Radikal

Ich weiss nicht, wie streng ihr das seht, aber meiner Meinung nach geht man noch nicht als Alkoholiker durch, wenn man sich alle paar Monate mal ein Gläschen Likör gönnt. Meiner Meinung nach müssten da schon noch ein paar Gläser mehr sein, damit man den Kindern ein schlechtes Beispiel abgibt. Zumal die Kinder der Hauptgrund sind, weshalb ich nach Jahren der Abstinenz wieder in geringen Mengen Alkohol konsumiere. Nein, nicht weil die Kinder mich dazu treiben, mein Elend im Glas zu ersäufen. Mein Entschluss, nicht vollkommen abstinent zu leben, hat einen erzieherischen Grund: Ich fürchte dass Alkohol in den Augen der Kinder umso faszinierender wird, je geheimnisvoller und verbotener die Sache ist. Wenn sie sehen, dass man auch im Mass geniessen kann, ersparen wir ihnen nicht jeden, aber doch vielleicht den einen oder anderen Suff. Und so hatte ich heute nicht die geringsten Gewissensbisse, als „Meiner“ und ich uns zum Feierabend diese wenigen Schlucke Likör gönnten.

Da sassen wir also in der seligen Gewissheit, pädagogisch sinnvoll zu geniessen, als ein gewisser junger Radikaler namens Karlsson, der eigentlich schon längst hätte schlafen müssen,  in die Küche marschiert kam, zur Flasche griff und den Inhalt kurzerhand ins Spülbecken kippte. Hat wohl etwas zu oft davon gelesen, wie der kleine Michel aus Lönneberga die Kirschweinflaschen für Frau Petrell zerschlagen hat. „Meiner“, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er seinem Vater mal in die Bierflasche gepinkelt und sie danach wieder fest verschlossen hat, in der Hoffnung, der Papa würde es trinken, fand die Aktion seines Ältesten nicht besonders lustig. Nicht, weil er an der Flasche hängen würde, sondern einfach, weil es etwas unheimlich ist, mit einem kleinen Extremisten unter einem Dach zu leben. 

2 Gedanken zu “Radikal

  1. Ja, ich meine das Gleiche wie du, nur, dass wir Schweizer das Doppel-S nicht kennen und darum sieht es eben AUD, als wollten wir uns besaufen, obschon wir das gar nicht wollen. 😉

  2. Ich nehme mal an, dass ihr eher in „Maßen“ denn in „Massen“ genießen wolltet 😉 , und dann stimme ich dir zu: es ist besser, den Kindern einen sinnvollen Umgang mit Alkohol vorzuleben, als ihn durch Verbote noch interessanter zu machen.
    Uns fehlt im Moment vor allem der gemeinsame Feierabend-Moment, zu dem wir etwas Derartiges trinken könnten, aber wenn die Kinder in dem Alter sind, wo das Thema für sie interessant wird, haben wir die Zeit hoffentlich auch wieder.

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