Ich glaub‘ die mögen mich…

Dass man mich heute nicht ganz ohne Widerstand zum Frauentag gehen lassen würde, hatte ich erwartet. Am Donnerstag hatte ich ja noch befürchtet, die Erkältung würde mir einen Strich durch die Rechnung machen, doch erstaunlicherweise machte sie sich heute Nacht still und leise davon. Gut, sie liess mir einen hartnäckigen Husten als Andenken zurück, aber Gliederschmerzen, Brummschädel und Triefnase hat sie wieder mitgenommen. Von dieser Seite her hatte ich also grünes Licht.

Etwas schwieriger war es mit den Kindern, die mich im Laufe der vergangenen Woche etwas weniger als gewöhnlich zu Gesicht bekommen hatten, was nicht alleine an mir lag, sondern auch an Geburtstagspartys, Musikstunden und Arztterminen. „Mama, du darfst nicht gehen“, klagten sie, aber nur so lange, bis sie sahen, dass ich ihnen in der Bäckerei Gipfeli und Tessinerbrot besorgt hatte und dann liessen sie mich von Herzen gerne ziehen. So wenig braucht es, damit die Kinder auch mal einen Tag ohne mich auskommen können…

Zwei aber konnten sich gar nicht damit abfinden, den Tag ohne mich zu verbringen: Leone und Henrietta. Wie gewöhnlich begleiteten sie mich zur Haustüre, aber anstatt sich im Garten auf Vogeljagd zu begeben, machten sie sich auf, mich zum Bahnhof zu begleiten. Zuerst dachte ich ja noch, ich könnte die zwei in irgend einem Garten unterwegs abschütteln, doch ich musste bald einmal erkennen, dass die Katzen nicht von meiner Seite wichen. Als wir an der Hauptstrasse angelangt waren, hiess es umkehren und Karlsson bitten, die Katzen zu holen. Hauptstrasse und Bahngeleise waren mir dann doch zu gefährlich für die zwei. Henrietta liess sich bereitwillig mit ins Haus nehmen, Leone aber mochte mich noch immer nicht alleine ziehen lassen. Inzwischen war mein Zug längst abgefahren, also machte ich mich auf zur Bushaltestelle, Leone stets an meiner Seite. Der Bus liess auf sich warten, Leone wartete in sicherer Distanz zur Strasse mit. Keine Sekunde liess er mich aus den Augen und hätte ihn eine nette Mitreisende nicht im letzten Moment um die Hausecke und somit in Sicherheit gejagt, er wäre wohl mit mir in den Bus gestiegen. Und so kam ich einmal mehr mit Verspätung an meinem Ziel an, ausnahmsweise nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Katzen.

Als ich am späten Abend nach einem Tag voller netter Begegnungen und neuer Impulse von der Bushaltestelle nach Hause ging, wartete Kater Leone in sicherer Entfernung zur Strasse auf einem Mäuerchen. Kaum erkannte er mich, rannte er mir mit einem verzweifelten Miauen entgegen. Er, der gewöhnlich spätestens um fünf Uhr nachmittags bei Fressnapf und Sofa sein will, mochte erst wieder nach Hause kommen, als er mich wieder in Sicherheit wusste. Ich glaube fast, der Kleine hat mich vermisst…

Und dann noch dies:

Ich weiss nicht, ob mich der Inhalt oder die Orthographie mehr erschüttert, aber dieser Satz, den ich heute im Bus gelesen habe, geht mir nicht aus dem Kopf: „Schulergänzende Tagesstrukturen werden strickt abgelehnt.“ 

Hausmännerfrusttag

Zugegeben, das war nicht besonders nett von mir. Da wünschte ich „Meinem“ gestern, dass er sich endlich einmal richtig entspannen könne und was mute ich ihm heute zu? Einen Hausmännerfrusttag mit allem Drum und Dran. Es fing an mit verfaultem Obst im Schulthek des FeuerwehrRitterRömerPiraten, ging weiter mit einem Arzttermin, danach musste ein Geburtstagsgeschenk für des Zoowärters Kindergartenfreund her, schliesslich Raubtierfütterung ohne meine Unterstützung und nachmittags QuerflötenstundeOrchesterprobeZoowärterFürDieGeburtstagspartyBereitmachenHausaufgabenÜberwachenKücheSaubermachenScherbenAufwischenLuiseZurechtweisenPrinzchenTröstenArztterminAbsagenAnruferAbwimmelnUndAllDerKleinkramDerSchonLängstWiederVergessenIst. Also das volle Programm und nichts mit aufatmen und entspannen.

