Fast schon wie früher

Da bin ich also wieder, bestens ausgeruht, mit zahlreichen guten Vorsätzen ausgerüstet – früher ins Bett, weniger Koffein, mehr Grüntee, mehr Gelassenheit, mehr Geduld und weniger Stress – und bereit, wieder meinen Teil zum Familienleben beizutragen. Also morgens um vier mit „Meinem“ das Prinzchenbett von Katzenkot befreien, Weihnachtsmenü aus dem Ärmel schütteln, überdrehte Kinder beruhigen, Baum schmücken, Playmobil zusammenbauen – was halt so dazugehört, wenn man einen Tag vor Heilig Abend nach Hause kommt. Nun ja, das mit dem Katzenkot ist zum ersten Mal passiert, aber das Prinzchen zeigte sich verständnisvoll. Die Katzen hätten eben Angst gehabt, ihr Geschäft in der Katzenkiste im dunklen Wohnzimmer zu verrichten. Im Kinderzimmer war es zwar genauso dunkel, aber lassen wir das wenig festliche Thema für heute.

Bereits jetzt ahne ich, dass der Familienalltag sich meinen Vorsätzen gegenüber wenig sensibel zeigen wird, aber ich kann gut damit leben. Wenn ich bedenke, dass wir vor zwei Monaten noch fürchteten, „Meiner“ werde vielleicht nie wieder ganz sich selber sein, dann bin ich einfach nur dankbar, dass es bei uns schon fast wieder so ist wie früher und dass wir unser übliches turbulentes, möchtegern-feierliches Weihnachtsfest mit hier einem Stimmungseinbruch und dort einem Glanzlicht feiern durften.

Frohe Weihnachten allerseits!

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Mrs. Perfect hält Hof (oder versucht es zumindest)

Es gibt einige Dinge, die ich vermissen werde, wenn ich morgen wieder nach Hause fahre. Tischgespräche wie das Folgende gehören allerdings nicht dazu.

Es ist 18 Uhr, Frau KeinerLiebtMich, Frau SchönDassIchLebe, Mrs. Perfect und Frau Venditti finden sich zum Abendessen ein. Man erzählt sich gegenseitig, womit man den Nachmittag verbracht hat, und ich begehe den gravierenden Fehler, zu erzählen, ich hätte von zwei bis zehn nach fünf tief und fest geschlafen. Hier steigen wir ins Gespräch ein:

Frau KeinerLiebtMich: „Seien Sie froh, dass Sie überhaupt schlafen können. Ich bringe Tag und Nacht kein Auge zu. Und dies schon seit Monaten.“

Frau SchönDassIchLebe: „Waren Sie denn heute in der Apotheke?“

Frau KeinerLiebtMich: „Ja, ich habe diese pflanzlichen Schlaftabletten bekommen, aber ich weiss nicht, ob ich sie schlucken kann. Wissen Sie, mein Hals…

Mrs. Perfect (unterbricht sie): „Es heisst, man solle bei Tisch nicht über gesundheitliche Probleme reden. Haben Sie den Anschlag in Ihrem Zimmer nicht gesehen? Wissen Sie, hier hat jeder seine Bürde zu tragen.“

Frau KeinerLiebtMich kämpft scheinbar mit den Tränen, Frau SchönDassIchLebe und Frau Venditti schweigen betroffen. Das Essen wird serviert. Einmal Schonkost, einmal Birchermüesli, einmal Fleisch und einmal Vegetarisch. Die vier Frauen essen eine Weile lang schweigend.

Mrs. Perfect: „Frau Venditti, Sie essen unglaublich schnell. Das ist mir jetzt schon öfters aufgefallen.“

Frau Venditti: „Ja, ich weiss. Das ist eine schlechte Angewohnheit aus dem Familienalltag. Manchmal muss man einfach froh sein, überhaupt ein paar Bissen essen zu können, bevor man wieder gebraucht wird.“

Mrs. Perfect (streng): „Sie wissen aber, dass dies ungesund ist?“

Frau Venditti: „Ja, das weiss ich, aber es ist nicht ganz einfach, schlechte Gewohnheiten von heute auf morgen abzulegen.“

Allmählich leeren sich die Teller, das Servierpersonal trägt Schüsseln für den Nachservice herum.

