Faltenfrei

Früher oder später müssen wohl alle Halbwüchsigen gegen ihr Elternhaus rebellieren, auch diejenigen, die die Auflehnung nicht unbedingt im Blut haben. Sie werden vielleicht einfach einen etwas sanfteren Weg einschlagen. So wie Karlsson, der plötzlich alles bügelt, was sich bügeln lässt. Nein, nicht nur sein Kleidung, auch seine Bettwäsche und manchmal sogar die Badetücher.

Was daran so rebellisch sein soll? Nun, in diesem Haus wird aus Prinzip nicht gebügelt und zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bügeln ist reine Zeitverschwendung, finden „Meiner“ und ich, denn kaum hat man die Kleider am Leib, sind sie auch schon wieder zerknittert. Ausserdem müssten wir den lieben langen Tag am Bügelbrett stehen, wollten wir je den Wäscheberg in perfekte, faltenfreie Stapel verwandeln. So lange schon haben wir das Bügeleisen zuhinterst im Schrank verstaut, dass der Zoowärter und das Prinzchen die Arbeit nur vom Hörensagen kennen würden, wenn nicht der grosse Bruder irgendwann damit angefangen hätte. 

Wie immer bei solchen Dingen fing alles ganz harmlos an. Karlsson wollte zu einem Konzert, die Grossmama bot ihm an, sein Hemd zu bügeln und damit war es um ihn geschehen. Erst griff er nur bei speziellen Anlässen zum Bügeleisen, doch mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach perfekt geglätteter Kleidung immer grösser. Richtig schlimm wurde es, als ihm die Grossmama ihre Bügelmaschine vermachte. Seither kann er stundenlang am Tisch sitzen, vor sich ein Berg von Leintüchern, Hemden und Hosen. Und wenn er damit fertig ist, fragt er, ob wir vielleicht noch etwas hätten, was wir gebügelt haben möchten.

Das alles ist nicht so harmlos, wie es aussieht, denn man könnte diesen Bügelwahn durchaus auch als stumme Anklage verstehen. „Warum musste ich immer in zerknitterten Kleidern rumlaufen?“, scheint er uns zu fragen. „Seht ihr denn nicht, wie viel schöner ein faltenfreies Leben ist? Habt ihr denn gar kein Pflichtbewusstsein?“

Nun, unser Pflichtbewusstsein in Sachen Wäschepflege mag wohl tatsächlich nicht allzu gross sein. Dafür aber wissen wir, was sich für anständige Eltern gehört, wenn der Sohn rebelliert: Wir machen uns Vorwürfe und fragen uns, was wir anders hätten machen müssen. Ob sich die Exzesse hätten vermeiden lassen, wenn wir der Wäschepflege mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten? Ob er uns je verzeihen wird, dass wir derart schlechte Vorbilder waren? Ob bei ihm das Bügeln zu einer Besessenheit wird, so dass am Ende auch Waschlappen und Unterhosen faltenfrei sein müssen? Und natürlich auch die bange Frage, ob die jüngeren Geschwister sich von ihrem grossen Bruder beeinflussen lassen, so dass am Ende „Meiner“ und ich die einzigen Zerknitterten unter den vielen Faltenfreien sein werden. 

Wobei uns das ja ohnehin blüht in den nächsten Jahren…

blomma

 

 

Wieder so ein Wochenende…

Wir haben…

1. Zwei verschiedene Infoblätter, auf denen steht, um welche Zeit der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen an ihren Ständen erwartet werden und um welche Zeit sie zu ihrem Auftritt aufkreuzen müssen.

2. Einen kleinen Papierstreifen, auf dem steht, dass die Auftrittszeit auf Prinzchens Infoblatt nicht mehr gilt, da es eine Programmänderung gegeben hat, weshalb wir das Kind erst 45 Minuten später als ursprünglich angegeben zum Festplatz schicken sollen.

3. Einen Getränkebon und einen Essensgutschein für das Prinzchen.

4. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sagt, er hätte diese Bons eigentlich auch bekommen sollen, aber der Lehrer habe wohl nicht mehr dran gedacht.

4. Einen Zoowärter, der auf die Frage, wann er denn seinen Einsatz habe, ob er in der Schule auch ein Infoblatt bekommen habe und wo seine Bons seien, nur die Schultern zuckt und antwortet: „Ääääääh… böööööö“.

