Das Prinzchen im Interview

Sag‘ mal, Prinzchen, wie findest du es eigentlich, dass deine Mama fast jeden Morgen zur Arbeit geht?

Das ist jeden Tag ein wenig anders. Am Donnerstag zum Beispiel, da finde ich das völlig okay, denn dann nimmt sie mich mit und liefert mich in der Krippe ab. 

Und an den anderen Tagen?

Na ja, das kommt darauf an, ob der Zoowärter schon wach ist, wenn ich aus dem Bett komme. Schläft er noch und die Mama geht weg, dann finde ich das ganz schrecklich. Ist er schon wach und so gut aufgelegt, dass er bereit ist, bei jedem Mist, den ich mir ausdenke, mitzumachen, bin ich ganz froh, wenn die Mama endlich geht und uns mit dem Au Pair alleine lässt. Au Pairs sind im Allgemeinen weniger streng als Mamas und deshalb kann man ihnen viel besser auf der Nase herumtanzen.

Vorhin hast du erwähnt, dass du es an manchen Tagen ganz schrecklich findest, dass die Mama geht. Was tust du denn, um sie zurückzuhalten?

Zuerst einmal stelle ich mich ihr in den Weg und jammere, dass ich auch mitgehen will. Geht sie darauf nicht ein, klammere ich mich an ihrem Bein fest. Gelingt es ihr, mich sanft von ihrem Bein zu lösen – abschütteln würde sie mich nie – renne ich ihr hinterher und heule was das Zeug hält. Meist kommt sie dann noch einmal zurück und umarmt mich, doch dann geht sie trotzdem ohne mich. Meist allerdings erst, nachdem das Au Pair ihr gesagt hat, sie solle gehen, ich würde mich dann schon wieder beruhigen. Ich glaube, wenn das Au Pair nicht wäre, hätte die Mama aus lauter Mitleid mit mir ihren Job schon längst wieder geschmissen.

Was tust du denn in der Zeit, in der die Mama nicht zu Hause ist?

Nun, das ist ganz unterschiedlich. Meistens versuche ich, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich teste, wie leicht sich die Tasten aus dem Klavier reissen lassen, probiere aus, wie sich blaue Kreide auf braunem Holzboden macht oder schmeisse Blumentöpfe vom Balkon, um herauszufinden, was mit ihnen geschieht, wenn sie landen.

Ich bin mir sicher, dass deine Mama unglaublich stolz auf ihren kleinen Jungen ist, der schon so viel mit seiner Zeit anzufangen weiss.

Tja, meine Mama sieht das leider etwas anders als du. Gewöhnlich ist sie nicht gerade erfreut über meine Leistungen. Noch schlimmer ist übrigens der Papa. Der liegt mir drei Wochen nach dem Vorfall mit dem Klavier noch immer mit seinem Gejammer in den Ohren, er sei sehr traurig, dass das Instrument nicht mehr alle Tasten hat. Also ich merke ja keinen Unterschied beim Klavierspielen, für mich lässt sich genau gleich herrlich in die Tasten hauen wie vorher. 

Zurück zu deiner Mama: Ich habe gehört, du hättest dir einen neuen Trick einfallen lassen, um ihr schlechtes Gewissen, dass sie morgens jeweils zur Arbeit geht, noch etwas zu verstärken…

Davon hast du schon gehört? Die Gerüchte verbreiten sich aber schnell hierzulande. Nun, mein Trick ist eigentlich ganz simpel: Ich lege mich abends wie gewohnt schlafen und beginne irgendwann leise zu wimmern. Irgendwann steigere ich das Wimmern zu einem lauten Weinen und dann, wenn Mama und Papa angerannt kommen, heule ich unablässig „Ich will auch mit!“. Um dem Ganzen etwas mehr Dramatik zu verleihen, mache ich das alles im Halbschlaf, so dass Mama und Papa spüren, dass mein Schmerz aus tiefster Seele kommt. 

Und, wie wirkt das auf deine Mama?

Sensationell! Als ich wieder in den Schlaf zurückdriften wollte, hörte ich, wie die Mama zum Papa gesagt hat, ich würde wohl sehr leiden darunter, dass sie viermal die Woche morgens zur Arbeit geht. Was sie zwar gehört hat, aber ihrem Gewissen nicht weitergeleitet hat: Dass ich im Halbschlaf noch gemurmelt habe, ich möchte mit dem Papa mitgehen. Grundsätzlich habe  ich nämlich gar kein Problem damit, dass sie zur Arbeit geht. Hin und wieder heule ich zwar, aber ich weiss ja auch, dass sie jeweils bald wieder zurückkommt und mich dann noch mehr hätschelt als gewöhnlich. Aber ich glaube, sie hat ein Problem damit, mich zurückzulassen und darum reichen ein paar Tränen von mir aus, um sie wieder in tiefste Zweifel zu stürzen, ob sie mir das zumuten kann. 

3 Gedanken zu “Das Prinzchen im Interview

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