Fussball

Nein, ich werde definitiv nie eine Soccer Mum. Ich schaffe das einfach nicht. Auch wenn Luise und Karlsson im Fussballcamp eine ganze Woche lang dem Ball hinterher gerannt sind. Auch wenn Luise gar im letzten Spiel ein Tor geschossen hat und damit ihrem Team zum Sieg verholfen hat. Auch wenn Karlsson, der im Grunde Fussball hasst, mir gestern Abend voller Begeisterung gezeigt hat, wie hart er den Ball dank der richtigen Technik schiessen kann. Ich weiss, ich sollte jubeln vor lauter Begeisterung. Ich sollte mit vor Stolz geschwellter Brust am Fussballplatz stehen und meinen Sprösslingen zujubeln. Ich sollte in ihnen die Hoffnung schüren, dass sie dereinst ganz grosse Stars auf dem Rasen sein werden, ja, dass sie vielleicht eines Tages für die Schweiz den Weltmeistertitel holen werden.

Und was tue ich stattdessen? Ich lächle verkrampft, wenn Luise mir vorschwärmt, wie toll diese Woche doch gewesen sei. Ich murmle etwas von „Wir werden dann sehen…“, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in diesem Jahr noch nicht mitmachen durfte, davon träumt, wie er nächstes Jahr nicht nur ins Fussballcamp gehen wird, sondern auch zum wöchentlichen Fussballtraining. Ich klopfe Karlsson anerkennend auf die Schulter, wenn er mir seine neuesten Balltricks vorführt und sage dann schnell: „Hast du schon gesehen? Ich habe euch ein Geolino-Lexikon gekauft. Möchtest du nicht noch ein wenig darin lesen?“ Und heute – Schande über mich! – habe ich doch tatsächlich den grossen Fototermin zum Ende des Fussabllcamps verpasst. Während alle anderen Eltern stolz die Kamera zückten, um die zukünftigen Fussballstars abzulichten, lag ich zu Hause und hielt einen ausgedehnten Mittagsschlaf. In Vendittis Wohnzimmer wird so bald kein Bild von Karlsson und Luise im Fussballdress hängen.

Nachdem ich meine beiden grossen Kinder vom Fussballplatz abgeholt hatte, war ich nur noch erleichtert, dass ich das Thema abhaken kann. Zumindest bis zum nächsten Fussballcamp. Frohgemut ging ich einkaufen. Und was musste ich entdecken, als ich an der Kasse wartete? Die ersten Panini-Bildchen!

Ich will nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Und auch anderes ist ganz anders

Fünfjährige Jungs sind laut, kämpferisch und überdreht. Sie machen aus allem eine Waffe, geraten sich mit jedem in die Haare und können keine Sekunde still sitzen. Wenn sie überhaupt Gefühle zeigen, dann höchstens Gefühle der Wut und des Zorns. Andächtig sein, zur Ruhe kommen und sich am Schönen freuen ist nichts für fünfjährige Jungs. Wer das alles behauptet? Nun, ich bestimmt nicht, aber immer wieder höre ich, dass das eben so sei und hin und wieder sieht es bei uns aus, als stimmten die Klischees. Hin und wieder aber erleben wir  genau das Gegenteil.

Zum Beispiel heute Morgen auf der Autofahrt zur Kirche. Nur der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich, die anderen haben den Zug nicht verpasst. Die CD spielt „Laudate omnes gentes„, ein sehr andächtiges Lied. Also nichts für fünfjährige Jungs, oder? Von wegen! Der FeuerwehrRitterRömerPirat will das Lied immer und immer wieder hören, will wissen, was der Text bedeute und warum die Mama nur noch ein paar Brocken Latein versteht, wo sie doch das Zeug mal gelernt hat – „Ich lerne dann auch mal Latein und zwar so gut, dass ich es nicht mehr vergesse.“ – dann schliesst er die Augen und lauscht verzückt der Musik, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Mit jeder Faser seines Wesens scheint er die Musik in sich aufzunehmen und zu geniessen; er lässt sich einfach fallen, ist vollkommen glücklich – und vollkommen still.

Auch so können fünfjährige Jungs sein.

Mamas Sohn

Heute hat das Prinzchen ein für alle Mal klargestellt, welcher Mutter Sohn er ist: Nachdem er sich, wie jeden Tag, entnervt die Socken von den Füsschen gerissen hatte, nahm er die lästigen Dinger, marschierte zum Abfallkübel und entsorgte sie. Recht hat er! Wer braucht denn schon Socken?

Weissglühend

Nein, lange hat mein Aufenthalt auf Wolke sieben nicht gedauert. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat dafür gesorgt, dass sich die Hochgefühle schnell wieder verflüchtigt haben. Viel schneller, als mir lieb war. Es wäre doch schön gewesen, wenn ich mich mal einfach des Lebens hätte freuen können. Aber solche Dinge sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten einerlei. Wenn er Lust hat, nach dem Mittagessen die ganze Küche unter Wasser zu setzen, dann tut er dies. Dann macht er auch keine halben Sachen, sondern sorgt dafür, dass auch wirklich jeder Quadratzentimeter des Bodens mit Wasser bedeckt ist. Wenn Mama dann wutschäumend angerauscht kommt, strahlt er sie fröhlich an, als habe er etwas ganz Grosses geleistet. Hat er ja auch: Er hat es fertiggebracht, dass Mama mal wieder mit voller Wucht auf dem harten Boden der Realität gelandet ist.

