Gesülze

Ich fürchte, ich bin jetzt in der Lebensphase angelangt, in der man in mir die abgekämpfte Mittvierzigerin sieht, die ganz dringend ein paar Komplimente und ein wenig Aufmerksamkeit braucht. Warum sonst sollten plötzlich Männer mittleren Alters, die mir etwas verkaufen wollen, ganz furchtbar erstaunt tun, wenn sie merken, dass Karlsson mein Sohn ist? Vielleicht fällt es ihnen ja wirklich schwer, sich vorzustellen, dass eine zu kurz Geratene wie ich einem Bären wie Karlsson das Leben geschenkt hat, aber deswegen müssen sie ja nicht gleich so tun, als dächten sie, er sei mein Bruder. Vielleicht finden sie auch, der Siebzehnjährige sehe ziemlich reif aus für sein Alter, aber doch nicht so reif, dass man ihn für meinen Mann halten könnte.

Wer glaubt, mit solchen Komplimenten liesse ich mir das Geld leichter aus der Tasche ziehen, irrt leider. Zumindest jetzt noch. Wenn ich eines Tages mal wirklich alt und zittrig bin, lasse ich mich mit solchen Sprüchen bestimmt um den Finger wickeln, aber für den Moment komme ich noch ganz gut klar mit meinem Alter.

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Das war auch schon einfacher

Glaubt mir, ich gehöre ganz bestimmt nicht zu den Menschen, die Internet, Smartphone, Tablet & Co. als Teufelszeug bezeichnen und die am liebsten wieder zurück in die Steinzeit möchten. Diese Dinge haben unser Leben in vielerlei Hinsicht vereinfacht und ich bin durchaus bereit, zu gestehen, dass ich mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen könnte. Ich vertrete auch nicht die Meinung, junge Menschen müssten bis zu ihrem 18. Geburtstag digital unberührt bleiben, um gesund heranwachsen zu können. Solange sie noch genügend andere Interessen haben, sollen sie dürfen – auch wenn manche Inhalte aus pädagogischer Sicht nicht über alle Zweifel erhaben sind. 

Dennoch verspüre ich heute das tiefe Bedürfnis, sämtliche Geräte in hohem Bogen aus dem Fenster zu werfen. Nach einer Woche Weihnachtsferien habe ich es mal wieder tüchtig satt, den ganzen Tag darüber zu wachen, dass keiner die ihm erlaubte Bildschirmzeit überschreitet oder heimlich Handy oder iPod ins Kinderzimmer schmuggelt, um sich die Nächte spielend um die Ohren zu schlagen. Die endlosen Diskussionen, warum wir auch während der Ferien nicht wollen, dass sie sich rund um die Uhr unterhalten lassen, hängt mir allmählich zum Hals heraus. 

Nein, ich möchte die Vergangenheit wirklich nicht verklären, aber Medienerziehung war deutlich einfacher, als man einen Computer hochfahren und eine zerkratzte CD-ROM einlegen musste, um in die Welt eines Games zu entschwinden. Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass Karlsson oder Luise jemals versucht hätten, ein Gerät ins Zimmer zu schmuggeln, als sie in Prinzchens Alter waren. 

Wie hätten sie auch Tower und Bildschirm unter dem Pyjama verstecken wollen? 

liv

Er ist jetzt alt genug dafür

Es waren einmal eine Mama und ein Papa, die viele kleine Kinder und wenig freie Zeit hatten. Freie Zeit aber hätten sie gebraucht, wenn sie einander anständige Weihnachtsgeschenke hätten kaufen wollen, denn der Onlinehandel steckte damals hierzulande noch in den Kinderschuhen. Also mussten die Mama und der Papa ihre Weihnachtseinkäufe irgendwie zwischen Windelbergen, schlaflosen Nächten und eingestürzten Duplotürmen erledigen. Weil das ziemlich schwierig war, blieb der Mama einmal nichts anderes mehr übrig, als dem Papa ein Rückenmassage-Gerät zu schenken, das ihr zwischen die Finger geriet, als sie mit einer Horde von Kleinkindern im Schlepptau einen monströsen Wocheneinkauf erledigte. Mit grossem Befremden starrte der Papa am Weihnachtsabend das Gerät an, das er aus dem Geschenkpapier gewickelt hatte. Ob er denn schon so alt sei, dass er so ein Ding brauche, wollte er wissen. Zum ersten und einzigen Mal kam es zu Streit wegen eines Geschenks, denn er wusste nicht zu würdigen, dass sie immerhin noch geistesgegenwärtig genug gewesen war, trotz Stilldemenz daran zu denken, überhaupt etwas für ihn zu kaufen. 

Die Jahre gingen ins Land und das Rückenmassage-Gerät fristete ein trauriges Dasein in einer Kiste. Hin und wieder, wenn das Badezimmer gründlich aufgeräumt wurde, tauchte es aus der Versenkung auf. Die Mama und der Papa lachten dann über das missglückte Weihnachtsgeschenk und dachten an die Zeit zurück, als es vor lauter Familienleben kaum einmal möglich war, einander etwas zuliebe zu tun. Dann verschwand das Gerät wieder ungenutzt in der Kiste.

Allmählich aber wurden die Mama und der Papa älter, sie machten erste Erfahrungen mit Hexenschüssen und schliesslich, als an Weihnachten 2017 die Heizung für eine geschlagene Woche den Dienst quittierte, zog sich der Papa wegen der Kälte eine üble Rückenverspannung zu. So übel war die, dass er sich endlich alt genug fühlte, um das Gerät in Betrieb zu nehmen.

