Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

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Alltag nach Stundenplan

Ja, ich liebe meine Kinder.
Ja, ich bin sehr gerne Mama.
Ja, ich verbringe unglaublich gerne Zeit mit ihnen.
Ja, sich mit ihnen zu unterhalten ist ein Genuss.
Ja, sie nehmen den grössten Raum in unserem Leben ein und das ist vollkommen in Ordnung.

Nein, ich will meine Kinder nicht abschieben.
Nein, ich bin nicht zu faul, mich um sie zu kümmern.
Nein, ich bin ihrer nicht überdrüssig.
Nein, ich finde nicht, dass andere die Erziehungsarbeit für uns übernehmen sollen.
Nein, ich erwarte nicht, dass ich mit fünf Kindern eine ruhige Kugel schieben kann.

Dennoch wäre ich unendlich dankbar, wenn zumindest eine Woche lang alles nach Programm laufen würde. Also keine halbkranken Kinder, die morgens missmutig zu Hause herumlümmeln und sich aus lauter Langeweile streiten. Keine Unterrichtsausfälle, die dazu führen, dass Luise mitten in der Woche wünscht, ins Thermalbad gehen zu dürfen, weil sie Zeit dazu hätte, was aber noch lange nicht heisst, dass auch ich nichts zu tun habe. Mag sein, dass ich kleinkariert bin, aber es wäre ganz nett, mal ein paar Tage lang Alltag nach Stundenplan zu haben.

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Ausgedient

Unser Mikrowellengerät ist tot. Ein Relikt aus der Zeit, als ich mich innerlich von meinem grünen Elternhaus distanzierte, ist nicht mehr. Zu meiner Ehrenrettung muss ich klarstellen, dass das Gerät während unserer fast fünfzehn Jahre dauernden Beziehung nicht eine Mahlzeit gekocht hat. Mehr als auftauen und aufwärmen gestattete ich ihm nie.

Wie das Leben so spielt, begann das, was meine Eltern mir mitgegeben haben, erst im Laufe der Jahre zu spriessen und inzwischen könnte ich all das, was sie damals predigten, voll und ganz unterschreiben. Dies führte auch dazu, dass mein Mikrowellengerät und ich uns allmählich auseinanderlebten. Ich brauche hier nicht ins Detail zu gehen, man weiss ja, wie viele kleine Meinungsverschiedenheiten allmählich zum grossen Zerwürfnis führen können. Irgendwann duldete ich das Gerät nur noch aus sentimentalen Gründen. Ein Hochzeitsgeschenk der ältesten Schwester stellt man nicht einfach so vor die Türe.

Ich weiss, es spricht nicht für mich, dass ich dem Gerät insgeheim den Tod wünschte, aber ich ertappte mich dennoch öfters bei diesem Gedanken. Heimlich begann ich, mich nach einer Alternative umzusehen und irgendwann war klar, dass mein nächster Gefährte ein Steamer sein muss. Diesen Gedanken behielt ich lange für mich. Man posaunt seine Trennungsabsichten ja nicht einfach so heraus. Als ich aber neulich dabei zusah, wie meine Schwester mal kurz die Milch im Steamer erwärmte, konnte ich nicht mehr länger an mich halten. „Das wird mein Nächster“, gestand ich ihr und erstaunlicherweise bekräftigte sie mich in meinem Ansinnen.

Obschon ich das Geständnis in einer fremden Küche ablegte, muss mein Mikrowellengerät doch gespürt haben, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht ist. Zwei oder drei Tage später gab es den Geist auf und ich treuloses Wesen ersteigerte bei Ricardo einen Steamer, noch ehe die ausgediente Mikrowelle der Entsorgung zugeführt war.