Wenn Mama unsanft landet, dann hat sie sich nicht mehr im Griff. Dann brüllt sie herum, auch wenn sie herumbrüllen schrecklich findet. Dann schnauzt sie die unbeteiligten Kinder an, auch wenn sie weiss, dass sie ungerecht ist. Dann knallt sie die Türen, auch wenn sie weiss, dass sie ein schlechtes Vorbild ist. Und der FeuerwehrRitterRömerPirat? Der versteht die Welt nicht mehr. Warum macht Mama so ein Theater? Er wollte doch nur seinen Spass haben. Dass er so reagiert, treibt Mama nur noch mehr zur Weissglut und bald schon heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, als habe man ihm etwas zuleide getan.

Als ein paar Minuten später der Sturm verzogen ist und die Kinder beschäftigt sind, starre ich niedergeschlagen aus dem Fenster. Warum nur muss ich immer dann explodieren, wenn das Leben endlich so läuft, wie ich es mir wünsche? Und warum versteht der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht, dass er zu weit geht, dass das alles nicht mehr lustig ist? Warum nur muss er immer und immer wieder meine Grenzen aufs Gröbste überschreiten? Stimmt mit dem Kind etwas nicht? Braucht er einen Psychiater?

Wie ich mir den Kopf zerbreche, erscheint vor meinem inneren Auge auf einmal das Bild eines kleinen Mädchens. Es sitzt auf einem Holztisch vor seinem Elternhaus und hackt mit den Kufen seiner Schlittschuhe, die es an den Füssen trägt, fröhlich Löcher in den Tisch. Der ganze Tisch ist übersät mit Löchern. Als die Eltern schimpfen, versteht es die Welt nicht mehr. Was haben die bloss? Das hat doch Spass gemacht. Dann sehe ich das Mädchen, wie es voller Wut gegen die Tür eines Schuppens tritt, so lange, bis die Tür ein grosses Loch hat. Auch diesmal ist das Mädchen verwundert, dass man es ausschimpft. Wer braucht denn diese alte, lotterige Tür?

Das Mädchen ist die spätere Mama des FeuerwehrRitterRömerPiraten. Und weil dieses Mädchen noch immer in der Mama steckt, rastet die Mama dann aus, wenn sich der FeuerwehrRitterRömerPirat wie das Mädchen aufführt. Weil die Mama sich aber auch daran erinnert, dass das Mädchen all die Dummheiten ohne böse Absichten gemacht hat, schafft sie es, nachdem der Zorn verraucht ist, den FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder in den Arm zu nehmen und sich mit ihm zu versöhnen.

So in love

Der FeuerwehrRitterRömerPirat schwebt auf Wolke sieben. Die Liebe hat ihn voll erwischt. Ausgerechnet ihn, der die letzten zwei Jahre mit Kämpfen, dem Singen von Soldatenliedern und dem Schwingen von Schwertern verbracht hat. Ausgerechnet ihn, der mir mal morgens, als ich ihn aus dem Bett holte, verkündete, er hasse Frauen. Doch seit einer Woche ist alles anders: Mit leuchtenden Augen geht er in den Kindergarten, mit noch leuchtenderen Augen kommt er nach Hause und erzählt, was er mit der Angebeteten alles erlebt hat. Jedes Kunstwerk wird ihr gewidmet, jedes Stofftier trägt ihren Namen, auf jedem Fetzchen Papier lese ich die drei Buchstaben ihres Namens in wackeliger Kindergärtnerschrift. Und seit heute malt er gar Herzchen, die von Pfeilen durchbohrt sind. Was die Liebe nur alles zustande bringt…

Während ich mich an der ersten Liebe meines Sohnes erfreue, fallen mir zwei Dinge auf:  1. Ich habe mich ganz umsonst gesorgt, ob ich dereinst meine Schwiegertöchter werde ertragen können. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat bei seinem Frauengeschmack bleibt, habe ich rosige Zeiten vor mir. Die Dame seines Herzens ist einfach perfekt. 2. Ich habe mir ganz umsonst den Mund fusselig geredet. Wie viel Zeit habe ich doch damit vergeudet, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beizubringen, dass es im Leben nicht allein ums Kämpfen geht? Wie oft habe ich ihn angepredigt, ihm gesagt, er solle nicht gleich dreinhauen, ihn darauf aufmerksam gemacht, die von ihm vergötterten Römer und Ritter hätten auch ihre sanften Seiten gehabt? Hätte ich alles gar nicht sagen müssen. Alles was es brauchte, war eine erste grosse Liebe und der Junge verstand von selbst, dass ein Ritter nur ein echter Ritter ist, wenn er auch einfühlsam und sensibel sein kann.

Da hoffe ich doch, dass er noch sehr sehr lange verliebt bleibt…