Und was tat ich derweilen? Zivilstandsregister wälzen mit meinem Vater, der sich des Familienstammbaums angenommen hat. Etwas, was ich mir als halbe Historikerin natürlich nicht entgehen lassen kann. Herrlich, dieses Stöbern in verstaubten Büchern! Wenn bloss das schlechte Gewissen nicht wäre, weil „Meiner“ sich ganz alleine dem übervollen Mittwochsprogramm stellen musste. Das einzige, was meine Gewissensbisse ein wenig dämpft ist die Aussicht auf einen nicht minder turbulenten Donnerstag, der wohl damit ausgefüllt sein wird, die Spuren des heutigen Hausmännerfrusttages zu beseitigen. Ist irgendwie beruhigend, dass „Meiner“ das nicht besser hingekriegt hat als ich jeweils…

Frühlingsgefühle

Nach einem viel zu langen Winter packt mich endlich wieder der Enthusiasmus für Neues. Im Garten, zum Beispiel,  da möchte ich die Erdbeerpflanzen ausgraben, neue Erde aufschütten und dann, wenn der Frühling da ist, so viele verschiedene Tomatenpflanzen setzen, wie ich auf dem Markt bekommen kann. Und dort drüben, wo die Garage steht, da möchte ich viel lieber ein geräumiges Spielhaus für die Kinder aufstellen. Die Garage ist ja ohnehin bald durchgerostet, da könnte man sie doch einfach abreissen, einen Carport auf den Parkplatz stellen und viel neuen Raum gewinnen. Die elenden Bodenplatten könnten ja auch gleich verschwinden. Mehr Platz für Gemüse, Beeren, Blumen und natürlich auch zum Spielen. Hach, wäre das nicht traumhaft…

Mein neues Schreibzimmer könnte auch etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Weg mit all dem Kram, mit dem die Kinder den Fussboden übersät haben, her mit den bunten Bildern, mit den Ordnern, in die ich alle meine Ideen, meine veröffentlichten Texte, meine Entwürfe ablegen kann. Her mit dem netten Schnickschnack, der in unserem Zuhause überall in Lebensgefahr schwebt und der bei mir, in meinem eigenen Zimmer – wo die Kinder Zutrittsverbot bekommen, sobald es fertig eingerichtet ist – einen sicheren Hafen finden wird. Und wenn dann das Zimmer so ist, wie ich es mir erträumt habe, dann werde ich drauflos schreiben, die Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren zu Papier bringen und vielleicht sogar wieder den Mut aufbringen, etwas zaghaft ans Licht der Öffentlichkeit zu schubsen. Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen…

Wo ich schon dabei bin, könnte ich mich gleich unserer ganzen Wohnung annehmen. Das Chaos, das sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, beseitigen, die Schränke herausputzen, wegschmeissen, was keinen Platz mehr hat, Möbel umstellen, ja, vielleicht sogar die Fenster putzen. Mich juckt es doch tatsächlich in den Fingern, hier endlich einmal gründlich für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen.

Und dann möchte ich so gerne wiedermal Gäste einladen. All die lieben Leute, für die ich so wenig Zeit hatte. Mich mit Freundinnen zum Kaffee treffen, meine kleine Nichte einladen, damit sie mit dem Prinzchen spielen kann, vielleicht sogar endlich den Mut aufbringen, meiner Schwester einen Überraschungsbesuch abzustatten. Vielleicht mit einem selbst gebackenen Kuchen.

Wo wir schon beim Backen sind: Nächste Woche backe ich ganz bestimmt wiedermal ein Brot aus frisch gemahlenen Körnern. „Meinen“ am Abend, wenn die Kinder schlafen, mit einem köstlichen Abendessen bei Kerzenschein überraschen, mit schöner Musik und allem, was dazugehört. Und dann werde ich endlich dieses neue Rezept für diese Quarktorte ausprobieren und dann säe ich vielleicht Sprossen an, mit denen wir unsere Salate verfeinern können und vielleicht nehme ich mir bald einmal Zeit, mit Karlsson und Luise Macarons zu machen. Das habe ich ihnen schon so lange versprochen. Das wird bestimmt ganz köstlich, wenn auch nicht perfekt…

