The Return Of Barbie

Da kam sie montags einfach so hereinspaziert, auf ihren überlangen, überschlanken Beinen, ihre Füsse in schwindelerregenden Absätzen, das knappe Kleidchen so hauteng wie eh und je. Na ja, kam sie nicht ganz von selbst, sie liess sich in der Tasche eines Gastes chauffieren und da dieser Gast wohl noch einige Zeit bleiben wird, logiert auch Barbie auf unbestimmte Zeit bei uns. 

Luise hatte Barbie ja einst begehrt wie eine kostbare Perle, sie dann aber bald einmal in die Gosse verstossen und zwar ganz ohne Druck meinerseits. Daher kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch eine vage Erinnerung an die künstliche Schönheit hat. Zoowärter und Prinzchen begegnen ihr gar zum ersten Mal in Fleisch und Blut – oder vielmehr in Plastik und Tüll –  und sie fühlen sich zugleich abgestossen und angezogen von ihr. Abgestossen von all dem rosaroten Glitzerzeugs, angezogen von … nun ja, ich weiss gar nicht so recht, was ihnen an Barbie gefällt, denn wenn ich frage, bekomme ich keine Antwort. Auffällig ist einfach, wie oft sie plötzlich in Luises Zimmer anzutreffen sind und wie gross der Eifer ist, als eine neue Barbie her muss, weil „der andere“ einer Meerjungfrau heimlich die lange, blonde Mähne gestutzt hat. 

Dennoch befürchte ich nicht, dass Barbie bleibt, wenn unser Gast wieder abreist. „Stell dir mal vor, wie peinlich es wäre, wenn meine Freunde Prinzessin Paula in meinem Zimmer antreffen würden“, meinte der Zoowärter, „aber jetzt spiele ich natürlich schon mit, sonst fühlt sich unser Gast nicht wohl.“

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Pause! Ruhe! Jeder für sich!

Es mag vorkommen, dass jemand an unserem Haus vorbeigeht und lautes, mehrstimmiges Geheule hört. Wenn der Passant so tickt, wie die meisten Erwachsenen hierzulande, wird er denken, dass hier wohl ganz grausame, ungerechte Eltern wohnen, die ihre Kinder hungern lassen und ihnen die Ohren lang ziehen. Dies zumindest stelle ich mir vor, wenn mal wieder alle zusammen wehklagen, als hätte man sie geschlagen und ihnen für die kommenden zwei Jahre sowohl Taschengeld als auch Dessert gestrichen. 

Ich möchte ja nicht behaupten, „Meiner“ und ich seien unfehlbar; selbstverständlich gibt es hin und wieder mal Tränen, weil wir eine Situation falsch eingeschätzt und darum den Falschen zurechtgewiesen haben. Manchmal sind wir auch schlecht gelaunt und werden deshalb schneller laut, als eigentlich angebracht wäre. In den meisten Fällen aber, wenn mal wieder das mehrstimmige Geheule einsetzt, haben die Kinder einfach zu viele Stoppsignale übersehen. 

Ein Beispiel gefällig? Da verkünden „Meiner“ und ich nach dem Mittagessen für alle vernehmlich, wir würden einen Mittagsschlaf halten und wollten nicht gestört werden. Eine halbe Stunde, mehr nicht und für jene, die noch nicht wissen, was eine halbe Stunde ist, stellen wir den Wecker. Die Kinder sollen derweilen auch eine Pause machen und zwar jeder für sich. Eine eindeutige Ansage, nicht wahr?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sie offenbar trotzdem nicht verstanden, denn kaum haben wir uns hingelegt, steht er mit der Trompete im Schlafzimmer. Freundlich, aber bestimmt machen wir klar, dass wir jetzt kein Ständchen wünschen. Fünf Minuten später ist er wieder da, diesmal mit einem Asterix-Band, in dem er einen besonders amüsanten Witz entdeckt hat. Nur noch halb so freundlich, dafür umso bestimmter erinnern wir ihn an unsere Pause. Augenblicke später heult im Wohnzimmer einer, bald rennen der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter aufgebracht im Zimmer. Der eine will Knete haben, der andere rückt sie nicht heraus und wir sollen schlichten. Wir wollen aber nicht schlichten, weil die zwei den Auftrag bekommen hatten, getrennt Pause zu machen. Also noch einmal die klare Ansage: Pause! Ruhe! Jeder für sich! 

