Nieder mit dem Schweinehund!

Um sechs Uhr dreissig liegt er endlich röchelnd auf der Matte. Eine geschlagene halbe Stunde habe ich mit ihm kämpfen müssen, bis er endlich eingesehen hat, dass es ein Verbrechen ist, bei diesem Wetter im Bett zu liegen und die frühen Morgenstunden zu verschlafen. Als ich das Bett verlasse, würdige ich ihn keines Blickes mehr. Denn wenn ich ihn anschauen würde, das kleine Häufchen Elend, das eben noch so stark gewesen war, würde ich vielleicht vom Mitleid gepackt. Und schon hätte er mich wieder im Griff, der Innere Schweinehund.

Aber ich schaffe es. Zehn Minuten später bin ich im Wald, geniesse die Stille des Morgens, die Einsamkeit, den Anbruch eines neuen Tages, der jetzt noch nichts erahnen lässt von all den Turbulenzen, die das Leben mit fünf Kindern so mit sich bringt. Nie bin ich mir selber näher, als draussen, in der kühlen Luft des Waldes, wo nur das Zwitschern der Vögel meine Gedanken unterbricht. Nie sehe ich klarer, als wenn sich das Sonnenlicht einen Weg durch die Bäume bahnt. Nie fühle ich mich Gott näher, als mitten in der verschwenderischen Üppigkeit, die schon aus einem durchschnittlichen Stück Mischwald eine Kathedrale macht.

Ausgerechnet hier ertönt dieses Geräusch. Anfangs hoffe ich noch, es könnte ein Specht sein. Doch schon bald wird klar, dass kein Specht der Welt, und wäre er noch so durchgedreht, ein solches Geräusch von sich geben würde. Dieses metallische Klopfen, dieses kalte, kratzende Geräusch, das mich verfolgt und sämtliche meiner ach so tiefgründigen Gedanken, die hinter mir noch auf dem Waldweg liegen müssen, niedermetzelt, sie zerstückelt und zerfetzt zurücklässt. Endlich sehe ich, wer meine Stille stört: Eine Stockente. Nein, keines jener kleinen, liebenswerten Tierchen, die friedlich den Weg entlang watschlen. Eine Grosse, Zweibeinige, mit Trainingsanzug und Walking-Stöcken perfekt ausgerüstet.

In ihren Augen muss ich genauso fehl am Platz sein wie sie in meinen. Was soll das? Eine Mittdreissigerin, die frühmorgens im Wald unterwegs ist und dies ganz ohne Stöcke? Dabei wäre sie doch im besten Alter und schaden würde es ihr bestimmt nicht! So etwa wird die Stockente von mir denken, denke ich. Und weil ich so denke, fühle ich mich schon bald einmal verfolgt. Das Geräsuch wird immer schneller in meinen Ohren, also werde ich auch schneller, renne schon fast. Was will die von mir? Will sie mich etwa zum Stockententum bekehren?

Endlich lässt sie von mir ab, schlägt einen anderen Weg ein. Doch das metallische Klopfen ist noch lange zu hören. So lange, dass ich schliesslich einen Weg einschlage, den ich noch nie zuvor gegangen bin. Und plötzlich habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin. Also umkehren, zurückgehen. Dabei müsste ich schon längst zu Hause sein. Damit ich wenigstens noch ein paar meiner von der Stockente massakrierten Gedanken aufs Papier retten kann. Und zwar, bevor die Kinder wach sind und noch den letzten Rest davon niedertrampeln. Doch es nützt alles nichts. Zu Hause sind alle schon wach, der Tag und das Chaos bereits im vollen Gang.

Eines ist klar: Morgen muss der Schweinehund früher besiegt werden. Wenn dann noch der Schweinehund der Stockente seinen Sieg davon trägt, dürfte einem perfekten Start in den Tag nichts mehr im Wege stehen. Ich fürchte bloss, dass die Stockente mehr Erfahrung im Besiegen von Schweinehunden hat. Vielleicht bleibe ich morgen doch lieber liegen…

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