Freitagabend

Was man mit so einem Freitagabend doch alles anstellen könnte…

Man könnte zum Beispiel auf dem Balkon sitzen, die angenehme Kühle nach dem Gewitter geniessen, die Nachbarn, die im Garten sitzen, belauschen und den Mond bestaunen.

Vielleicht möchte man die Arbeitswoche aber auch mit einem kühlenden Bad im Fluss beschliessen. 

Oder gemütlich mit den Kindern am Tisch sitzen, etwas Gutes essen und über dies und jenes plaudern.

Auch das Open-Air-Kino wäre eine Option.

Oder das Streetfood Festival.

Oder man könnte ganz spontan ein paar nette Menschen einladen.

Das alles wäre schön.

Am allerschönsten aber ist es doch immer, wenn man am späten Freitagabend noch mit einem wutschnaubenden Kind und einem moralpredigenden Ehemann auf dem Fussboden sitzen darf, um Legosteine, Dreckwäsche, Hörspielfiguren, unerlaubt ins Zimmer geschmuggeltes Geschirr, zerknitterte Hausaufgabenblätter und feuchte Badehosen zu sortieren, damit im Kinderzimmer endlich die Ordnung herrscht, die dort schon am letzten Freitagabend hätte herrschen müssen.  

natt

 

Frühkindliche Geschmacksverirrung

„Liebe Eltern, tun Sie Ihren Kids einen Gefallen und ziehen Sie ihnen zum ersten Schultag etwas Cooles an. Ich für meinen Teil hoffe, dass alle mein Outfit von damals vergessen haben. Ganz fest.“ Das schrieb die Redaktionsleiterin im Vorwort der Wochenzeitung, die der Grossverteiler meines Vertrauens jeweils am Montag in unseren Briefkasten flattern lässt. Auf dem Bild zum Vorwort ist eine Erstklässlerin zu sehen, die ein Kleidchen trägt, das man vor schätzungsweise 25 Jahren für ziemlich hübsch gehalten haben muss. Schuld an dieser Geschmacksverirrung waren natürlich die Eltern…

Wie gut ich doch diesen Vorwurf kenne. Ich bekomme ihn jedesmal zu hören, wenn Luise Bilder von ihrem ersten Schultag anschaut. Oder überhaupt Bilder aus ihrer Kindheit.

„Wie konntest du mich bloss so hässlich anziehen?“, fragt sie.

„Kind, du glaubst doch nicht im Ernst, du hättest dir von mir sagen lassen, was du anziehen sollst?“, frage ich jeweils zurück.

„Warum hast du mir denn nicht verboten, so aus dem Haus zu gehen?“, will meine Tochter wissen.

„Weil du dir von mir ganz bestimmt nie hättest vorschreiben lassen, was du anziehen sollst. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie stur du diesbezüglich warst“, sage ich und erzähle ihr von dem kleinen Mädchen, das bereits im zarten Altern von zwei Jahren im Kleiderladen in einen Kaufrausch geraten wäre, wenn ihre Mama – die sich lieber in Bücherläden herumtreibt – sie nicht zurückgehalten hätte. Ein Mädchen, das zielstrebig auf die Kleider zusteuerte, die es haben wollte, mochte die Mama noch so sehr für etwas Hübscheres plädieren.

Luise gibt sich nicht geschlagen. „Du hättest mir eben sagen müssen, dass das Zeug potthässlich ist“, beharrt sie.

„Glaub mir, das habe ich…“ sage ich seufzend und verdrehe die Augen, weil ich an den schrecklichen Cinderella-Pullover denke, den Luise trug, bis er voller Löcher war.

„Oder du hättest mir einfach etwas Schöneres in den Schrank hängen müssen. Wenn ich mal Kinder habe, kaufe ich denen nur Sachen, die voll stylish sind“, fährt Luise fort.

„Auch das habe ich getan und zwar genau so lange, bis ich erkannte, dass das nur rausgeschmissenes Geld ist, weil du die Sachen nicht angerührt hast“, verteidige ich mich, aber natürlich lässt meine Tochter nicht locker: „Und dann habt ihr mir dieses schreckliche Dirndl gekauft und mich dazu gezwungen, es zu Grossvaters Siebzigstem anzuziehen.“

Ich mache meine Tochter darauf aufmerksam, dass wir „dieses schreckliche Dirndl“ nur gekauft haben, weil sie nach den Ferien in Österreich wochenlang von nichts anderem mehr reden mochte und dass sie es zu Grossvaters Geburtstag anziehen musste, weil das sündhaft teure Ding sonst nie das Tageslicht gesehen hätte. Ihr Interesse daran war nämlich verflogen, sobald es im Kleiderschrank hing. 

Aber natürlich rede ich mir den Mund fusselig, denn Luise braucht nun mal eine Schuldige, die sie für die in ihren Augen so missratenen Kinderfotos verantwortlich machen kann.

Ich könnte wetten, dass hinter fast jedem „Meine Eltern haben mich so schrecklich angezogen“-Gejammer ganz ähnliche Geschichten stecken…

blommor

Grosse Zukunftsträume

Gesangsunterricht wäre doch etwas. Die Stimme schulen und nicht immer nur zu Hause ein paar Melodien trällern.

