Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?

10 Kommentare zu “Allein seligmachend

  1. Ich vermute mal, laut der gängigen „Methodik“ habe ich ziemlich viel ziemlich falsch gemacht. Deshalb erstaunt es mich jeden Tag aufs Neue, wie gut der Teenager geraten ist.

    • Ja, wir ahnungslosen Mütter liegen da wohl ziemlich schief in der Landschaft. Wer weiss, vielleicht hat ja irgendwann mal eine fremde Person deinen Teenager im Stehen gewickelt und deswegen ist sie so gut rausgekommen… 😉

  2. NEIN, wie kann es sein, dass ein Kind groß wird und das auch noch einigermaßen vernünftig ohne Gebrauchsanweisung. Mir ist ein wenig die Kinnlade runtergeklappt. Am besten man wirft alle Ratgeber über Bord und verfährt weiter nach Gefühl! Damit fühl ich mich jedenfalls am wohlsten und die Kinder haben eine authentische Mama. Is ja auch was 😉

    • Mit dem Gefühl bin ich bis anhin auch immer am besten gefahren. Aber was man da so zwischendurch an Rat(schlag)gebern in die Finger bekommt, ist schon haarsträubend….

  3. Hm, ich glaube es liegt einfach daran, dass Verfasser von Fachliteratur zu der Sorte von Menschen gehören die schon ziemlich heftig von sich und ihren Methoden überzeugt sind, sonst würden sie das nicht verfachliteraturieren. Eine andere Methode auch zu akzeptieren würde die eigene schwächen, darum das „immer“ und keine Alternativen und keine Ausnahmen. Lustig ist ja die Argumentation mit der Menschenwürde. Bis ich überhaupt begriffen habe was das ist, war ich längst aus dem Wickelalter raus, und so habe ich das Liegendwickeln bestens überlebt.

    Also stehend oder liegend wickeln kann frau sicher ruhig der Mutter oder dem Kind selbst überlassen, sobald es fähig ist sich dazu zu äussern.

    Es gibt aber ein „No-Go“ das die Kinderwürde verletzt, und da habe ich glaub ich 99.9% aller Kinder hinter mir: Wenn Mami auf ein Nastuch spuckt und dem Kind damit den Mund abwischt. Arrrrrgh…!

    • Schon erstaunlich, dass aus unserer Generation etwas geworden ist. Wo man doch damals die Menschenwürde noch überhaupt nicht achtete….

      Ja, das mit der Spucke ist tatsächlich eines der grössten No-Gos. Obschon: Gegen Kinderspucke auf Mamas und Papas scheinen die Kinder seltsamerweise nichts einzuwenden zu haben… 🙂

  4. Huch… ich habe meine Kinder NIEMALS im Stehen gewickelt… (doch… ICH stand.. :)) .
    Ich hätte jetzt behauptet, das geht gar nicht, aber Deinem Text entnehme ich, dass es doch geht.
    Mir ist aber schleierhaft, wie man da die Windel hinkriegt…?

    • Also, wenn nur die Mama steht, dann zählt das natürlich nicht… 😉
      Die Windel kriegt man irgendwie hin, aber erklären kann ich das nicht so recht….

      Wegen der Zeitung noch: Es hat kein Bild von der Zeitung, weil mein Scanner kaputt ist! Unter http://www.a-z.ch/medien/az/az-epaper wird man den Text vermutlich lesen können, aber für Nicht-Abonnenten ist das kostenpflichtig.

  5. Schreibt oder sagt wirklich irgendjemand, man muss sein Kind im Stehen wickeln? Mit Altersangabe? *grins* komische Leute…
    Wir wickeln übrigens auch im Stehen. Aber einfach nur, weil der Knirps nie liegen blieb, sondern aufstand, das ergab sich ganz ohne Ratschlag und automatisch… umgekehrt gebe ich zu, diesen Ratschlag auch schon gegeben zu haben, allerdings nicht als Verpflichtung oder sonst etwas, sondern nur, weil die entsprechende Mutter meinte, sie würde so gerne dem liegenden Wickelkampf entgehen – und ihr nicht ganz klar war, dass das auch im Stehen klappen kann 🙂

    • Oh ja, das schreibt tatsächlich jemand. In einer Zeitschrift eines bedeutenden Schweizer Krippenverbandes wurde eine Krippe, die es zum pädagogischen Dogma erhoben hat, Kinder von dem Moment an, wo sie stehen können, nur noch im Stehen zu wickeln, in den höchsten Tönen gelobt.
      Ich war ja auch ganz erstaunt, dass mich manchmal Mütter ganz verwundert fragen: „Wie, du wickelst dein Kind im Stehen? Ja, kann man das denn?“ Natürlich kann man und wir machen das auch ganz oft so. Denn für uns gehört Wickeln im Stehen halt einfach dazu; je nachdem, ob das Kind gerade lieber liegt oder steht wählen wir die eine oder andere Variante. Aber dass ich die Menschenwürde meines Kindes verletze, wenn ich es auf den Wickeltisch lege, scheint mir nun wirklich ein klitzekleines bisschen übertrieben… 😀

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