Und wieder einmal endet ein an sich ganz netter Samstag in einem epochalen Familienkrach. Türenknallen, Tränen, böse Worte, ausgelöst – wie fast immer – durch eine Kleinigkeit. Genau so, wie wir uns das nie vorgestellt hatten. Genau so, wie wir es nicht möchten. Und doch gehört es wohl einfach zum Familienleben, zumindest bei solchen Hitzköpfen, wie wir sie sind. Was soll man da bloss tun? Es gibt nur eins: Dazu stehen, dass das mal wieder ein absoluter Taucher war, einander um Verzeihung bitten und wieder vorwärts schauen. Wir sind nicht perfekt, also müssen wir auch nicht so tun als ob.
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Kein Tannenbaum für das Prinzchen
Hör mal, mein Prinzchen. dein Geburtstag, den wir übermorgen feiern, bedeutet uns allen wirklich viel. Seit Wochen schon zerbrechen wir uns den Kopf darüber, womit wir dir wohl am meisten Freude bereiten können, im Schrank ist so einiges versteckt, was dir das Herz höher schlagen lassen wird und wir alle können es kaum erwarten, dir dabei zuzusehen, wie du die Kerzen ausbläst. In einer Sache jedoch muss ich dich leider enttäuschen. An deinem Geburtstag gibt’s zwar Geschenke, Kerzen und gutes Essen, aber das mit dem Tannenbaum kommt erst später und hat nichts mit deinem Geburtstag zu tun. Ja, ich weiß, in deinem Kopf Sind Tannenbaum und Geburtstag fest miteinander verknüpft, aber leider wirst du dich damit abfinden müssen, dass übermorgen keiner in der Wohnung stehen wird. Ja, an dem Tag mit dem Tannenbaum wird auch ein Geburtstag gefeiert, aber nicht deiner. Und natürlich bist auch sehr wichtig, aber ich bezweifle, dass du je einen gleich grossen Einfluss auf die Weltgeschichte haben wirst wie jener, dessen Geburtstag aus ziemlich obskuren Gründen mit einem Tannenbaum gefeiert wird.
Wir sind doch keine Teenager!
In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.
Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.
Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.
Ach, lass sie doch…
Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.
Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener?
Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.
In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.
Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.
Grässlich, diese Erwachsenen
Allmählich komme ich in ein Alter, in dem es immer weniger Spass macht, den eigenen Geburtstag zu feiern. Nun gut, ich bin ja noch nicht alt, aber so langsam steigt das Bewusstsein, dass man sich schneller auf die Lebensmitte zubewegt, als einem lieb sein kann. Folglich fällt es mir immer schwerer, meinen Kindern eine befriedigende Antwort zu liefern, wenn sie wissen wollen, ob ich mich auf meinen Geburtstag freue. Kinder, das weiss ich noch aus der eigenen Erinnerung, können es nicht verstehen, wenn Erwachsene seufzen: „Schon wieder Geburtstag? So ein Mist, ich wünschte, ich könnte das Rad der Zeit zurückdrehen. Oder zumindest alles ein wenig verlangsamen.“ Wie kann man bloss so doof und abgelöscht sein, sich nicht über den eigenen Geburtstag – das Highlight des Jahres – zu freuen wie ein kleines Kind? Und dann erst dieses „Ach weisst du, mein Kind, ich wünsche mir gar nichts zum Geburtstag. Ich hab‘ doch schon alles…“ Haben die denn gar keine Träume mehr, diese Erwachsenen? Grässlich, nicht wahr? Zumindest in den Augen eines Kindes.