Jetzt, wo meine neue Liebe ihren Platz in der Küche eingenommen hat, frage ich mich, wie ich die freudlose Beziehung so lange habe aushalten können. Wenn das Prinzchen zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig und mit Genuss Kürbis isst und wohl etwa zum vierten Mal im Leben überhaupt nach Nachschlag verlangt, kann man ohne Übertreibung von einem durchschlagenden Erfolg reden. Ich geh dann mal Gemüse dämpfen…

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Ich bin die Tante

Nun ja, eigentlich bin ich sie bereits seit dreiundzwanzig Jahren.

Zuerst war ich die Tante, die ihre Neffen und Nichten so „unglaublich süüüüüüüüüüüüss“ fand, dass sie auf dem Pausenhof Bilder von ihnen herumreichte und Klassenkameraden mit Geschichten über sonntägliche Spiele mit imaginären Füchslein langweilte.

Bald darauf war ich die Tante, die jederzeit bereit war zum Babysitten. Weil sie die Kleinen so abgöttisch liebte, aber auch, weil sie sich so ihr Taschengeld ein wenig aufbessern konnte.

Etwas später war ich die Tante mit dem coolen Freund, der immer so viel Spass hatte mit den Kleinen und der mitmachte bei der Aktion „Wir schenken den Kindern nicht Spielzeug, sondern Zeit“. Der coole Freund also, der in den Zoo mitkam, in den Zirkus, zum Picknick an die Aare und ins Kino.

Danach wurde ich die Tante, die heiratet und bei der die Neffen und Nichten die Ringe überreichen durften. Später dann die Tante mit dem „unglaublich süüüüüüüüüüüüüssen“ Baby.

Schneller als erwartet wurde ich zur Tante mit den vielen Kindern, die alle irgendwie gleich aussehen, die an der Familienweihnachtsfeier immer so viel Radau machen und die alles ausplaudern, wenn man mit vierzehn heimlich ein Bier von den Erwachsenen klaut.

Gleichzeitig wurde ich die Tante, die immer mal froh ist um einen Babysitter, die auch gerne bereit ist dazu, ein paar Franken springen zu lassen dafür.

Ich war wohl auch die Tante, die einem peinlich war, weil sie auf der Strasse einfach nicht so tun konnte, als kenne sie einen nicht, wenn man gerade mit Freunden so richtig einen durchgeben wollte. Das hat mir zwar keiner je bestätigt, aber ich fürchte, dass mir das nicht erspart blieb. Vermutlich war ich auch die Tante, die immer so blöde Fragen stellt, die meint, sie müsse sich cool geben, obschon sie es schon längst nicht mehr ist, die sentimental wird, wenn sie sieht, wie gross man schon geworden ist. Ein paar Mal war ich aber auch die Tante, die ein offenes Ohr hatte, wenn einfach alles schief lief zu Hause.

Jetzt bin ich also die Tante, die man der Freundin oder dem Freund vorstellt, ja, sogar die Tante, welche die Verliebten am Sonntagnachmittag mit einem Besuch beglücken. Und zum ersten Mal im Leben wird mir so richtig mulmig, wenn ich daran denke, dass ich die Tante bin. Was, wenn ich die Tante bin?

Ihr wisst schon, die Tante, die immer zum falschen Zeitpunkt anruft. Die Tante, die peinliche Geschichten auftischt, wenn der Partner zum ersten Mal am Familienweihnachtsfest aufkreuzt. Die Tante, die erwartet, dass man sie nicht vergisst, dass man sie einlädt, wenn man etwas zu feiern hat. Die Tante, die Scheusslichkeiten verschenkt, zur Hochzeit zum Beispiel, oder zur Geburt des ersten Kindes. Die Tante, die kein Ende mehr findet, wenn sie anfängt, von früher zu erzählen. Die Tante, über die man herzieht, wenn sie endlich, endlich nach Hause gegangen ist. Die Tante, die sich einmischt, wenn sie das Gefühl hat, Neffe mit Partnerin oder Nichte mit Partner würden die Eltern nicht respektieren. Die Tante, die man halt ab und zu besuchen muss, weil sie sonst eingeschnappt ist. Die Tante, die einen am Ende gar aus dem Testament streicht, weil sie sich übergangen fühlt. (Nicht, dass die Tante, von der hier die Rede ist, etwas zu vererben hätte.) Die Tante, die allzu freigiebig ist mit Ratschlägen aller Art. Die Tante eben, die einfach nur nervt.

