Die Tage werden länger

Nein, ich meine nicht die Tatsache, dass es abends allmählich wieder länger hell bleibt. Die Rede ist von den Tagen, die immer länger werden, je grösser die Kinder sind.

Solange sie noch klein sind, sehnst du dir diese Tage herbei, denn du wiegst dich in dem Glauben, du hättest wieder mehr Freiräume, wenn die Knöpfe nicht mehr rund um die Uhr betreut sein müssen. Einen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf würdest du dann haben, denkst du. Die Kinder würden dann so sehr mit sich selber beschäftigt sein, dass du in ihrem Leben nur noch eine Statistenrolle einnehmen werdest, fürchtest du. Abends würdest du gemütlich die Füsse hochlegen können, weil Teenager ja irgendwann ihr eigenes Programm hätten, bist du überzeugt.

Woran man nie denkt, solange die Kinder noch klein sind:

  • An die Hausaufgabenberge, die nach dem Abendessen bezwungen werden wollen
  • An den Heisshunger, der Teenager überfällt, wenn sie endlich fertig gelernt und das Abendessen bereits verdaut haben
  • An das tiefe Bedürfnis nach sehr lauter und sehr lebhafter Quality-Time unter Geschwistern. Ein Bedürfnis, das erst gestillt werden kann, wenn die dazu benötigten Geschwister wieder im Hause sind und nichts mehr zu erledigen haben – also in der Regel sehr spät am Abend…
  • An ihren Wunsch, auch endlich mal mit den Eltern den „Bestatter“ schauen zu dürfen
  • An das völlig veränderte Schlafbedürfnis: Ein Schläfchen gleich nach der Rückkehr aus der Schule und dann bis Mitternacht auf die Pauke hauen…
  • An junge Menschen, die den ganzen Tag nur einsilbiges Zeug von sich geben und dann, wenn Mamas Augen bereits auf Halbmast stehen, von einem unbändigen Mitteilungsbedürfnis ergriffen werden

Und irgendwann dämmert dir, dass du nicht weniger gebraucht wirst, wenn sie grösser sind. Die Einsatzzeiten haben sich einfach verschoben. 

(Noch Fragen, warum hier nicht mehr ganz so regelmässig gebloggt wird wie auch schon?)

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Ganz kurz nur

Montagnachmittag, 16 Uhr, „Meiner“ und ich sitzen bei einer Tasse Tee gemütlich am Tisch und unterhalten uns. Nach einer Weile kommt der Zoowärter nach Hause, erzählt von der Schule und bringt ein Problem zur Sprache, das wir gemeinsam zu lösen versuchen. Wenig später ist auch Luise da. Bevor sie in ihrem Zimmer verschwindet, lässt sie uns an ihrem Schultag teilhaben. Es dauert nicht lange, bis auch der FeuerwehrRitterRömerPirat zu uns stösst und von seinem Tag berichtet. Karlsson und das Prinzchen bekommen ihre Portion elterliche Aufmerksamkeit ein wenig später, aber auch sie müssen nicht ganz leer ausgehen. Für einen heiligen Moment sind wir genau die Eltern, die wir immer sein wollten. 

Für einen sehr kurzen, heiligen Moment…

Ein einziges falsches Wort reicht nämlich, um die Stimmung zu kippen und die Lawine loszutreten, die „Meinen“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und mich jeweils erfasst, wenn seine Ziele und unsere Ziele nicht die gleichen sind. Tja, und schon sind wir nicht mehr die ruhigen, gefassten Eltern, die für jedes ihrer Kinder ein offenes Ohr haben, sondern die Totalversager, die falsch machen, was man nur falsch machen kann. 

Und so endet auch dieser einstmals nahezu perfekte Tag damit, dass wir unsere Wunden lecken und uns die bange Frage stellen, ob wir es jemals schaffen werden, den besonderen Bedürfnissen unseres dritten Kindes gerecht zu werden. 

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Morgenidylle

Früher Morgen, das Café im Einkaufszentrum ist noch fast leer. Aus den Lautsprechern plärrt Madonna, die Kaffeemaschine durchläuft ein lärmintensives Reinigungsprogramm, aus der Küche dringen scheppernde Geräusche, auf übergrossen Bildschirmen laufen Cartoons in grellen Farben und an einem der hinteren Tische geben zwei ergraute Herren lautstark ihre diversen rassistischen Vorurteile zum Besten.

