Happy Birthday, Luise

Meine liebste Luise

Der Tag, an dem du geboren wurdest, war ein Tag ganz ähnlich wie heute: Wunderbares Frühlingswetter, der Himmel so blau wie deine Augen, die Gärten übersät mit blühenden Narzissen. Ein wunderbarer Tag, genau richtig, um einen wunderbaren Menschen wie dich in Empfang zu nehmen. Ich weiss nicht, ob du je erahnen wirst, wie viel es mir bedeutet, dass du uns an jenem Tag geschenkt wurdest. An einem Tag übrigens, an dem die Welt –  ganz ähnlich wie heute – in Aufruhr war.  Mir selber fällt es schwer, in Worte zu fassen, was es mir damals bedeutete und was es heute für mich heisst, denn ich fühle es mehr, als dass ich es verstehe. Ganz banal lässt es sich so ausdrücken: Du und deine vier Brüder, ihr seid das Allerbeste, was der Himmel uns je geschenkt hat. Anders kann ich es nicht sagen, denn die Liebe, die in diesen Worten steckt, kann ich nicht umschreiben, ich kann höchstens auf meine fehlerhafte Art versuchen, sie euch alle immer und immer wieder erleben zu lassen.

Und noch ein Einkauf

Diesmal mit Karlsson und Luise. Ein Wocheneinkauf, also nichts so Kompliziertes wie gestern. Gerade richtig, um mal wieder Zeit zu haben, um von meinen beiden grössten Kindern die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.

„Die Frau X hat gemeint, mich könne nichts aus der Ruhe bringen“, erzähle ich den beiden lachend. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ausgerechnet mich soll nichts aus der Ruhe bringen.“ Karlsson und Luise lachen schallend und ich fahre fort: „Ich habe ihr dann gesagt, dass ich auch mal ganz schön laut werden kann. Wenn die wüsste…“ Wieder lautes Gelächter, dann meint Karlsson ganz ohne Vorwurf in der Stimme: „Ja, wenn man dich so mit anderen Leuten erlebt, dann könnte man schon meinen, du seist immer nur freundlich. Mit anderen Kindern schimpfst du nie so wie mit uns.“ Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt wirklich geworden, wie ich nie sein wollte. Nett und liebevoll zu fremden Kindern, ungeduldig und unfreundlich zu meinen eigenen? „Ist es wirklich so schlimm?“, frage ich Karlsson und Luise und zittere innerlich vor der Antwort. Was, wenn sie mir genau dies bestätigen? Wenn sie sich fühlen, als würde ich sie nicht lieben, als wünschte ich mir andere Kinder?

Die Antwort der beiden lässt nicht lange auf sich warten. „Nein Mama, du schimpfst gar nicht mehr so viel wie früher. Früher hast du immer geschimpft“, beruhigt mich Luise und Karlsson erklärt: „Weisst du, Mama, bei dir ist das gleich wie bei mir. In der Schule können die sich ja auch nicht vorstellen, dass ich zu Hause motze, die Türe knalle und wild bin. Die glauben ja auch, ich sei immer nur lieb und nett.“

Also alles noch im grünen Bereich. Ich bin nicht anders als die meisten anderen Menschen auch: Die Menschen, die mir wenig bedeuten, müssen sich mit meiner Freundlichkeit begnügen, während diejenigen, die ich am meisten liebe, das Privileg haben, meine der Allgemeinheit verborgenen Fehler immer mal wieder in vollen Zügen geniessen zu dürfen.

