Der Prinz und das Chaos

Prinzchens Zimmer sieht übel aus. Sehr übel. So übel, dass ich mich irgendwann dazu überwinde, ihm zu helfen, denn es soll Ordnung im Haus herrschen, wenn wir übermorgen in die Ferien fahren. Weil die Arbeit kein Ende nehmen will, hole ich irgendwann den Besen, um alles in die Mitte des Raumes zu kehren. So sieht man wenigstens, was noch alles zu tun bleibt. Beim Anblick des riesigen Haufens trifft mich fast der Schlag. Das Prinzchen aber nimmt’s gelassen. „So viel ist das gar nicht mehr“, sagt er, nachdem er auf einen Stuhl geklettert ist, um sich die Sache von oben anzusehen. Ich schaue ihn entgeistert an: „Also ich finde, das ist noch ganz schön viel.“ „Ach weisst du, Mama“, meint er gleichmütig, „ich habe schon so viel Erfahrung mit aufräumen, dass ich inzwischen weiss, wie schnell man das erledigt hat.“

Himmel, wenn du weisst, wie schnell sowas erledigt ist, warum räumst du dann nicht schon auf, bevor dein Zimmer im Chaos ersäuft?

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Feedback(un)kultur

Nichts gegen Ehrlichkeit, aber seitdem sich die Menschen angewöhnt haben, zu jeder Kleinigkeit ihr Feedback abzugeben und zwar auch dann, wenn man sich nicht besonders nahe steht, geht sie mir zuweilen richtig auf den Geist.

„Als ich mich zum ersten Mal mit dir unterhalten habe, fand ich dich echt sonderbar“, sagt man zum Beispiel und plötzlich ist da eine Befangenheit, die nicht wäre, wenn die andere Person es nicht für nötig erachtet hätte, die erste Begegnung zu evaluieren.

„Ich an deiner Stelle hätte jetzt anders reagiert, als dein Kind aufsässig wurde“, bemerkt jemand, den du kaum kennst und schon fühlst du dich andauernd einem kritischen Blick ausgesetzt, wenn es in Anwesenheit dieser Person zu einer spannungsgeladenen Situation mit den Kindern kommt.

„Als du dich zu uns gesetzt hast, hat mich das erst einmal gestresst, weil ich mich gerne mit der anderen Person fertig unterhalten hätte, aber jetzt war es doch noch ganz unterhaltsam zu dritt“, schliesst jemand eine lockere Gesprächsrunde ab und schon ist ein eben noch wunderbarer Moment verdorben. 

„Jetzt, wo ich mal bei dir zu Hause war, bin ich echt beruhigt. Es gibt tatsächlich Leute, die noch mehr Chaos haben als ich“, sagt ein seltener Gast und du fragst dich, ob das jetzt wirklich ein Kompliment hätte sein sollen. 

„Ach, wissen Sie, das macht doch nichts, wenn man ein wenig rundlicher ist. Hauptsache man ist gesund und ein netter Mensch“, sagt ein fast Fremder jovial und du denkst, dass dies doch eigentlich eine Angelegneheit zwischen dir und deiner Waage wäre. 

„Das Essen war ganz in Ordnung, aber ich hätte das Risotto etwas länger gekocht“, lässt dir eine entfernte Verwandte über deinen Mann ausrichten und von nun an hast du irgendwie keine Lust mehr, dir für diese Person allzu viel Mühe zu geben beim Kochen. 

Himmel, muss man denn wirklich immer sagen, was man denkt? Andauernd gibt jeder ungefragt eine Rückmeldung und irgendwann fängst du an, dich nach der guten alten Höflichkeit zu sehnen, die den Menschen gebot, gewisse Dinge ungesagt zu lassen. 

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Garten oder Ferien?