Mitten in diese Idylle platzt eine Mutter mit weinendem Kleinkind.

Kann man es den Gästen verargen, dass sie den beiden unwillige Blicke zuwerfen und gehässige Bemerkungen fallen lassen?

Wo es im Café vor der Ankunft des verzogenen Görs doch so friedlich und still war…

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Du sollst keine Ablenkung haben neben mir

Was haben wir doch immer gepredigt: „Leg das Handy weg, wenn du am Lernen bist! Nein, diese Snapchat-Nachricht kann jetzt warten. Du kannst dich so doch nicht konzentrieren. Ja, ich weiss, Snapchat verlangt sofortige Aufmerksamkeit, aber die Prüfung hat jetzt Vorrang. Hättest eben nicht erst zwei Tage vor dem Termin mit Lernen anfangen sollen. Nein, du kannst jetzt nicht schnell zwischendurch im Zimmer chillen gehen, du schaffst sonst nicht mehr den ganzen Lernstoff. Das haben wir dir doch schon hundertmal erklärt. – Sag mal, hörst du uns überhaupt zu?“

Immer und immer wieder dieselbe alte Leier, die irgendwann nicht nur Luise tüchtig auf den Geist ging, sondern auch uns.

Dann fiel eines Tages der berüchtigte Groschen, Luise fing nicht nur an zu büffeln, sondern auch weit im Voraus zu planen, wann sie mit der Vorbereitung für welchen Test anfangen muss und welchen Elternteil sie an ihrer Seite braucht, falls Fragen auftauchen sollten. 

Tja, und seither klingt die Leier eben so: „Papa, leg sofort dein Handy weg! Ich kann mich doch so nicht konzentrieren. Schau, du musst mir jetzt bei dieser Aufgabe helfen. Instagram kann warten. Ich hab nächste Woche einen wichtigen Test und ich muss mich rechtzeitig vorbereiten, damit ich noch Zeit habe, Unklarheiten zu klären. Man kann nicht immer alles bis zum letzten Moment aufschieben. Das solltest du doch wissen…“ 

Oder wenn etwas weniger Naturwissenschaftliches auf dem Programm steht: „Mama! Wohin gehst du schon wieder? Du musst jetzt nicht den Herd putzen und Pause kannst du dann später machen. Du sollst in der Nähe sein, damit du mir meine Fragen beantworten kannst, falls ich welche habe. Nein, du kannst jetzt auch nicht deine Mails checken, sonst hörst du mir wieder nur mit einem Ohr zu…“ 

Glaubt mir, wenn ich gewusst hätte, dass die ganzen Moralpredigten irgendwann auf uns zurück fallen, hätte ich damals, als sie noch nicht lernen wollte, meine Klappe gehalten.

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Blind vor Wut

Dass es unter Kindern immer mal wieder zu kleineren und grösseren Streitigkeiten kommen kann, war mir schon bewusst, bevor Karlsson in den Kindergarten kam. Dass Mütter und Väter sich erst in solche Konflikte einmischen sollten, wenn die Knöpfe ohne Hilfe nicht mehr hinausfinden, war nicht nur für „Meinen“ und mich, sondern auch für die meisten anderen Eltern klar. Dass man bei der Schlichtung zwar zugunsten des eigenen Kindes voreingenommen sein darf, dabei aber nie das Ziel eines möglichst friedlichen Zusammenlebens aus den Augen verlieren sollte, stellte niemand grundsätzlich in Frage. Auch dann nicht, wenn man mal etwas deutlichere Worte gebrauchen musste, um dem Zoff ein Ende zu setzen. 

Aus diesem Grund rieb ich mir erstaunt die Augen, als ich zum ersten Mal einer Mutter gegenüberstand, die nicht gekommen war, um den Streit zwischen ihrem und meinem Sohn schlichten zu helfen, sondern um sich mit mir zu zoffen und mir mangelnde Erziehungsfähigkeiten vorzuwerfen.