Wechselbad

Die ersten warmen Sonnenstrahlen beim Picknick im Garten, ein allerliebster Zoowärter schenkt mir rosarote Blüten, der FeuerwehrRitterRömerPirat macht ein romantisches Arrangement für die Bienen, erste Blüten am Aprikosenbaum, Karlsson spielt Bach auf der Geige und kümmert sich einen Dreck darum,  dass einige, die am Haus vorbeigehen, es sonderbar finden, dass ein Junge im Garten musiziert, der erste Schmetterling des Jahres und ein staunendes Prinzchen, der das zarte Wesen bewundert, Luise voller Vorfreude auf ihren Geburtstag, die Nachbarn, die man seit Monaten nicht mehr gesehen hat, grüssen freundlich, fröhliches Geplauder mit den Kindern, hin und wieder eine Ermahnung, doch bitte die noch ganz jungen Bäumchen nicht zu entwurzeln, die Velos werden aus der Garage geholt, Vogelgezwitscher überall.

Für einige Stunden gelingt es der Seele, das schwarze Loch zu verlassen, die Kinder zu geniessen, sich an der Natur zu freuen. Doch dann, beim Betrachten der zarten Aprikosenblüten ein Gedanke: Atomkatastrophe. Und schon droht die Seele wieder abzurutschen ins Bodenlose, dorthin, wo keine Hoffnung ist. Das Bild des im Kinderwagen friedlich dösenden Prinzchens tröstet. Und mahnt zugleich, dass die Welt, in die das friedliche kleine Menschlein geboren worden ist, zwar noch immer berauschend schön, aber sehr gefährdet ist.

Hingebungsvoll

Ja, mein Prinzchen, deine Grossmama ist wirklich eine wunderbare Frau. Geduldig, herzensgut, grosszügig, liebevoll und obendrein eine (Gross)mama, die in jedem Kind das Besondere sieht. Ich kann also wirklich gut verstehen, dass du gerne zu ihr gehst. Am liebsten dann, wenn ich dir sage, du solltest hier bleiben.

Mein Prinzchen, ich kann auch sehr gut verstehen, dass es  nicht ganz einfach ist, die Grossmama mit zwanzig anderen Enkelkindern zu teilen. Ich kenne das Gefühl. Ich selber musste sie ja auch mit  sechs anderen teilen. Damals, als sie erst Mama war. Glaub mir, ich weiss, wie du dich fühlst.

Dennoch muss  ich dir sagen, dass du es inzwischen leicht übertreibst mit deiner Grossmutterverehrung. Vor ihrer verschlossenen Türe auf dem kalten Fussboden zu schlafen, damit du auch ganz bestimmt der Erste bist, wenn sie nach Hause kommt, ist nun wirklich nicht nötig.

Verkehrt

Wenn am Ende eines langen Tages die siebenjährige Tochter zur Mutter sagt: „Kopf hoch, Mama! Das wird schon wieder. Du machst das ganz grossartig“, dann wäre es wohl an der Zeit, so langsam darüber nachzudenken, wie man die Balance im Leben wieder erlangen kann.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Kinder wissen, dass auch Mama nur ein Mensch ist…

Sei doch nicht so eingeschnappt

Es war einmal ein Junge. Der einzige Sohn einer sehr überbehütenden Italienischen Mama, die nur das Allerbeste für ihren Sohn wollte. Als echte Italienische Mama wusste sie natürlich ganz genau, wie das Allerbeste für ihren Sohn auszusehen hatte: Kommoden, die bis obenhin vollgestopft waren mit Schlafanzügen und Unterwäsche, die noch in der Verpackung war und die auch in der Verpackung bleiben musste bis zu dem Tag, an dem der Sohn vielleicht einmal notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Regale, die sich bogen unter der Last von sündhaft teuren Pfannen, Kristallgläsern, Tischtüchern, Satinbettwäsche und Besteckgarnituren. Alles bereit für den Tag, an dem der einzige Sohn eine gross gewachsene, häusliche Italienerin zum Traualtar führen würde. Schubladen, die sich kaum öffnen liessen, weil darin mehr Süssigkeiten lagen, als der Junge je alleine hätte essen können. Ja, die Mama gab wirklich alles für ihr Kind.