Mrs. Perfect: „Frau SchönDassIchLebe, heute müssen Sie unbedingt noch eine Portion nehmen. Wie wollen Sie denn zunehmen, wenn Sie nicht genug essen?“

Frau SchönDassIchLebe: „Nein, ich nehme nichts mehr, ich bin wirklich satt.“

Mrs. Perfect: „Aber Sie hatten nur dieses Birchermüesli. Sie müssen wirklich mehr essen.“

Frau SchönDassIchLebe (freundlich, aber leicht entnervt): „Sie sind heute ein wenig schulmeisterlich mit mir, aber wissen Sie, ich bin eine erwachsene Frau, ich weiss, wann ich satt bin.“

Mrs. Perfect (unbeirrt): „Sie sollten aber wirklich noch einmal etwas nehmen. Glauben Sie mir, so nehmen Sie nie zu.“

Wieder herrscht eine Weile lang Schweigen am Tisch, dann kommt der Dessert.

Frau KeinerLiebtMich: „Oh, ich glaube nicht, dass ich das essen kann.“

Kellnerin: „Aber das hat der Diätkoch eigens für Sie zubereitet.“

Frau KeinerLiebtMich: „Ich weiss, aber diese Stücke sind viel zu gross für mich. Wissen Sie, mein Hals. Na ja, dann probiere ich eben…“

Mrs. Perfect: „Sie müssen dem Diätkoch eben sagen, dass Sie nur gekochte Früchte essen können. Sagen Sie es ihm doch gleich jetzt, er ist bestimmt da.“

Frau KeinerLiebtMich: „Ich muss mich dann bei ihm entschuldigen, dass ich so kompliziert bin…“

Mrs. Perfect lenkt das Thema weg von Frau KeinerLiebtMichs Problemen, hin zu einem rauschenden Gartenfest, das sie vor mehr als dreissig Jahren auf ihrem Anwesen organisiert hat. Rundum gelungen, mit Störkoch, als Parkwächter verkleideten Kindern und üppigen Dekorationen. Perfekt hat sie das hingekriegt, am Ende wollte man sie als Partyorganisatorin anheuern. Sie hat natürlich dankend abgelehnt, der Stress von dieser einen grossen Anstrengung in ihrem Leben steckt ihr vermutlich heute noch in den Knochen. Die anderen drei Frauen hören gebannt zu, allzeit bereit, den Redeschwall zu unterbrechen, wenn Mrs. Perfect endlich einmal Luft holt. Frau Venditti schafft es endlich. Als Jüngste im Bunde und in täglichen Familiengesprächen trainiert hat sie den anderen gegenüber einen klaren Vorteil.

Frau Venditti: „So, ich gehe dann mal in die Sauna.“

Mrs. Perfect (entsetzt): „In die Sauna nach dem Essen? Sie wissen aber, dass man das nicht sollte. Nun gut, soooo viel haben Sie nicht gegessen und Tofu ist ja nicht allzu schwer…“

Frau Venditti: „Ja, Mrs. Perfect, das weiss ich, aber ich reise morgen ab und bis dahin bin ich fest entschlossen, jeden Augenblick genau so zu leben, wie es mir gefällt. Einen schönen Abend noch.“

Was Frau Venditti eigentlich hätte sagen wollen, aber es aus Höflichkeit nicht gesagt hat: „Liebe Mrs. Perfect, kehren Sie bitte endlich mal vor ihrer eigenen Tür. Mir scheint, dass hinter Ihrer piekfeinen, frommen Fassade eine ziemlich giftige, verwöhnte Zicke steckt. Kümmern Sie sich doch mal um sie, anstatt um uns.“

Tja, und dann ging Frau Venditti in die Sauna und bloggte im Ruheraum über das, was sich während des Abendessens ereignet hatte. Ob Mrs. Perfect es gutheissen würde, dass man zwischen zwei Saunagängen bloggt?