Nun, ich gebe mir alle Mühe der Welt, nicht zu dieser Tante zu werden, ich tue mein Bestes, um die Tante zu sein, mit der man auch als Erwachsener noch gerne Zeit verbringt. Ich fürchte nur, dass aus diesem Bemühen ein „Trying too hard“ werden könnte und dann wäre ich am Ende eben doch die Tante.

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Wunschlos

Karlsson wünschte sich zu Weihnachten einen Kurzurlaub mit Mama oder Papa, weil sein Zimmer vor lauter Antiquitäten und Nippes aus allen Nähten platzt und somit kein Raum für neue Wünsche mehr da ist. (Wer von uns mitkommen wollte, durften wir wählen. „Ich will nicht selber entscheiden, sonst meint derjenige, der zu Hause bleibt, ich hätte ihn weniger lieb.“ Im Nachhinein gestand er mir allerdings, er sei froh, dass ich zu Hause geblieben sei.“Mit dir kommt man einfach nicht weit“, sagte er. „Du willst immer noch kurz ein Päuschen einlegen, weil dir die Füsse weh tun, oder weil du den Moment geniessen willst oder so.“)

Der Zoowärter weiss auch eine Woche vor seinem sechsten Geburtstag noch nicht, was er sich wünschen soll. Er, der sonst immer einen unerfüllten Wunsch auf Lager hat, scheint zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen „ausgewünscht“ zu sein.

Luise verkündete neulich, auch sie hätte keine Ahnung, was sie sich zum Geburtstag wünschen solle. „Ich habe ja schon alles“, erklärte sie und es klang nicht im Geringsten nach „Ich sage das jetzt nur, damit Mama und Papa von meiner Vernunft beeindruckt sind.“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar grosse Wünsche, freut sich dann aber doch am meisten über die kleinen Dinge. Das Prinzchen ebenso.

Ich bin leicht verwirrt ob der plötzlichen Wunschlosigkeit unserer Kinder. So kannte ich sie bis anhin gar nicht. Ob dies mal wieder eine der berühmten Phasen ist, die sie ausnahmsweise mal alle gleichzeitig durchmachen? Sind sie auf irgend einem sonderbaren Trip, so wie ich damals, als ich mich standhaft weigerte, Hosen anzuziehen und dies zehn Jahre lang?

Besteht am Ende tatsächlich die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation erkennt, wie sehr das Materielle überbewertet wird? Auch wenn ich wünschte, dies wäre der Grund für die plötzliche Bescheidenheit der fünf kleinen Vendittis, so wage ich doch nicht, dies zu glauben. Es ist ja wohl bloss ein Wunschtraum, dass „die heutige Jugend“ klüger und vernünftiger sein könnte als ihre Eltern. Oder vielleicht doch nicht?

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Herzlich wenig Herzlichkeit

Die Mittelohrentzündung, die sich am Freitagabend ankündigt und am Samstagmittag mit eitrigem Ausfluss so richtig bemerkbar macht, bringt nicht mehr ganz so viel Stress mit sich wie ehemals. Jetzt, wo sich die Notfallpraxen wie die Karnickel vermehren, kannst du getrost am Samstagnachmittag um halb vier beim Arzt am Bahnhof aufkreuzen und deinem Kind wird geholfen. Du hättest sogar auf die vorherige Anmeldung verzichten können, aber wer eine halbwegs anständige Kinderstube hat, wird natürlich dennoch zum Telefon greifen, ehe er in die Praxis platzt. Vorbei sind die Zeiten, als du dich mit tausend Entschuldigungen à la „Wir hätten gerne bis Montag gewartet, aber das arme Kind schreit seit Stunden wie am Spiess, die Zwiebelwickel wollen nicht helfen und jetzt fliesst auch noch der Eiter“ ins Spital begeben musstest. Und deinen Hausarzt musst du nicht mit Notfallbesuchen kurz vor Praxisschluss zusätzlich auslaugen. Dein Kind darf jetzt ganz getrost aufs Wochenende hin krank werden.