Kaum haben die Streithähne das Zimmer verlassen, erscheint Luise. Sie will nur mal kurz Bescheid geben, dass ihre Wachteln – Überlebende eines Marderangriffes, denen ich in meinem Büro Asyl gewährt habe – wohlauf sind. „Meiner“ gibt im Gegenzug Bescheid, dass wir nicht wohlauf sind, weil die vereinbarte Pausenzeit bald um ist und wir noch kein Auge zugetan haben. Eingeschnappt zieht Luise sich zurück, macht Platz für den Zoowärter, der bestätigt haben will, dass sein Pinguin, den er geknetet hat, unversehrt bleiben darf, auch wenn wir gesagt haben, er müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas von der Knete abgeben. Wir knurren unser Einverständnis. Jetzt bloss nicht explodieren… Bloss wie, wenn jetzt das Prinzchen heulend angerannt kommt, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gepiesackt haben? Wie soll man ein Donnerwetter zurückhalten, wenn eine klar gezogene Grenze innerhalb von weniger als dreissig Minuten mehrmals überschritten wird?

Tja, und dann heulen sie eben mehrstimmig und wir, die wir eigentlich eingeschnappt sein müssten, sind mal wieder die Bösen. Und keiner, der an unserem Haus vorbeigeht und das Heulen hört, denkt sich, wie unfair diese Kinder doch zu ihren Eltern sein können…

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Bruderzwist

Prinzchen sitzt heulend auf dem Sofa, Zoowärter sitzt zerknirscht daneben. Friedensmission für Mama Venditti:

Zoowärter: „Mama, das Prinzchen hat…“
Prinzchen: „Mama, der Zoowärter hat…“
Mama: „Halt, ich will nicht hören, was der andere getan hat. Zoowärter, was hast du getan?“
Zoowärter: „Das Prinzchen hat…“
Mama: „Nein, Zoowärter, ich will wissen, was du getan hast. Das Prinzchen heult lauter als du, also erzählst du zuerst.“
Zoowärter: „Ich habe ihn ganz fest gehauen, so richtig fest.“
Mama: „Okay, Prinzchen, was hast du getan?“
Prinzchen: „Ich wollte die Bilder in seinem Buch anschauen, dann hat der Zoowärter mich ganz fest auf dem Kopf gekratzt.“
Mama: „Aber Zoowärter, wegen so etwas muss man doch nicht gleich so brutal werden.“
Zoowärter: „Weisst du, Mama, das Prinzchen hat mir auch weh gemacht. Er hat mir das Herz gebrochen.“

Was soll Mama da anderes sagen, als dass beide sich entschuldigen müssen? Eine zerkratzte Kopfhaut ist schlimm, aber ein gebrochenes Herz ist ja auch nicht ohne…

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Mama Venditti, ärgere dich nicht

Etwas habe ich also doch gelernt in den vergangenen Jahren. Nicht besonders viel, ich geb’s ja zu, aber immerhin die eine Sache, nämlich die, damit leben zu können, wenn ich nicht bekomme, worauf ich mich gefreut habe. Okay, es gelingt mir nicht immer und mit grossen Enttäuschungen werde ich ebenso schlecht fertig wie die meisten Menschen auf diesem Planeten. Aber damit, dass mir meine hart erkämpften Inseln im Alltag immer wieder von kleinen und grossen Invasoren streitig gemacht werden, komme ich inzwischen ganz gut klar. 

Im ersten Moment ärgere ich mich vielleicht darüber, wenn mir mal wieder der Schaum vom Kaffee gelöffelt wird, auf den ich mich den ganzen Vormittag wie ein Kind gefreut habe, aber dann versuche ich eben, mich daran zu freuen, dass ein kleiner Mensch auf meinem Schoss sitzen und Kaffeeschaum löffeln will. Ich bin enttäuscht, wenn wieder einmal Menschen mein Tagesprogramm bestimmen, die in meinem Leben eigentlich überhaupt nichts zu bestimmen hätten, aber dann suche ich eben nach den Rosinen, die mir der Tag vielleicht trotzdem  bieten könnte und meist werde ich fündig. Besonders schwer fällt es mir jeweils, wenn jemand die raren Momente, die ich für mich ganz alleine vorgesehen hatte, für sich in Anspruch nimmt. Gelingt es mir jedoch, den Ärger loszulassen, werden daraus doch noch ganz wertvolle Momente.