Ich kann es kaum erwarten, alle diese Pläne und Träume endlich in Tat umzusetzen. Gleich morgen werde ich damit beginnen, oder vielleicht auch übermorgen, spätestens aber am Dienstag. Falls ich dann endlich die Energie aufbringen kann, mich vom Sofa zu erheben…

 

Phasen

Wir stecken mal wieder mitten drin in einer „Nein, nur Mama darf das“-Phase. Mama kann am besten Spaghetti verschneiden, Mama kann besser den Hintern abwischen, Mama kann besser Zahnpaste auf die Zanhbürste drücken, Mama kann besser Schuhe binden… Der übliche unverrückbare Glaube eines Dreijährigen an die übermenschlichen Fähigkeiten seiner Mama. Wenn es nicht so anstrengend wäre, für jede kleine Handreichung herbeigerufen zu werden, auch wenn der Papa zehn Zentimeter neben dem Kind steht, ich würde mich geehrt fühlen. Endlich wieder einer, der mir etwas zutraut und wenn es nur darum geht, ihm einen Löffel aus der Schublade zu reichen.

Früher hat „Meiner“ arg gelitten unter der  Zurückweisung, die er als Vater während dieser Phase jeweils erlebt. Besonders schlimm war es,  als Karlsson drei war und einen Tobsuchtanfall bekam, weil Papa sich erfrecht hatte, die Autotür für ihn zu öffnen. Heute wissen wir natürlich beide, dass eine solche väterliche Kompetenzüberschreitung nicht toleriert wird, aber damals glaubten wir noch, man müsse dem Kind nur deutlich genug beweisen, dass der Papa das ebenfalls ganz gut hinkriegt, dann sei die Sache nach ein paar Tagen ausgestanden. Hach, wir hatten ja keine Ahnung damals. Einmal geriet Karlsson so sehr in Rage darüber, dass „Meiner“ mit ihm zur Post ging, während ich mit Luise den Bücherladen aufsuchte, dass die Passanten glaubten, das arme Kind würde misshandelt. Es war das einzige Mal, dass „Meiner“ verdächtigt wurde, ein böser, fremder Mann zu sein, der ein wehrloses Kind in seiner Gewalt hatte. Dabei war es genau umgekehrt, aber das glaubt einem ja keiner, erst recht nicht, wenn man ein Mann ist.

Heute würde uns so etwas  nicht mehr passieren. Wir haben gelernt, dass Papa während dieser Phase das  Kind unter gar keinen Umständen berühren darf, dass er aber, wenn er sich an dieses kindliche Verbot hält, in zwei oder drei Jahren mit abgöttischer Liebe von eben diesem Kind für diese Zurückweisung entschädigt wird. Aber nicht nur „Meiner“ hat gelernt, auch ich weiss inzwischen, dass ich für zwei oder drei Monate rund um die Uhr im Dienste des Prinzchens stehen werde und dass ich mich deswegen wohl am besten von allen anderen Pflichten beurlaben lasse. Ich stelle mich auf eine ziemlich herausfordernde Zeit ein, aber inzwischen weiss ich, dass das Kind sich erst dann ein Stück weit von der Mama entfernen wird, wenn es zuerst ausgiebig getestet hat, ob diese im Notfall immer da ist.

Wobei ich eigentlich noch gar nicht soweit bin, das Prinzchen ziehen zu lassen, wo nach ihm doch kein kleiner Mensch mehr kommt, der mir das Gefühl vermittelt, ich  könne alles, aber auch wirklich alles besser als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Ich glaube, ich muss mir etwas einfallen lassen, damit er noch etwas bei mir bleibt. Vielleicht versuche ich es mal mit der „Nein, nur das Prinzchen darf das“-Phase…

 

So war das früher jeden Tag…

Zuerst einmal muss ich vorausschicken, dass ich die vergangene Woche mit den Kindern genossen habe. „Meiner“ musste bereits wieder arbeiten, die Kinder hatten noch Ferien und ich legte meine Arbeitszeiten so, dass wir fast ohne Fremdbetreuung auskamen. Es war herrlich: Bilderbücher vorlesesen, kuscheln, Fragen beantworten, gemeinsam singen, spontane Kaffeerunden mit Schwester, Schwager, Mutter und Neffen, philosophieren – „Gell Mama, das was jetzt ist, passiert wirklich, oder?“ – in aller Ruhe Mittagessen kochen und so lange am Tisch sitzen, bis die Kinder keine Lust mehr zum Sitzen haben und nicht, bis der Erste schon wieder aus dem Haus muss. Wunderbar, ganz ehrlich.