Aber war der Sohn etwa dankbar für die Grosszügigkeit seiner Mama? Im Gegenteil. Anstatt seiner Mama freudig um den Hals zu fallen, als sie ihm zum fünfzehnten Geburtstag die Pfannen für seinen zukünftigen Haushalt schenkte, hatte er nur Spott und Hohn übrig für das sündhaft teure Geschenk. Wenn sie jeweils die zu klein gewordenen Schlafanzüge und die Unterwäsche, die noch in der Verpackung war, aussortierte, weil der medizinische Notfall nicht eingetreten war, lachte  er seine Mama aus und meinte, sie hätte das Geld besser für etwas anderes ausgegeben. Zum Eclat kam es, als der Sohn zwanzig wurde: Die Mama wollte ihm auf Biegen und Brechen eine Rado-Uhr schenken, der Sohn wollte davon nichts wissen und verlangte stattdessen eine Staffelei. Also bekam der Sohn nichts. Geschah ihm ganz recht, wo er doch einfach nicht einsehen  wollte, dass eine Italienische Mama immer Recht hat. Natürlich war die Mama zutiefst beleidigt, dass ihr Sohn nicht sehen wollte, was das Allerbeste für ihn war.

Heute, viele Jahre später, ist aus dem Jungen ein Papa geworden. Kein Papa eines Einzelkindes, Gott bewahre! So etwas wollte er seinen Kindern nie antun und deswegen zeugte er gleich deren fünf. Und weil der Sohn auch sonst nicht viel von den Werten seiner Mama hielt, zeugte er diese Kinder nicht mit einer gross gewachsenen, häuslichen Italienerin, sondern mit einer klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerin. Radikaler kann man sich wohl nicht von seiner Herkunft lossagen und man weiss nicht, ob die Mama diesen Bruch mit dem, was ihm seine Eltern mitgegeben haben, je ganz verzeihen wird.

Nun, ganz gebrochen hat er ja nicht mit seiner Herkunft, der Sohn. Eines hat er beibehalten: Er will das Beste für seine Kinder. Das Beste, das heisst bei ihm viel Liebe, miteinander reden, miteinander die Welt entdecken, Bilder für die Kinder malen, sie ermutigen  – und ihnen hin und wieder einen neuen Pyjama kaufen, wenn gerade etwas im Angebot ist. Man kann ja nie wissen, ob die Kinder nicht demnächst aus der Nachtwäsche herauswachsen werden und dann ist man doch froh, wenn man schon etwas Neues zur Hand hat.

Nun hat dieser Papa einen ältesten Sohn, der sehr stark nach seiner klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerischen Mama geraten ist. Das drückt sich in vielerlei Hinsicht aus, unter anderem auch darin, dass der Sohn keinen Laden so sehr verabscheut wie Aldi. Und ausgerechnet in diesem verabscheuungswürdigen Laden musste der Papa, der ohne es zu wollen einen Charakterzug seiner Mama geerbt hat, heute einen neuen Schlafanzug für seinen Ältesten kaufen. Immerhin hatte er genügend Feingefühl, seinem Sohn zu verschweigen, woher das schöne Stück kam und so schlüpfte der Sohn schnell in den neuen Anzug. Ebenso schnell schlüpfte er wieder raus, nachdem ihm seine Schwester verraten hatte, woher das Ding kam. „Ich trage nichts von Aldi“, verkündete der Sohn trotzig und bot seinem Papa an, er würde ihm den vollen Kaufpreis zurückerstatten, auch wenn er eigentlich sein Geld für die Sommerferien in Prag sparen wolle. Lieber weniger Taschengeld, als etwas aus einen Laden besitzen, in den man keinen Fuss setzen würde.

Und wie reagierte der Papa auf die Rebellion seines Sohnes? Na, wie wohl? Eingeschnappt natürlich. So, wie man das eben macht, wenn das Kind nicht respektieren will, dass der Papa, auch wenn er nicht mehr sonderlich Italienisch ist, dennoch hin und wieder das Gefühl hat, das Beste für sein Kind sei ein neuer Schlafanzug.

Ist das jetzt der Letzte?

