Grässlich, diese Erwachsenen

Allmählich komme ich in ein Alter, in dem es immer weniger Spass macht, den eigenen Geburtstag zu feiern. Nun gut, ich bin ja noch nicht alt, aber so langsam steigt das Bewusstsein, dass man sich schneller auf die Lebensmitte zubewegt, als einem lieb sein kann. Folglich fällt es mir immer schwerer, meinen Kindern eine befriedigende Antwort zu liefern, wenn sie wissen wollen, ob ich mich auf meinen Geburtstag freue. Kinder, das weiss ich noch aus der eigenen Erinnerung, können es nicht verstehen, wenn Erwachsene seufzen: „Schon wieder Geburtstag? So ein Mist, ich wünschte, ich könnte das Rad der Zeit zurückdrehen. Oder zumindest alles ein wenig verlangsamen.“ Wie kann man bloss so doof und abgelöscht sein, sich nicht über den eigenen Geburtstag – das Highlight des Jahres – zu freuen wie ein kleines Kind? Und dann erst dieses „Ach weisst du, mein Kind, ich wünsche mir gar nichts zum Geburtstag. Ich hab‘ doch schon alles…“ Haben die denn gar keine Träume mehr, diese Erwachsenen? Grässlich, nicht wahr? Zumindest in den Augen eines Kindes.

Und sie haben mal wieder Recht, die kleinen Menschen. Was ist denn schon schlimm dabei, ein Jahr älter zu werden? Ist doch eigentlich ein Geschenk, dass man überhaupt da sein darf, nun ja, zumindest, wenn man es schafft, den ganzen Irrsinn auf diesem Planeten auszublenden. Ist doch wunderbar, von Menschen umgeben zu sein, die einen feiern wollen. Und auch wenn man tatsächlich nichts braucht, schön ist es doch trotzdem, dass es Menschen gibt, die einem etwas schenken, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Ja, sie haben Recht, die Kinder, wenn sie fordern: „Dein Geburtstag wird ebenso gefeiert wie der unsere. Es muss Kuchen geben und Geschenke und gutes Essen, sonst wird das nichts.“ 

Und weil ich von meinen Kindern lernen will, habe ich heute, an dem Tag, an dem ich 37 Jahre alt geworden bin, beschlossen, dass ich in Zukunft nicht mehr über Geburtstage jammern werde. Ich will sie feiern, sie geniessen und dankbar sein, dass ich leben darf. 

Ich hoffe bloss, dass ich meinen Entschluss nächstes Jahr nicht bereits wieder vergessen habe. In meinem Alter kann man sich da nicht mehr so sicher sein.

Gleiche Geschenke für alle

Endlich haben wir sie erreicht, die Gleichberechtigung. Da stöbere ich heute Nachmittag nach einem ergänzenden Geburtstagsgeschenk für „Meinen“, entdecke, dass einer dieser Öko-Anbieter jetzt auch einen Katalog speziell für Männer hat und denke, dass ich dort vielleicht fündig werden könnte. Und siehe da, man findet alles, was der moderne Mann sich zum Geburtstag wünschen könnte: Saftpressen, Handmixer, Kaffeekocher und Römertöpfe. Endlich können wir uns rächen für all die Jahre, in denen uns die Männer mit praktischen Geschenken für den Haushalt beglückt haben. Wenn der erstaunte Gatte wissen möchte, wie wir auf die Idee gekommen sind, ihm ausgerechnet einen Handmixer zu schenken, dann können wir voller Stolz antworten: „Das habe ich aus einem Katalog, den sie eigens für Männer zusammengestellt haben. Sag‘ Schatz, freust du dich denn nicht? Schau doch mal wie praktisch. Damit wir dir jedes Soufflée gelingen…“

Nun, ich habe dann doch darauf verzichtet, „Meinem“ etwas aus diesem Katalog zu bestellen. Ausser diesem einen Ausrutscher mit dem Brotbackautomaten hat er mich nie mit praktischen Geschenken genervt und deshalb sehe ich keinen Grund, weshalb ich mich mit einem Handmixer oder einer Saftpresse rächen sollte. Wobei, vielleicht sieht er Haushaltgeräte gar nicht als Strafe an. Wenn ich mich recht erinnere, hat er sich vor drei Jahren riesig über die Nähmaschine gefreut.

