Luise geht ins Kino, Teil II

Ach, was war das doch für ein grossartiger Weibernachmittag! Der ganze Kinosaal voller Mamas mit ihren Töchtern, ein paar vereinzelte Papas und Brüder, die sich dem Willen der Frauen hatten beugen müssen. Und dann erst der Film! Alles rosarot, geblümt und positiv. Ein richtiger Chick-Flick für Kinder. Als Lillifees befliegbarer Kleiderschrank, vollgestopft mit rosaroten Kleidchen zu sehen war, ging ein sehnsüchtiger Seufzer durch die Reihen der Mädchen und ganz bestimmt seufzten auch einige Mamas mit.

Mitten in all dem eine selige Lusie, die aufpassen musste, dass der Kinosessel sie wegen ihres Fliegengewichts nicht in die Höhe katapultierte. Verträumt lächelnd sass sie da, kaute auf ihrem Schokoladen-Popcorn herum und fieberte mit, wie Lillifee ihre rosarote Welt rettete. Vergessen all der Kummer über die nicht vorhandene Schwester, vergessen die Angst, der Film könnte ihr schlimme Träume bescheren. Vergessen auch, dass sie ja eigentlich kein Lillifee-Fan ist. Wenn sie jetzt nur nicht ihre guten Vorsätze vergisst und sich trotzdem eine Lillifee-Bettwäsche wünscht!

Und die Mama? Die sehnte sich für einmal nicht nach ihrer „NZZ am Sonntag“ und einer deftigen politischen Diskussion – mit Gleichgesinnten, natürlich, sonst gibt’s Ärger und davon hat Mama ja schon genug. Kein Drang, die Geschlechterrollen im Film zu hinterfragen, kein Bedürfnis, die Klischees von Sockel zu stürzen. Einfach nur Freude, dass ihr der Himmel neben vier wunderbaren Söhnen auch eine wunderbare Tochter geschenkt hat, mit der sie von Zeit zu Zeit auf der rosaroten Wolke schweben darf.

Nur schade, dass der Film so kurz war. Die Mama wäre gerne noch etwas länger geschwebt, denn zu Hause wartete eine schmutzige Wohnung. Und eine Woche ohne Putzfrau.

Kann man irgendwo Lillifees Zauberstab kaufen? Der Preis spielt keine Rolle.

Luise geht ins Kino, Teil I

Seit mehr als einem Jahr ist Luise stolze Besitzerin eines Kinogutscheins. Seit etwas mehr als zwei Jahren liegt sie ihrer Mama in den Ohren, sie wolle endlich auch einmal ins Kino gehen. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Mal wollte die Gotte sie mitnehmen. Doch Wall-E war Luise zu technisch. Und überhaupt wollte sie bei ihrem ersten Kinobesuch lieber die Mama dabei haben und die hatte keine Lust, ihr Geld für einen doofen Roboterfilm auszugeben. Ein ander Mal fragte die Freundin, die an diesem Tag gerade den „beste Freundin“-Titel trug, ob Luise mit ihr „Monsters and Aliens“ schauen wolle. Luise hatte keine Angst. Zumindest nicht davor, der Freundin zu sagen, vor einem Monster-Film habe sie furchtbare Angst und deshalb begleite sie lieber die Mama und den kleinen Bruder zur Kinderärztin.

Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. „Prinzessin Lillifee“ ist garantiert frei von Monstern, Robotern und Spannung. Eine rosarote Welt ist genau das Richtige für ein Kind, das schon schlecht schläft, nachdem sie mit ihren Brüdern die Anfangsszene von „Shrek“ auf DVD geschaut hat.

Vor Lillifee hat Luise keine Angst. Dafür aber andere Vorbehalte. „Weisst du, Mama“, sagte sie neulich ganz abgeklärt, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Lillifee-Fan.“ Was denn ein richtiger Lillifee-Fan sei, will ich wissen. „Also ich würde mir zum Beispiel niiiieeee eine Lillifee-Bettwäsche wünschen, oder auch keinen Lillifee-Schulsack, oder eine Lillifee-Tasse. Ich möchte nicht einmal ein Lillifee-Buch.“ Ach wie beruhigend! Dann müssen wir also nächste Woche nicht ganz aufs Essen verzichten, um uns all die Fanartikel leisten zu können. Woher allerdings Lusie weiss, was ein „richtiger“ Fan alles haben muss, möchte ich schon wissen. Immerhin hat sie bis heute noch kaum einmal Fernsehwerbung gesehen.

Heute also ist der grosse Tag, an dem Luise zum ersten Mal ins Kino geht. Wobei noch die Frage zu klären wäre, wer eigentlich wen begleitet. Denn nachdem sie mir das mit den Fanartikeln erklärt hatte, bemerkte sie grosszügig: „Weisst du, Mama, ich bin zwar kein richtiger Lillifee-Fan, aber ich komme trotzdem mit dir.“