Weshalb ich bis heute geschwiegen habe

Die Welt versinkt im Chaos, an Europas Grenzen spielen sich Dramen ab und Mama Venditti weiss nichts Besseres, als ein wenig aus ihrer winzig kleinen heilen Welt zu plaudern. So dachte ich immer mal wieder in letzter Zeit und so dachte vielleicht auch der eine oder andere Leser. Dennoch brachte ich es nicht fertig, mich zum Thema zu äussern. Warum nicht?

Nun, zum einen, weil es mir ob des Grauens schlicht und ergreifend die Sprache verschlägt. Sehe ich Bilder wie dasjenige des kleinen Aylan, dann formen sich in meinem Kopf für einmal keine Sätze, dann fliessen nur die Tränen. „Mein Gott, wie erträgst du eine Welt, in der kleine Kinder auf diese Art zu Tode kommen?“, sind die einzigen Worte, zu denen ich dann noch fähig bin. Ja, und dann vielleicht noch zu der Frage: „Was kann ich denn schon tun?“ Ohnmacht, Trauer, Wut, Scham und auch ein wenig Angst, wie das weitergehen soll mit diesem Planeten – diese Gefühle lähmen mich.

Ich habe aber auch geschwiegen, weil ich keine Plattform bieten wollte für jene, die es gar beim Anblick von toten Kindern noch immer nicht lassen können, ihr Gift zu verspritzen. Wo auch immer etwas zum Thema geschrieben wird, sind sie als erste da, um ihre Mäuler aufzureissen und ich kann sie nicht länger ertragen. Inzwischen aber weiss ich, was ich tun werde, falls sie auch hier herumbrüllen wollen: Ich werde Zensur walten lassen. Ja, ich weiss, das widerspricht ganz und gar meiner üblichen Haltung, aber die Widerlinge haben genügend andere Orte, wo sie ihre hasserfüllten Worte unters Volk bringen können.

Oaky, ich wollte nicht nur wüste Kommentare verhindern, ich hatte auch keine Lust, über die Sache zu diskutieren und das war vielleicht feige. Diskutieren will ich aber auch jetzt noch nicht, denn ich sehe die Sache so: Steht es mir etwa zu, zu urteilen, ob jene, die kommen, auch wirklich ein Anrecht hatten, sich aufzumachen, um einen neuen Anfang zu suchen? Ich mag nicht urteilen, mag nicht debattieren über Beweggründe, die ich nie kennen werde, sofern ich nicht mit diesen Menschen bei einer Tasse Tee darüber geredet habe, was sie dazu bewogen hat, alles hinter sich zu lassen. Mir ist klar, dass diese Angelegenheit sehr viele unterschiedliche Aspekte hat und je nachdem, von welchem Standpunkt aus man sie beleuchtet, kann man die Dinge so oder so sehen. Aber ich finde es schlicht anmassend, zu behaupten, ich hätte anders gehandelt als sie, wo ich doch keinen Schimmer habe, welche Entscheidungen ich für richtig ansähe, wäre ich dazu verdammt gewesen, ein Leben zu leben, wie sie es müssen. Diskutieren finde ich also müssig, es sei denn, man suchte ernsthaft nach Lösungen, immer im Bewusstsein, dass wir es hier mit ganz vielen einzelnen Menschen und ihren Geschichten zu tun haben und nicht mit irgendwelchen diffusen Massen.

Ja, und dann treibt mich natürlich auch die Frage um, wie wir unsere eigenen Kinder lehren, zu teilen und nicht zu verurteilen.  

Dies ist es, was ich momentan zu den Tragödien zu sagen habe, die sich in diesen Tagen abspielen. Und jetzt überlege ich mir, ob ich nicht nur gross daherschwätzen kann, sondern ob ich nicht doch wenigstens einen winzig kleinen Beitrag leisten kann, um dieses elende Dreckloch namens Welt ein ganz klein wenig besser zu machen.

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13 Kommentare zu “Weshalb ich bis heute geschwiegen habe

  1. Okay, ich muss gestehen, dass ich als Schweizerin nur etwa die Hälfte deines Kommentars so richtig verstehe, aber um der Meinung keine unnötigen Grenzen zu setzen, habe ich ihn aus dem SPAM-Ordner, wo er gelandet ist, befreit.

