zeigen möchte. Ein Tag, an dem sich die Einsamen noch einsamer fühlen als sonst. 

Na ja, könnte man einwenden, das ist zwar hart für jene, die alleine sind, aber für die anderen, die glücklich sind und beschenkt werden, ist es doch schön, einen sichtbaren Beweis der Liebe zu bekommen. Nichts gegen sichtbare Liebesbeweise, aber bitte nicht dann, wenn der Kalender – und der Blumenhändler – sie befiehlt, sondern dann, wenn einem das Herz übergeht vor lauter Dankbarkeit, dass man einen lieben Menschen hat, der mit einem das Leben teilt. Von mir aus darf das auch am 14. Februar sein, noch lieber aber einfach immer dann, wenn man sich seines überaus grossen Glücks bewusst wird.

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ÖV-Schnipsel

Zwei junge Frauen ein paar Reihen hinter mir im Bus:

„Dem Tom geht’s ja voll mies.“

„Ja, habe ich auch bemerkt. Der Arme sieht voll schlecht aus.“

„Manchmal denkt man ja, das kann nicht mehr lange so weitergehen. Er tut mir so schrecklich leid.“

„Mir auch. Ich hoffe einfach, er überlebt das.“

Man denkt, wie furchtbar es doch ist, wenn junge Menschen schon so schlimme Erfahrungen machen müssen, doch die Zwei reden weiter:

„Also ich denke schon. Die werden ihn doch jetzt nicht einfach sterben lassen.“

„Ja, ich glaube, du hast recht. Er kann jetzt nicht einfach wegsterben.“

Man will schon denken, wie wunderbar dieses jugendliche Vertrauen in die rettende Kraft der Medizin doch ist, aber das Gespräch geht weiter und man hat keine Zeit zum Denken:

„Nein, der ist viel zu wichtig für die Handlung. So eine tragende Rolle können sie ja nicht einfach verschwinden lassen.“

Und jetzt endlich versteht man, dass Toms Leben nicht durch eine bösartige Krankheit, sondern durch einen böswilligen Drehbuchautor bedroht ist. 

*

Wieder zwei Frauen, diesmal mittleren Alters:

„Man fragt sich ja, wie sie das alles schafft.“

„Ja, und dann noch mit den vielen Kindern, die sie hat.“

„Sie sagt ja, sie müsse arbeiten. Anders gehe es nicht.“

„Oh ja, genau, sie muss! Wer’s glaubt.“

Und wenn ich in der Lage wäre, die Blicke zu beschreiben, die sie einander bei diesem letzten Satz zuwerfen, dann wüsstet ihr jetzt, dass eine Mutter von vielen Kindern nur berufstätig sein darf, wenn ihr Mann bei einem Schiffsunglück ertrunken ist, keine Lebensversicherung hinterlassen hat, die Familie ein undichtes Dach über dem Kopf hat, keiner in der Verwandtschaft auch nur einen müden Rappen springen lässt und das Sozialamt auch nichts rausrücken will. 

*

Und dann ist da noch die jüngere Frau neben mir, die mit dem Handy am Ohr eine ganze Busfahrt lang versucht, sich mithilfe ihrer sehr geduldigen Gesprächspartnerin eine aufkeimende Beziehung schönzureden. Da ich nur die eine Seite des Gesprächs mithören kann, bekomme ich leider nicht ganz alles mit, aber wenn ich richtig kombiniert habe, hat der Kerl geschworen, mit der Verflossenen sei nichts mehr und jetzt bandelt er doch wieder mit ihr an und behandelt meine arme Sitznachbarin mit einer unerträglichen Kälte und das tut natürlich furchtbar weh und mit der vorletzten Freundin hat er es ja schon genau gleich gemacht. Aber meine Sitznachbarin hat halt so ein gutes Gefühl bei ihm und es war ja auch so furchtbar romantisch, dieses eine Mal, als sie sich ein wenig näher gekommen sind und darum möchte sie doch unbedingt von ihrer Freundin wissen, wie sie den Kerl jetzt ganz an sich binden kann und sei es nur, um die Halskette wieder zurückzubekommen, die er noch bei sich zu Hause hat. Ich würde mich ja so gerne einmischen und ihr sagen, sie solle ihre Halskette vergessen und ihre manikürten Fingerchen von dem Kerl lassen, aber mich fragt natürlich mal wieder keiner.