Ich verstehe nicht warum, aber oft muss ich erkennen, dass die Zeit, von der ich geglaubt hatte, sie gehörte mir, eben doch nicht mir gehört und je weniger ich mit diesem Umstand hadere, umso einfacher fällt es mir, das Gute im Unerwarteten zu erkennen. Wie gesagt, es fällt mir längst nicht immer leicht, aber noch schwerer würde es mir fallen, mich immer und immer wieder darüber zu ärgern, dass ich nur in den seltensten Fällen diejenige bin, die bestimmt, wie meine Tage ablaufen. 

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Grenzkonflikt

Acht Kinder streiten sich darum, wer ein Küchlein mit Hütchen haben darf und wer auf das Hütchen verzichten muss. 

Elf Kinder schwirren durchs Haus und auch immer mal wieder mit Bitten und Wünschen um mich herum.

Zwei Frauen warten geduldig auf den Kaffee, den ich ihnen versprochen habe.

Ein Anrufer aus Deutschland will wissen, ob wir mit Absicht zwei Ferienhäuser in Schweden gemietet haben, oder ob es nur eines hätte sein sollen. 

Ein Lieferant steht an der Haustüre und wartet darauf, bis ich Zeit habe, ihm zu zeigen, wo der Heizkessel ist, in den er die Pellets einfüllen soll.

Der „andere“ hat mal wieder Popcorn und Wasser auf dem Fussboden verteilt und sich dann aus dem Staub gemacht.

„Meiner“ möchte mir jetzt auf der Stelle mitteilen, dass ich bei der Tagesplanung ziemlich versagt habe.

Eine dringend benötigte Stricknadel ist unauffindbar. Der dringend benötigte Kaffeelöffel ebenfalls. 

Textfetzen schwirren durch meinen Kopf und ich habe weder Zeit, sie niederzuschreiben, noch Notizen zu machen, damit sie nicht vergessen gehen.

Der Spülkasten hat einen Flick weg.

Die Frau von der Versicherung möchte „Meinen“ sprechen.

Zwei Jungs machen im Garten ein Feuer, obschon ich es verboten habe. Woher hätte ich wissen sollen, dass „Meiner“ es bereits erlaubt hat?

Nachdem er in den vergangenen Tagen bereits durch eine miserable Arbeitshaltung aufgefallen war, macht der Besen nun vollends schlapp.

Sturm und Kinder sorgen dafür, dass stets ein frisches Lüftchen durch die Wohnung weht.

Zwei Mädchen langweilen sich.

Ein Junge wird ausgeschlossen.

„Meiner“ möchte mit mir darüber lachen, dass die Dame am Bahnschalter doch tatsächlich geglaubt hat, wir würden uns durch drei Zugwaggons von unseren Kindern trennen lassen, wenn wir im Sommer in die Ferien fahren. Leider wird seine Erzählung so oft unterbrochen, dass wir am Ende nicht lachen sondern „Ruhe jetzt!“ brüllen. 

Ich ärgere mich abends über meine Anpassungsfähigkeit. Menschen, die brav alles planen und immer schön klare Grenzen ziehen werden bestimmt nie von so vielen Seiten gleichzeitig in Anspruch genommen.