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Bitte nicht ausquetschen!

Es hat eine Weile gedauert, aber allmählich macht sich nun doch das Heimweh nach den Kindern bemerkbar. Aufgefallen ist mir dies, als ich heute im Bus inmitten einer Gruppe von Schülern sass. Dem Alter nach bereits Teenager, aber noch immer pausbäckig und leicht unsicher. Die Jacken bereits trendy und teuer, die Mütze dazu in den passenden Farben aber noch von Mama gestrickt. Jungs wie Karlsson eben.

Gewöhnlich schenke ich solchen Schülergruppen kaum Beachtung, weiss ich doch, wie wenig sie an einem Gespräch mit mir interessiert wären. Heute aber konnte ich mich nur mit Mühe davon abhalten, sie anzusprechen. „Geht ihr auch in die sechste Klasse?“, hätte ich gefragt, oder „War der Prüfungsstress vor Weihnachten schlimm?“. Ich hätte ihnen erzählt, dass mein Ältester auch in ihrem Alter ist und dass er es vor Weihnachten sehr streng hatte in der Schule. Sie hätten vielleicht höflich genickt und ich hätte erzählt, dass meine Tochter es auch streng hatte, obschon sie noch nicht in der Sechsten ist. Vielleicht hätte ich noch gefragt, ob sie auch Geschwister haben und sie hätten mit einem gleichgültigen Schulterzucken „Ja“ gesagt, oder vielleicht auch „Nein“. Irgendwann wären sie ausgestiegen und ich hätte gesagt: „Schöne Weihnachten noch!“ und draussen hätten sie ihre Köpfe geschüttelt, über mich gelacht und zu Hause erzählt, dass sie im Bus von so einer komischen alten Tante angequatscht worden seien.

Ich habe die Schüler natürlich nicht angesprochen, dafür habe ich abends noch mit Karlsson telefoniert. Das Gespräch verlief folgendermassen:

Karlsson: „Hallo Mama, wie geht’s?“
Ich: „Gut, ein wenig müde. Und dir?“
Karlsson: „Gut. Was hast du heute gegessen?“
Ich: „Suppe, Salat, Roulade… Und du?“
Karlsson: „Ich geb‘ dir dann mal das Prinzchen ans Telefon. Tschüss!“

Okay, verstanden. Ich soll nicht nur fremde Zwölfjährige in Ruhe lassen, ich soll auch meinen eigenen nicht mehr als das absolut Notwendigste fragen.

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Schlaflos im Ländli

Schon zum zweiten Mal seit meiner Ankunft im „Ländli“ wälze ich mich schlaflos in meinem Bett, hundemüde und doch unfähig, ein Auge zuzutun. Nichts hilft, nicht mal der Grosseinkauf für Weihnachten, den ich nachts um zwei im Internet tätige, damit „Meiner“ am 22. nicht mit fünf Kindern durch die Migros hetzen muss. Ich gehe in mich, forsche nach dem Grund für meine Schlaflosigkeit.

Ist es das Heimweh? Nein, denn auch wenn ich meine Liebsten vermisse, bin ich doch ziemlich zuversichtlich, dass ich in vier Tagen wieder von ihnen umarmt, bestürmt, ausgequetscht und unterhalten werde. Ich glaube doch nicht an den Weltuntergang…

Ist es der Kummer über Vergangenes, vielleicht gar Groll? Nein, alles erfolgreich verdrängt, aufgeschoben auf den Moment, in dem ich dazu bereit sein werde, das Gute mit mir zu nehmen und das Schlechte hinter mir zu lassen.

Sind es Zukunftsängste? Auch nicht, denn meine Zukunft sieht deutlich rosiger aus als vor einigen Monaten noch.