Nein, sicher nicht Gesangsunterricht! Ein Studium in Pharmazie wäre viel passender. Ganz genau verstehen, wie Medikamente wirken, das wäre doch unglaublich spannend.

Quatsch! Unterrichten an der Sonderschule wäre genau das Richtige. Mit einfachen Worten schwierige Zusammenhänge erklären, so dass sie auch jemand versteht, der anders lernt – das wäre einfach perfekt. 

Mir scheint, unseren Kindern sei aufgefallen, dass mir im letzten Jahr die Wörter und Sätze immer mehr abhanden gekommen sind. Darum fangen sie an, Zukunftsträume für mich zu schmieden. „Mama, das wäre doch etwas für dich“, sagen sie und sind ganz erstaunt, wenn ich abwinke. 

Mich dünkt nämlich, die Zukunftsträume, die sie da schildern, hätten mehr mit ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten zu tun als mit meinen. Doch weil sie es noch nicht wagen, für sich selber zu träumen, muss eben die schreibblockierte Mutter dafür herhalten. Die weiss ja grad nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll. 

Nun, ich glaube, ich habe verstanden, was zu tun ist: Mich in die Welt der Wörter und Sätze zurück kämpfen, damit sie nicht mehr das Gefühl haben, ich sei dringend auf Beschäftigung angewiesen. Und meine Kinder dazu ermutigen, jetzt schon viel konsequenter die Ziele anzustreben, die sie insgeheim haben. Damit sie später, wenn sie mal Eltern sind, mit voller Überzeugung sagen können: „Kind, ich habe meinen Traumberuf bereits gefunden.“

Und nicht wie ich, die ich sage: „Kind, ich habe meinen Traumberuf zwar gefunden und ich arbeite ja auch bereits auf diesem Gebiet, aber für mein eigenes kreatives Schaffen sind mir gerade die Wörter und Sätze abhanden gekommen, darum sitze ich nach Feierabend auf dem Sofa und lese grottenschlechte Bücher, die einem in der Buchhandlung aus unerfindlichen Gründen als lesenswert angepriesen werden.“ 

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Fragealter für Fortgeschrittene

Früher war es ja noch mehr oder weniger einfach. „Mama, warum ist der Himmel blau?“, fragten sie. Oder: „Warum ist Wasser nass?“ Oder: „Warum können Menschen nicht fliegen?“ Klar, die Antworten auf diese Fragen konnte man auch nicht einfach aus dem Ärmel schütteln, aber die Knöpfe gaben sich schnell einmal zufrieden mit dem, was man sagte. Solange es man nicht bei einem gelangweilten „Einfach“ bewenden liess.

Bei Luise läuft das inzwischen so:

„Mama, wie funktioniert…?“

Umgehend beginnst du, in deinem Allgemeinwissen zu kramen, und beförderst irgend etwas zutage, was dir von deiner Gymnasialzeit noch in Erinnerung geblieben ist.

„Ja, Mama, das weiss ich. Aber wie funktioniert das genau?“, kommt die Folgefrage wie aus der Pistole geschossen. 

Noch einmal durchwühlst du den Schatz deines Allgemeinwissens und mit etwas Glück beförderst du die eine oder andere Ergänzung zutage. 

„Ja, Mama, das hast du mir schon einmal gesagt. Aber kannst du mir das nicht etwas genauer erklären? Ich möchte das im Detail verstehen.“

Erst stammelst du noch etwas zusammen, doch der Blick deiner Tochter sagt dir klar und deutlich, dass das nicht reicht und weil du einen wissbegierigen Teenager nicht mit seinen Fragen alleine lassen willst, schaust du nach, ob vielleicht das Internet das Gewünschte bieten kann. Aber auf die Schnelle lässt sich da aber auch nichts Ausführliches finden und so heisst es bald einmal:

„Aber Mama, das weiss ich doch alles schon. Kannst du mir denn wirklich nicht sagen, wie das ganz genau funktioniert?“

Nein, mein liebes Kind, das kann ich leider nicht. Entweder, du findest eine Fachperson, die dir weiterhelfen kann. Oder du machst dich auf die Socken, um so bald als möglich einen Doktortitel in der Tasche zu haben. Denn den wirst du brauchen, wenn du die Dinge so genau wissen willst. 

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WM-Kummer


Himmel, hätten die Brasilianer heute nicht etwas besser spielen können? Ein bisschen mehr Anstrengung wäre doch bestimmt möglich gewesen. Immerhin sind das Profis…

Eigentlich geht es mir ja am Allerwertesten vorbei, wenn die und all die anderen für viel zu viel Geld einem Ball hinterher rennen und so tun, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Aber ich bin nun mal Prinzchens Mutter und muss mit wehem Herzen mitansehen, wie der Arme ab Spielminute 31 Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher sitzt, sich nach der Niederlage schluchzend auf den Boden wirft und sich danach in den Schlaf weint.

