Oversharing

Wie das bei männlichen Teenagern ist, weiss ich (noch) nicht, aber weibliche Teenager kennen ganz eindeutig keine Hemmungen mehr, mit Erwachsenen über intimste Angelegenheiten zu reden. Es ist keineswegs so, dass ich es begrüssen würde, zurück zu den alten Tabus zu gehen. Wenn ich an meine Nichtaufklärung und die daraus entstandene Verklemmtheit zurückdenke, dann schaudert mich. Wenn ich mich daran erinnere, wie wir uns jeweils beim Turnlehrer verschämt wegen „Unwohlseins“ vom Schwimmunterricht abmeldeten – Warum waren wir eigentlich damals überzeugt davon, dass man während der Tage nicht schwimmen dürfe? -, dann erröte ich noch heute. Und ich bekomme noch heute eine Wut auf den Turnlehrer, der uns dazu zwang, mit Menstruationsbeschwerden bei grösster Hitze Runden zu rennen, weil wir nicht schwimmen „durften“. Nun, etwas Gutes hatte die Sache ja: Ich habe sehr schnell herausgefunden, dass man während der Tage eben doch schwimmen darf.

Heutige Teenager würden sich das Schweigen der Erwachsenen nicht mehr gefallen lassen und das ist in meinen Augen ein echter Fortschritt. Aber müssen die Teenager denn gleich soweit gehen, uns die intimsten Angelegenheiten ihres Lebens in allen Einzelheiten zu schildern? Bescheid zu wissen, wenn jemand Menstruationsbeschwerden hat ist das eine, darüber informiert zu werden, warum man Binden bevorzugt, wie viele davon man jeweils braucht und wie unappetitlich die Sache ist, ist das andere. Danke, ich muss nicht mehr wissen. Ich bin selber eine Frau.

Aber die Mitteilsamkeit hört hier nicht auf. Ich darf auch teilhaben an jedem Liebes-SMS – was ist bloss aus den guten alten Liebesbriefen geworden? -, das eigentlich an die „ganz grosse Liebe“, die in zwei Wochen schon wieder verflossen sein wird, gerichtet war. „Schatz, ich liebe dich so unglaublich! Schatz, noch nie in meinem Leben habe ich jemanden so geliebt wie dich! Schatz, ich vermisse dich so!“ Tut mir leid, ich komme da nicht mit. Für mich lag der Reiz des Verliebtseins immer darin, dass ich meine Gefühle mit niemandem teilen musste als mit dem, für den mein Herz schlug. Ein Liebesbrief, den alle lesen können, ist für mich kein Liebesbrief mehr sondern nur noch eine peinliche Angelegenheit.

Mit all dieser übertriebenen Mitteilsamkeit lässt sich halbwegs leben. Wenn sich aber ein mir beinahe fremder Teenager dazu gedrängt fühlt, von ihren erotischen Träumen zu erzählen und mir dann auch noch ausmalt, wie sie sich danach gefühlt hat, dann möchte ich mich nur noch übergeben  und dann dem jungen Mädchen sagen: „Ist mir egal, wenn du mich altmodisch schimpfst, aber zu unseren Zeiten hat man noch nicht mit jedem über solche Dinge geredet. Würde es dir etwas ausmachen, jetzt endlich deinen Mund zu halten?“

Früher wäre es besser gewesen, die Erwachsenen hätten den Teenagern mehr erzählt. Heute wäre es besser, die Teenager würden den Erwachsenen weniger erzählen.

10 Kommentare zu “Oversharing

  1. Geht mir auch so. Ich selber habe eine bald 18-jährige Schwester, 17 Jahre jünger als ich, über deren Verhalten ich immer wieder staune bzw. entsetzt bin.
    Die „große Liebe“ wechselt im Wochentakt, Gefühle und Intimtäten werden in Internetcommunities veröffentlicht und SMS an Leute, die noch nicht mal Bekannte sind, enden mit „Hab Dich lieb !“.
    Ich bin schon gespannt, wie sich unsere Kinder mal als Teenager verhalten werden …
    Liebe Grüße,

    Katrin

    • So sehr ich Extreme verabscheue, ich hoffe dennoch, dass das Pendel ganz leicht in die andere Richtung zurückschwingt, bevor unsere Kinder soweit sind. Liebe Grüsse zurück.

  2. Danke für deinen Beitrag, du beschreibst gerade meine SchülerInnen. Sie erzählen sowas nämlich nicht nur Verwandten, Freunden … sondern auch Lehrern.

    Ich frage ich auch immer wieder wie man auf die Idee kommt sowas seiner Lehrerin zu erzählen, aber vielleicht bin ich ja auch alt und spiesig. Wobei wenn das die Kriterien sind, dann bin ich gerne spießig. 🙂

    Lustiger Weise werden meine Schüler zwar bei derben sexuellen Texten oder persönlichsten Erlebnissen nicht mal rosa, aber wenn man von echten Gefühlen spricht, Vertrauen, Nähe … dann werden sie total nervös und dunkelrot.

    Denn bei der ganzen sexuellen Offenheit geht Intimität häufig völlig verloren. Das Gefühl etwas exlusiv zwischen 2 Menschen zu haben kennen viele gar nicht mehr. Und auch die Möglichkeit nicht alles mit allem „teilen“ zu müssen oder einfach bestimmte Dinge nicht zu machen/woll scheinen von einem anderen Stern zu kommen.

    Gut das ich nicht im Zeitalter von Facebook, SMS einen Partner finden muss, sondern meinen ganz altmodisch im direkten Kontakt gefunden habe. An den neuen Wegen der Liebe würde ich glaube ich verzweifeln.

    • Oh ja, was bin ich froh, dass ich „Meinen“ noch ganz altmodisch mit Zettelchen im Unterricht bezirzen konnte.
      Das mit den Lehrern fällt mir auch immer wieder auf, auch auf nichtsexuellem Gebiet. „Meiner“ erlebt es immer wieder, dass Schüler zum Beispiel seine Kleider kritisieren – „Sie sehen ja aus wie ein Penner!“ – oder ihm Komplimente machen wegen seines Aussehens. Wir haben solche Dinge früher ja auch gesagt, aber nur hinter dem Rücken der Lehrer… 😉

  3. Wenn ich eine vorsichtige Kritik /Verbesserungsvorschlag anbringen darf: Was diesem Blog noch fehlt ist eine Suchfunktion: Ich denke oft „Finde ich hier auch etwas über xyz“ und bei der Menge an Beiträgen ist es schwer, da etwas zu finden.
    Als vorsichtiger Verbesserungsvorschlag.
    (Ich hab genau aufgepasst: Das stand nicht bei „Acht Sätze, die man nicht…“ 🙂 )

  4. Wem immer weibliche Teenager etwas wie ausführlich erzählen – die eigene Mutter ist definitiv nicht dabei. Zumindest gilt das für den Teenager den ich hier habe und für deren Freundinnen, deren Mütter ich kenne. Übrigens wird auch den Freundinnen der eigenen Mutter nichts erzählt weil „ihr tratscht dann nur über uns“..
    Vielleicht habe ich hier aber auch einige untypische Exemplare die mir dauernd über den Weg laufen….

    • Wie das mit weiblichen Teenagern und ihren Müttern ist, weiss ich (Gott sei Dank!) noch nicht aus eigener Erfahrung. Zumindest aber hoffe ich, dass ich Luise beibringen kann, auswärts etwas mehr Diskretion walten zu lassen, als die Exemplare von weiblichen Teenagern, von denen hier die Rede ist.

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