Oh ja, wir brauchen Ferien und zwar ganz dringend. Die vergangenen Wochen waren angefüllt mit allem, was das Familienleben zu einem nie enden wollenden Rennen im Hamsterrad macht. Magen-Darm-Käfer, die vom einen Kind zum anderen gereicht wurden und zwar so, dass immer dann, wenn endlich wieder einer gesund zur Schule ging, der andere krank zu Hause bleiben musste. Nie enden wollende Putz- und Aufräumorgien. Prüfungen, bei denen im allerletzten Moment elterliche Unterstützung gefragt war. Schwiegermütterliche Gesundheitsprobleme, bei denen nicht nur unsere moralische Unterstützung, sondern auch unsere Fähigkeiten als Übersetzer gefragt waren. Ein Kater, der sich entschlossen hat, seine gute Kinderstube hinter sich zu lassen und sein Geschäft überall dort zu verrichten, wo es gerade verführerisch nach frisch gewaschener Wäsche riecht. Zahlreiche Termine, zum Beispiel ein Schulgespräch, das freundlicherweise auf zwei Termine mitten am Vormittag aufgeteilt wurde, weil Mama Venditti ja flexibler ist als die Menschen, die sie zum Gespräch treffen soll. Schülerkonzerte und Schulbesuchstage, bei denen man halt gerne anwesend ist, ganz egal, wie wenig Zeit man eigentlich hat. Und sonst noch ein paar Dinge, die dafür sorgen, dass wir das Gefühl haben, wir hätten uns zehn freie Tage in mehr als verdient.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ich will mich nicht von meinem Garten trennen. Mitten im Winter, als wir das Ferienhaus reservierten, dachte ich natürlich noch nicht daran, dass ich Anfang April meinen Tulpen beim Erblühen und meinen Setzlingen beim Wachsen zusehen will. Doch jetzt, wo allmählich der Tag naht, an dem wir unsere Koffer packen müssen dürfen, packt mich die Wehmut und ich ertappe mich dabei, wie ich nach Ausreden suche, damit ich zu Hause bleiben darf. Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber nicht doch! Ich habe gar verlauten lassen, vielleicht wäre es besser, wenn ich hier bliebe, denn man könne ja nie wissen, ob Schwiegermama Unterstützung brauche. 

Ihr seht also, ih will mich wirklich nicht von meinen Pflanzen trennen. Auch nicht für zehn dringend benötigte Ferientage. 

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Mr. Darcy hat’s jetzt also auch erwischt

Kaum etwas führt dir dein eigenes Altern so deutlich vor Augen wie ein Abend, an dem du dir mit deiner Vierzehnjährigen „Bridget Jones’s Baby“ reinziehst. Das Schmerzhafteste dabei ist noch nicht mal, dass du deiner Tochter erklären musst, die nicht mehr ganz taufrische Renée Zellweger sei im Film so alt wie du in der Realität. Richtig bitter wird es, als das Rätseln um den Vater des Babys losgeht. „Ich hoffe, es ist nicht dieser schreckliche Mark, dieser alte Sack.“ Natürlich schnappst du erst mal nach Luft, doch nachdem du dich wieder gefangen hast, legst du los: „Kind, dieser ‚alte Sack‘, wie du ihn zu nennen pflegst, ist nicht irgend ein Mark. Das ist Mark Darcy! Verstehst du? DARCY!“ Natürlich schaut dich dein Töchterchen nur verständnislos an, also versuchst du, zu erklären. „Mark Darcy ist MR. DARCY.“

Natürlich versteht sie noch immer nicht und wenn die Handlung nicht weiterginge, würdest du ihr jetzt erklären, was es mit diesem – und zwar genau diesem – Mr. Darcy auf sich hat. Du würdest ihr erklären, dass der Schauspieler die Rolle wohl nur bekommen hat, weil er mal den richtigen Mr. Darcy gespielt hat. Jawohl, genau, den Mr. Darcy, der am Ende des letzten Jahrtausends in einer für britische Literaturverfilmungen fast schon erotisch anmutenden Szene triefend nass dem trüben Wasser eines Teiches entstiegen ist. Der Mann, der sich damals in die Träume sämtlicher junger Frauen des vereinigten Königreichs einschlich. Und der natürlich auch den Schweizer Anglistikstudentinnen, die sich das 300-minütige BBC-Epos regelmässig an einsamen Samstagabenden reinzogen, nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. 