Und auch ganz schrecklich anstrengend. Denn wenn du sechs Tage lang ganz alleine bei ziemlich ungemütlichem Wetter fünf Kinder bei Laune halten musst, dann ist das ein Fulltime-Job. Allein schon die Fütterung nimmt den halben Tag in Anspruch, denn wenn der Letzte seinen Frühstückskakao endlich leergetrunken hat, verlangt derjenige, der schon um sieben gefrühstückt hat, bereits nach Mittagessen. Aber zum Kochen kommst du noch lange nicht, weil dir alle paar Minuten ein Kind eine Kiwi zum Schälen hinstreckt. Und du wirst doch deinen Kindern eine kleine Kiwi zwischendurch nicht verwehren wollen? Ist doch so gesund. Ach ja, dazwischen muss natürlich immer mal wieder der Besen her, weil ihr sonst in den Brosamen ersauft, bevor der Tag zu Ende ist. Und kaum ist der Fussboden endlich sauber, fällt die Horde wieder in die Küche ein und verlangt nach Zvieri-Broten.

Wenn du hartnäckig genug bist, wirst du deine Knöpfe vielleicht noch vor dem Mittagessen dazu überreden können, aus dem Pyjama und in die Kleider kommen. Vielleicht geht dir aber schon vorher der Schnauf aus und du erlaubst ausnahmsweise das Essen im Schlafanzug. Weil du selber zwischen Kakaokochen, Bodenfegen, Kiwischälen, etc. keine Zeit findest, dich anzuziehen und du kannst von deinen Kindern ja nicht verlangen, was du selber nicht schaffst. Vielleicht aber musst du auch einfach dankbar sein, wenn die kleinsten Vendittis wenigstens einen Schlafanzug tragen beim Essen und nicht ganz nackt zu Tisch kommen, denn während sich die halbe Welt im Februar ins Fasnachtskostüm stürzt, hat für die kleinsten Vendittis die Nudisten-Saison angefangen. Man frage mich nicht, warum dies so ist, aber das war schon bei den Grossen so, als ihr Schamgefühl sie noch nicht davon abhielt, mitten im Winter splitterfasernackt durch die Wohung zu rennen.

Der Grossteil des Tages geht also für Fütterung, fegen und anziehen drauf. Dazwischen verstreut die oben erwähnten glücklichen Mama-Kind-Momente, dann noch der eine oder andere Streit, der geschlichtet werden will, der Versuch einer Kaffeepause und der Tag ist wieder um. An grössere Vorhaben wie zum Beispiel Zimmer aufräumen, einkaufen, die Wäsche aufhängen oder einen Anruf zu tätigen ist nicht zu denken, denn wehe, du kehrst den Kindern nur eine Minute den Rücken zu! Dann wirst du bestraft mit überlaufenden Badewannen, verschütteten Corn Flakes und honigverschmierten Stühlen.

Okay, ich hätte die fünf auch mit Dauerfernsehen ruhig stellen können, aber wie hätte ich mich da wieder an die alten Zeiten zurückerinnert, als solche Tage nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren?

 

Uraufführung

Nachdem Luise zweimal hintereinander eine tragende Rolle in einem Theaterstück bekommen hat, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Kaum erwähnt einer das Wort Theater, stellt sie sich aus den Anwesenden ein Ensemble zusammen, verschanzt sich mit diesem in einem entlegenen Winkel der Wohnung und dann wird geprobt und zwar „richtig und nicht so ‚Gell, ich wäre jetzt der Gärtner und würde dort drüben ein Blümchen giessen‘ oder solchen Quatsch“. Natürlich führt Luise nicht nur Regie, sie gibt auch den Text vor und dass sie eine der tragenden Rollen übernimmt, versteht sich von selbst. Sie hat ja auch am meisten Erfahrung.

Heute waren das Prinzchen und der Zoowärter die Auserwählten, die mitmachen durften. Pünktlich um halb acht wurde vor ausgebuchten Sofaplätzen das Stück „Die Reise nach England“ uraufgeführt. Eine herzzerreissende Geschichte von drei Waisenkindern, die sich mit nackten Füssen und nur einer Scheibe Knäckebrot zu ihren guten Grosseltern nach England durchschlagen müssen. Natürlich hat die Regie ein Happy Ending vorgesehen, dumm ist nur, dass die Zuschauer es nicht zu sehen bekamen,  weil einer der Schauspieler mitten im Stück streikte.