Ob ich vielleicht doch…

Lego-Welten

Einer von unzähligen Gründen, weshalb ich so gerne die Mama des FeuerwehrRitterRömerPiraten bin: Nachdem ich seit frühester Kindheit nichts mit Legosteinen anzufangen wusste, habe ich heute, an seinem Geburtstag, gelernt, dass es richtig viel Spass machen kann, aus den kleinen Steinen Ritterburgen zu bauen. Nun ja, vielleicht war es weniger das Bauen als die gemeinsame Zeit mit unserem Dritten. Diese Begeisterung für ein Geschenk, das er sich seit Wochen gewünscht hatte, diese Spannung, wie die Konstruktion wohl am Ende aussehen würde, die „Mama, du hast ja keine Ahnung, wie man Legos zusammenbaut“-Kommentare. Wieder einmal habe ich erlebt, wie schön eine bis anhin fremde Welt sein kann, wenn man sie mit einem geliebten Kind entdeckt. Schön, dass er mich in seine Welt mitgenommen hat, schön, dass er unser Leben bereichert. Seit sieben Jahren schon. 

Von der besten Seite

Zuweilen kann Elternsein ganz schön frustrierend sein. Da erzählen dir alle, wie nett und anständig deine Kinder in der Schule oder bei den Klassenkameraden zu Hause sind und du selber bekommst nur das stetige Gemotze und Türenknallen mit. Natürlich bist du dankbar, dass deine Kinder sich immerhin auswärts zu benehmen wissen, aber hin und wieder packt dich der Neid, wenn du erfährst, dass dein Sohn den Eltern seines Freundes ohne zu murren beim Holzhacken geholfen hat und das nur Stunden nachdem er wutentbrannt in sein Zimmer gerannt war, weil du ihn dazu aufgefordert hattest, seinen Teller nach dem Essen abzuräumen. So unfair kann das Leben mit Kindern zuweilen sein. Du säst mühevoll und die anderen ernten.

Hin und wieder kommt es aber vor, dass du völlig unvermittelt ernten kannst, wo du gar nicht viel gesät hast. Und dann schaust du voller Staunen dabei zu, wie deine Tochter ohne deine Hilfe den Kuchen backt, den der kleine Bruder morgen in den Kindergarten mitbringen wird. Und als sie merkt, dass das Rezept etwas knapp berechnet ist, verdoppelt sie kurzerhand die Menge. Ja, natürlich, die Küche räumst du nach der Backorgie selber auf, aber das nimmst du noch so gerne in Kauf, wo du dank dieses Kuchens doch gerade Zeuge geworden bist einer geschwisterlichen Liebe, die sich nur selten so unverschleiert zeigt. Doch damit nicht genug. Da kommt doch tatsächlich der Sohn, der seiner Schwester am ersten Geburtstag aus lauter Eifersucht eins mit dem Hammer übergebraten hat, und sagt dir, wie sehr er sich doch freut, dass sein Bruder heute eine Geburtstagsparty feiern darf. Und du spürst, dass da nichts mehr ist von der Eifersucht, die das Kind bei jedem Geburtstag seiner Geschwister überwältigt hat. Da ist nur noch Freude, dass er auch dabei sein darf, wenn der kleine Bruder mit seinen Freunden schon mal vorfeiert für den Geburtstag, der wie jedes Jahr in die Sommerferien fällt. Und wenn du dann auch noch miterleben darfst, wie das Geburtstagsparty-Kind vollkommen selbständig und ohne Wutanfälle die Lego-Fahrzeuge zusammenbaut, die es geschenkt bekommen hat, dann wähnst du dich im siebten Himmel. 

