Morgens um sieben tritt sie auf die grosse Bühne des Familientheaters. Für ein paar Momente wird sie die Rolle der Verschlafenen spielen, doch schon Minuten später wird die Verschlafene verdrängt von der Hellwachen, der Motivatorin, die den beiden grössten Kindern zu einem fröhlichen Start in den Tag verhilft, und sei der Himmel noch so grau.
Während diese beiden Rollen täglich die Gleichen sind, ist alles, was danach folgt, reine Improvisation und zwar auf höchstem Niveau. Aus der Trösterin, die Luise versichert, dass sie auf der Kindergartenreise einen ganzen Tag ohne Mama klarkommen wird, wird blitzschnell die Schiedsrichterin, die dafür sorgt, dass Karlsson und Luise sich ohne Blutvergiessen darüber einigen, wer wo am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen ist das Prinzchen erwacht. Und schon hat sie die Rolle wieder gewechselt. Jetzt steht sie als Futterquelle auf der Bühne, um Augenblicke später als Kammerzofe für des Zoowärters saubere Kleidung zu sorgen. Um schliesslich auch noch dem morgenmuffeligen FeuerwehrRitterRömerPiraten zu einem sonnigen Tagesstart zu verhelfen, mutiert sie mal ganz kurz zur Minnesängerin, worauf sie als Einpeitscherin dafür sorgt, dass Karlsson und Luise nicht zu spät kommen.
So nimmt das Familientheater seinen Lauf, zwei bis vier Kostümwechsel inbegriffen. Geht sie einkaufen, rangeln die Geizige und die Grosszügige um die Aufmerksamkeit auf der Bühne. Paradoxerweise gibt die Grosszügie meist dann ihre beste Vorstellung, wenn das Budget am knappsten ist. Läutet das Telefon, geht wahlweise die verständnisvolle Freundin, die knallharte Neinsagerin, die jeden Telefonverkäufer das Fürchten lehrt, oder die schnippische Lehrersgattin, die „Ihren“ vor Zusatzarbeit schützt, an den Apparat. Wobei die Rolle der Telefonistin ihre besonderen Tücken hat, muss sie doch immer auch gleichzeitig die strenge Erzieherin sein, die verhindert, dass das Haus während des Telefonats in Schutt und Asche gelegt wird. Beim Mittagessen wird dann von den Kindern oft die Komödiantin verlangt. Je nach Tagesform schafft es diese, dass die Kinder vor Lachen unter dem Tisch liegen. Manchmal aber zaubert sie den Kleinen bloss ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Abends dann, wenn die Kinder im Bett sind, wäre die Leidenschaftliche gefragt, die Unterhaltsame, die lebhafte Gesprächsparterin. Doch leider bringt sie es nicht immer fertig, ihr Publikum zu begeistern. So sie es denn überhaupt auf die Bühne schafft.
Im Familientheater wird es ihr nie langweilig und es gibt durchaus Tage, an denen die Rollenwechsel reibungslos klappen und das Ganze ihr unglaublichen Spass bereitet. An anderen Tagen geht es nicht so glatt und dann steht plötzlich die Zornige auf der Bühne, wo eigentlich die Einfühlsame gefragt wäre. Oder die Übermüdete sinkt zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa, wenn doch die besonders Wachsame gerade ihren Auftritt haben sollte. Und manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass diejenigen, die erst viel viel später, so in zwei drei Jahren, dranwären, hinter Vorhang hervorlugen. Die Sehnsüchtige, die Eigensinnige und die Träumerin schaffen es immer wieder, die Vorführung mit ihren unbedachten Auftritten zu stören und alles aus der Bahn zu werfen. An gewissen Tagen drängt sich auch die Verzweifelte ins Rampenlicht, was meistens zu Tränen führt. Des langen Wartens müde, sind die Berufstätige und die Erfolgreiche im Begriff, sich aus der Show zu stehlen und die Regie muss aufpassen, dass nicht irgendwann die frustrierte Hausfrau die Hauptrolle an sich reisst.
Ja, die Regie. Die macht es ihr nicht immer einfach. Allein schon, herauszufinden, wer gerade auf dem Regiestuhl sitzt, ist zuweilen fast unmöglich. Sind es die Kinder, ist es „Meiner“, ist es der Glaube, ist es der Terminplan, ist es der Telefonverkäufer, ist es das Wetter, ist es die Schulleiterin, ist es der leere Kühlschrank? Oder gar alle miteinander?
Manchmal wäre es hilfreich, sie könnte wiedermal das Theaterstück lesen, um herauszufinden, was das Ganze überhaupt soll. Sie könnte dann ihre verschiedenen Rollen auch mit viel mehr Überzeugung spielen. Es würde ihr auch leichter fallen, unpassende Rollen aus dem Stück zu streichen. Doch leider macht sich die Nachdenkliche immer rarer, das Karussell der Rollen dreht sich immer schneller und manchmal bekommt sie Angst, dass sie eines Tages ihre Auftritte nicht mehr hinkriegt. Wer schaut dann, dass das Familientheater nicht vollkommen aus den Fugen gerät?