Dann ist es vielleicht die Vorfreude auf das, was sich am Horizont immer klarer abzeichnet? Sicher nicht, ich weiss ja, dass ich zuerst mal gründlich ausschlafen muss, ehe ich die Dinge richtig anpacken kann.

Habe ich mich in den vergangenen Tagen zu wenig verausgabt? Immerhin bin ich seit meiner Ankunft hier oben noch nicht ein einziges Mal ans Ende meiner Kräfte gekommen? Nein, das kann es auch nicht sein. Die Müdigkeit der letzten Monate steckt zu tief in meinen Knochen.

Habe ich vielleicht etwas Schlimmes am Fernsehen gesehen? Von wegen, ohne „Meinen“, der mich dazu verführt, zumindest strickend neben ihm zu sitzen, wenn er sich „The Mentalist“ oder „Borgen“ reinzieht, komme ich gar nicht auf die Idee, den Kasten einzuschalten.

Ach so, vielleicht muss ich einfach die gefährliche Bahnfahrt nach Basel und zurück verarbeiten? Auch Fehlanzeige. Entgegen den Befürchtungen meines Tischnachbarn musste ich nicht mal abends um zehn um mein Leben bangen und die einzige Sorge, die mich plagte war, ob ich um halb elf überhaupt noch ins Haus komme.

Nachts um drei dämmert mir endlich, woran es liegt, dass ich den Schlaf nicht finde: Es ist einfach viel zu heiss zum Schlafen, ich vermisse die angenehme Kühle unseres schlecht isolierten Schlafzimmers. Wohl wissend, dass dies ein ziemlich schlechtes Bild abgäbe, wenn zu dieser Stunde einer mit einer Wärmebild-Kamera ums „Ländli“ schliche, reisse ich das Fenster auf und finde endlich die ersehnte Ruhe. Beim Einschlafen wundere ich mich noch, weshalb ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Meine Kinder habe ich ja auch immer von unnötiger Kleidung befreit, wenn sie trotz vollem Bäuchlein, sauberer Windel, Schmerzfreiheit und zig Schlafliedern den Schlaf nicht fanden. Anstatt in mich zu gehen, hätte ich für einmal besser etwas an den äusseren Umständen geändert.

Und hier noch einmal in aller Deutlichkeit mein Ratschlag für alle von Schlaflosigkeit geplagten Kleinkind-Eltern: Zieht um Himmels Willen dem armen Kindchen die Socken aus! Bei dieser Wärme kann doch kein Mensch schlafen.

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Atempause

Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.

Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.

Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.

Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.

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Morgenstimmung

Zoowärter: „Prinzchen, bist du schon wach?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Stehst du jetzt auf und fängst an zu spielen?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Ich spiele mit.“

Augenblicke später sitzen die zwei auf dem Fussboden und besprechen die Handlung: „Zuerst wären die Indianer ums Lager geschlichen und dann wäre der Wolf gekommen und dann hätten die Feuerwehrleute das Baby entführt…“ Nach einigen Momenten der Stille beginnt das Spiel:

Zoowärter: „Woooooaaaaaahhh! Bummmmmmmmm!“
Prinzchen: „Zack!“
Zoowärter: „Attackeeeeeeeeeeeeeee!“
Prinzchen: „Tatüttataaaaaaaaa! Hilfeeeeeeee!“
Zoowärter: „Und jetzt hätten die Indianer das Baby wieder befreit.“
Prinzchen: „Ja, und dann wären die Cowboys gekommen….“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat betritt die Szene. Ich halte den Atem an. Verträgt es einen Dritten in diesem Spiel, das trotz aller Action so friedlich ist? Offenbar ja:
Prinzchen und Zoowärter unisono: „Hallo FeuerwehrRitterRömerPirat. Spielst du mit?“
Prinzchen: „Die Feuerwehrleute haben das Baby entführt…“
Zoowärter: „…und du musst den Wolf spielen…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Ja, und dann hätte sich der Wolf am Feuer verletzt und dann….“