Nachdem wir nun ein paar Monate kinderwagenlos unterwegs waren, haben das Au Pair und ich heute die Geduld verloren und wir haben uns aufgemacht, Kinderwagen Nummer 7 zu erstehen. Ja, ich weiss, ich hatte mir geschworen, nie wieder einen zu kaufen, aber wenn ihr mal an einem sonnigen Winternachmittag mit dem Prinzchen im Schlepptau durch Solothurn geschlendert wäret, würdet ihr verstehen, weshalb wir noch einmal Geld ausgegeben haben für so ein Ding. Das Kind kann nämlich nicht – wie es sich für einen Zweijährigen gehört – im Schneckentempo durch die Strassen wandern, hier einen Stein bewundern und da einen Flaschendeckel aufheben. Nein, der Kleine rast durch die Strassen, klettert, wo er nicht klettern sollte, weil es lebensgefährlich ist und entschwindet unseren Blicken, wann immer er kann. Wenn es schon im beschaulichen Solothurn so schwierig ist, das Kind im Auge zu behalten, wie wird das erst im von Touristen überschwemmten Prag sein, wo wir die Sommerferien verbringen werden? Also musste ein Kinderwagen her und zwar sofort.

Nun mögt ihr euch vielleicht fragen, wie man bloss auf die hirnverbrannte Idee kommt, mit fünf Kindern eine Ferienwoche in Prag zu buchen. Nun, ich werde euch erklären, weshalb wir zum Schluss gekommen sind, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist. Vor ein paar Jahren noch wäre es nicht möglich gewesen, denn mit mehreren Wickelkindern, vielleicht noch einem Baby, das gestillt werden muss und ein oder zwei Kleinkindern im besten Trotzalter verbringt man nun mal keine Ferien in einer Stadt. In ein paar Jahren, wenn Karlsson und Luise in der Pubertät sein werden und über alles, was mit Geschichte, Kunst oder Kultur zu tun hat, nur schnöden werden, können wir das auch nicht mehr machen. Dann werden wir nämlich irgendwo am Strand liegen müssen, weil dies für unsere Kinder das höchste der Gefühle – und für mich der Albtraum schlechthin – sein wird.

Jetzt aber, wo Karlsson für Barock, klassische Musik und Antiquitäten schwärmt, Luise sich von Ballett, hübschem Krimskrams und köstlichen Torten verzaubern lässt, der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Begeisterung in der Zeit der Ritter, Kaiser und alten Astronomen wühlt und der Zoowärter sich so sehr mit dem kleinen Maulwurf identifiziert, dass er demnächst einen unterirdischen Gang im Garten graben wird, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um unseren Kindern die Stadt zu zeigen, die all das, was sie lieben, bietet.

Aber eben, das Prinzchen ist noch etwas klein, um all die Schönheit ohne Kinderwagen zu sehen. Wir wollen doch nicht, dass er sich im Gedränge einer Italienischen Reisegruppe anschliesst und am Ende nur Pizza und Pasta, anstelle von Knödeln und Palatschinken isst. Also haben das Au Pair und ich uns auf die Suche nach einem erschwinglichen Kinderwagen gemacht, der trotzdem stabil genug ist, um mindestens bis zum Sommer durchzuhalten. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach, aber am Ende wurden wir im Fachgeschäft fündig. Allerdings mussten wir sehr lange warten, bis wir das Wägelchen bezahlen und mitnehmen konnten, den die einzige Bedienung in dem riesigen Geschäft war gerade dabei, werdenden Eltern zu erklären, worauf man beim Kinderwagenkauf zu achten hätte. Ich hatte ganz vergessen, wie unsinnig die Fragen sind, die werdende Eltern in einem Baby-Fachgeschäft stellen können. Waren „Meiner“ und ich auch mal so unwissend?