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Bloss kein Stress…

Mag sein, dass andere Mütter unter Druck geraten, wenn sie sehen, wie die Freunde ihrer Kinder Geburtstagsparties feiern. Ich lasse mich dadurch nicht stressen, denn die Auseinandersetzung mit meinem Alten Ich, das mit Übereifer Kindergeburtstagsparties organisierte, reicht vollauf, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen:

Ende Dezember 2012:

Altes Ich: „In einem Monat hat der Zoowärter Geburtstag. Du solltest allmählich an die Planung denken. Wann willst du denn überhaupt seine Kindergartenfreunde einladen?
Ich: Was soll der ganze Stress? Jetzt haben wir eben erst Weihnachten hinter uns gebracht und du redest schon wieder von Geburtstag. Das hat noch Zeit…
Altes Ich: „Von wegen! Eigentlich solltest du mit den Plänen für den Zoowärter-Geburtstag bereits fertig sein und dich um Luises Party im März kümmern, aber weil du ja immer alles auf dem letzten Drücker machst, habe ich dich damit noch nicht belästigt.“
Ich: „Ich empfinde aber schon das mit dem Zoowärter-Geburtstag als Belästigung, also lass mich bitte noch ein paar Wochen in Ruhe damit.“
Altes Ich: „Wie du willst. Aber glaube bloss nicht, ich würde dir aus der Patsche helfen, wenn alles schief läuft, weil du zu spät angefangen hast…“

Anfang Januar 2013:

Altes Ich: „Hast du die Einladungen geschrieben?“
Ich: „Welche Einladungen?“
Altes Ich: „Na, welche wohl? Die für Zoowärters Geburtstagsparty.“
Ich: „Die Party steigt erst Ende Monat, das eilt noch nicht.“
Altes Ich: „Von wegen das eilt nicht. Weisst du eigentlich, wie vielbeschäftigt die heutigen Kindergartenkinder sind? Du willst doch nicht etwa, dass dein Sohn alleine feiern muss, weil alle ihren Terminkalender bereits voll haben.“
Ich: „In zwei Wochen mache ich die Einladungen, versprochen.“
Altes Ich: „Bist du wahnsinnig? Dann ist es längst zu spät. Früher, bei Karlsson und Luise warst du immer zeitig dran.“

20. Januar, Zoowärters Geburtstag:

Altes Ich: „Okay, mir ist klar, dass die Kinder nicht heute zu Besuch kommen, es ist ja Sonntag. Aber hast du das Fest am 31. bereits geplant, sind die Einladungen raus?“
Ich: „Morgen bringt der Zoowärter die Einladungen in den Kindergarten, ganz bestimmt. Ich mache sie heute Abend.“
Altes Ich: „Wundere dich bloss nicht, wenn lauter Absagen kommen. Die Party soll ja schon in zehn Tagen stattfinden.“

25. Januar:

Altes Ich: „Was macht ihr denn am 31. mit den Kindern?“
Ich: „Na ja, irgend etwas wird uns schon einfallen. Etwas mit Rittern und Prinzessinnen…“
Altes Ich: „Ich fasse es nicht! Weisst du noch, wie ihr damals für Karlsson eine Turnhalle gemietet habt? Und die tollen Bastelsachen, die du jeweils für Luises Fest eingekauft hast, weil die alle so gerne kreativ waren…“
Ich: „Ja, ich erinnere mich, das war toll. Aber du hast bestimmt nicht vergessen, wie die Kinder jeweils gemotzt haben, weil sie lieber frei spielen wollten, als unser Programm mitzumachen.“
Altes Ich: „Also daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Dafür werde ich Fräulein Bock nie vergessen.“
Ich: „Fräulein Bock?“
Altes Ich: „Ja, Fräulein Bock, an Karlssons zweiter Party. Du mit der Schürze, Bergen von Fleischbällchen und Zimtwecken, Karlsson mit einem Kartonpropeller auf dem Rücken, die Kinderschar, die versuchen musste, Fleischbällchen und Zimtwecken zu stehlen. Das war ein Spass…“
Ich: „Stimmt, das war ein Spass. Aber dazu bin ich inzwischen einfach zu müde. Und der Zoowärter kennt auch die Karlsson-Geschichte zu wenig….“
Altes Ich: „Oh ja, die kennt er zu wenig und wessen Schuld ist das? Früher hast du dir noch richtig Mühe gegeben, aber heute…“
Ich: „Heute gebe ich mir auch noch Mühe, ich singe einfach mehr und erzähle etwas weniger Geschichten.“
Altes Ich: „Früher hättest du beides gemacht, gesungen und erzählt und das am gleichen Abend.“
Ich: „Früher hatte ich ja auch noch keine Teenager, die nach Feierabend Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Dafür habe ich tagsüber mehr Zeit für die Kleinen.“
Altes Ich: „Mich dünkt, wir kommen etwas vom Thema ab, obschon wir uns dringend mal darüber unterhalten sollten, wie sehr deine Einsatzbereitschaft nachgelassen hat. Aber Zoowärters Geburtstag hat jetzt Priorität und da du, wie mir scheint, noch überhaupt keine Vorbereitungen getroffen hast, nehme ich das jetzt an die Hand. Also, her mit dem Laptop. Wir besorgen jetzt Deko, Servietten und Kartonteller. Aber die Schönsten, wenn ich bitten darf. Der Zoowärter soll nur das Beste bekommen, wo seine Mama schon zu faul ist, dasFräulein Bock zu machen.“
Ich: „Einverstanden, obschon ich noch einmal klar und deutlich festhalten möchte, dass ich nicht faul geworden bin, sondern realistisch.“
Altes Ich: „Ich ziehe es vor, diese letzte Bemerkung zu ignorieren. Also, lass mal sehen, diese Ritterteller hier sind wirklich cool und die Teekannen für die Mädchen, die der Zoowärter eingeladen hat…“

