Rührend? Oh ja, und wie!

Karlsson, Luise, das Prinzchen und „Meiner“ kommen vom Winterkleidereinkauf nach Hause. Stolz führen alle ihre Sachen vor; das Prinzchen neben einem rot-blau gestreiften Pulli, einer Jeans und Krümelmonster-Socken auch einen grün-gelb gestreiften Gummiball. „Den Ball wird er sich wohl ertrotzt haben“, denke ich und beachte ihn so wenig wie möglich. Ich will nicht die Szene, die sich wegen dieses Balls im Laden abgespielt haben muss, noch einmal vorgeführt bekommen. Ich kann mir sie auch so lebhaft vorstellen:

Prinzchen (heulend): „Ich will keine Jeans, ich will diesen Ball da!!!!“

„Meiner“ (gereizt): „Du brauchst keinen Ball, du hast schon hunderte davon. Der liegt dann doch nur wieder rum…“

Prinzchen (schluchzend): „Noch nie habe ich einen Ball bekommen! Keinen einzigen. Und die anderen bekommen so viele Bälle, wie sie wollen.“

„Meiner“ (eine Spur gereizter): „Nun komm schon, Prinzchen! Wir brauchen noch Socken für den Zoowärter, Jeans für Luise, einen Pulli für den FeuerwehrRitterRömerPiraten und eine Mütze für Karlsson. Wir haben jetzt keine Zeit…“

Prinzchen (lauthals schreiend): „Wenn ich diesen Ball nicht bekomme, mache ich keinen Schritt mehr. Und dann nehme ich diese doofe Jeans nicht und diesen blöden Pulli und diese dummen Krümelmonster-Socken…“

„Meiner“ (vollkommen entnervt): „Dann nehmen wir diesen blöden Ball halt!“

Luise: „Bei mir hättest du nie nachgegeben. Nie! Aber das Prinzchen bekommt ja immer alles von euch.“

Karlsson: „Genau, bei uns wart ihr immer so streng, aber der kleine Bengel braucht nur zu heulen und schon bekommt er, was er sich wünscht.“

So etwa muss es gewesen sein, denke ich mir. Aber es war natürlich ganz anders: „Mama, diesen Ball habe ich von Karlsson bekommen“, erklärt mir das Prinzchen ungefragt. „Von Karlsson?“, frage ich erstaunt. „Ja, er hat ihn mir aus dieser Ball-Maschine im Kleidergeschäft rausgeholt. Für zwei Franken.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Karlsson hat seinem kleinen Bruder etwas geschenkt, was Karlsson von seiner Mama nie bekommen konnte, mochte er noch so sehr darum betteln?

Tatsächlich. „Ach weisst du, zuerst wollte ich das Prinzchen auf das Pferchen setzen, bei dem du früher auch immer nein gesagt hast, aber das funktionierte nicht. Da habe ich ihm eben einen Ball geschenkt. Weisst du noch, so einen wollte ich doch auch immer so gerne haben und da habe ich gedacht, er freut sich bestimmt, wenn er einen bekommt“, erklärt mir Karlsson, als ich nachfrage. 

Hach, wie süss! Mein grosser, vernünftiger Karlsson, der so oft – zu Recht oder zu Unrecht – findet, mit den Kleinen seien wir so viel nachgiebiger, erfüllt sich einen Kindheitstraum, indem er seinen kleinen Bruder beschenkt. Er sagt dort ja, wo ich auch heute noch konsequent nein sage, bei jedem Kind. Und dies alles, ohne dass das Prinzchen ein Geschrei hätte anstimmen müssen. Ich glaube, er musste noch nicht mal fragen, Karlsson hat seinem kleinen Bruder den Wunsch einfach von den Augen abgelesen. 

Ich bin so gerührt, dass ich Karlsson am liebsten bei der Hand nehmen würde um mit ihm ins Kleidergeschäft zu gehen, wo er so oft Pferchen reiten dürfte wie er nur möchte. Und dann dürfte er ganz viele Bälle aus der Maschine haben. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Karlsson sich das noch immer wünscht….

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