Beim ersten Kind geht ja alles noch unglaublich langsam. Tagelang sitzen die stolzen Eltern da, starren ihr Baby an und warten auf das erste Lächeln. Und wenn sie dieses endlich bekommen haben, warten sie auf das Zweite. Irgendwann wird das Lächeln zur Selbsverständlichkeit, doch das Warten geht weiter. Warten auf die erste Drehung, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wörtchen. Von einem Entwicklungsschritt zum nächsten dauert es eine halbe Ewigkeit.
Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller, beim Dritten noch schneller und falls man bis dahin noch nicht aufgegeben hat, rennen die Eltern bei jedem weiteren Kind verzweifelt hinterher, um wenigstens noch ein paar wenige Momente der Babyzeit zu geniessen. Am Abend legst du ein Baby ins Bettchen, am Morgen ist daraus ein Krabbelkind geworden, zwei Tage später kommt es in die Schule und eine Woche später raunzt dich ein pickeliger Teenager an. Da nimmst du dir vor, jeden Tag mit deinem kleinen Prinzchen zu geniessen, ihn so lange wie möglich zu stillen und ihm alle Zeit in der Welt zu lassen mit dem Grosswerden.
Und was macht das Prinzchen? Nimmt er Rücksicht auf seine sentimentale Mama? Aber nicht doch! Warum stillen, wo Mama doch so gut kocht? Ach so, Mama hat Mühe damit, ihren Jüngsten loszulassen? Na dann, soll sie eben noch ein bisschen stillen, aber nur noch einmal am Tag und möglichst dann, wenn es dunkel ist. Sonst könnte es noch jemand sehen und ihn auslachen. Und überhaupt braucht er jetzt viel Energie, denn so langsam möchte er wissen, was es da noch alles zu entdecken gibt. Immer bei Mama bleiben ist doch einfach langweilig.
Man sieht schon jetzt, auf was das Ganze hinausläuft. Das Prinzchen will gross sein, um mit den Geschwistern mitzuhalten; die Mama will ihn klein behalten, weil er doch ihr Jüngster ist. Und wenn er dereinst, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren, von zu Hause ausziehen will, wird sie heulen und jammern, weil ihr Prinzchen sie verlassen will, obschon er doch noch so klein ist.