Gestern:

Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, du hast für morgen alles vorbereitet.“
Ich: „Ja, das Dekomaterial ist heute eingetroffen, die Süssigkeiten sind gekauft, den Kuchen mache ich dann morgen früh und den Rest werden wir ja sehen.“
Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, dass ich mich verhört habe.“
Ich: „Nein, hast du nicht. ‚Meiner‘ und ich haben beschlossen, das Programm morgen zu besprechen.“
Altes Ich: „Das ist ja wohl die Höhe! Bei Karlsson musste ich dich jeweils davon abhalten, den Tagesplan am Computer zu erstellen und heute weisst du noch nicht mal, was ihr morgen machen werdet.“
Ich: „Nun ja, in groben Zügen ist das Programm natürlich schon geplant. Wir werden Geschenke auspacken und Kuchen essen.“
Altes Ich: „Ich bin tief beeindruckt, dass dir zumindest schon die obligatorischen Programmpunkte bekannt sind.“
Ich: „Siehst du, so schlecht sind wir gar nicht dran.“

Heute, 10:00 Uhr:

Altes Ich: „Und, darf ich jetzt den Tagesplan sehen?“
Ich: „Nun ja, ich habe gedacht, dass ich jetzt dann gleich mit dem Kuchen anfange…“
Altes Ich: „Wie, der ist noch nicht gebacken? Und das Programm?“
Ich: „Nachher setze ich mich dann mit ‚Meinem‘ hin, um die Details anzuschauen.“
Altes Ich: „Nachher? Wann nachher?“
Ich: „Wir werden sehen…“

Mittag:

Altes Ich: „Programm, aber sofort!“
Ich: Zuerst Geschenke, dann Smoothie mixen, Geschichte erzählen, Schatzsuche, Basteln, Kuchen essen, freies Spielen, noch einmal Geschichte erzählen dann Schluss.
Altes Ich: „Auf den ersten Blick ganz beeindruckend, aber kommen wir zu den Details: Welche Geschichte denn?“
Ich: „Nun ja, etwas mit Rittern. Suche ich dann nach dem Mittagsschlaf aus. Wir haben ja viele Bücher…“
Altes Ich: „Beschämend. Was kommt in den Smoothie?“
Ich: „Nun ja, ich habe Beeren aufgetaut und dann haben wir noch Blaubeersaft, den Rest werden wir dann sehen…“
Altes Ich: „Noch einmal beschämend. Wie steht’s mit dem Schatz?“
Ich: „Wir suchen dann noch die Kiste nach dem Mittagessen. Ich glaube, Prinzchen weiss, wo sie ist…“
Altes ich: „Und die Bastelarbeit?“
Ich: „‚Meiner‘ und ich sind uns noch nicht ganz einig. Er will Fensterbilder, ich möchte Tischsets. Klar aber ist, dass wir laminieren werden.“
Altes Ich: „Na dann, viel Glück bei der Party…“