Noch erstaunter und ziemlich besorgt bin ich, weil mir vermehrt Geschichten zu Ohren kommen von Müttern und Vätern, die blind vor Wut auf Acht- oder Neunjährige losgehen, um sie mit wüsten Schimpfwörtern, Beleidigungen und Gewaltandrohungen einzuschüchtern. Dass ihr kleiner Sonnenschein zu Hause eine sehr einseitige Version der Vorfälle geschildert haben könnte, fällt ihnen nicht im Traum ein, und so sehen sie sich berechtigt, den „Feind“ ihres Kindes mal so richtig zusammenzustauchen. Soll der doch heulend und vor lauter Angst zitternd zu Mama rennen! In ihren Augen hat er es nicht besser verdient. 

So sehr ich verstehen kann, wie wütend man wird, wenn ein Kind wegen eines anderen Kindes schniefend und schluchzend nach Hause kommt – Beschimpfungen und Drohungen gegen kleine Kinder gehen meiner Meinung nach entschieden zu weit. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich die guten alten Zeiten zu glorifizieren beginne. Zeiten, in denen sich Eltern noch wie halbwegs vernünftige Erwachsene aufführten und nicht wie der übelste Pausenhof-Bully.

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Wie es mir gefällt

Die Flötenlehrerin bekommt beim Weihnachtskonzert mit, dass Prinzchen, der seit etwas mehr als einem Jahr bei ihr den Unterricht besucht, einen klavierspielenden grossen Bruder hat. In der nächsten Unterrichtsstunde gibt sie Prinzchen zu den drei Liedern, die er üben soll, die Klavierbegleitung mit, damit die beiden Brüder gemeinsam musizieren können. Einfach so, weil sie denkt, der Kleine könnte vom Zusammenspiel mit dem Grossen profitieren.

Wunderbar, so ein Instrumentalunterricht. 

Erst recht, wenn diesmal beim familiären Zusammenspiel nicht „Santa Claus is coming to town“ auf dem Programm steht…

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Gesülze

Ich fürchte, ich bin jetzt in der Lebensphase angelangt, in der man in mir die abgekämpfte Mittvierzigerin sieht, die ganz dringend ein paar Komplimente und ein wenig Aufmerksamkeit braucht. Warum sonst sollten plötzlich Männer mittleren Alters, die mir etwas verkaufen wollen, ganz furchtbar erstaunt tun, wenn sie merken, dass Karlsson mein Sohn ist? Vielleicht fällt es ihnen ja wirklich schwer, sich vorzustellen, dass eine zu kurz Geratene wie ich einem Bären wie Karlsson das Leben geschenkt hat, aber deswegen müssen sie ja nicht gleich so tun, als dächten sie, er sei mein Bruder. Vielleicht finden sie auch, der Siebzehnjährige sehe ziemlich reif aus für sein Alter, aber doch nicht so reif, dass man ihn für meinen Mann halten könnte.

Wer glaubt, mit solchen Komplimenten liesse ich mir das Geld leichter aus der Tasche ziehen, irrt leider. Zumindest jetzt noch. Wenn ich eines Tages mal wirklich alt und zittrig bin, lasse ich mich mit solchen Sprüchen bestimmt um den Finger wickeln, aber für den Moment komme ich noch ganz gut klar mit meinem Alter.

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Das war auch schon einfacher

Glaubt mir, ich gehöre ganz bestimmt nicht zu den Menschen, die Internet, Smartphone, Tablet & Co. als Teufelszeug bezeichnen und die am liebsten wieder zurück in die Steinzeit möchten. Diese Dinge haben unser Leben in vielerlei Hinsicht vereinfacht und ich bin durchaus bereit, zu gestehen, dass ich mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen könnte. Ich vertrete auch nicht die Meinung, junge Menschen müssten bis zu ihrem 18. Geburtstag digital unberührt bleiben, um gesund heranwachsen zu können. Solange sie noch genügend andere Interessen haben, sollen sie dürfen – auch wenn manche Inhalte aus pädagogischer Sicht nicht über alle Zweifel erhaben sind. 

Dennoch verspüre ich heute das tiefe Bedürfnis, sämtliche Geräte in hohem Bogen aus dem Fenster zu werfen. Nach einer Woche Weihnachtsferien habe ich es mal wieder tüchtig satt, den ganzen Tag darüber zu wachen, dass keiner die ihm erlaubte Bildschirmzeit überschreitet oder heimlich Handy oder iPod ins Kinderzimmer schmuggelt, um sich die Nächte spielend um die Ohren zu schlagen. Die endlosen Diskussionen, warum wir auch während der Ferien nicht wollen, dass sie sich rund um die Uhr unterhalten lassen, hängt mir allmählich zum Hals heraus. 