  2. Ja, die Art, wie wir es tun, und unsere Ignoranz gegenüber den Wirkungen könnten das Problem sein. Wir haben viele Arten auf dem Gewissen. Jetzt kommen sie als Menschen wieder auf die Erde und wir können vielleicht nun erkennen und lernen. So stelle ich es mir vor.

  3. Vor diesem „wir wissen nicht, was wir tun“ graut mir manchmal ganz schrecklich. Ich denke, sind uns längst nicht bewusst, welche Kettenreaktion wir mit unserem Streben nach immer mehr ausgelöst haben.

  4. Bin auch immer noch auf der Suche nach Erleuchtung, aber immerhin zeigt mir die ganze Sache schon, welche Namen im Oktober mit Sicherheit nicht auf meinem Wahlzettel stehen werden.

  5. ob NR Föhn, SVP, der in der heutigen Ausgabe der AZ prominent zu Wort kommt, auch schon einmal so gedacht hat? Ich denke nicht. Mich kotzt es an, immer wieder zu hören:“Die echten Flüchtlinge sind durchaus willkommen. Die Wirtschaftsflüchtlinge aber nicht.“ Das sind die dümmsten Feigenblatt-Argumente von Brüllaffen (und-äffinnen), mit denen sie ihr fremdenfeindliches, menschenverachtendes Verhalten zu kaschieren versuchen
    . ..:

  6. Ich habe noch nicht darüber geschrieben, was ich für die Flüchtlinge mache. Nur ein bisschen deutet sich an, welche inneren Kriege ich zu befrieden trachte. Wie innen, so außen, sagen die Indianer. Oder andersherum. Ich habe Kontakt zu einigen hier Gestrandeten aufgenommen und möchte ihnen helfen beim Erlernen ihrer neuen Umgebungssprache. Und: ja, alles hängt zusammen, die „Guten“ leisten ihren Beitrag zum Elend, auch wenn sie es noch nicht wahrhaben. Denn wir wissen nicht, was wir tun.

  7. Und einmal mehr hast Du meine Gedanken in Worte gefasst… Ich bin mir auch noch am Überlegen, wie ich/wir zumindest ein homöopathisches Tröpfchen für diese Menschen – oder zumindest einige davon – beitragen könnten. Die Erleuchtung hatte ich noch nicht…
    Eine gute Nacht und liebe Grüsse * Céline.

  8. paradiesisches schlaraffenland deutschland?
    deutschland ist ein schlaraffenland, ein paradies mitten in europa. deutschland ist aber auch ein königreich, regiert von königin angela. vor vielen, vielen jahren wurde sie vom deutschen volk an die macht gewählt, weil der alte könig jürgen seit der eroberung mallorcas, vor einigen jahrzehnten, auf dieser insel regiert. er kümmert sich dort um die aus putzeimer saufenden, verhaltensauffälligen und grässlich verkleideten besoffenen deutschen, die jedes jahr von königin angela auf die insel in urlaub geschickt werden.

    das königreich hat viele königinnen und könige. einen modekönig, weil der immer der schönste sein will, sieht er jetzt aus wie eine schwule kaulquappe und eine dschungelkönigin, weil sie im dschungel den kokodilen den pimmel und den kangaroos die eier abgebissen und gegessen hat. die kirche hatte auch mal einen eigenen könig, der hatte sich, um könig zu werden, für viele trillionen euro eine goldene residenz, mit goldenen toiletten gebaut.
    mehr hierzu: https://campogeno.wordpress.com/2015/09/05/paradiesisch-schlaraffenland-deutschland/

  9. Ich denke auch, dass sich kaum einer freiwillig entwurzeln lässt. Und so ganz unschuldig sind die reichen Länder ja nicht an den Konflikten…

  10. Diese Menschen reisen von einer Verzweiflung in die nächste. Hoffentlich finden sie einen Ort, wo sie bleiben dürfen. Das Beste wäre gewesen, wenn diese Entwurzelung gar nicht erst notwendig geworden wäre.

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