Ja, es kommt selten vor, dass deine Kinder sich in den eigenen vier Wänden von ihrer allerbesten Seite zeigen. Die ist meist Auswärtigen vorbehalten. Und darum sind Tage, an denen du die beste Seite deiner Kinder gleich mehrmals zu sehen bekommst, ganz besondere Tage. Wenn wir heute nicht bereits gefeiert hätten, wäre das glatt ein Grund, die Korken knallen zu lassen. 

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Mir scheint, dass die Kinder ihr Verhalten irgendwo abgeschaut haben. Bloss wo? Vielleicht etwa hier?

Mama und Kind sind auf dem Weg zum Laden, der in einer halben Stunde schliesst. Das Kind bleibt bei jeder Schnecke, bei jedem Kieselstein, ja, sogar bei jedem Zigarettenstummel stehen. „Nun komm schon!“, motzt die Mama. „Jetzt mach doch endlich vorwärts. Du weisst doch, dass wir nicht mehr viel Zeit haben.- Ach, guten Tag Frau Hugentobler! Ja, danke bestens. Und Ihnen? Ja, meinen Kindern geht’s auch prächtig. Schauen sie doch nur, wie gross er schon geworden ist. Das stimmt, sie sind ein wahrer Segen, diese kleinen Engel. Was wäre das Leben ohne sie? Ihnen auch noch einen schönen Tag, Frau Hugentobler. – Nun komm schon endlich! Mir platzt jetzt dann gleich der Kragen, wenn du nicht endlich vorwärts machst. Ja, natürlich stimmt das, was ich zu der Frau gesagt habe, du bist tatsächlich ein kleiner Engel aber das heisst noch lange nicht, dass du hier noch lange herumstehen sollst…“

 

 

Neue Welten

Mir wurde ja schon ein wenig mulmig, als „Meiner“ Karlsson zum zehnten Geburtstag das Versprechen abgab, dass er im Laufe des Jahres je einen ganzen Tag mit Papa und einen ganzen Tag mit Mama verbringen dürfe. Das Programm, so sagte „Meiner“, würde ganz vom Kind bestimmt. An sich eine tolle Sache, denn es gibt für Mehrfacheltern ja eigentlich nichts Schöneres, als einen ganzen Tag Zeit zu haben für ein einziges Kind. Zeit zum Reden, Spass haben, dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken. Doch man weiss ja auch, wohin es führen kann, wenn man den Kindern freie Hand lässt bei der Programmgestaltung: Plötzlich findet man sich inmitten von kreischenden Teenies am Justin Bieber-Konzert wieder. Oder hustend und keuchend an einem Moto-Cross-Rennen. Oder, schlimmer noch, auf einer Fresstour durch sämtliche Fastfood-Tempel des Landes. Man kann nie wissen, welche abartigen Vorlieben angehende Teenager entwickeln und deshalb finde ich ein solches Versprechen ziemlich risikoreich. Hätten meine Eltern mir damals ein solches Angebot gemacht, ich hätte sie bestimmt zu einem Michael Jackson-Konzert geschleppt, oder ich hätte sie dazu gezwungen, mit mir ins Kino zu gehen, um Dirty Dancing zu schauen. Nun gut, da war ich schon etwas älter als zehn, aber man weiss ja, dass die Pubertät und damit auch die Geschmacksverirrungen heutzutage früher einsetzen als zu unseren Zeiten. Klar, aus Liebe zum Kind ist man zu allem bereit, aber nicht zu allem gleich gern.

