„Das wird gemütlich“, denke ich, als Karlsson und Luise verkünden, dass die Kleinen nicht mitkommen wollen zum Babybesuch nach Bern. Unglaublich, wie einfach das Reisen ist, wenn man keinen Kinderwagen schieben muss, keine Windeln, keine Feuchttücher, keinen Brei, keinen Latz, keine Ersatzkleider, keine Bananen für Zwischendurch, keine Schmusetücher, keine Stofftiere, keine „hätte ich das doch auch noch eingepackt!“ mitschleppen muss. Einfach nur Karlsson und Luise, die auf eigenen Beinen zum Bahnhof gehen können. Und da die zwei ja schon so gross und vernünftig sind, kann ich mich auf einen enstpannten Ausflug zu dritt freuen.
Ja, gross sind die beiden wirklich schon. Karlsson wächst mir mit seinen fast neun Jahren beinahe über den Kopf und auch Luise ist endlich ein Stück in die Höhe geschossen. Aber habe ich wirklich auch vernünftig gesagt? Kaum sind wir am Bahnhof angekommen, treffe ich eine entfernte Bekannte. Eine jener Personen, von denen ich zwar das Gesicht erkenne, an deren Namen ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern kann. Geschweige denn, ob ich mich schon jemals länger mit dieser Person unterhalten habe, oder ob ich bloss so tun muss, als wüsste ich, wer sie sei. Kaum habe ich die peinliche Situation hinter mir, beginnt links und rechts von mir das weithin hörbare Getuschel: „Wer war das? Wie heisst die? Woher kennst du die?“ Ist ja schon peinlich genug, dass meine Kinder noch immer nicht begriffen haben, dass man nicht über Leute flüstern soll, die noch in Hörweite sind. Aber wenn ich die Fragen jetzt noch wahrheitsgetreu beantworte, hört die Person, dass ich keinen Schimmer habe, wer sie ist, und dann kann ich vor lauter Scham im Boden versinken.
Den Rest des Nachmittags messen sich Karlsson und Luise abwechslungsweise darin, wer mehr Anstandsregeln brechen kann. Beim Babybesuch legt Karlsson ungeniert die schmutzigen Füsse aufs weisse Sofa, schmiert Schokolade aufs Kissen und überhört sämtliche meiner Ermahnungen geflissentlich. Luise ist derweil ganz brav. Dafür legt sie anschliessend bei „Starbucks“ die Füsse auf den Tisch und schreit herum, dass sich alle nach ihr umdrehen. Bei einem Zwischenhalt in Olten geht das Geflüster wieder los. „Mama, hihihi, warum, hahahaha, hat die Frau neben dir einen, hihihihi, Hund in der Tasche?“, flüstert Luise kichernd in mein Ohr und starrt auffällig zu meiner Sitznachbarin. Wenigstens zeigt sie nicht mit dem Finger. Aber Karlsson, der nichts verstanden hat, macht eine Szene, weil er auch wissen will, warum Luise so lacht. Er hört erst auf mit Toben, als ich mich bereit erkläre, ihm die Frage auch ins Ohr zu flüstern. Spätestens jetzt hat meine Sitznachbarin mit dem Hund in der Tasche genug. Dass die Kinder tuscheln, hat sie noch mit einem Lächeln quittiert, aber dass die Mama auch keine Manieren hat, ist einfach zuviel. Ihr giftiger Blick hätte mich beinahe unter den Boden befördert.
Zu Hause angekomen übrelasse ich die beiden „Meinem“ und widme mich völllig entnervt dem Prinzchen und dem Zoowärter. Die bereiten mit ihren vollen Windeln und ihrem noch unausgereiften Verstand zwar einen Haufen Arbeit. Aber wenigstens gehört noch jeder ihrer Fehltritte in die Kategorie „Ach, wie süüüüüüüüss!“ und nicht in die Kategorie „Kann die Mama denen keine Manieren beibringen?“.