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Wunschlos

Dass Karlsson ein ziemlich glücklicher Mensch ist, wusste ich schon, aber wie wunschlos dieses Glück sein kann, wurde mir in den vergangenen Tagen bewusst. „Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?“, fragte ich eins ums andere Mal und immer lautete die Antwort: „Ich weiss nicht so recht….“ Nicht frustriert oder traurig klang das, sondern eher so nach „Eigentlich hätte ich ja schon gerne ein Geschenk, aber ich weiss beim besten Willen nicht, was mir in meinem Leben fehlen sollte.“

Tja, was macht man da? Einfach nichts schenken? Geht nicht, denn erstens mag Karlsson Geschenke und zweitens wäre es ziemlich mies, wenn er dabei zusehen müsste, wie alle anderen ihre Päckchen auspacken. Ein Gutschein oder ein Geldgeschenk? Viel zu einfallslos für einen Menschen, den wir von Herzen lieben. Ein Erlebnis schenken? Wäre eigentlich ja schön, aber das gab’s schon zum Geburtstag. Durch die Stadt hetzen und ein blödes Verlegenheitsgeschenk auftreiben? Kommt nicht in Frage, dafür ist mir die Zeit zu schade und einfach schenken, damit etwas geschenkt ist, finde ich ziemlich doof. 

Fast hätten wir Karlsson doch ein Geldgeschenk unter den Tannenbaum gelegt, als mir plötzlich das perfekte Karlsson-Geschenk in den Sinn kam. (Na ja, morgen wird sich dann zeigen, ob es wirklich perfekt ist, aber die Leute, die ihn gut kennen, finden die Idee ganz gut.Was es ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten, da Karlsson gelegentlich bei mir mitliest.)

Inzwischen bin ich ganz froh, dass unser Ältester nicht wusste, was er haben möchte. Wie sonst hätte ich wieder mal die Erfahrung gemacht, wie schön es ist, für einen geliebten Menschen etwas Passendes auszusuchen, anstatt in den Laden zu marschieren und zu sagen: „Ich brauche die Lego-Packung Nummer 3435436767678, dann noch die Nummer 5768679876976865756 und falls sie noch nicht ausverkauft ist, auch noch die Nummer 23423443545657578.“ 

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Was ich durch Karlsson gelernt habe

Karlssons Geburtstag naht und wie jedes Jahr werde ich deswegen ein klein wenig sentimental. Heute zum Beispiel wurde mir bewusst, was ich durch ihn alles gelernt habe. Also, ich meine jetzt mal abgesehen vom Muttersein, Windeln wechseln, stillen, verrückt sein vor lauter Liebe und so. 

Durch Karlsson habe ich gelernt,…

…dass es Kinder gibt, die über Jahre hinweg immer und immer und immer wieder das gleiche Buch erzählt bekommen wollen und dass sie sich dabei auch dann noch nicht langweilen, wenn du das Zeug schon fast im Schlaf runterbetest. 

…wie man als Vegetarierin Leberpastete zubereitet, ohne dabei auf den Fussboden zu k….

…dass es Menschen gibt, die lieber mit blosser Faust eine Scheibe einschlagen, als den angefangenen Joghurt auszuessen.

…wie unglaublich vernünftig die Jugend von heute sein kann, wenn sie es denn will. 

…wie Trüffel stinkt riecht.

…wie man einen Trotzanfall schiebt, weil Mama sich weigert, einem einen stinkenden weissen Trüffel als Souvenir zu kaufen. 

…dass entzündete Blinddärme sich nicht immer so aufführen, wie es im Gesundheitsratgeber für Eltern steht. 

…dass es auch heutzutage noch richtige Plattenspieler zu kaufen gibt. 

…wie man seiner Mutter ohne zu erröten einen Witz erzählt, den diese ihrer Mutter nie und nimmer erzählt hätte. 

…dass es Babys gibt, bei denen man sagt: „Wahnsinn! Seine Füsschen sind ja riesig!“

…wie man schon ganz jung ganz sich selbst sein kann.

…dass manche Kinder ihre Fischstäbchen nur geschält essen, weil sie Knuspriges nicht mögen.

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Liebe Miteltern

Können wir bitte endlich wieder ehrlich sein miteinander? Einfach damit aufhören, so zu tun, als hätten wir fehlerlosen Wesen das Leben geschenkt? Ja, sie sind toll unsere Kinder, sie versetzen uns immer wieder in Staunen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten. Immer mal wieder geben sie uns guten Grund, stolz auf sie zu sein. Unser Herz möchte zerspringen vor lauter Liebe, wenn wir sie anschauen. Es ist ein unbezahlbares Privileg, sie beim Aufwachsen begleiten zu dürfen. 

Aber Himmel, es gibt doch auch eine andere Seite. Die Momente, in denen wir im Boden versinken könnten vor lauter Scham. Die Tage, an denen sie uns so lange reizen, bis wir platzen möchten vor lauter Wut. Die Lebensphase, in der sie so leise wie nur immer möglich sind, um das riesige, wunderbare Potential, das in ihnen schlummert, nicht aufzuwecken. 