5. Einen Zoowärter, der aber immerhin weiss, dass er um zehn vor elf auf dem Schulhausplatz erwartet wird. Was dort genau mit ihm geschehen wird? „Ääääääh… böööööö“.

6. Eine Luise, die auf den Tag verteilt mehrere Einsätze hat, was sie mir aber nicht im Detail erklären will, weil ich mich gerade wieder aufgeführt habe wie eine Mutter, weshalb sie leicht angesäuert ist. 

7. Eine WahtsApp-Nachricht, in der steht, um welche Zeit ich für den Getränkeausschank vorgemerkt bin, was ich aber nicht überprüfen kann, weil mein Handy den Geist nun definitiv aufgegeben hat.

8. Einen Ehemann, der verkündet, er habe eigentlich gar keine Lust auf das ganze Theater, er möchte lieber den ganzen Tag malen.

9. Ein Haus, das ganz dringend aufgeräumt werden sollte.

10. Einen Karlsson, der eigentlich vollkommen unbeteiligt sein könnte und deshalb lieber mit mir besprechen möchte, welche Sorte Brot er zur Abschlussfete mit dem Chemielehrer, die am Dienstag stattfindet, mitbringen soll, für wie viele Menschen so ein Laib denn reicht, wie man das Ganze umrechnen muss und ob ich ihm beim Backen helfen kann. 

11. Eine Wekaustellung, bei der es viele wunderschöne Schülerarbeiten zu besichtigen gibt, was man natürlich in aller Ruhe tun möchte.

12. Mehrere Zettel und Zettelchen, auf denen angegeben ist, um welche Zeit am Sonntag die vielen schönen Werkarbeiten abzuholen sind. 

13. Einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, der auf gar keinen Fall vergessen darf, die Werkarbeiten seines Schulkameraden ebenfalls abzuholen, da dieser am Sonntag nicht da ist. 

14. Eine Mama, die morgen nach Bern zum schwedischen Buchklub abrauschen wird, obschon der Papa doch wirklich ein Paar zusätzliche Hände gebrauchen könnte, um all die Werkarbeiten unversehrt nach Hause zu bringen.

15. Einen Fresszettel, auf dem ich versucht habe, die wichtigsten Punkte aus den einzelnen Infobriefen zusammenzufassen, um einen mehr oder weniger geordneten Gesamtüberblick zu bekommen. 

Und jetzt füge man aus all diesen Zutaten einen gelungenen Wochenende zusammen, an dem sich nicht nur die einzelnen Familienmitgleider zu den rechten Zeiten an den rechten Orten einfinden, sondern auch die Familie als Ganzes sich aktiv und selbstverständlich vollkommen entspannt am Schul- und Dorfleben beteiligt.

Kugelschreiber-Zuspruch

Vor einiger Zeit schenkte mir meine Mutter eine ganze Menge Kugelschreiber. Was daran so besonders sein soll, wo es doch bestimmt bloss Werbegeschenke von Banken, Versicherungen und Hilfswerken waren? Nun, es ist ganz einfach: Da gibt es eine Frau, die früher nach jedem Telefongespräch seufzte und sich fragte, wo bloss wieder all ihre Stifte, die sie eben erst gekauft hatte, hingekommen waren. Diese Frau hat offenbar nicht vergessen, wie nervig das war und darum gibt sie einen grossen Teil ihres heutigen Kugelschreiber-Überflusses weiter an eine Frau, die nach jedem Telefongespräch schimpft wie ein Rohrspatz, weil die Kinder wieder sämtliches Schreibzeug an sich genommen haben. 

Das ist viel mehr als nur eine nette Geste. Das ist ein Zuspruch, der da lautet: „Ich weiss ganz genau, wie sehr solche Kleinigkeiten nerven können, aber mach dir nichts draus. Es gibt ein Leben nach der andauernden Kugelschreiber-Suche, doch solange du noch mittendrin steckst, helfe ich dir gerne aus.“

So kann das nun mal nicht weitergehen

Wenn das Leben sich mal wieder völlig daneben aufführt, dauert es meist nicht lange, bis der Familienalltag wird, wie du ihn nie haben wolltest. Dann plärrt plötzlich die Glotze häufiger als dir lieb ist, wer schon darf, ist pausenlos online, der Tonfall entspricht ganz und gar nicht mehr dem, was der Elternratgeber für richtig und wichtig erachtet, Schulisches läuft aus dem Ruder, die Knöpfe kommen nicht zur vereinbarten Zeit vom Fussballplatz zurück und irgendwann erkennst du, dass es nun nur noch zwei Möglichkeiten gibt: Entweder resignieren und den Dingen ihren unguten Lauf lassen, oder dich ganz schrecklich unbeliebt machen, weil du versuchst, das Ruder wieder herumzureissen. 