Am Anfang lief noch alles bestens. Die drei Kinder sassen laut schluchzend am Grabe ihrer Eltern. Nun gut,  das Prinzchen hätte vielleicht nicht zum Publikum gewandt „Ihr seid beide tot“ sagen sollen,  aber über diesen Schnitzer konnte Luise noch hinwegsehen. Auch die erste Etappe des Fussweges nach England verlief leidlich gut,  dann aber weigerte sich das Prinzchen,  der im Stück übrigens die kleine Lily war, nach einer kurzen Nacht wieder aufzustehen. Nachdem sich das Kind unter vielen Drohungen – „Prinzchen,  willst du vielleicht nichts von dem Eintrittsgeld? Wenn du nicht sofort mitmachst,  behalten der Zoowärter und ich alles für uns!“ – doch noch zum Weitermachen bewegen liess,  war auch schon die Mittagspause dran. Betrübt kauten die drei an ihrem trockenen Knäckebrot,  wohl wissend,  dass dies ihr letzter Vorrat war. Dennoch wollte das Prinzchen nicht weitermarschieren,  ehe er seine ganze Scheibe verdrückt hatte. Wieder Drohungen,  diesmal verbunden mit Herumzerren,  um das Kind auf seine Füsse zu stellen,  wieder ein zögerliches Mitmachen,  dann aber hatte der Kleine endgültig genug. Anstatt den beschwerlichen Weg nach England weiterzugehen,  machte er es sich auf dem Zuschauersofa bequem.

Noch einmal versuchte die verzweifelte Luise,  ihren Schauspieler mit der Aussicht auf eine fette Gage zu locken,  doch es liess sich nichts ausrichten. „Wenn du nicht sofort weitermachst,  musst du ein Jahr lang ins Gefängnis“,  machte Luise die renitente „Lily“ auf die überaus harten Vertragsbedingungen aufmerksam. Das Prinzchen liess sich nicht beeindrucken. „Wo ist denn das Gefängnis?“,  wollte er bloss wissen und als er im ganzen Wohnzimmer keines entdecken konnte,  machte er weiter in Verweigerung. 

Luise war am Boden zerstört,  hatte sie doch stundenlang mit ihren beiden Brüdern geprobt. Zum Glück hatten Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat Erbarmen mit ihr und so konnten die Zuschauer zumindest erahnen,  dass am Ende alles gut sein würde. Auch wenn es etwas befremdlich war,  dass Grossvater Karlsson auf die traurige Nachricht, dass die Kinder nun ohne Eltern waren,  mit einem trockenen „Ach so,  dann wohnt ihr eben jetzt bei uns. Stellt euch mal eurer Grossmutter vor“,  reagierte. Aber er hatte ja auch keine Zeit zum Proben… 

Heilige Momente

Es sind diese unvorhersehbaren Momente, die das Familienleben so schön machen. Die ganze Horde sitzt am Tisch und isst, Luise fordert das Prinzchen auf, in die Hände zu klatschen und Momente später klatschen alle sieben wie verrückt in ihre Hände und keiner weiss warum. Irgendwann hört das Klatschen wieder auf und das Prinzchen übernimmt die Führung. Alle sollen die Arme in die Luft halten, alle tun, was der Kleine sagt. Er knurrt, die Geschwister knurren mit. Er hüpft auf und ab, die Geschwister tun es ihm nach. Er steht auf, rennt singend um den Tisch, die anderen singend hintendrein. Eine übermütige Polonaise zieht durch die Wohnung, laut und wild und doch in bester Ordnung, denn der Jüngste gibt den Ton an und alle folgen ihm. „Meiner“ und ich sitzen grinsend da und freuen uns an diesem kostbaren Moment. Und nachdem alle des Tanzens müde sind, kuscheln sich Luise und das Prinzchen zusammen aufs Sofa, ein zuckersüsses Bild von grosser Schwester und kleinem Bruder, die nicht zu wissen scheinen, was es heisst, einander auf die Nerven zu fallen.

