Auszeit

Weggeschickt hat er uns, mich und den Prinzen. Eine schlaflose Nacht, ein paar Tränen und schon wird man weggeschickt. Ab, ins Ländli! Nichteingeweihte, also Nicht-Evangelikale, werden jetzt fragen, was das Ländli sei. Evangelikale werden wissend nicken und sagen: “Wurde aber auch Zeit, dass die mal ins Ländli geht!”

Das Ländli, für die, die es nicht wissen, gehört zur Schwesterngemeinschaft Ländli. Das angeschlossene Kur- und Ferienhaus am Aegerisee ist der Ort wo evangelikale Christen sich zurückziehen, wenn ihnen das Leben zu viel wird.

Schon seit Monaten waren sie mir in den Ohren gelegen, die Nachbarin, die Ärztin und natürlich “Meiner”. “Geh endlich ins Ländli”, sagten sie, wenn mir mal wieder alles zu viel wurde. Aber ich wollte nicht. Warum kann ich nicht so recht begründen. Zwar war die Ländlischwester, die ich als Kind kannte, einer der liebsten Menschen auf dieser Erde. Dennoch konnte ich mich nicht mit der Idee anfreunden, mich an einem Ort zu erholen, wo andere hinfahren um gemeinsam zu fasten. Seitdem ich um jedes Stück Schokolade und jede ununterbrochene Nacht kämpfen muss, habe ich ein etwas gespanntes Verhältnis zur Askese entwickelt.

Dies alles ist “Meinem” egal und deshalb hat er mich eben zu meinem Glück gezwungen. Knappe 24 Stunden gab er mir, um mich auf das Abenteuer vorzubereiten. Und dann, vor zwei Tagen, sind das Prinzchen und ich abgereist, nach unzähligen Tränen von Luise, einem flüchtigen Kuss von Karlsson, einem schiefen Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten und einem Tobsuchtanfall von Linus mit der Schmusedecke, der halbnackt und mit Gummistiefeln ausgerüstet, auch mitwollte. Und dann, nach zwei Stunden Bahnfahrt und viermal Umsteigen standen wir da, in Oberägeri Station, beladen mit einem Koffer und unzähligen Vorurteilen. Aber wo ist jetzt das Ländli? Man sollte meinen, das Mekka der Erholungssuchenden sei gross angeschrieben, doch nichts da. Vermutlich geht man davon aus, dass jeder Evangelikale bei der Geburt einen Ländli-Radar mitgeliefert bekommt, doch bei mir ist der aus unerklärlichen Gründen vergessen gegangen. Nun, irgendwann kam ich auf die glorreiche Idee, der Buslinie zu folgen und dann waren wir da.

Und dann verstand ich, warum mich alle hier haben wollten. Allein schon die Seesicht und die verschneiten Landschaft wären die Reise Wert gewesen. Vollends eingenommen hat mich dann aber der Bücherladen im Foyer. Ein Ort, der mit einem Bücherladen ausgerüstet ist, kommt dem Paradies so nahe, wie es auf dieser Erde nur möglich ist. Gutes Essen, ein Wellnessbereich und unglaublich freundliche Menschen sind da nur noch das Sahnehäubchen. Währenddem sich ein Vorurteil nach dem anderen in Luft auflöste, begann ich langsam, mich zu entspannen. Ich weiss, es tönt kitschig, aber ich habe mich noch selten an einem Ort so wohl gefühlt.

Da blieb eigentlich nur noch ein Problem: Wie sollte ich hier zur Ruhe kommen? Als mit Abstand jüngster Gast war das Prinzchen eine derart begehrte Persönlichkeit, dass ich kaum zwei Schritte tun konnte, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden.

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