Und sie haben mal wieder Recht, die kleinen Menschen. Was ist denn schon schlimm dabei, ein Jahr älter zu werden? Ist doch eigentlich ein Geschenk, dass man überhaupt da sein darf, nun ja, zumindest, wenn man es schafft, den ganzen Irrsinn auf diesem Planeten auszublenden. Ist doch wunderbar, von Menschen umgeben zu sein, die einen feiern wollen. Und auch wenn man tatsächlich nichts braucht, schön ist es doch trotzdem, dass es Menschen gibt, die einem etwas schenken, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Ja, sie haben Recht, die Kinder, wenn sie fordern: „Dein Geburtstag wird ebenso gefeiert wie der unsere. Es muss Kuchen geben und Geschenke und gutes Essen, sonst wird das nichts.“
Und weil ich von meinen Kindern lernen will, habe ich heute, an dem Tag, an dem ich 37 Jahre alt geworden bin, beschlossen, dass ich in Zukunft nicht mehr über Geburtstage jammern werde. Ich will sie feiern, sie geniessen und dankbar sein, dass ich leben darf.
Ich hoffe bloss, dass ich meinen Entschluss nächstes Jahr nicht bereits wieder vergessen habe. In meinem Alter kann man sich da nicht mehr so sicher sein.
Liebe unter erschwerten Bedingungen
„Warum hast du denn schon wieder nicht dran gedacht…?“ „Wie, nicht dran gedacht? Du hast doch vergessen…“ „Ich vergessen? Nie! Wenn ich überhaupt etwas vergesse, dann nur, weil du nicht…“ „Ach so, ich soll also mal wieder Schuld sein an allem. Als ob nicht du gestern genauso…“ „Gestern! Gestern! Gestern! Immer kramst du den alten Mist hervor, wenn dir die Argumente ausgehen. Was gestern war, ist doch egal, wir reden jetzt von heute. Aber wenn du schon mit gestern kommen willst, darf ich dich dann an vorgestern erinnern? Da hast du doch auch wieder…“ „Ha! Von wegen! Das von vorgestern war ganz alleine dein Fehler. Ich hätte das ja ganz anders gemacht und dann wäre es auch nicht derart schief gelaufen. Aber du weisst es ja immer besser als ich.“ „Das sagst ausgerechnet du. Wer muss immer darauf bestehen, dass niemand besser weiss als du…“ „Ich sag‘ ja nicht, dass es niemand besser weiss als ich, aber es ist nun mal so, dass meine Methode viel effizienter ist als deine…“ „Effizienter? Ich würde ja sagen unsorgfältiger und chaotischer, aber wenn du das unbedingt Effizienz nennen willst…“ „Chaotisch? Höre ich wirklich das Wort chaotisch? Aus deinem Mund? Wo du es noch nicht mal fertigbringst, die…“ „Das ist mal wieder typisch für dich: Ausgerechnet meinen einen grossen Schwachpunkt musst du herauspicken, um mir eins gegen das Schienbein zu treten. Du weisst genau, dass ich mit diesem Bereich einfach nicht klarkomme, das habe ich dir schon unzählige Male gesagt…“ „Oh ja, das hast du, jedes Mal, wenn du dich vor der Sache drücken wolltest. Weisst du überhaupt, wie ich es hasse, diesen Mist zu erledigen? Aber weil es ja dein „Schwachpunkt“ ist, bleibt die Sache jedes Mal an mir hängen…“ „Na und? Ich übernehme dafür immer den anderen Mist für dich, weil dir angeblich beinahe übel wird, wenn du es mal ausnahmsweise tun müsstest…“ „Jetzt kommst du wieder damit. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du darin einfach viel besser bist als ich und dass ich die Sache deshalb lieber dir überlasse…“ „Dankeschön, wie grosszügig von dir. Du lässt mir die Drecksarbeit und glaubst, ich würde das als Kompliment auffassen, weil ich das ja soooooo viiiiel besser mache als du. Dann verleih mir doch eine Auszeichnung für meine meisterhafte Erledigung der Drecksarbeit…“ „Ach so, jetzt wünscht man auch noch Applaus für seine grossartigen Taten. Ich mache das ja alles ganz selbstverständlich und ohne einen Dank zu erwarten. Aber wenn du das machst, ist es natürlich etwas ganz Besonderes…“ „Jetzt hör schon auf damit. Wir führen uns ja auf wie ein altes Ehepaar…“ „Nun ja, wir sind ja auch ein Ehepaar und alt… na ja, man ist so alt wie man sich fühlt, sagt man und ich für meinen Teil fühle mich im Moment ausgesprochen alt. Weil du nie…“ „Können wir jetzt bitte endlich aufhören damit. Eigentlich hätte ich dich ja nur fragen wollen, ob du daran gedacht hast…Weisst du, wenn du daran gedacht hättest, dann hätten wir jetzt endlich mal wieder ein wenig Zeit nur für uns zwei. Mir scheint, wir haben uns in den vergangenen Wochen ein wenig auseinandergelebt…“ „Zeit nur für uns zwei? Das wäre himmlisch! Könntest du bitte damit aufhören, mir auf die Nerven zu fallen, dann mache ich uns einen schönen Tee…“ „Wer fällt hier wem auf die Nerven? Du hast doch vergessen…“ „Hab‘ ich nicht. Du hast doch…“ „Hab‘ ich nicht…“ „Hast du doch…“ „Ach, lass das doch endlich. Wir sind schon bald so, wie wir nie haben werden wollen…“
2 x Balsam
Schon wieder Elternabend. Schon wieder die gleichen Ausführungen zum Laufbahnreglement, dem unsere Kinder seit diesem Schuljahr unterworfen sind. Schon wieder die Aussage, dass man sich die Kinder alle in der gelben Spalte wünscht. Schon wieder will bei mir der Frust hochkommen. Wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Schüler wegen Burnout behandelt werden müssen? Düstere Aussichten für unsere Kinder, besonders für Luise, die kein Kopf- sondern ein Herzensmensch ist. Doch dann ein Silberstreifen am Horizont. Einige kritische Fragen aus der Elternschaft, worauf die Klassenlehrerin durchblicken lässt, dass sie ebenso mit den neuen Regeln kämpft, dass sie lieber mit unseren Kindern arbeiten und lernen möchte, anstatt auf einem Formular mit unzähligen Kreuzchen das Verhalten der Schüler zu bewerten. Ein kleiner Hinweis, dass auch sie nicht begeistert ist, dass der Unterricht mittwochs bereits um zwanzig nach sieben beginnt, dass auch sie findet, es sei eine geballte Ladung, welche die Drittklässler zu bewältigen hätten. Natürlich, die Lehrerin wird ebenso mit den Neuerungen leben müssen wie wir, aber immerhin kann ich auf ein gewisses Verständnis hoffen, wenn für Luise alles einfach zu viel wird. Und das ist schon viel in einem Schulsystem, das immer mehr darauf ausgerichtet ist, die Schüler schon möglichst früh fit für die Wirtschaft zu trimmen.
Und noch einmal Balsam an diesem Elternabend, dem vierten und zweitletzten dieser Saison. Ein kleines Gedicht, ein sogenanntes Elfchen, das die Kinder für uns Eltern verfasst haben. Luises Elfchen – das übrigens nur zehn Worte enthält – über uns:
liebevoll
die Eltern
sie lieben mich
ich liebe sie
schön
Was mich daran besonders berührt: Luise hätte irgend etwas über uns schreiben dürfen, zum Beispiel, dass wir gerne lesen, oder dass es stets reichlich zu Essen gibt, oder dass wir samstags so gerne alle zusammen im Bett kuscheln. Das alles wäre natürlich auch nett gewesen. Aber sie hat sich nicht ablenken lassen durch die schönen Dinge wie zum Beispiel die Katzen, die wir vor allem ihr zuliebe angeschafft haben, oder durch die kleinen Überraschungen, die wir hin und wieder machen. Sie hat sich den Blick aber auch nicht durch das Negative verstellen lassen, nicht durch die Streitereien, nicht durch die Versprechen, deren Erfüllung manchmal so lange auf sich warten lässt. Nein, sie hat ihren Blick geradeaus auf das gerichtet, worauf es wirklich ankommt: Wir lieben sie, sie liebt uns. Schön.