Wie um alles in der Welt soll ich das Kind trösten können, wenn ich seinen Kummer so ganz und gar nicht nachvollziehen kann? Wie soll „Meiner“ ihm helfen, wo er doch ebenfalls nicht verstehen kann, was an dem Theater auf dem Rasen so spannend sein soll? Uns fällt da nicht mehr ein, als hilflos daneben zu stehen, ein paar tröstende Floskeln zu murmeln und uns zu fragen, wie wir zwei Fussballmuffel ein solches Kind zustande gebracht haben. Und weil er sich nicht mal in den Arm nehmen lässt, um sich bei seinen verständnislosen Eltern auszuheulen, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn traurig ins Bett gehen zu lassen und uns grün und blau zu ärgern über ein Spielresultat, das uns eigentlich so herzlich egal wäre.

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Hamster-Drama

Seien wir ehrlich: Goldhamster sind fies. Mit ihren Kulleraugen, den dicken Backen und den herzigen Pfötchen sehen sie aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Bereitwillig lassen sie sich von Kinderhand füttern, voller Zutrauen schmiegen sie sich schon nach wenigen Tagen an ihren kleinen Menschen. Doch dieses Getue ist nur Ablenkung, denn während das arme Kind allmählich sein Herz verliert, baut das Vieh klammheimlich an seinem Fluchtweg aus dem Käfig. 

Natürlich hat es sich schon längst herumgesprochen, dass den Tierchen nicht zu trauen ist und so fallen längst nicht mehr alle Kinder auf diese zuckersüsse Masche herein. Zwar rufen alle erst einmal „Jööööö, wie herzig!“, wenn sie in die kugelrunden Äugeln blicken, doch die meisten lassen sich schnell einmal davon überzeugen, dass die fiesen Nager nicht als Haustier taugen. Einige aber erliegen dem Charme trotzdem und bald einmal verfallen sie dem Glauben, ohne Hamster könnten sie nie wieder glücklich sein. Mit Bitten und Flehen liegen sie ihren Eltern in den Ohren, bis die sich endlich erweichen lassen. Der Hamster zieht ins Kinderzimmer ein und die Tragödie nimmt ihren Lauf…

Früher oder später nämlich wird das Kind schniefend und schluchzend im Wohnzimmer stehen und verkünden, der Hamster habe das Weite gesucht. Und weil es oft die Zartbesaiteten sind, die dem Charme der Nager erliegen, wird das Schniefen und Schluchzen tagelang kein Ende mehr nehmen.

Da hilft kein „Mach dir keine Sorgen, dein Hamster will sich bloss ein wenig vergnügen. Der kommt bestimmt wieder zurück“, denn dass das Tier ohne seinen kleinen Menschen glücklich sein kann, mag sich das Kind beim besten Willen nicht vorstellen. 

Auch die Versicherung „Wenn das Tierchen nicht wieder auftaucht, bekommst du ein neues“, bringt keinen Trost, denn die Vorstellung, das gebrochene Herz an einen anderen Hamster verschenken zu müssen, ist allzu schmerzhaft. 

Und wenn das Kind ein gewisses Alter erreicht hat, hilft es auch nichts mehr, klammheimlich eine Kopie des Urhamsters anzuschaffen und zu verkünden: „Sieh mal, Murmel ist zurück. Unglaublich, wie die abgenommen hat auf ihrem Streifzug durch die Wohnung!“ Auf sowas fällt auch der leichtgläubigste Elfjährige nicht mehr rein. 

Tja, wer so blöd ist, seinem Kind den Wunsch nach dem Hamster zu erfüllen, handelt sich damit eben nicht nur einen gelegentlich schmutzigen Käfig ein, sondern auch eine gehörige Portion kindlichen Herzschmerz.

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Die können das

Wenn ich von Dienstagnachmittag bis Freitagabend aus beruflichen Gründen ausser Hause bin,…

setzt „Meiner“ den Kindern zwar nicht jeden Tag zwei warme Mahlzeiten vor, aber ganz bestimmt genügend Essbares, auch wenn Luise bei einem verzweifelten Anruf kurz vor Mitternacht das Gegenteil behauptet.

sind die Unterlagen für die Steuererklärung, die monatelang unberührt herumlagen, endlich fertig ausgefüllt. Und die Anträge für die italienischen Pässe der Kinder auch.

ist alles für das morgige Jugendfest organisiert, auch wenn längst nicht alle nötigen Infos automatisch den Weg von der Schule nach Hause gefunden haben.

ist das Bett frisch bezogen, die Wäsche weitgehend erledigt, die Wohnung aufgeräumt und der Kühlschrank voll.

geht nicht die kleinste aller Kleinigkeiten vergessen. Nicht einmal das Flohmittel für die Katzen.

ist das Wohnzimmer frisch gestrichen. Leider ohne Rücksprache mit mir. Aber wer will sich schon beklagen, dass man nicht dabei sein durfte, als das ganze Wohnzimmer Kopf stand?

werde ich von einem ausgesprochen gut gelaunten Herrn Gemahl, einer gar nicht besonders ausgehungert wirkenden Tochter und einem kühlen Getränk am Bahnhof empfangen.

frage ich mich einmal mehr, warum das alles ohne mich so viel reibungsloser läuft.