Wieder Lagebesprechung, dann wieder „Woooosh! Auaaaaaa! Tschack! Zum Aaaaaaangrifffffffff!“

So geht das zwei Stunden lang, ohne nur einen Hauch von Streit. Ich sitze im Nebenzimmer und warte zitternd darauf, dass irgendwann doch noch die Explosion kommt. Aber sie kommt nicht, nicht mal, als das Prinzchen verkündet, Luise dürfe nicht mitmachen, weil alle Frauenrollen bereits besetzt seien. Was braucht es denn noch, bis die Bombe platzt und das Geschrei losgeht? Wenn ich doch bloss wüsste, wann es vorbei ist mit dem Frieden und ich einschreiten muss. Aus lauter Angst vor dem Theater, das unweigerlich losgehen wird, wenn einer doch noch das Falsche sagt, schaffe ich es kaum, den seltenen friedlichen Moment zu geniessen. Irgendwann halte ich die Spannung nicht mehr, ich trommle die Kinder zusammen und lasse sie den Film schauen, für den gestern, vorgestern, vorvorgestern und an den Tagen davor keine Zeit blieb.

Seitdem die Kinder vor der Glotze parkiert sind, bin ich nicht etwa ruhiger geworden. Ich quäle mich jetzt einfach mit der Frage, ob ich mit der Einlösung meines Versprechens etwas Grossartiges zerstört habe, oder ob ich damit heldenhaft verhindert habe, dass die Stimmung doch irgendwann noch kippt.

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Auf ins Mittelalter!

Eben noch war sein Olymp bevölkert mit Feuerwehrmännern, Bauarbeitern und Ambulanzfahrern. Als Halbgötter akzeptierte er Polizisten und Zivilschützer. Für Ritter, Dinosaurier, Piraten und anderes Gesindel hatte er keine Verwendung. Zu kämpferisch, zu laut, zu weit von der Realität entfernt waren sie. Wenn seine grossen Brüder zu Ehren der Helden der Vergangenheit einen Ritterkampf durchführten, wandte er sich nahezu angewidert ab.

Das alles war gestern. Heute sass er am frühen Morgen im Bett und bewunderte andächtig die Bilder in einem Ritterbuch. „Schau, Mama, ein echter Ritter. Der hat eine richtige Rüstung. Und hier eine Burg. Wow, das Pferd ist ja riesig!“ Erst glaubte ich noch an einen Zufall. Vielleicht hatte er sich im Buch geirrt und gab nur vor, sich für den Inhalt zu interessieren, weil er zu bequem war, sich andere Lektüre zu besorgen. Wenig später aber ertappte ich ihn dabei, wie er seiner kleinen Cousine voller Begeisterung das Buch mit den Ritterrüstungen zeigte, am Nachmittag befasste er sich eingehend mit dem Thema „Brandbekämpfung in der Ritterzeit“.

Spätestens jetzt gab es keinen Zweifel mehr daran, dass Feuerwehr & Co allmählich ihren Reiz verlieren, das Prinzchen macht sich dazu auf, das Mittelalter zu erkunden. Ich hätte wissen müssen, dass das kommt, habe ich diese Entwicklung doch bereits dreimal mitgemacht. Ein Entwicklungsschritt, den ich grundsätzlich begrüsse, denn in der Vergangenheit kenne ich mich besser aus als auf Baustellen. Etwas besorgt bin ich nur, weil der Wandel ausgerechnet jetzt stattfindet. Prinzchens Weihnachtsgeschenke sind nämlich bereits gekauft und es hat keinen einzigen Ritter dabei.

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Unter Generalverdacht

Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, ist in der Gesellschaft nicht gerade beliebt. Wer zwischen zwölf und achtzehn und obendrein männlich ist, stellt eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar und darum darf er sich auch nicht wundern, wenn er von Erwachsenen zurechtgewiesen wird. Es macht dabei keinen Unterschied, ob einer aus lauter Ungeschicklichkeit einen Fauxpas begeht, oder ob er aus purer Gemeinheit einem anderen etwas antut. Die Tatsache, dass einer männlich und minderjährig ist reicht.

