Ist das die Lösung?

Da wagte das „Migros-Magazin“ vergangene Woche eine Familie zu portraitieren, die mit acht Kindern glücklich lebt. Ja, die Eltern tönten gar an, dass sie nicht abgeneigt wären, ein neuntes Kind zu haben, würden die Platzverhältnisse im Haus stimmen. Und was liest man diese Woche in den Leserbriefspalten?  Sätze wie diesen: „… ist es sinnvoll, hunderte von Jahren Umweltbelastung auf hohem Niveau in unsere sterbende Umwelt zu bringen?“ Oder wie diesen: „Man stelle sich vor, jedes fruchtbare Paar würde so viele Kinder zeugen wie die Schlattingers. Allein diese Vorstellung genügt, um die Antwort darauf zu geben, warum dieses Beispiel nicht unbedingt Schule machen sollte.“ Grund für diese Aussage auch hier die belastete Umwelt und die Überbevölkerung.

Solche Sätze lassen mich erschaudern. Was stimmt nicht mehr mit der Menschheit, dass man ein Kind mit den Worten „hunderte von Jahren Umweltbelastung“ umschreibt? Klar, auch ich weiss, dass die Welt ein paar Probleme hat, die dringend zu lösen sind. Aber muss man denn gleich mit der Problemlösung beginnen, indem man das Natürlichste der Welt in Frage stellt? Wäre es nicht sinnvoller, erst mal Absurditäten wie die unbegrenzte Mobilität, den übermässigen Fleischkonsum, die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel, die Energieverschwendung, ja, den modernen Lebensstil als Ganzes, zu hinterfragen? Denn die Umweltbelastung ist ja eigentlich nicht der Mensch, sondern all der Mist, der inzwischen völlig selbstverständlich zum Menschsein dazugehört: „Kinder“-Überraschungseier, Wegwerf-Handys, überfüllte Kleiderschränke, immer verfügbare Autos und dergleichen. Sollte man nicht eher darauf verzichten, als auf das Schönste, was das Leben zu bieten hat? Dazu müsste man allerdings ein paar Bequemlichkeiten opfern. Doch wer will das schon? Da schaffen wir doch lieber die Grossfamilie ab. Wo doch Kinder ohnehin nur quengeln, nerven und Dreck machen.

Vorurteile

Okay, ich geb’s ja zu. Ich habe zugelassen, dass sich in meinem Kopf Vorurteile bilden, und zwar gegen die Franzosen. Wer gerne nach England reist und auch sonst eher anglophil ist, denkt wohl mit der Zeit automatisch, die Franzosen seien arrogant, unfreundlich und was der Klischees sonst noch sind. Allein schon wegen  der Kontinentalsperre zu Zeiten Napoleons. Und Nicolas Sarkozy hat nicht eben dazu beigetragen, dass mir die Franzosen sympathischer wurden. Doch jetzt, wo ich nach vielen Jahren wieder mal in Frankreich bin, merke ich einmal mehr, dass Vorurteile nichts taugen. Die Franzosen sind ebenso nett, ebenso hilfsbereit, ebenso kinderfreundlich wie der Rest der Welt, nämlich mal mehr, mal weniger.

In einem Bereich werden wir uns aber trotz  aller wiedergewonnenen  Sympathie wohl nie finden: In der Abfalltrennung. Da soll ich doch tatsächlich PET-Flaschen, zerfledderte Zeitungen, Konservendosen und Aludeckel in den gleichen Sack schmeissen! Und Grünabfälle zusammen mit dem „Restmüll“ entsorgen! Wie können die nur? Bei jedem Aludeckeli, das im Sack landet, schreit die umweltbewusste Schweizerin in mir, die von frühester Kindheit an auf Aludeckelisammeln trainiert wurde, entsetzt auf. Bei jedem Salatblatt, das ich zum  „Restmüll“ schmeisse, schaue ich vorsichtig über meine Schultern. Hat mich auch ganz bestimmt keines der Kinder beobachtet? Nicht dass sie dieses frevelhafte Tun übernehmen und zu Hause den Abfall plötzlich à la francaise trennen.

Was mich an der ganzen Sache am meisten irritiert, ist, dass man mich dazu auffordert, den Abfall der Umwelt zuliebe auf diese Art und Weise zu trennen. Da meint man ganz naiv, Umweltschutz sei ein universelles Anliegen und muss erkennen, dass das, was der Schweizerischen Umwelt schadet, der Französischen Umwelt nützt. Und vielleicht auch umgekehrt…

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Kein Ende in Sicht

Während die Blogkrise dank der Hilfe von lieben Freunden schon fast durchgestanden ist, spitzt sich die Eisbärenkrise immer mehr zu. So langsam fürchte ich, dass Karlsson sich nicht so leicht wieder auffangen wird, wie man dies von einem Kind in seinem Alter erwarten würde. Den ganzen Tag brütet er vor sich hin und überlegt, wie man sich noch etwas umweltfreundlicher verhalten könnte, womit man die Menschheit von der Falschheit ihres Tuns überzeugen könnte.

An sich ist es ja keine schlechte Sache, wenn sich ein Kind Gedanken macht über die Zukunft unseres Planeten. Doch so langsam nimmt Karlsson extremistische Züge an. So wollte er uns heute tatsächlich verbieten, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir alle, inklusive Prinzchen und Zoowärter, einen einstündigen Fussmarsch auf uns nehmen müssen, nur damit die Eisbären nicht aussterben.

Okay, ich weiss, um die Umwelt zu schützen muss man  bereit sein, etwas von seiner Bequemlichkeit aufzuopfern. Aber genügt es denn fürs Erste nicht, dass „Meiner“ und ich uns vor mehr als einem Jahr bereitwillig von unserem benzinsaufenden, dreckschleudernden Siebenplätzer getrennt haben und seither nur noch höchst selten mit unserem sparsamen Fünfplätzerchen unterwegs sind? Müssen wir jetzt tatsächlich auch noch auf den Bus verzichten? Wenn das so weitergeht mit Karlsson, verlangt er demnächst, dass wir uns in Tierfelle hüllen, in eine Höhle umziehen und uns von Wurzeln, Beeren und Nüssen ernähren.

Hoffentlich geht es den Eisbären bald besser, denn zu so viel Verzicht  bin ich trotz aller Liebe zur Natur nicht bereit.

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