Diesen Traum aller Studentinnen der englischen Literatur wagt deine Tochter nun also als alten Sack zu bezeichnen. Du bist selbstverständlich empört, musst dir aber nach einer Weile eingestehen: „Mist, Mr. Darcy ist tatsächlich alt geworden.“

Und die ehemaligen Literaturstudentinnen alle auch…

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Bienen auf Abwegen

Wer den Wildbienen etwas Gutes tun wolle, müsse das schon richtig machen, las ich neulich. Die hohlen Pflanzenstängel dürften auf gar keinen Fall einen zu grossen Durchmesser aufweisen, die Nisthilfe müsse unbedingt eine Rückwand haben und sei an einer Stelle anzubringen, die schon am frühen Morgen von der Sonne beschienen werde.   Selbstverständlich müsse es sich bei dem Zuhause für die Bienen um ein fachmännisch hergestelltes Qualitätsprodukt handeln, denn den ganzen Kram, der in den Läden erhältlich sei, könnte man ebenso gut als Feuerholz verwenden. Man solle sich aber bloss nicht einbilden, man leiste mit einer solchen Nisthilfe einen Beitrag zu einem funktionierenden Ökosystem, die Bienen würden sich ja ohnehin nicht in den heimischen Garten verirren.

„Mal wieder alles falsch gemacht“, brumme ich und starre auf die billige Nisthilfe, die wir mal von irgend jemandem geschenkt bekommen haben, ein kleines Ding ohne Rückwand, das voller Pflanzenstängel mit zweifelhaftem Durchmesser ist. Natürlich steht es nicht dort, wo die Morgensonne hinscheint, sondern dort, wo sich frühestens am späten Nachmittag die ersten Sonnenstrahlen zeigen. 

Nachdem ich fertig gelesen habe, sitze ich lange am Küchentisch und beobachte versonnen die Wildbienen, die nun schon seit dem ersten Sonnenstrahl – von dem sie gar nichts mitbekommen haben, weil ihr rückwandloses Zuhause auf der falschen Seite des Hauses steht – emsig zwischen ihren hohlen Pflanzenstängeln und den Nektarpflanzen hin und her fliegen. 

Mir scheint, die Tierchen, die seit letztem Frühling freiwillig auf unserem Balkon leben, haben keinen blassen Schimmer davon, was sich für anständige Wildbienen gehört. Ob ich denen mal erklären muss, dass die Fachleute gar keine Freude haben an ihrem Lebensstil? 

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Es läuft und läuft und läuft

Mir fällt ja in der Regel nicht auf, dass die Dinge bei uns etwas anders laufen als bei anderen Leuten zu Hause.

Doch wenn ich dann mit einer kinderlosen Bekannten beim Tee sitze und ohne gross nachzudenken eine zweite Milchflasche öffne, obschon bereits eine angebrochene, aber noch fast volle Flasche auf dem Tisch steht, die Bekannte deswegen vor lauter Schreck fast vom Stuhl fällt und ich ihr zu ihrer Beruhigung erklären muss, ich würde ganz bestimmt keinen Tropfen saure Milch in den Abfluss schütten müssen, weil spätestens am nächsten Morgen beide Flaschen leer seien, denn die Kinder würden das Zeug literweise in sich hineinschütten, dann wird mir wieder bewusst, dass bei uns wohl nicht nur die Milchflaschen schneller leer werden als bei anderen Leuten, sondern dass auch sonst alles ein wenig schneller und pausenloser läuft.

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