Diese Erfahrung muss Karlsson derzeit immer wieder machen. Heute zum Bespiel geriet er auf dem Fahrrad aus dem Gleichgewicht, touchierte einen älteren Mann, entschuldigte sich höflich, der Mann nahm die Entschuldigung an, Augenblicke später waren zwei Frauen zur Stelle, die dem verdutzten Jungen die Leviten lasen und ihn anbrüllten, ob er denn nicht besser aufpassen könne.

Nein, Karlsson ist kein Engel, aber wer ihn kennt weiss, dass er zu schüchtern ist, um einem Fremden willentlich etwas zuleide zu tun. Gemeinheiten und Sticheleien sind seinen jüngeren Geschwistern vorbehalten, freche Antworten seinen Eltern. Darum besteht für mich kein Zweifel daran, dass die Zurechtweisungen, von denen er immer wieder berichtet, ungerechtfertigt sind. Genauso wie die Zurechtweisungen, von denen mir andere Teenager berichten, oftmals ungerechtfertigt sind. Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, darf offenbar nicht erwarten, mit Respekt behandelt zu werden.

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Generationenhaus

Auch bei uns hat es reichlich geschneit, obschon böse Zungen behaupten, bei uns hätte es deutlich weniger Schnee als andernorts. In unserem 3-Generationenhaus löst die Schneedecke äusserst unterschiedliche Reaktionen aus.

Meine Mutter stellt abends fest, dass es schneit wie ehemals. Diese Feststellung reicht, dass sie am nächsten Morgen aus dem Bett steigt und nach der üblichen Morgenroutine zur Schneeschaufel greift und der Rest läuft automatisch: Zuerst die Treppenstufen vor dem Haus, dann der Weg zum Briefkasten, damit der Briefträger sich nicht ärgern muss, danach der Fussweg bis zur Garage, wo die Zufahrt für die Autos freigeschaufelt werden muss. Die Schneehaufen müssen hierbei so zu liegen kommen, dass die Kinder problemlos Schneemänner und Iglus bauen können. Und vielleicht auch einen Thron aus Schnee, so wie sie und ihre Schwestern damals.

Ich stelle abends fest, dass es schneit wie in der Kindheit einmal, es muss wohl 1983 gewesen sein. „Hach, wie romantisch!“, denke ich und schaue minutenlang verträumt aus dem Fenster. Am Morgen fällt der erste Blick auf die verschneite Tanne in Nachbars Garten und ich wünschte mir, ich hätte eine Ausrede, nach draussen zu gehen. Ich könnte ja Schnee schaufeln, die frische Luft und die Bewegung würden mir bestimmt gut tun. Aber ich muss mich beeilen, sons kommt mir meine Mutter zuvor und ich will nicht, dass sie schaufeln muss, das ist jetzt meine Pflicht. Wenn der Weg frei ist, trinken wir alle zusammen heisse Schokolade und dann schreibe ich einen Blogpost über den Schnee.

Die Kinder stellen abends fest, dass es schneit wie noch kaum je in ihrem Leben. Morgens springen sie aus ihren Betten, suchen noch vor dem Frühstück Skianzüge, Handschuhe, Schals und Mützen zusammen und rennen nach draussen. „Wir bauen einen Schneemann! Und ein Iglu! Und ein Schneefort!“, brüllen sie im Treppenhaus. Eine Viertelstunde später stehen sie fröstelnd wieder in der Wohnung. „Mama, uns ist kalt. Kannst du uns zeigen, wie man ein Iglu baut? Und der Schlitten läuft auch nicht gut. Warum denn nicht?“

