Wenn Luise etwas braucht,…

… dann bekommt sie das früher oder später auch, denn unsere Tochter ist eine Kämpferin. Mit Argumenten, Lösungsvorschlägen und ausgeklügelten Bedarfsanalysen bearbeitet sie uns so lange, bis wir ein Einsehen haben. Und sollten wir uns ausnahmsweise mal ganz unvernünftig bockig zeigen, zieht sie ihr letzte Ass aus dem Ärmel: „Aber ich bin doch eure Lieblingstochter…“ und das lässt sich nun einmal nicht bestreiten. 

Man könnte denken, ein solches Kind würde an seinem Geburtstag mit besonders hohen Ansprüchen aufwarten, doch dem ist absolut nicht so. Erst einmal kann sie sich wochenlang nicht entscheiden, was sie sich überhaupt wünschen soll und schliesslich ringt sie sich dazu durch, überteuerte Schuhe zu wollen, die sie a) selber bestellt und b) teilweise mit ihrem eigenen Ersparten bezahlt. Auf den Tisch kommen Caesar Salad, Risotto und ein paar geschichtete Pfannkuchen, wie sie Kater Findus jeweils zum Geburtstag bekommt und gefeiert werden darf nur im allerengsten Kreis. So bescheiden ist das Ganze, dass man den grossen Tag für einen ganz normalen Mittwoch halten könnte, wenn „Meiner“ und nicht für etwas Deko-Glanz sorgen würden. 

Was auf den ersten Blick als widersprüchlich erscheint, ist eigentlich gar nicht so verwunderlich. „Wo liegt denn der Reiz“, scheint sich unsere willensstarke Tochter zu fragen, „wenn dir jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird und du nicht mal kämpfen musst, um zu bekommen, was du dir wünschst?“

ballon

 

Nicht nur für Selfies

Selbsternannte Erziehungsexperten mahnen gerne, wir Eltern sollten unseren Teenagern einen gesunden Umgang mit dem Smartphone beibringen. Dass Luises Handy – ohne ihr Zutun – den Geist aufgegeben hat, würden sie bestimmt als ganz besonderen Glücksfall betrachten. Endlich kann sie die wunderbare Erfahrung machen, wie entspannend es ist, nicht erreichbar zu sein. Sie wird gezwungen, von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren, kann sich nicht andauernd auf Instagram und Snapchat rumtreiben und muss mal ein paar Wochen lang ein Leben leben, wie unsere Generation es als normal betrachtet. Ich vermute, man würde uns raten, das Gerät absichtlich nicht allzu schnell zu ersetzen, auf dass unsere Tochter lerne, dass es auch ohne geht.

Doch genau in diesem Punkt irren diejenigen, die bei der Kombination „Teenager & Handy“ immer sogleich den Mahnfinger heben. Ohne Handy geht es nämlich wirklich fast nicht mehr und zwar nicht, weil die Jugend von heute so verkommen und oberflächlich wäre. Sondern weil die Schule schon längst auf das Handy als Arbeitsgerät zählt.

Vokabeln büffeln, Klassenchat, Kommunikation mit Lehrerinnen und Lehrern, Infos zu Hausaufgaben, Organisieren von Musikstunden – wer in schulischen Dingen mithalten will, braucht ab einem gewissen Alter ein Handy. Wer länger offline ist, verpasst unter Umständen ziemlich viel wirklich Wichtiges. An manchen Orten – nicht bei uns – herrscht gar Smartphone-Pflicht ab Oberstufe. 

Zwar bin ich der Meinung, Eltern sollten selber entscheiden dürfen, wann ihr Kind reif für ein Smartphone ist. Ansonsten aber sehe ich durchaus auch Vorteile in dieser Entwicklung. Dank Handy sind die Kinder nämlich in vielen schulischen Angelegenheiten selbständiger als wir es in ihrem Alter waren. Mit zunehmender Reife dämmert ihnen gar, dass das Ding nicht nur Selfies macht. Und wenn sie damit nur lange genug Englisch-Wörtchen gebüffelt haben, sind sie sogar dankbar, wenn sie das Gerät mal wieder aus den Händen legen dürfen. 