18 Uhr:

Altes Ich: „Und, wie war die Party?“
Ich: „Sehr friedlich. Wir hatten wirklich viel Spass.“
Altes Ich: „Nur ihr, oder auch die Kinder?“
Ich: „Nun, soweit ich es beurteilen kann, hatten die Kinder viel Spass. Zumindest gab es nie Streit und gemotzt hat auch keiner. Weisst du noch, wie das jeweils bei Luises Parties war und einmal, als beim FeuerwehrRitterRömerPiraten keiner Kuchen haben wollte, weil er Kokosraspel im Teig hatte?“
Altes Ich: „Du meinst, es gab keine solchen Vorfälle?“
Ich: „Nicht einen einzigen. Es war einfach nur schön und ich glaube, es hat allen ganz gut gefallen.“
Altes Ich: „Kein Chaos, weil ihr so schlecht vorbereitet wart?“
Ich: „Nein, kein Chaos. Alles klappte wie am Schnürchen.“
Altes Ich: „Keine Tränen?“
Ich: „Keine Tränen.“
Altes Ich: „Keine Langeweile?“
Ich: „Nein, keine Langeweile. Ausser bei ‚Meinem‘ und bei mir, weil die Kinder so brav waren, dass wir kaum gebraucht wurden.“
Altes Ich: „Nahezu beeindruckend, dass man mit solch schlampiger Organisation ein solches Fest zustande bringt. Aber ich nehme an, das liegt nur an den Kindern. Sie sind vermutlich ausserordentlich wohlerzogen.“

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Macht den Tag zur Nacht

Spätabends – oder wohl eher nachts – willst du ins Bett wanken, wo du feststellst, dass Luise mal wieder schlafwandelnd den Weg auf deine Seite des Bettes gefunden hat, weshalb du dich für eine weitere Nacht auf dem Sofa entscheidest, weil schlafendes Töchterchen hieven inzwischen ganz schön belastend sein kann für deinen Rücken, belastender noch als eine Nacht auf dem Sofa.

Wenig später wirst du unsanft aus der ersten Tiefschlafphase gerissen, weil einer, der gewöhnlich nie das Bett nässt, dies dennoch getan hat und darob so erschrickt, dass er wohl in die Badewanne stiege, würdest du ihn nicht darauf hinweisen, dass um diese Zeit ein nasser Waschlappen reicht. 

Eben willst du wieder wegdämmern, als der Zimmergenosse des Ausnahme-Bettnässers angeschlichen kommt. Er fühlt sich einsam, weil der Ausnahme-Bettnässer sich zu Papa ins Bett geschlichen hat. Also stellt sein Zimmergenosse mitsamt Bär, Raupe, Entchen, Dromedar und Schmusedecke bei dir auf dem Sofa einen Asylantrag. Dem Antrag wird selbstverständlich entsprochen. Nachdem dein Sofagenosse sich mit seiner Entourage umständlich an deiner Seite eingerichtet hat, dämmerst du wieder weg. „Du musst mir dein Gesicht zudrehen“, fordert dein Sofagenosse, kaum hast du es dir auch wieder halbwegs bequem gemacht, also tust du, was er wünscht, damit endlich Ruhe einkehrt. 

Die nächste Stunde verbringst du in einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, also zwischen wolkig-luftigen Gedanken und harter Sofakante. Einmal mehr musst du erkennen, dass dein Sofagenosse eine ganz eigene Auffassung über die gerechte Teilung einer Schlafstätte hat. 

Endlich hast du dich auf dem Sofa so eingerichtet, dass die Hoffnung auf Tiefschlaf wieder aufkeimt, als eine nächtliche Erscheinung auf dem anderen Sofa Gestalt annimmt. „Der Marder war bei den Wachteln, schon mindestens fünfmal“, berichtet die Erscheinung. Die Erscheinung, die übrigens auf den Namen Luise hört, würde dir in den schauerlichsten Details darüber berichten, wie sie vom offenen Fenster aus für Ordnung im Garten gesorgt hat, würdest du sie nicht umgehend zurück ins Bett – also in dein eigenes Bett, das du gerade sehr schmerzlich vermisst -schicken. 

Schon willst du wieder eindösen, als du auf dem anderen Sofa, an der Stelle, wo eben noch die Erscheinung namens Luise sass, den Bildschirm deines Laptops geheimnisvoll leuchten siehst. „Du spinnst ja wohl“, weist du dich selber zurecht, drehst dich wieder deinem Sofagenossen zu.