Nun, irgendwann tauchte dann doch noch eine zweite Verkäuferin auf und die wollte sogleich damit anfangen, zu erklären, was Kinderwagenkäufer gewöhnlich wissen wollen: Wie man das Gefährt zusammenlegt, welche Vorzüge es hat, was man damit alles machen kann. Weit liess ich sie allerdings nicht kommen mit ihren Erläuterungen. Dies sei Kinderwagen Nummer 7, liess ich sie wissen, deshalb brauche man mir nichts mehr zu erzählen. Man hat ja schliesslich seinen Stolz, nicht wahr? Oder sehe ich etwa so aus, als sei ich eine Anfängerin in Sachen Kinderwagen?

Nun ja, offen gestanden war es nicht nur der Stolz, der mich daran hinderte, der Verkäuferin zuzuhören. Vor allem wollte ich einfach nur so schnell als möglich aus diesem Laden herauskommen. Irgendwie wurde mir nämlich etwas weh ums Herz, als ich diesen werdenden Eltern zuhörte und mir klar wurde, dass ich nie wieder einer Verkäuferin unsinnige Fragen zu Kinderwagen stellen werde. Und als mir bewusst wurde, dass dies wohl tatsächlich der allerletzte Kinderwagen war, den ich gekauft habe. Obschon ich dies ja schon öfters gesagt habe…

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Generalstreik im Kleiderschrank

Es ist mal wieder soweit: Meine Kleider haben alle gemeinsam den Entschluss gefasst, mich im Stich zu lassen. Zuerst die Jeans, die mehr Loch als Hose war, dann die Bluse, die mir seit mehr als zehn Jahren die Treue gehalten hatte und schliesslich auch noch die pinkfarbene Hose, die mich seit der letzten Schwangerschaft stets getröstet hatte, wenn ich mich mal wieder so richtig hässlich fühlte. Gut, ich geb’s ja zu, ich war nicht immer nur nett zu meinen Kleidern. Ich habe sie immer mal wieder achtlos auf dem Fussboden liegen gelassen, wenn ich abends zu faul war, sie fein säuberlich zusammenzufalten. Hin und wieder habe ich sie auch mit Farben kombiniert, die so ganz und gar nicht passen wollten. Und das eine oder andere Mal habe ich auch gemotzt, ich würde mal wieder unmöglich aussehen in diesen Fetzen. Ja, wahrlich nicht sonderlich nett, aber das gibt meinen Kleidern doch noch lange nicht das Recht, in Generalstreik zu treten und mich ausgerechnet jetzt, wo ich wieder jeden Tag das Haus verlasse, im Stich zu lassen. Ein bisschen mehr Loyalität hätte ich ja schon erwartet, nach allem Zu- und Abnehmen, das wir in den vergangenen Jahren der Familiengründung gemeinsam durchgestanden haben, meine Kleider und ich.

Nun mag man sich ja fragen, was denn so schlimm sei daran, wenn man sich von alten Kleidern trennen muss. Immerhin hat man dann einen guten Grund, sich neue zu kaufen und das, so könnte man meinen, sollte mir als Frau die Freudentränen in die Augen treiben. Das Problem ist nur, dass ich zu der Sorte Frauen gehöre, die lieber zum Zahnarzt gehen als in einen Kleiderladen. Versteht mich nicht falsch, ich mag schöne Kleider, aber die sollen bitte von selbst den Weg in meinen Schrank finden und dann ewig bleiben. Oder zumindest so lange, bis ich ich ihren Anblick wirklich nicht mehr ertragen kann. Gut, inzwischen kommen die Kleider ja tatsächlich von selbst zu mir, habe ich mich doch voll und ganz dem Versandhandel verschrieben. Das Paket wird geliefert, ich probiere das Zeug dann, wenn keiner zuschaut, einen Bruchteil behalte ich, den Rest schicke ich wieder zurück. Alles perfekt also, nicht wahr?