Soll mir also keiner sagen, wir sollten Luise ein paar Wochen zappeln lassen, ehe sie einen Ersatz für ihr kaputtes Handy bekommt. Die Schule wäre darob wohl fast ebenso wenig erfreut wie unsere Tochter. Ob wir dazu denn gar nichts mehr zu sagen haben? Nun ja, allzu viel nicht. Und doch ziemlich Entscheidendes: Welches Modell sie am Ende in den Händen hält, hängt einzig und alleine von unserer Grosszügigkeit ab. 

beans

 

 

 

 

 

Das hätten wir uns sparen können

Der Junge, über den die Primarlehrerinnen bei jedem Elterngespräch sagten, er müsse sich halt einfach mehr zutrauen, solle nicht so schüchtern sein und müsse mutiger zeigen, was in ihm steckt,…

… ist zu einem jungen Mann herangewachsen, der in den Prüfungen die Rechtschreibfehler seiner Lehrer korrigiert, sich nach der Stunde meldet, wenn ihm etwas nicht passt und der ohne Nervosität vor die Leute steht.

Hätte ich damals schon gewusst, dass der Durchsetzungswille, der schon von Anfang an in dem Kind steckte, die Schranken der Schüchternheit dann schon irgendwann überwinden würde, hätte ich mich durch solche Elterngespräche nicht so sehr verunsichern lassen. Aber dass sie sich einen Grossteil ihrer Sorgen hätten sparen können, wissen Eltern halt immer erst im Nachhinein.

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Zweite Chance

Spätabends, wenn alle schlafen möchten, den übermüdeten jüngeren Bruder so lange zum Spielen überreden, bis dieser bittere Tränen weint, weil er jetzt endlich ins Land der Träume entschwinden möchte.

Um Mitternacht noch hellwach im Bett liegen, Comics lesen und so laut lachen, dass die Eltern, die unten schlafen möchten, kein Auge zubekommen.

Gegen halb eins in der Nacht vom Hunger geplagt in die Küche schleichen und dort mit so viel Getöse Kakao zubereiten, dass die Eltern, die eben erst am Wegdämmern sind, aus ihren ersten Träumen hochschrecken.

Gegen zwei Uhr noch einmal durch die Wohnung tigern, in der Hoffnung, das Handy zu finden, das Mama und Papa in Gewahrsam genommen haben. Zu dumm, dass Mama und Papa nach jahrelangem Training einen furchtbar leichten Schlaf haben und darum dem Ansinnen einen Riegel schieben können. 

Bei den nächtlichen Wanderungen natürlich überall das Licht brennen lassen, so dass am Morgen, wenn die Familie erwacht und man selber eben erst ein paar Stunden Schlaf genossen hat, alles hell erleuchtet ist.

So mancher, der als Baby schon sehr bald einmal durchgeschlafen hat, bekommt in der Pubertät eine zweite Chance, seinen Eltern doch noch den Schlaf zu rauben…

lune

Fahr doch ohne uns!

Da hetzt du im Feierabendverkehr zwischen Tiefkühler putzen, Hausaufgaben überwachen und Elternabend zum Hallenbad, um deine zwei Jüngsten abzuholen und dann sagen die:

„Mama, fahr doch ohne uns wieder nach Hause. Wir möchten lieber zu Fuss gehen. Weisst du, wir haben einander noch so viel zu erzählen.“

Die brauchen nur die richtigen Worte zu wählen und die sentimentale alte Mama quält sich fröhlich alleine durch den Feierabendverkehr zurück, obschon sie doch wirklich keine Zeit hätte für solche Spässe.

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Drei Musikexperten und eine Untalentierte

Drei nicht mehr ganz jugendliche Männer fahren miteinander Zug. Irgendwie kommen sie auf ihre ersten musikalischen Gehversuche zu sprechen. Ganz furchtbar sei das gewesen, sind sie sich einig. Sie alle haben mehr oder weniger die gleichen Erfahrungen hinter sich: Mami bestand darauf, dass man Geige, Klavier, Blockflöte oder sonst etwas Anständiges lernt, von Gitarre oder Schlagzeug wollte sie natürlich nichts wissen. Sowas von vorgestrig halt… Und dann diese Instrumentallehrer erst – lauter bornierte Kerle, die nicht einsehen wollten, dass jeder halbwegs anständige Popmusiker dem guten alten Johann Sebastian locker das Wasser reichen kann. Hätte man nicht immer diesen klassischen Kram üben müssen, wäre vielleicht sogar eine Musikerkarriere möglich gewesen, aber dafür fehlte den Erwachsenen das Musikgehör und darum haben sie eben wegen dieser blöden Etüden frustriert den Bettel hingeschmissen. 

„Aber erinnert ihr euch noch an die andere, wie hiess die nochmal…?“, sagt plötzlich der eine.

„Ich glaube, ich weiss, welche du meinst. Die mit der Geige…“, meint der Zweite.

„Ja genau, die mit der Geige, die dann auf diese grosse Geige gewechselt hat… Wie heisst das Ding nochmal?“, wirft der Dritte ein. 