Irgendwann klingelt ein Wecker, die wenigen Vendittis, die aus dem Haus müssen, werden wach, aber etwas in dir weigert sich, diesen Umstand zur Kenntnis zu nehmen. Freundlich, wie du bist, lässt du dem Papa freie Hand in der Gestaltung des „Wer hat noch nicht gefrühstückt? Hast du die Zähne geputzt? Wo sind schon wieder meine Schuhe?“-Rituals.

Eine Stimme, die du im Halbschlaf deinem Mann zuordnest, informiert dich darüber, was sich in deinem Schlafzimmer während deines Sofaaufenthalts abgespielt hat: Mehrmaliges Fensteröffnen durch die Wachtel-Wächterin und die freudige Überraschung, dass sich oben einer zweimal übergeben hat, ohne dass es unten einer mitbekommen hätte, so dass jetzt das ganze Zimmer stinkt. Dies  nimmst du irgendwie zur Kenntnis, es reicht aber nicht aus, um dich so richtig wachzurütteln. Wenn die Kinder die Nacht zum Tag machen, musst du nach Möglichkeit den Tag zur Nacht machen, sonst mutierst du spätestens nachmittags um vier zur herumbrüllenden Furie. Zumindest dann, wenn du die Dreissig überschritten hast und schlaflose Nächte nicht mehr so leicht wegsteckst wie auch schon.

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Ausbrechen

Studentin und Berufseinsteiger brauchten keine teuren Möbel; ein Mix aus viel Ikea und einigen aufgemöbelten Stücken aus der Brockenstube war alles, was es brauchte, um die erste Wohnung in ein Bijou mit sehr persönlicher Note zu verwandeln. Weil Studentin und Berufseinsteiger zwei halbwegs vernünftige Menschen waren, gerieten sie nicht in Versuchung, den Lattenrost als Rutschbahn zu missbrauchen, das Sofa als Trampolin, den WC-Deckel als Schlagzeug. Darum hielten auch die billigen Stücke viel länger, als man es ihnen zugetraut hatte.

Das Dilemma fing mit dem ersten Kind an und verschärfte sich mit jedem weiteren Kind. Zuerst entschied man sich für das günstige, aber coole Modell, weil das teure Kinderbett mit  Bärchenmotiv und faden Pastellfarben einfach zu bieder war. Später schaute man sich die teuren Modelle gar nicht mehr an, weil fünfmal teuer das Budget bei Weitem überschritten hätte. Bei einigen Stücken – zum Beispiel bei den Matratzen – lohnte sich teuer auch nicht, weil noch lange nicht jeder, der tagsüber trocken ist, dies auch nachts ist.

Bald war man mitten drin im schönsten Teufelskreis: Billig geht schnell kaputt, also muss alle paar Jahre Ersatz her und weil billig meist zur Unzeit den Geist aufgibt, war selten genügend Geld da, um billig durch teuer zu ersetzen. Obendrein verführt bereits leicht Beschädigtes zu Vandalismus und so wurde der Zerfall des Billigen auch mal durch fünf rücksichtslose Rabauken beschleunigt. Lattenrost als Rutschbahn und dergleichen…

Manchmal – und das war besonders ärgerlich – war zwar Geld für teuer da, aber teuer heisst leider nicht immer besser, denn auch die teuren Dinge sind gewöhnlich nur für ein Kind, notfalls auch für zwei, vorgesehen, aber ganz bestimmt nicht für fünf. Gewöhnlich jedoch wurde billig durch billig ersetzt, was am Ende ganz schön teuer wurde.

Und nun? Wie entrinnt man diesem Teufelskreis in einer von billig beherrschten Welt? In einer Welt, in der ersetzen erschwinglicher ist als reparieren? In einer Welt, in der gerne auf gute Qualität verzichtet wird, weil sie dem Konsum nicht förderlich ist? In einer Welt, in der gutes Handwerk – verständlicherweise – so teuer geworden ist, dass es sich nur noch jene leisten können, die mehr haben als die meisten anderen?  