Treffen diese drei Generationen nun im Garten zusammen, wird es ziemlich chaotisch. Meine Mutter war natürlich schneller als ich und darum versuche ich, ihr die Schneeschaufel zu entwinden. Sie gibt sie nicht her und darum einigen wir uns, den Weg gemeinsam freizumachen, wir haben ja zwei Schaufeln. Meine Mutter wundert sich, weil die Kinder die Quader für das Iglu mit Plastikkisten zu formen versuchen und weil bereits sechs Schlitten ums Haus verteilt liegen. Ich erkläre ihr, dass sich unsere Kinder im Schnee wohl ähnlich verloren fühlen wie ein Fünfundachtzigjähriger am Billettautomat der SBB. Die Kinder begreifen nicht, warum wir mit unseren Schaufeln die schöne Schneedecke zerstören und warum sie ihre Schuhe ausziehen müssen, bevor sie zurück ins Haus gehen.

Irgendwann ist der Weg freigeschaufelt, wir ziehen uns alle an die Wärme zurück und morgen, wenn wieder neuer Schnee gefallen ist, werden wir die ganze Sache viel geordneter angehen können, weil wir jetzt wieder wissen, dass bei Schnee jeder von uns etwas anders tickt als der andere.

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Probelauf

Mir kommt es so vor, als würden „Meiner“ und ich in diesen Tagen einen Probelauf für das Rentenalter absolvieren. Rund um die Uhr sind wir zusammen und immer wieder ergeben sich Dialoge, die es im Familienalltag gar nicht geben dürfte. Zum Beispiel beim gemeinsamen Start in den Tag, nachdem alle Kinder aus dem Haus gegangen sind:

Er: „Nimmst du auch en Tässchen Tee?“
Ich: „Nein, ich glaube, heute nehme ich lieber einen Kaffee.“
Er: „Bist du sicher? Ich hätte gerade heisses Wasser…“
Ich: „Sicher, heute lieber Kaffee. Ich konnte gestern nicht so gut einschlafen, darum brauche ich jetzt ganz dringend Koffein.“
Er: „Ich bin auch nicht so gut eingeschlafen. Vielleicht lege ich mich heute nach dem Mittagessen noch einmal hin.“
Ich: „Das solltest du wirklich tun. Man hat ja nicht immer die Gelegenheit dazu. Reichst du mir mal eine Zeitung?“
Er: „Die AZ oder das OT?“
Ich: „Kommt nicht so drauf an, steht ja ohnehin das gleiche drin.“
Er: „Also gut, ich nehme zuerst das OT.“

Schweigen. Wir lesen beide.

Ich: „Das ist doch nicht zu fassen…“
Er: „Was denn?“
Ich: „Da hat doch tatsächlich einer versucht…“
Er: „Ach ja, das habe ich auch gelesen. So etwas ist doch einfach die Höhe.“
Ich: „Man möchte glauben, dass so etwas nicht möglich ist, aber die Leute schrecken ja vor nichts mehr zurück…“

Wieder schweigen und lesen.

Er: „Hast du den hier gesehen? Ein totaler Spinner!“
Ich: „Nein, soweit bin ich noch nicht. Ich lese da noch dieses Interview.“
Er: „Ach so, das habe ich nicht gelesen. Du, bevor ich es wieder vergesse, wir müssen heute unbedingt noch Abfallsäcke besorgen.“
Ich: „Haben wir schon wieder keine mehr.“
Er: „Doch, aber ich kann sie nicht mehr finden. Ich habe sie wohl in der Garage liegen lassen, bloss weiss ich nicht mehr wo.“
Ich: „Ich habe doch letztes Mal zwei Rollen gekauft. Und jetzt sind die schon wieder aufgebraucht. Unglaublich, wie viel Abfall wir immer produzieren.“

So würde das den lieben langen Tag weitergehen, hätten wir nicht fünf Kinder, die uns Gott sei Dank davon abhalten, für den Rest unseres Daseins solche Gespräche zu führen. Und dann sind da zum Glück noch einige Lebensträume und Visionen, über die wir uns jeweils unterhalten, wenn uns der alltägliche Gesprächsstoff ausgegangen ist.

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