„Keine Ahnung, wie man das nennt… ist halt auch irgend so ein langweiliges Streichinstrument…“, meint der Zweite. 

Der Name der will ihnen partout nicht mehr einfallen, dafür aber wissen die drei Herren ganz genau, warum ihre Schulkollegin damals die „kleine Geige“ zugunsten der „grossen Geige“ an den Nagel gehängt hat. Nicht etwa, weil sie sich bei der „grossen Geige“ bessere Karrierechancen ausrechnete, auch wenn die junge Frau das damals offenbar so sagte. Nein, der Grund für den Wechsel war ein ganz anderer: Die Gute hatte schlicht und einfach kein Talent, aber dazu konnte sie natürlich nicht stehen.

Die drei Zugfahrer können sich fast nicht mehr einkriegen vor lauter Lachen. Wie konnte die sich bloss für talentiert halten, die eingebildete Kuh? Wo sie – die drei Musikexperten, die sich zwar grad nicht erinnern können, wie die „grosse Geige“ heisst – doch schon damals sehen konnten, dass die überhaupt nichts kann…

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So etwas wie Selbstverwirklichung

Kleinkindmütter hätten sich selbst irgendwo zwischen Windel- und Wäschebergen verloren, las ich neulich in einer Kolumne. Die Kolumnistin beschrieb – meiner Meinung nach sehr treffend – wie es ist, wenn frau plötzlich ist, wie sie nie hatte werden wollen und warum sich das alles trotzdem nicht falsch anfühlt, weil es dabei ja um Glück und Wohlbefinden der Kinder geht. 

Solange sich die Schreiberin auf dem Boden ihrer eigenen Erfahrungen bewegte, war der Text wirklich gelungen. Dann aber wagte sie einen Ausblick auf das, was sie von der Zukunft erwartet. Von der Zeit, wenn sie ihre Tage nicht mehr am Rande eines Sandkastens verbringt, sondern wieder ganz relaxed und mit sich selbst im Reinen den Kleinkindmüttern dabei zuschaut, wie sie sich mit ihrem quengelnden Nachwuchs abmühen. Wenn die Kinder erst mal in der Schule seien, schrieb sie, habe frau wieder ganz viel Zeit, sich selber zu finden und das Leben zu geniessen. 

Anstatt an dieser Stelle zu erläutern, warum ich diese Sicht für allzu rosarot halte, zähle ich hier mal auf, was eine, die in dieser angeblich so entspannten Lebensphase angekommen ist, im Laufe einer Woche alles für ihre Selbstverwirklichung getan hat:

  • Beim Abfragen die Grundkenntnisse in Chemie und Physik aufgefrischt
  • Im Home Office die Konzentrationsfähigkeit geschärft, weil einer, der krank ist, sich in voller Lautstärke Filme reinzieht
  • Beim Verfassen von vier Arbeitsblättern für einen, der in der Schule ein wenig Unterstützung braucht, wieder einmal an einem schöneren Schriftbild gearbeitet
  • Beim Elterngespräch der Löwenmutter, die in mir steckt, ein wenig Auslauf gewährt
  • Sich beim Teenie-Romanzen-Filmabend mit der Tochter unglaublich jung gefühlt
  • Dank den Kauf von zwei Beuteln Maisstärke und einer Billig-Körperlotion neue Einblicke in die Experimentierfreude junger Menschen gewonnen
  • Die wundersame Erfahrung gemacht, dass auf dem Fussboden verstreute Maisstärke und mütterliche Nervenstärke friedlich Hand in Hand gehen können
  • Durch bemerkenswerte Zurückhaltung beim Kommentieren von mir gezeigten Teenie-Kleidungsstücken die diplomatischen Fähigkeiten geschliffen
  • Beim frühmorgendlichen „Happy Birthday“-Singen für einen geliebten Teddy endlich mal wieder ein wenig Stimmbildung betrieben
  • Beinahe unglaubliche Toleranz geübt, als eine minderjährige Person, die kurz zum Einkaufen geschickt wurde, ausserhalb der Saison mit Peperoni, Tomaten und Gurken nach Hause kam
  • Aufopferungsvoll den Schwedischkurs frühzeitig verlassen, auf dass der Mann zum Elternabend des Sohns gehen könne

Ich möchte mich keineswegs beklagen über diese vielfältigen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Ohne sie wäre mein Leben um sehr viel ärmer. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass die Schreiberin der oben erwähnten Zeilen sich das mit der Selbstfindung nach der Kleinkindphase deutlich romantischer vorgestellt hat. 

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