So geht das nicht
Weisst du, mein Prinzchen, ich kann durchaus verstehen, dass du als beinahe Dreijähriger gewisse Allmachtsfantasien entwickelst. Wer es schafft, den grossen Bruder zum Heulen zu bringen, wer den Papa so lange bestürmt, bis er ja sagt zum Eis, auch wenn noch fast das ganze Mittagessen auf dem Teller liegt, wer den Zoowärter so lange bezirzen kann, bis er seinen Keks freiwillig teilt, der sollte es doch eigentlich auch fertigbringen, die Mama vom Fleck zu bewegen, denkst du. Nun liegst du ja nicht ganz falsch in deiner Annahme, mein Sohn, bloss setzt du den Hebel am falschen Ort an. Mama bewegt sich nicht vom Fleck, wenn man an ihr herumzerrt, dabei laut heulend eine unverständliche Forderung von sich gibt und in einem Akt von Verzweiflung versucht, die Frau, die dich im Bauch getragen hat, gegen das Schienbein zu treten. Okay, wenn du lange genug schreist, kann es schon mal sein, dass ich aus lauter Sehnsucht nach Ruhe nachgebe, aber dein Versuch, mich auch physikalisch von meinem Standpunkt wegzubewegen, ist zum Vornherein zum Scheitern verurteilt. Zumindest, solange ich noch ein Mehrfaches von dir wiege. Und ich hoffe doch sehr, dass du dich dereinst, wenn du schwerer sein wirst als ich, nicht mehr schreiend auf dem Fussboden windest, weil ich mich weigere, die Milch in den Abfluss zu kippen, bloss weil es dir nicht passt, dass ich zuerst die Milch, dann den Kakao eingefüllt habe. Nein, mein Prinzchen, auch wenn du kleiner Kerl dir eine beachtliche Machtposition in unserer Familie erkämpft hast, was die körperliche Kraft anbelangt, bist du den meisten noch unterlegen und darum ist es wirklich eine Energieverschwendung, an mir herumzuzerren.
Und eigentlich wüsstest du sehr genau, welche Waffen du einsetzen musst, wenn du willst, dass dir die Mama aus der Hand frisst. Hast du denn schon wieder vergessen, wie ich dahingeschmolzen bin wie Butter an der Sonne, als du neulich ganz beiläufig bemerktest „De Mami gseht so herzig uus“, was frei ins Hochdeutsche übersetzt bedeuten soll, dass ich zum Anbeissen aussehe? Weisst du nicht mehr, wie sich meine Laune schlagartig gebessert hat, nachdem du letzthin an einem sehr grauen Morgen meine geschmackvolle Garderobe gelobt hast? „Du häs sooo schöni Kleider!“, hast du mir gesagt und schon war ich ein bisschen weniger frustriert über die magere Auswahl, die mir mein Kleiderschrank momentan bietet.
Glaub mir, mein Prinzchen, in jenen Momenten hättest du fast alles von mir haben können. Nun gut, ich hätte die Milch auch dann nicht in den Abfluss gekippt, aber ich hätte zumindest so getan als ob. Mama manipuliert man mit zuckersüssem Augenaufschlag und netten Komplimenten, nicht mit Zerren, Treten und Brüllen. Merk dir das und übe weiterhin fleissig, es könnte dir in Teenagerjahren, wenn du eine zusätzliche Stunde Ausgang herausschlagen willst, ganz hilfreich sein.