Aus diesem Grund sah ich dem Mama-Karlsson-Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Was würde unser Ältester von mir erwarten; auf welche Tortur musste ich mich gefasst machen? Nachdem „Meiner“ am Papa-Karlsson-Tag schon sämtliche bekannten Highlights – Kino, Antiquitätenhändler, gut essen und Thermalbad – abgehakt hatte, wusste ich erst recht nicht mehr, womit ich zu rechnen hatte. Mit einem Vergnügungspark vielleicht, oder mit einem Besuch im „Spassbad“, das nur für Menschen unter zwanzig lustig und Berufsjugendliche lustig ist? Oder am Ende vielleicht ein Essen in einem Nobelrestaurant, in dem ich mich nicht zu benehmen weiss? Immerhin ist Karlsson ein bekennender Feinschmecker. Nun, es kam nicht ganz so schlimm: Mein Sohn und ich fahren am Samstag nach Avenches in die Oper. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, wie man sich in einer Oper aufführt, aber die Veranstaltung findet ja in der Arena statt, da werde ich nicht viel falsch machen können. Ob mir die Musik gefallen wird, weiss ich nicht und ob ich die Handlung verstehen werde erst recht nicht, aber immerhin beschert mir der Ausflug keine Albträume, mal abgesehen von der Fahrt nach Avenches, die bei meinem Orientierungssinn durchaus zur Katastrophe werden könnte. Im Gegenteil, ich sehe dem Abend mit eienr gespannten Vorfreude entgegen. Und sollte mir das Ganze nicht zusagen, so kann ich immerhin dankbar sein, dass unser Ältester mich verschont vor kreischenden Teenagern, irrsinnigen Rutschbahn-Fahrten und missgünstig dreinblickenden Kellnern, die nur darauf warten, bis mir ein Bissen unter den Tisch fällt.  

Als

Verehrter Herr Doktor

Der Götterhimmel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ist um eine Figur reicher geworden. Neben Julius Cäsar, König David und irgend einer Figur aus Star Wars, die weder ich noch er kennen, wird seit einigen Wochen auch der Herr Doktor verehrt, der die Sehne, die Luise ihrem jüngeren Bruder angeschnitten hatte, wieder zusammengeflickt hat. Ich persönlich habe diesen Herrn Doktor ja nie zu Gesicht bekommen, denn bei den Arztbesuchen war jeweils „Meiner“ zugegen. Dem Vernehmen nach muss er ein wahrer Held sein, kompetent und braungebrannt zugleich. Also der ideale Held für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sowohl auf Intelligenz, als auch auf gutes Aussehen viel Wert legt. Wohl darum hat er neulich beschlossen, dass er das gleiche werden will wie der Herr Doktor, der ihn geflickt hat. Das lässt er sich auch von Luise nicht ausreden, die ihn schon mehrmals gewarnt hat: „Wenn du das werden willst, musst du zwölf Jahre lang studieren. Stell dir das mal vor! Zwölf Jahre. Da solltest du doch lieber mit mir auf der Wochenbettstation arbeiten kommen.“ 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich durch Luises Warnung sein grosses Ziel nicht ausreden. Obschon er vorerst noch ein wichtigeres vor Augen hat, nämlich, den Herrn Doktor zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Bis dahin dauert es zwar noch eine ganze Weile – wenn auch nicht ganz so lange wie ein Medizinstudium mit Assistenzzeit – dennoch hat unser Dritter gestern dem Herrn Doktor eine „Geburceinladung“ mitgebracht, als er zum letzten Mal bei ihm vorbeischauen durfte. Ich hoffe doch sehr, dass der Herr Doktor die Einladung annimmt, denn sonst, so fürchte ich, wird sich der FeuerwehrRitterRömerPirat eigenhändig eine Sehne zerschneiden. Nur, damit er einen Grund hat, den verehrten Herrn Doktor weiterhin zu besuchen.

Ob ich schon mal vorsorglich alle Messer aus dem Haushalt entfernen soll?