Als er wenig später etwas schmerzfreier und deutlich entspannter auf dem Sofa sass, konnte er tun, was ihm vor Jahren noch nicht möglich war: Er könnte sich von Herzen bedanken für das, was er eigentlich nie hätte haben wollen.

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Familienabend

Unsere aktuelle Familienphase:

„Lasst uns doch mal wieder alle zusammen Aristocats schauen! Das wäre doch so schön. Erinnert ihr euch noch, wie wir uns immer vor dem Gewitter gefürchtet haben? Und wie lustig der besoffene Gänserich war? Und der alte Mann mit den Glotzaugen. Und die Strassenkatzen mit ihrer schrägen Musik… Und dann haben wir das immer zusammen gespielt. Ich war Berlioz, du warst Marie und du Toulouse. Dabei bist du doch eher wie Toulouse und ich wie Berlioz.“

Und wenn der Film zu Ende ist:

„Du blöde Kuh! Immer musst du…“

„Nein, du bist hier einfach reinspaziert und hast alles kaputt gemacht!“

„Stimmt doch überhaupt nicht. Wenn du nicht so bescheuert wärst…“

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Kalt & warm

Was wir nicht haben:

  • Eine funktionierende Heizung
  • Warmes Wasser – es sei denn, die Sonnenstrahlen mögen hin und wieder den Hochnebel durchdringen
  • Einen Heizungsmonteur, der auf unsere Nachrichten antwortet
  • Eine Heizungsfirma, die sich an seiner Stelle unseres Problems annehmen möchte
  • Ein neues Fenster im Zimmer des FeuerwehrRitterRömerPiraten, aber das ist eine andere Geschichte
  • Die Aussicht auf wohlig warme Weihnachten

Was wir haben:

  • Unglaublich liebe Verwandte und Freunde, denen wir die Ohren voll jammern dürfen, die uns mit Elektro-Heizkörpern aushelfen und uns ihre Türen öffnen, damit wir uns in bester Gesellschaft aufwärmen können.

Und dadurch wird einem so warm ums Herz, dass sich die Kälte nicht mehr ganz so kalt anfühlt.

Wobei man es natürlich auch so sehen kann

Man könnte froh sein, dass der Monteur einen auf dem Laufenden hält, so dass man immerhin abschätzen kann, wie lange man frieren wird  – voraussichtlich bis morgen Abend. Nicht wie der Fensterbauer, der versprochen hat, so bald als möglich zu kommen, uns aber immer noch die Erklärung schuldig ist, was man in seiner Welt unter „so bald als möglich“ versteht. 

Man könnte auch erleichtert sein, dass man nun doch nicht zwischen Klavierstimmer und Heizungsmonteur hin und her rennen muss, weil sie nicht gleichzeitig im Haus sein werden.

Man könnte mit sich selbst zufrieden sein, weil man neulich – offenbar in weiser Voraussicht – in der Migros ganz spontan zwei sehr grosse, sehr weiche Kuscheldecken in den Einkaufswagen gelegt hat.

Man könnte sogar darüber jubeln, dass wir bloss frieren und nicht auch noch stinken müssen, weil die Solaranlage trotz Hochnebel noch ein paar Tropfen Warmwasser produzieren mag. 

Und natürlich könnte man zutiefst dankbar sein, dass man überhaupt ein Dach über dem Kopf hat, genügend warme Kleider und einen Herd, auf dem man reichlich warmes Essen und heissen Tee zubereiten kann.

Aber dann ertappe ich mich eben doch dabei, wie ich meinen grossen Zeh ins Bad des Selbstmitleids tauche, um zu prüfen, ob ich es mir dort gemütlich machen soll. Immerhin darf die ganze Familie irgendwo im Warmen sitzen, nur ich muss mir in meinem Homeoffice den Allerwertesten abfrieren. Und ausnahmsweise auswärts arbeiten geht auch nicht, weil sonst der Klavierstimmer, der seinen Job neu angetreten hat, seinen Weg nicht findet. Zwischen Flügel und Spinett meiner Mutter, Karlssons Cembalo und unserem Klavier könnte man sich gar leicht verirren.

ljus

Man kann das so oder so sehen

Man könnte jammern, dass es drinnen bald gleich kalt sein wird wie draussen.

Man könnte schimpfen, dass „Meiner“ jetzt wirklich anderes zu tun hätte, als im Heizkeller rumzustehen.

Man könnte sich aufregen, dass der Monteur erst morgen helfen kann, weil es ohne Ersatzteile, die er erst mal bestellen musste, nicht gehen wird.

Man könnte natürlich auch einfach verärgert sein, weil ausgerechnet jetzt, wo es an der Hausaufgaben- und Prüfungsfront etwas ruhiger wird, wieder etwas kommt, was uns auf Trab hält. 

Man könnte sich den Kopf zerbrechen, wie das morgen gehen soll, wenn der Klavierstimmer und der Monteur um meine ungeteilte Aufmerksamkeit – die eigentlich meinen Artikeln gelten sollte – buhlen werden. 

Das alles könnte man, aber eigentlich freut man sich doch besser darüber, dass die Heizung immerhin den Anstand besessen hat, vier Tage vor Heiligabend auszusteigen und nicht zu warten, bis wir auf die Gnade eines mies gelaunten Fachmanns, der grummelnd seinen Pikett-Dienst absolviert, angewiesen sind. 

blå