Ganz praktisch also, aber nichts für Nostalgiker. Nachdem du Personalien und Krankenkassennummer angegeben hast, wollen die als nächstes wissen, ob du das Angebot aus der Zeitung, aus der Werbung oder von Freunden kennst. Sowas müssen sie dich bei der Hausärztin nie fragen, die wird auch ohne Werbung von Patienten überrannt. Der Arzt zeigt dem Computer mehr Zuwendung als dem Patienten, weil er alle wichtigen Daten erfassen muss. Er kennt das Kind ja auch nicht schon, seit es den ersten Schrei getan hat. Die Mama bekommt einige Zurechtweisungen zu hören, weil der Arzt nicht wissen kann, dass Mama sich nicht zum ersten Mal mit einer Mittelohrentzündung konfrontiert sieht. Alles läuft sehr effizient, zielgerichtet und selbstverständlich korrekt, aber von Herzlichkeit keine Spur. Was an sich kein Problem ist, denn in erster Linie geht es darum, dass dem Kind geholfen wird.

Die nächste Mittelohrentzündung bitte trotzdem wieder irgendwann zwischen Montag und Freitagmorgen, denn bei der Hausärztin ist es halt doch viel heimeliger.

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Umgewöhnung

Morgens um Viertel nach sieben. „Meiner“ schwirrt wie eine wütende Wespe durch die Wohnung, will noch alles halbwegs erledigt haben, bevor er zur Arbeit geht: Wäsche, Geschirr, Abfall, Speisereste, Altpapier. Zwischendurch noch kurz Kakao kochen und Brötchen schmieren. Aber sich selber mal einen Moment lang hinsetzen, etwas essen und trinken? Kommt nicht in Frage, keine Zeit.

Anfangs lasse ich ihn gewähren, aus lauter Gewohnheit. So lief es in den vergangenen zwei Jahren immer, warum sollte es jetzt also anders sein, wenn er wieder zur Arbeit geht? Plötzlich aber dämmert mir, was da abgeht. „Meiner“ versucht mal wieder, den Hausalt irgendwie über Wasser zu halten, wie wir das eben getan haben, als weder er noch ich richtig Zeit hatten dafür. Die Hausarbeit wurstelten wir irgendwie zwischen Arbeit, Familienzeit, Sitzungen, Arztterminen und Kindergeburtstagsparties durch. Das war zwar alles andere als befriedigend und man sah es sowohl der Wohnung als auch unseren Augenringen bald einmal an, aber anders schafften wir es nicht.

Jetzt aber ginge es anders, nur leider hat es „Meiner“ noch nicht bemerkt. Noch glaubt er, er müsse seinen sich verbessernden Gesundheitszustand aufs Spiel setzen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, dass der Posten der Hausfrau bei uns über Jahre unterbesetzt war, dass es ihm schwer fällt, sich daran zu gewöhnen, dass er jetzt überbesetzt ist. Denn seien wir doch ehrlich: Mit einem einzigen – äusserst ordnungsliebenden – Kind, das noch den ganzen Tag im Haus ist, sollte selbst ich es hinkriegen, die Dinge einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Nun ja, das Prinzchen hat sich zwar bei „Meinem“ beklagt, ich sei faul, aber ich hoffe doch sehr, dass der gute Mann auf eine solche Verleumdung nicht hereinfällt und deswegen wie ein Irrer der Hausarbeit hinterher hetzt.