Happy Birthday, Luise

Meine liebste Luise

Der Tag, an dem du geboren wurdest, war ein Tag ganz ähnlich wie heute: Wunderbares Frühlingswetter, der Himmel so blau wie deine Augen, die Gärten übersät mit blühenden Narzissen. Ein wunderbarer Tag, genau richtig, um einen wunderbaren Menschen wie dich in Empfang zu nehmen. Ich weiss nicht, ob du je erahnen wirst, wie viel es mir bedeutet, dass du uns an jenem Tag geschenkt wurdest. An einem Tag übrigens, an dem die Welt –  ganz ähnlich wie heute – in Aufruhr war.  Mir selber fällt es schwer, in Worte zu fassen, was es mir damals bedeutete und was es heute für mich heisst, denn ich fühle es mehr, als dass ich es verstehe. Ganz banal lässt es sich so ausdrücken: Du und deine vier Brüder, ihr seid das Allerbeste, was der Himmel uns je geschenkt hat. Anders kann ich es nicht sagen, denn die Liebe, die in diesen Worten steckt, kann ich nicht umschreiben, ich kann höchstens auf meine fehlerhafte Art versuchen, sie euch alle immer und immer wieder erleben zu lassen.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?


 

Schlafräuber

Zuweilen erstaunt es mich ja schon, dass ich auch nach zehn Jahren Familienerfahrung noch immer nicht fähig bin, einzuschätzen, woher der Stress kommen könnte. Da bibbere ich während Tagen der Nacht entgegen, in der fünf zehnjährige Geburtstagsgäste bei Karlsson übernachten werden. Und wer raubt „Meinem“ und mir am Ende den Schlaf? Die Gäste? Aber nicht doch! Die führen sich alle vorbildlich auf. Wer aber die Nacht zum Tag  macht ist das Prinzchen.

Als „Meiner“ und ich wie immer kurz nach Mitternacht ins Bett sinken, ist das Kerlchen hellwach und will aus dem Fenster schauen, weil er hofft, dass dort draussen noch immer der Kran ist, der gestern in Nachbars Garten die massakrierten Bäume über den Gartenzaun gehoben hatte. Der Kran ist natürlich nicht mehr da, der „schläft schon“, wie ich dem enntäsuchten Prinzchen zu erklären versuche.  Brüder, Schwester und Gäste schlafen  auch schon und Mama und Papa würden eigentlich auch gerne schlafen, wenn  denn Ihro Majestät so gütig wäre, sich auf ihr Nachtlager zu begeben. Aber Ihro Majestät hat anderes im Sinn, klettert wieder und wieder aus dem Bett, steigt der Mama, die zwischenzeitlich einen Moment eingedöst ist, auf dem Kopf herum und begibt sich schliesslich in die Küche, wo es Tiefkühl-Croissants zu bestaunen gibt, die am Morgen die hungrigen Gäste sättigen sollen.

Insgesamt drei stunden lang ist das Kerlchen wach und hindert uns daran, Kräfte für die zweite Hälfte der Geburtstagsparty zu sammeln. Als endlich gegen vier Uhr morgens Ruhe einkehrt, geht es mir durch den Kopf, dass wir das Ganze schon einmal  ähnlich erlebt haben und zwar insegsamt zwei Jahre lang. Damals machte Luise die Nacht zum Tag, schlief jeweils von abends um sieben bis ein Uhr nachts und dann erst wieder etwa morgens um sechs. Dazwischen setzte sie wahlweise die Küche unter Wasser, verfütterte ihren schlaftrunkenen Brüdern Schokolade oder stattete der Grossmama im Erdgeschoss nachts um zwei einen Besuch ab. Wir Eltern versuchten damals alles, um das  Kind zum Schlafen zu bringen: Beruhigungstees, Baldrian, Zimmer umstellen, ein Schlafsack, der sich an der Matratze befestigen liess (worauf das schlaue Kind einfach mit der Matratze auf dem Rücken aus dem Bett kam), ein  neues Bett, Belohnungen – pro zehn Nächte Schlaf eine Barbie – bei Mama und Papa schlafen und noch einige Dinge mehr. Das Kind schlief trotzdem nicht und eines Tages sass ich heulend bei der Kinderärztin und wusste mir nicht mehr zu helfen. Die Kinderärztin tat ihr Bestes, mich zu verstehen, helfen konnte sie  aber auch nicht, denn Luise hatte bald herausgefunden, dass der Baldriansirup, den die Kinderärztin verschrieben hatte, schrecklich schmeckt und verweigerte ihn standhaft.