Und hier noch, wie gewünscht, die Bilder unseres Familienzuwachses, etwas verwackelt, aber ich wusste nicht, wie lange sie stillhalten:
Dann eben Pizza
Da nimmst du für einmal richtig weit Anlauf, um über deinen Schatten zu springen, brüskierst dabei ziemlich viele Leute und wo landest du am Ende? Mit „Deinem“, einer Pizza und einer Cola light auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten. Und das kam so:
Irgendwann, vermutlich vor etwa einem halben Jahr, legten wir das Datum für die Generalversammlung des einzigen Vereins, in dem ich nicht nur Mitglied, sondern auch Vorstandsmitglied bin, auf den heutigen Abend fest. Wohl etwa zur gleichen Zeit legten nette Menschen aus der Kirche, in der ich Mitglied bin, das Datum für den einzigen Paar-Abend, bei dem ich jeweils unbedingt dabei sein will, ebenfalls auf den heutigen Abend fest. Dieser Abend sieht jeweils so aus: Nette Leute, gutes Essen, ein herausforderndes Referat zu einem sehr alltagsnahen Beziehungsthema und ein Schuss Romantik. Würde man aus dem hohlen Bach heraus entscheiden, wäre eigentlich klar, wo man den Abend verbringen möchte, aber für einen pflichtbewussten Menschen wie ich einer bin, zählt gewöhnlich nicht das Wollen, sondern das Müssen und darum war ich ziemlich sicher, dass wir den Paar-Abend sausen lassen würden.
Nun ist es aber so, dass „Meiner“ und ich in den vergangenen drei oder vier Wochen eine sehr anstrengende und aufreibende Phase durchgestanden haben, während der wir uns fast täglich in die Haare geraten sind. Nicht gerade unsere Vorstellung von einer glücklichen Ehe und da sich der Streit meist am Alltagsstress entzündete, schien uns das Thema „Bis dass das Leben euch scheidet“ geradezu perfekt zu passen. Und so dämmerte sogar mir, dass für einmal nicht das Müssen, sondern das Wollen Pflicht war. Also sprang ich schliesslich mit sehr grossem schlechten Gewissen über meinen Schatten und gab den anderen Vorstandsmitgliedern bekannt, dass ich für einmal dem Privatleben den Vorrang geben würde, auch wenn ich den Termin für die GV zuerst in die Agenda eingetragen hatte.
Wie es der Zufall wollte, schlafen Karlsson und Luise heute auswärts, so dass nur noch drei Kinder während unserer Abwesenheit überwacht werden mussten. Kein Problem, dachten wir, die sind freitags ja immer so müde, dass wir die einfach ins Bett stecken können und meine Mutter, die eine Etage tiefer wohnt, muss nur hin und wieder die Ohren spitzen, um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Ha, von wegen kein Problem! Der Paar-Abend hatte schon längst angefangen und wir sangen noch immer Schlafliedchen, wechselten Windeln und mahnten zur Ruhe. „Na gut, dann kommen wir eben eine halbe Stunde zu spät“, meinte „Meiner“ und so lag ich eben noch ein wenig länger neben dem Prinzchen und redete ihm gut zu. Irgendwann wurde uns klar, dass aus dem Paar-Abend nichts werden würde. „Dann gehe ich halt zur GV“, sagte ich trotzig, aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mein Erscheinen auch dort nur noch peinlich gewesen wäre, weil der Vorstand wohl bereits beim letzten Traktandum angelangt war.
Da sassen wir also, „Meiner“ und ich; er ziemlich frustriert, weil aus dem Paar-Abend nichts geworden war, ich ebenso enttäuscht und dazu noch mit sehr schlechtem Gewissen, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen war und beide sehr hungrig. Und so kam es eben, dass wir den kleinen Rest des Abends, der uns noch blieb, nachdem unsere drei Jüngsten endlich ruhig geworden waren, Pizza essend auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten verbrachten.
Immerhin war die Pizza köstlich…
Versagermama
Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“
Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde?
Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“










