Lieber Frühling

Bitte nimm es mir nicht krumm, wenn ich heute ganz offen mit dir rede. Meine Worte sind freundschaftlich gemeint und als eine deiner grossen Verehrerinnen, die es dir nicht krumm nimmt, wenn du dich hin und wieder ganz garstig aufführst, fühle ich mich berechtigt, dir zu sagen, was ich von den Mätzchen halte, die du derzeit aufführst.

Dein Einknicken vor jenen, die schon wieder sämtliche sozialen Medien mit ihrem Gejammer vollpflastern, erscheint mir bedenklich. Ja, sie fordern von dir, dein sonniges, warmherziges Gesicht zu zeigen und möglichst schnell deine volle Pracht zu entfalten. Aber wer sagt denn, dass du das tun musst? Du bist der Frühling, du kannst es dir leisten, launenhaft und unberechenbar zu sein, mal garstig, mal sonnig, mal kühl, mal warm. Menschen, die noch wissen, wie du früher mal warst, erwarten gar nichts anderes von dir, sie sind vielleicht höchstens ein wenig erstaunt, dass du das alles bereits im März und nicht erst im April tust. 

Ich finde es geradezu peinlich von dir, wie du nun versuchst, jene zufrieden zu stellen, die ein ganz und gar unrealistisches, von der Waschmittelwerbung inspiriertes Bild von dir haben. Das mit den Narzissen, die du schon Ende Februar hast erblühen lassen, hätte ich dir noch nachsehen können. Narzissen sind ja bekanntlich ziemlich widerstandsfähig und lassen sich durch den Schnee, den du hin und wieder fallen lässt, nicht beirren. Was du jetzt aber mit unserem Aprikosenbaum abziehst, geht zu weit. Nur weil die Banausen jetzt schon blühende Bäume erwarten, brauchst du nicht gleich nachzugeben und die zarten rosaroten Blütenblättchen der Kälte aussetzen. 

Dein Verhalten spricht Bände über deine Unerfahrenheit mit sozialen Medien. Du glaubst, du müsstest tun, was sie dort lautstark von dir fordern, aber so ist das nicht. Die reden dort nur gross daher, aber anhaben können sie dir nichts. Immerhin warst du vor ihnen da, und hoffentlich wirst du auch noch da sein, wenn sie alle schon Geschichte sind. Darum möchte ich dir Mut zusprechen: Du musst das nicht tun, mein lieber Frühling, du darfst ganz dich selbst bleiben (und unserem Aprikosenbaum noch ein paar Tage oder Wochen Winterruhe gönnen).

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2 Kommentare zu “Lieber Frühling

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