Etwas später hat der Zoowärter die Idee, mit seinen Rittern ein Theaterstück aufzuführen. Der Aufbau der Kulisse – eine Playmobil-Ritterburg – will aber nicht so recht klappen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt ihm zu Hilfe, schafft es aber auch nicht, das Ding zum Stehen zu bringen. „Wir haben doch irgendwo noch weitere Teile von dieser Burg“, meint Karlsson. „Komm, Prinzchen, hilf mir beim Suchen.“ Und schon sind vier Jungs – der eine fast zu gross für Playmobil, zwei im besten Alter dafür und einer noch fast zu klein – in ein friedliches Spiel vertieft. Ein heiliger Moment im oftmals so spannungsgeladenen Familienleben. Die Stimmung kippt erst, als die Mama die hirnrissige Idee hat, den Cousin, der gerade im Haus ist, zum Spielen einzuladen. Plötzlich ist nur noch der Cousin interessant und der Bruder, eben noch der beste Spielkamerad, ein störendes Anhängsel.

Am Abend dann noch einmal ein heiliger Moment. Der Zoowärter und das Prinzchen haben während meiner Ferien entdeckt, wie toll sie mich finden und so wird das Gutenacht-Ritual zum Fest. Der Zoowärter singt mir voller Leidenschaft Lieder vor, das Prinzchen schlüpft beinahe zurück in meinen Bauch,  jeder möchte noch ein wenig näher bei mir sein und beide zusammen verkünden, ich sei die beste Mama der Welt. 

Man kann sie nicht erzwingen, diese Momente, man kann sie sich nur schenken lassen. 

Skistar in spe

Als wir heute Vormittag am Übungs-Skilift standen und unseren vier Skifahrern beim Abschlussrennen zuschauten, wurde mir mal wieder überdeutlich klar, was „Meinem“ und mir fehlt: Das „Schaut mal hier, mein Kind ist ein Star“-Gefühl. Oh ja, auch wir sind stolz auf unsere Knöpfe, die am Anfang der Woche noch kaum wussten, wie man sich Skier montiert und die heute schon mehr oder weniger sicher den Hügel hinuntergleiten. Aber sich heiser schreien, bloss weil der  Zoowärter, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise  und Karlsson vorzeigen, was sie gelernt haben? Mit der Videokamera mitten  auf der Piste stehen und damit die Kinder gefährden,  nur damit ich auch wirklich jede Sekunde der Abfahrt für die Ewigkeit festhalten kann? Mich lauthals darüber beschweren, dass alle Kinder, die mitgemacht  haben, eine Medaille bekommen haben, dass alle den ersten Rang gemacht haben? Und nicht nur meine Kinder, die doch so viel talentierter sind als alle anderen? Und ist es nicht eine absolute Frechheit, dass die keine Zeiten gemessen haben? Dann hätte jeder sehen können, wer das Zeug zum Skistar hat.

Nein danke, auf all das kann ich verzichten. Ich bin den Veranstaltern sogar von Herzen dankbar, dass sie auf ein „Wer ist der Beste?“-Wettrennen verzichtet haben. Sie haben dait unseren Familienfrieden gerettet. Seit Tagen schon hatte ich mich darum gesorgt, was geschehen würde, wenn die einen mit  Auszeichnung, die anderen mit leeren Händen nach Hause kämen. Denn seien wir doch ehrlich: Nicht alle unserer Kinder sind fürs Skifahren gleich talentiert. Einsatz gezeigt haben alle, den inneren Schweinehund musste jeder mal überwinden, wenn es draussen kalt und im Bett so gemütlich warm war und besser als ihre Mama fahren die vier allemal. Also eindeutig verdient, diese Medaillen, auch wenn die Eltern, die neben uns für ihre Töchter gefiebert haben, dies ganz anders sehen.

Gesucht: Meine Nische

Irgendwo muss es sie doch geben, diese Nische, in die ich passe. Dieser Ort, an dem ich meine Fähigkeiten einbringen kann, wo aber meine Unfähigkeiten nicht so sehr ins Gewicht fallen, dass alles, was gut läuft gleich wieder aufgehoben wird. Ein Ort, wo ich mitwirken kann, ohne mich vollends zu verausgaben. Es sollte doch nicht so schwer sein, irgendwo unterzukommen, wo ich weder unter- noch überqualifiziert, sondern genau richtig bin.