Liebe Miteltern, mich dünkt, wir hätten offener miteinander reden können, als sie noch klein waren. Damals hinderte uns die abgrundtiefe Übermüdung daran, einander ein Theater vorzuspielen. Wir konnten gar nicht anders, als hin und wieder laut und tief zu seufzen. Heute aber, wo wir alle wieder besser schlafen, achten wir sorgsam darauf, dass nur noch das Lobenswerte nach aussen dringt. Die tiefen Seufzer aber… na ja, ich weiss gar nicht so recht, ob die bei euch noch vorkommen. Bei mir gehören sie weiterhin zum Alltag, genauso wie die Momente des puren Glücks, aber wenn ich euch so zuhöre, komme ich mir manchmal vor, als sei ich die Einzige, die unvollkommenen – und trotzdem wunderbaren – Menschen das Leben geschenkt hat.

un; prettyvenditti.jetzt

un; prettyvenditti.jetzt

Plaisir d‘ amour ne dure qu’un moment…

Er traf sie auf dem Spielplatz des Freilichtmuseums und es war Liebe auf den ersten Blick. Ihre sanften Augen und das glänzende schwarze Haar taten es ihm ebenso an, wie ihr fröhliches Wesen. Immer wieder zog es ihn zu ihr hin, sogar dann, als er eigentlich hätte essen sollen – und Essen verschmäht er sonst nie. Als wir ihn dazu überredeten, doch etwas zu essen, teilte er seine Karotten mit ihr. Bevor wir nach Hause gingen, musste er sie unbedingt noch einmal sehen. Nur mit Mühe liess er sich vom Spielplatz weglocken, danach sass er schluchzend und schniefend im Auto. Sein Herz, das sie im Sturm erobert hatte, wollte brechen vor lauter Trennungsschmerz. So unsterblich liebt er sie, dass er, kaum wieder zu Hause, damit anfing, Zukunftspläne zu schmieden. Okay, zuerst malte er noch ein paar Herzen, schrieb mit verträumtem Blick ihren Namen und erzählte unablässig davon, wie toll sie ist.

Ja, und dann rückte er eben mit seinen Zukunftsplänen raus: Sie soll zu uns ziehen, am besten schon an Weihnachten, wenn das zu früh ist, halt spätestens an seinem Geburtstag. Über den Platz soll ich mir mal keine Sorgen machen, meinte er, wir würden das schon irgendwie hinkriegen. Und sie würde auch ganz bestimmt nicht zu viel essen, sie sei da ganz bescheiden. So glücklich war er, als er von der gemeinsamen Zukunft mit ihr sprach, dass ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich dem Zoowärter beibringen soll, dass mir eine Ziege nicht ins Haus kommt und sei sie noch so schön und liebenswert und anhänglich und sanft und lustig und verfressen und treu und schlau und anspruchslos und und und….

(Ich hab‘ mir ja immer vorgenommen, eine ganz und gar tolerante Schwiegermama zu werden…aber eine Ziege?!?!)

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Romantisch?

Die Wellnesstempel in der Schweiz haben aufgerüstet, mit langweiligem Thermalbaden, wie man es in meiner Kindheit noch tat, gibt sich kein Kunde mehr zufrieden. Speziell muss es sein, oder zumindest danach klingen. Die Sauna, die „Meiner“ und ich gelegentlich besuchen, wirbt zum Beispiel jeden Dienstag mit einem romantischen Abend mit Kerzenschein & Co. In der Realität sieht dieser romantische Abend dann so aus:

Da hat es erst mal ganze Rudel von alleinstehenden Männern, die sich zum Schwitzen und Quatschen treffen. Während des Aufgusses fühlt es sich deshalb an, als wäre man in eine Stammtischrunde geraten, bei der jeder dem anderen beweisen will, wie hart er ist. Wieherndes Gelächter und doofe Sprüche, als der Mitarbeiter, der für warme Luft sorgen soll, sein Hüfttuch verliert. Die wenigen Paare erkennt man an diesem Abend daran, dass sie sich verzweifelt an ihn klammert, damit er nicht plötzlich von der fröhlichen Männerrunde mitgerissen wird und sie alleine im Dampfbad – Sauna ist ihr zu heiss – schmoren lässt. Für das Romantikprogramm sorgt ein Alleinunterhalter, der abwechslungsweise auf der Querflöte, am Saxophon oder singend das komplette Schnulzen-Repertoire der vergangenen siebzig Jahre zum Besten gibt. Eine Geräuschkulisse also wie in einer Hotellobby in den Neunzigern, die „Meinen“ dazu veranlasst, so zu tun, als würde er mitsingen, was ich ihm aber verbiete, da er den Kerl nicht ermutigen soll, noch lauter zu heulen. Kerzen sucht man übrigens vergeblich, dafür hat es ein paar Feuerschalen mit lodernden Scheiten im Aussenbereich, um die sich die Raucher zu einer geselligen Runde versammeln. 

Eine wirklich eigenartige Vorstellung von Romantik haben die, aber mir ist das eigentlich egal. Ein Abend ganz alleine mit „Meinem“ ist romantisch genug für mich. 

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

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