Geholfen hat dann ein anderer: Der Zoowärter. Kaum war er auf der Welt, hatten die nächtlichen Eskapaden ein Ende und Luise schlief wie ein Murmeltier. An all dies erinnerte ich mich, als ich heute in den frühen Morgenstunden den  Schlaf suchte. Und ehe ich ganz ins Land der Träume entschwand, dachte ich bei mir, dass diese eine schlaflose Nacht hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher des Prinzchens war. Denn ich glaube nicht, dass  wir uns noch einmal so ein  Schlafmittel leisten können, wie jenes, das bei Luise endlich die erwünschte Wirkung gebracht hatte.

Zehn Jahre Karlsson

Zugegeben, meine Liebeserklärung an Karlsson kommt heute etwas sehr spät. Dies hat zwei Gründe: Erstens durfte ich heute nach ausgiebigen Geburtstagsfeierlichkeiten auch noch der Geburt eines Vereins beiwohnen und zweitens hat sich Karlssons ja damals auch erst drei Minuten vor Mitternacht dazu entscheiden können, Mamas Bauch doch noch am 17. und nicht erst am 18. zu verlassen. Und deshalb wird er ja streng genommen erst in einigen Minuten zehn Jahre alt.

Wird man Mama von einem Jungen, kommt man nicht umhin, mit zahlreichen Klischees konfrontiert zu werden. Die Leute schenken dem Kind marineblaue und dunkelbraune Kleider, sie bringen Spielzeugautos und Bagger mit und sie glauben, dich vorwarnen zu müssen, dass es nun wohl ziemlich rund gehen würde bei dir zu Hause. Würde man sich nach den Klischees richten, man hätte als Eltern eines Sohnes eine wahrlich eintönige Zukunft vor sich. Aber wir wurden ja Gott sei Dank nicht Eltern eines Klischees, wir wurden Eltern von Karlsson. Und dieser Karlsson, das wird mir an Tagen wie heute ganz besonders bewusst, entspricht ganz bestimmt nicht den gängigen Klischees.

Nehmen wir mal das Thema seiner Geburtstagsparty, die übernächstes Wochenende stattfindet: „Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert“, wie er auf der Einladung an seine Freunde schrieb. Oder nehmen wir das Geschenk, das er sich mit Gotte und Götti ausgesucht hat: Eine 130-jährige Petroleumlampe, die er hütet wie seinen Augapfel und die er am liebsten als einzige Beleuchtung im ganzen Haus einsetzen würde. Oder nehmen wir seine Antwort, als ich ihn heute fragte, ob er denn nicht seinen besten Freund zum Mittagessen einladen wolle: „Ach weisst du, Mama“, meinte er, „an meinem Geburtstag möchte ich eigentlich beim Mittagessen nur mit meiner Familie zusammen sein.“

So ist er, unser Karlsson und ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich daran denke, wie man uns damals, als er noch ganz klein war, gewarnt hatte, das Kind werde bestimmt ganz wild, ja, vielleicht sogar hyperaktiv, so, wie Jungs eben seien. Karlsson ist – wie wohl sehr viele Jungen – das pure Gegenteil von dem, was man uns damals gesagt hatte. Karlsson ist Karlsson, einmalig mit seinem Humor, mit seiner Liebe zu alten Dingen, mit seiner Fantasie, mit der er sich die Welt besser erträumt, mit seinen bunten Kleidern, mit seinem aufbrausenden Temperament, das in lebhaftem Kontrast zu seiner sensiblen Art steht, mit seiner Treue, die ihn in einem unansehnlichen Stück Stoff noch immer den geliebten Eisbären sehen lässt, den er zum ersten Geburtstag geschenkt gekriegt hat.

So bist du, geliebter Karlsson. So und noch ganz anders, denn wer könnte je einem Menschen mit einigen wenigen Sätzen gerecht werden? Und auch wenn ich dir weder mit meinen Worten noch mit meinen Taten je werde voll und ganz gerecht werden können, Eines bleibt: Ich bin so unglaublich dankbar, dass du mein Sohn bist.