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Töchterchen träumt

Töchterchen hätte gerne einen Wohnwagen. Keinen von Lego-Friends, den hat sie schon. Zum Glück auch kein fahrtüchtiges Modell, mit dem man in den Süden fahren kann. Aber ein ausgedientes, heruntergekommenes Ding, das man in den Garten stellt, um in lauen Sommernächten drin zu übernachten. An sich keine schlechte Idee, aber wie stellt sie sich das denn vor?

Na, ganz einfach natürlich. Wozu gibt es denn Online-Auktionen? Dort bekommt man so ein Ding schon für einen Franken. „Weisst du“, sagt sie, „das ist ganz einfach. Man muss es nur irgendwie beim Verkäufer abholen, wir könnten ja das Auto vom Grossvater ausleihen, der hat ja so eine Kupplung. Und dann stellen wir es auf den Platz vor der Garage. Aber es muss eine Küche haben, damit man am Morgen Frühstück machen kann. Wie macht man das überhaupt mit dem Strom? Und das WC, funktioniert das dann richtig?“

Töchterchen gerät immer mehr in Fahrt, klingt, als sei sie bereits stolze Besitzerin des Gefährts, obschon ich noch nicht mal „Wir können uns das ja mal überlegen“ gesagt habe. Töchterchen überhört natürlich auch die Einwände von Brüderchen, der nicht will, dass der Garten zu einem Campingplatz verkommt. Töchterchen ist einfach nur Feuer und Flamme für ihre neueste Idee und darum bin ich von Herzen froh, dass sie mein Ricardo-Passwort nicht kennt, denn sonst würden wir schon morgen einen ausgedienten Wohnwagen unser Eigen nennen.

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Auf ins neue Leben!

Ja, ich bin dankbar, dass keines der Kinder über die Feiertage krank war. Keine fieberglänzenden Augen beim Auspacken der Geschenke, kein Erbrochenes unter dem Tannenbaum, keine Zwiebelwickel für schmerzende Ohren. Einfach nur fröhliche, überdrehte Kinder, die sich des Lebens und des gemütlichen Wohnzimmers freuten und das vierzehn Tage lang. So soll es sein, auch wenn es mir offen gestanden lieber gewesen wäre, die fünf hätten sich hin und wieder mal im Wald ausgetobt anstatt bei mir auf dem Sofa, wo ich mich mit Grippe, Zeitschriften und iPad dauerhaft niedergelassen hatte. 

„Morgen wird es wieder ruhiger und dann spielt es keine Rolle mehr, ob ich nun krank oder gesund bin, dann wird einfach geschrieben“, sagte ich gestern Abend hoffnungsfroh zu „Meinem“. Heute nämlich hätte mein neues Leben beginnen sollen, das war fest so eingeplant. Alle Kinder den ganzen Montag ausser Haus, sogar über Mittag, „Meiner“ zum ersten Mal seit Monaten wieder bei der Arbeit, ich ganz alleine zu Hause. Nur ich, mein neu ersteigertes Occasions-MacBook, die Schreibprojekte, die in den vergangenen Wochen den Weg zu mir gefunden haben und ein Überrest von Grippe. Besser kann ein neuer Lebensabschnitt nicht beginnen…

Aber eben, der Start in den neuen Lebensabschnitt wurde verschoben. Zoowärter hat sich heute krank gemeldet, liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und kann sich nicht entscheiden, ob er sich vor dem kleinen Drachen Kokosnuss fürchten soll oder ob er doch lieber das Hörbuch zu Ende hören will, weil es so spannend ist. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob der Zoowärter wirklich krank ist, oder ob er von seinem gestrigen Einsatz als Sternsinger – die Protestantin in mir hat beinahe der Schlag getroffen, als er im Ministrantengewand vor der Haustüre stand – derart ausgelaugt ist, dass nicht mal die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinen Freunden ihn in den Kindergarten locken konnte.

Schreiben werde ich trotzdem. Oder ich werde es zumindest versuchen, sobald sich der Zoowärter entschieden hat, ob er jetzt vielleicht doch lieber „Das kleine Gespenst“ hören will.

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