Schon-längst-nicht-mehr-Studentin und gestandener Berufsmann zerbrechen sich in diesen Tagen den Kopf darüber, wie sie aus dem Teufelskreis, den sie durch ihre Kurzsichtigkeit mitverschuldet haben, ausbrechen können. Noch zweifeln sie daran, ob es ihnen je gelingen wird, aber es gibt Lichtblicke. Die Brockenstube, zum Beispiel. Die Dinge dort sind zwar gebraucht, aber weil sie zu einer Zeit gemacht wurden, als noch nicht alles nach spätestens fünf Jahren kaputt sein musste, kommen diese Möbel viel besser mit fünf Kindern klar als der ganze neue Kram. Und weil der gestandene Berufsmann ziemlich gut mit Farbe und Pinsel umzugehen weiss, sieht man den Möbelstücken ihre Herkunft schon bald nicht mehr an.

Kann sein, dass die Wohnungseinrichtung dereinst aus ganz viel Brockenstube und einem Hauch von Ikea bestehen wird.

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Meine liebe Familie Hamchiti

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seitdem Sie uns freundlicherweise Ihre alte Telefonnummer überlassen haben. Ich weiss nicht, weshalb Sie diese Nummer unbedingt loswerden wollten, ist sie doch ziemlich einprägsam. Rückblickend weiss ich aber, dass ich die Swisscom auf Knien angefleht hätte, uns eine andere Nummer zu geben, hätte ich damals schon gewusst, welch telefonisches Erbe wir uns damit einhandeln.

Wissen Sie eigentlich, wie oft ich in diesem Jahr höchster Verletzungsgefahr von der obersten Etage in die unterste zum Telefon gerast bin, nur um einmal mehr zu erklären, dass ich leider auch nicht weiss, wo Mustafa sich derzeit gerade aufhält, dass ich mich aber ganz bestimmt wieder melden werde, wenn ich seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe? Vielleicht hätten Sie ja endlich die Güte, mir mitzuteilen, wo dieser Mustafa steckt, dann breche ich mir mein Bein wenigstens für einen guten Zweck, wenn ich das nächste Mal zum Telefon stürze. 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich inzwischen Ihre vollständige Telefon-Shopping-Odyssee lückenlos aufzeichnen könnte, hätte ich mir je die Mühe genommen, bei jedem Anruf Notizen zu machen? Ich kann Ihnen aber schon mal sagen, dass es im Zusammenhang mit der Waschmaschine, die Sie bei Ackermann bestellt haben, noch Fragen gibt. Habe ich heute Morgen erfahren und nett, wie ich nun mal sein kann, mache ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam. Könnte ja noch eine Weile dauern, bis die Dame von Ackermann Ihre richtige Telefonnummer ausfindig gemacht hat. Ach, und übrigens: Allzu freundlich hat sie nicht geklungen, die Dame von Ackermann.

Haben Sie eigentlich noch nie bemerkt, dass Ihre Kontakte stets zu den ungelegensten Zeiten anrufen? Morgens um zehn vor acht, wenn die Kinder zur Schule müssten, mittags um zwanzig nach zwölf, wenn das Mittagessen auf dem Tisch dampft, nachmittags um halb fünf, wenn ohnehin schon alles drunter und drüber geht, abends um neun, wenn endlich Ruhe einkehren sollte oder Sonntagnachmittags, wenn das Telefon grundsätzlich schweigen sollte. Sind Sie sich sicher, dass Menschen, die eine derart schlechte Kinderstube genossen haben, ein guter Umgang für Sie sind?

Schliesslich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es für mich ziemlich erniedrigend ist, wenn keiner je nach mir fragt. Es ist schon deprimierend genug, dass Luise inzwischen mehr Anrufe bekommt als ihre Mama, da brauche ich nicht auch noch den stetigen Beweis, dass in meinem eigenen Haus Frau Hamchiti gefragter ist als Frau Venditti. 

Für eine Sache aber bin ich Ihnen von Herzen dankbar, liebe Familie Hamchiti: Dank der vielen Anrufe, die wir für Sie entgegennehmen, sind Karlsson und Luise inzwischen derart gewieft im Abwimmeln von unliebsamen Anrufern, dass sie ganz bestimmt nie einen unüberlegten Kauf am Telefon tätigen werden. 

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