Nicht ganz, denn leider dauert es eine Weile, bis so ein Paket ankommt und da ich mir neue Kleider immer erst dann besorge, wenn die alten wirklich kaputt sind, darf ich behaupten, dass ich zurzeit eine der wenigen Frauen in unseren Breitengraden bin, die tatsächlich nichts Anzuziehen hat, zumindest nichts, das noch alle Knöpfe dran hat. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn kleine Mängel lassen sich leicht kaschieren oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar beheben. Schlimm aber ist, dass ich meinen kleiderlosen Zustand vor „Meinem“ so lange werde geheim halten müssen, bis das Paket ankommt. Denn ich weiss genau, was geschehen wird, wenn er von meinem leeren Kleiderschrank erfährt: Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit ich einen Tag freinehmen kann, um mir Kleider zu kaufen. Gut, so ein freier Tag wäre gar nicht so schlecht, nur weiss ich, dass „Meiner“ am Ende dieses Tages auch neue Kleider sehen will, was bedeuten würde, dass ich mir meine Freizeit nicht in Buchhandlungen und Museen um die Ohren schlagen könnte. Und Freizeit, die ich mit Kleiderkauf vergeuden muss, kann mir gestohlen bleiben.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nämlich dann, wenn ich mich standhaft weigere, ein Kleidergeschäft zu betreten und „Meiner“ am Ende wieder selber auf Einkaufstour für mich geht. Nicht, dass er mir hässliche Kleider bringen würde. Im Gegenteil, der Mann hat Geschmack. Aber möchtet ihr vielleicht von „Eurem“ zu hören bekommen: „Schau mal, was ich dir vom Einkauf mitgebracht habe. Ist sie nicht hübsch, die Bluse? Und günstig war sie obendrein. Wenn du willst, kann ich sie dir morgen noch in Lila besorgen…“?

Ungeniessbar

Da bin ich mal wieder, an dem altbekannten Punkt, an dem ich nie sein will, an dem ich aber unweigerlich lande, wenn meinem unausgeglichenen Temperament die Ruhe fehlt, um sich hin und wieder abzukühlen. Zu viel Zeit auf dem Bürostuhl, zu wenig auf dem Sofa, zu viele Gespräche am Telefon, zu wenige mit denen, die da um mich herum sind, zu viel Gehetze von hier nach da, zu wenige Atempausen und schon bin ich wieder die alte, ungeduldige und gereizte Mama Venditti, die ich schon immer war, wenn die Balance nicht stimmte. Eigentlich war ich schon so, bevor ich Mama war und Venditti hiess und schon damals war mir klar, dass es grundverkehrt ist, die eigenen Kräften so schlecht einzuteilen, dass man am Ende jene, die man liebt, nur noch anschnauzt.

Das das nicht in Ordnung ist, wusste ich schon damals, als ich Morgen für Morgen meine Eltern anmotzte und fünf Minuten später fröhlich lachend mit meinen Schulfreunden unterwegs war. Ich wusste es auch, als ich bei der Arbeit allen Frust herunterschluckte und freundlich blieb und dann, kaum zu Hause angekommen, allen Ärger an „Meinem“ ausliess. Ich weiss es auch heute, wo ich schlicht ungeniessbar bin, weil ich meinen ganzen Vorrat an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit am gestrigen Tag der offenen Tür verpufft habe. Ich weiss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen wäre, um mir mal wieder eine ausgiebige Pause zu gönnen, alle Pflichten für einige Tage beiseite zu schieben und mich voll und ganz auf die Menschen einzulassen, die ich liebe. Und das möchte ich auch, türmte sich da nicht die Arbeit auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Klar, ich werde versuchen, es in den nächsten Tagen besser zu machen, ausgeglichener und freundlicher zu sein, aber ich weiss, dass es mir, wie seit Jahren schon, nur zum Teil gelingen wird. Denn so sehr ich es auch möchte, ich kann nicht aus meiner Haut. Und deshalb wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich einmal mehr zu entschuldigen, die Selbstvorwürfe in die Schranken zu weisen und darauf zu hoffen, dass diejenigen um mich herum nicht aufhören, mich trotz meiner Macken zu lieben.