Wenn du dich für die zweite Option entscheidest, heisst das ab sofort wieder: Bücher statt Glotze, Feierabend statt unbegrenztes W-Lan, Hausaufgaben vor Fussball, selber Musik machen statt Radiogeplärre, am Tisch bleiben statt losrennen, sobald der letzte Bissen geschluckt ist – all das, was eigentlich immer so hätte sein sollen, aber angesichts der Umstände in den vergangenen Monate ein wenig in den Hintergrund geraten ist. 

Meistens ist das Gemotze erst einmal gross und auch der eigene innere Schweinehund muckt auf, weil er ganz gerne gelangweilt dabei zusehen würde, wie alles den Bach runtergeht, anstatt den zuweilen ermüdenden Kampf um ein echtes Zusammenleben wieder aufzunehmen.

Natürlich geht so etwas nicht ohne Schmollen, Tränen und Rückschläge, aber spätestens wenn dir zwei kleine Jungs gebannt zuhören, wenn du ihnen am Abend vorliest, beginnst du zu ahnen, dass sich das alles lohnen könnte.

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Eingeschlichen

Frauen über vierzig müssen nicht aussehen wie Frauen unter zwanzig.

Das ewige Drama um den „perfekten“ Körper kann mir gestohlen bleiben.

Schwangerschaften dürfen Spuren hinterlassen.

Absolut daneben, dass in manchen Geschäften jede, die nicht gerade spindeldürr ist, bei den Übergrössen suchen muss, wenn sie etwas Passendes finden will.

Einfach traurig, wie schon junge Frauen glauben, sie seien nicht schön, weil sie aussehen wie echte Menschen und nicht wie mehrfach bearbeitete Idelabildchen.

Dies und noch viel mehr sage ich aus tiefster Überzeugung. Und doch ertappte ich mich neulich dabei, wie ich in einem dieser elenden Kleidergeschäfte, die jeder Frau das Gefühl geben, ein fettes Nilpferd zu sein, plötzlich glaubte, ich hätte etwas Grossartiges geleistet, weil ich bei denen zum ersten Mal seit Jahren wieder in eine ganz gewöhnliche Kleidergrösse von der Stange passte.

Mist, ich will so etwas doch gar nicht für einen Erfolg halten und doch hat sich dieses Denken irgendwo bei mir einschleichen können.

Widersprüchlich

Kleine Beobachtung nach einem Gespräch mit – zum Glück nur weit entfernten – Bekannten:

Es gibt Menschen, die suchen lange nach einem Wohnquartier, in dem sich ihre Kinder willkommen und frei fühlen dürfen. Ein Ort, wo keiner motzt, wenn nachts mal ein Baby schreit, wo nur wenige Autos fahren und wo ihre Knöpfe schon bald mit den vielen Kindern, die dort zu Hause sind, unbeschwert auf der Strasse spielen können. 

Nach langer Suche ist nicht nur das perfekte Quartier gefunden, sondern auch die perfekte Wohnung. Man zieht ein, macht es sich gemütlich und würde sich allmählich wie zu Hause fühlen. Wenn da bloss nicht diese nervigen Kinder wären, die mit ihren Velos auf der Quartierstrasse herumkurven und Lärm machen. Jawohl, genau die Kinder, die vor noch nicht allzu langer Zeit als Beweis gedient hatten, dass es sich in diesem Quartier als Kind frei und fröhlich leben lässt.

Doch jetzt, wo man sie jeden Tag um sich hat, nerven sie ganz schrecklich, also fängt man an, sie wegen jeder Kleinigkeit zurechtzuweisen. Solange, bis die Kinder aus lauter Furcht, die neuen Nachbarn könnten wieder motzen, sich kaum mehr trauen, Kinder zu sein. 

poppy