Nein, ich möchte die Vergangenheit wirklich nicht verklären, aber Medienerziehung war deutlich einfacher, als man einen Computer hochfahren und eine zerkratzte CD-ROM einlegen musste, um in die Welt eines Games zu entschwinden. Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass Karlsson oder Luise jemals versucht hätten, ein Gerät ins Zimmer zu schmuggeln, als sie in Prinzchens Alter waren. 

Wie hätten sie auch Tower und Bildschirm unter dem Pyjama verstecken wollen? 

liv

Wobei man es natürlich auch so sehen kann

Man könnte froh sein, dass der Monteur einen auf dem Laufenden hält, so dass man immerhin abschätzen kann, wie lange man frieren wird  – voraussichtlich bis morgen Abend. Nicht wie der Fensterbauer, der versprochen hat, so bald als möglich zu kommen, uns aber immer noch die Erklärung schuldig ist, was man in seiner Welt unter „so bald als möglich“ versteht. 

Man könnte auch erleichtert sein, dass man nun doch nicht zwischen Klavierstimmer und Heizungsmonteur hin und her rennen muss, weil sie nicht gleichzeitig im Haus sein werden.

Man könnte mit sich selbst zufrieden sein, weil man neulich – offenbar in weiser Voraussicht – in der Migros ganz spontan zwei sehr grosse, sehr weiche Kuscheldecken in den Einkaufswagen gelegt hat.

Man könnte sogar darüber jubeln, dass wir bloss frieren und nicht auch noch stinken müssen, weil die Solaranlage trotz Hochnebel noch ein paar Tropfen Warmwasser produzieren mag. 

Und natürlich könnte man zutiefst dankbar sein, dass man überhaupt ein Dach über dem Kopf hat, genügend warme Kleider und einen Herd, auf dem man reichlich warmes Essen und heissen Tee zubereiten kann.

Aber dann ertappe ich mich eben doch dabei, wie ich meinen grossen Zeh ins Bad des Selbstmitleids tauche, um zu prüfen, ob ich es mir dort gemütlich machen soll. Immerhin darf die ganze Familie irgendwo im Warmen sitzen, nur ich muss mir in meinem Homeoffice den Allerwertesten abfrieren. Und ausnahmsweise auswärts arbeiten geht auch nicht, weil sonst der Klavierstimmer, der seinen Job neu angetreten hat, seinen Weg nicht findet. Zwischen Flügel und Spinett meiner Mutter, Karlssons Cembalo und unserem Klavier könnte man sich gar leicht verirren.

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Liebes Tagebuch

Heute hatte ich Französischhausaufgaben. Eigentlich hatte ich die schon letzte Woche und ich habe sie auch brav erledigt. Ich habe zuerst im Französischbuch gelesen und dann ein paar ganz tolle Sätze über einen Anlass in der Westschweiz geschrieben. Aber heute hat der Lehrer gesagt, wir müssten den ganzen Text, den wir schon auf deutsch geschrieben haben, ins Französische übersetzen. Das war gar nicht so schwierig, ich musste fast keine Wörter nachschlagen und mit der Rechtschreibung hatte ich auch keine Probleme. Mein Text ist gar nicht so schlecht geworden und ich habe sogar ein paar ganz elegante Satzkonstruktionen verwendet. Ich glaube, ich bin eine wirklich gute Schülerin. Der Lehrer wird bestimmt stolz sein auf mich und ich hoffe, ich bekomme eine gute Note.

Trotzdem bin ich ein bisschen sauer. Ich finde nämlich, ich habe in meinem Leben schon mehr als genug Französischhausaufgaben gemacht. Es ist doch einfach schrecklich unfair, wenn ich die trotzdem noch machen muss. Findest du das nicht auch, liebes Tagebuch?

Was kann ich denn dafür, dass die Kinder heute im Französischunterricht keine Vokabeln und Verbkonjugationen mehr üben, bevor sie mit ihren eigenen Worten schreiben müssen, was sie nicht gelernt haben?

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