Und doch bin ich einmal mehr ratlos, ob es diesen Ort für mich gibt. Manchmal denke ich, ich hätte die Nische erspäht, aber dann finden andere, ich würde nicht passen. Dann  wieder denken wohlmeinende Menschen, mich in eine  Richtung drängen zu müssen, von der ich spüre, dass es das nicht sein kann. Ein ander Mal lasse ich mich nieder, nur um zu merken, dass ich dorthin nicht gehöre und wenn ich glaube, ich sei angekommen, verhindern die Umstände, dass  ich es mir bequem machen kann. Und schon wieder muss ich mich aufmachen, erneut auf der Suche nach meiner Nische.

In meinem Inneren weiss ich genau, wie sie aussehen müsste, meine Nische, aber ich bin nicht so sehr versessen darauf, diese eine zu finden, dass ich nicht bereit wäre, mich auch anderswo niederzulassen. Ob genau dies der Fehler ist? Müsste ich vielleicht konsequenter nur diese eine Ziel ansteuern? Oder umgekehrt: Einfach nehmen, was kommt, egal, ob es meinen Wünschen entspricht? Wobei ich genau dies schon so oft getan habe und am Ende zur bitteren Erkenntnis gelangen musste, dass ein einseitig begabter Mensch wie ich eben nicht beliebig eingesetzt werden kann, weil da schnell einmal auch Unfähigkeiten ins Spiel kommen.

Oh ja, ich weiss, das alles ist Gejammer auf hohem Niveau, denn imerhin habe ich eine wunderbare Familie und sonst noch einige unschätzbar wertvolle Dinge in  meinem Leben. Dennoch wäre ich dankbar, wenn ich endlich einmal ankommen dürfte, zumindest in dem einen oder anderen Lebensbereich, denn eigentlich ist es ja Herausforderung genug, dass das Familienleben stets in Bewegung bleibt.

Well behaved

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal für eine friedliche Zugfahrt zu dritt: Vierzig Minuten Verspätung und dies noch vor der Abfahrt, der spärliche Proviant bereits aufgegessen, bevor wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, das Zugabteil überheizt, rund um uns herum kindelose Menschen, mehrheitlich Amerikaner. „Das kann ja heiter werden“, seufzte ich leise genug, damit meine beiden Jüngsten nicht mitbekommen konnten, was ich auf dieser Fahrt von ihnen erwartete.

Nun ja, es wurde dann auch mehr oder weniger heiter. Die Kleinen kletterten auf die Armlehnen, mussten immer dann aufs WC, wenn der Zug gerade in einem Bahnhof stand, schnitten Grimassen und brachten damit leider nicht  alle Sitznachbarn zum Lachen, sondern einige humorlosere Exemplare auch dazu, sich im überfüllten Zug einen neuen Sitzplatz zu suchen. Nun ja, ich selber fand, dass die beiden die Fahrt ziemlich gut meisterten,  aber ich bin abgehärtet.

Gegen  Ende der Fahrt, als meine Nerven trotz realtiver Friedlichkeit ziemlich strapaziert waren und ich mich ernsthaft um das Wohlergehen meiner Mitreisenden sorgte, wandte sich plötzlich einer der Amerikaner im vorderen Abteil an mich: „Your boys are  so well behaved. You should see my daughter’s sons when  they have  to be quiet for so long“, bemerkte er bewundernd. Zuerst war mir die Sache ziemlich peinlich, denn immerhin machte  der Mann seine  eigenen Enkel schlecht, um damit meine zappeligen Jungs aufs Podest zu heben. Dann aber dämmerte mir, dass die zwei sich tatsächlich ziemlich gut geschlagen hatten: 5 Stunden in einem überfüllten Zug, einizig mit einem 15-teiligen Puzzle, einem Lego-Katalog, zwei Armlehnen und drei Stofftieren als Spielzeug ausgestattet, 4 heisse Würstchen mit Ketchup und  zwei Flaschen „Almdudler“ als Notration und alles, was ich hin und wieder sagen musste war „Prinzchen, ich bitte dich!“ und „Ach, Zoowärter, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

Ganz eindeutig eine der besseren Zugfahrten mit unseren Kindern. Das Problem lag wohl eher bei mir, denn so ganz ohne Lesestoff und iPad – die Katzen haben das Kabel durchgebissen und ein Neues habe ich noch nicht gekauft – wurde ich ganz schön ungeduldig auf dieser öden Zugfahrt. Vor allem als ich sah, dass die Amis vor mir „Trivial Pursuit“ auf dem iPad spielten und ich so gerne mitgespielt hätte…