Wie viel müssen oder dürfen Geschwister einander helfen und wie oft dürfen sie zu Recht fragen „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Zum Glück habe ich vor langen Jahren einmal diese Diskussion mit einem militanten Einzelkind geführt, sonst wäre ich als Grossfamilienkind wohl nie für dieses wichtige Thema sensibilisiert worden. Wo es für mich doch vollkommen normal war, dass die älteste Schwester nachts um drei mein Erbrochenes aufwischte.
Was ein militantes Einzelkind sein soll, höre ich meine Leser fragen. Nun, in meiner Erfahrung gibt es drei Sorten von Einzelkindern. Da sind erstens mal die, die mit ihrer Familie vollkommen zufrieden sind. Klar hätten sie gerne mal ab und zu einen grossen Bruder gemietet, aber im Grossen und Ganzen waren sie so glücklich wie alle anderen Kinder auch, mal mehr, mal weniger. Dann gibt es die, die mit ihrer Familie vollkommen unglücklich sind. „Meiner“ gehört zu dieser Kategorie. Noch heute bedauert er zutiefst, dass er ohne Geschwister aufwachsen musste. Darum hat er ja auch mich geheiratet. Andere Männer heiraten ihre Frauen des Geldes wegen, „Meiner“ heiratete mich meines unüberschaubaren Clans wegen. Von dem Moment an, als er die Namen meiner sämtlichen Brüder, Schwestern, Schwägerinnen, Schwager, Neffen und Nichten auf dem Papier sah, vergötterte er mich.
Ja, und dann gibt es die dritte Kategorie, die militanten Einzelkinder, die zutiefst davon überzeugt sind, dass jede andere Familienform menschenunwürdig ist. So ähnlich wie gewisse zwanzigfache Mütter jedem predigen, er müsse sich grenzenlos vermehren, predigen sie, es sei verantwortungslos, mehr als ein Kind grosszuziehen. Mit eben so einem Einzelkind diskutierte ich vor Jahren die Frage, wie viel Verantwortung Geschwister füreinander tragen sollen. Dass sie sich auf diesem Gebiet für eine Expertin hielt, spricht für sich…
Seither also beschäftigt mich diese Frage. Auf dem Papier ist ja alles ganz einfach: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch in der Praxis gibt es Fälle, die sonnenklar sind. Dass zum Beispiel Luise „Meinem“ und mir das Sorgerecht für das Prinzchen entziehen und alleine für ihn sorgen will, geht nun mal einfach nicht. Und dass Karlsson ohne Gebrüll ein Papierfetzchen aufheben kann, auch wenn es der FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Boden geschmissen hat, sollte eigentlich keine Frage sein. Aber schon diese glasklaren Fälle lösen, je nach Laune der Kinder, heftige Diskussionen aus.
Je weiter wir uns in die Grauzone wagen, umso ausgedehnter werden die Verhandlungen. Muss Luise ihr Zimmer selber aufräumen, auch wenn eigentlich der Zoowärter, der das Konzept von Ordnung noch nicht verinnerlicht hat, das Chaos angerichtet hat? Ist es zumutbar, dass Karlsson für zehn Minuten seine Hausaufgaben unterbricht, um auf den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufzupassen? Damit Mama nicht die ganze Horde mitschleppen muss, wenn sie Luise zur Ballettstunde fährt. Kann man vom Zoowärter verlangen, dass er seine Schokolade mit den Grossen teilt, auch wenn er noch nicht ganz versteht warum? Kann man umgekehrt von Luise erwarten, dass sie dem Zoowärter etwas von ihrem Schleckstengel abgibt, den sie von der Geburtstagsparty mitgebracht hat?
Für meine Diskussionspartnerin vor vielen Jahren wäre die Antwort auf alle Fragen dieselbe gewesen: Nein, nein und nochmals nein. Für mich hingegen ist es ein tägliches Abwägen, wie ich es schaffe, keinem zu viel Verantwortung aufzubürden, keinen zu bevorzugen, jedem seinen Freiraum einzugestehen, jedem zu zeigen, dass er zwar wichtig und einzigartig, nicht aber der Nabel der Welt ist. Dies alles mit dem Ziel, die fünf zu mehr oder weniger gesellschaftsfähigen Menschen zu erziehen (die ihre Geschwister auch als Erwachsene noch lieben…).
