Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Überbewertet

Glaubt mir, so ein Mittagsschlaf ist eine vollkommen überbewertete Sache. Ich meine jetzt nicht den kindlichen Mittagsschlaf. Der ist eine segensreiche Erfindung, zumindest solange das Kind die tagsüber verschlafene Zeit nicht abends nachholt. Nein, ich meine den elterlichen Mittagsschlaf. Da sinkst du nach dem Mittagessen nichts Böses ahnend in einen tiefen Schlaf, neben dir das Prinzchen und „Deiner“, die es dir gleichtun und wenn du wieder aufwachst, ist der Tag im Eimer. Die Küche versinkt im Chaos, die Kaulquappen, die schon seit zwei Wochen fröhlich im Becken schwimmen schweben in Lebensgefahr, weil jemand einen Haufen Erde ins Becken geschüttet hat, die Vorratskammer ist geplündert und dir platzt der Kragen. Du greifst zum Besen, um die schlimmste Unordnung zu beseitigen, räumst die Vorratskammer notdürftig auf, knallst wütend die Tür zu – und stellst fest, dass der Schlüssel der Vorratskammer nicht im Schloss steckt, sondern ganz offensichtlich in der Kammer. Zusammen mit ganz vielen Lebensmitteln, darunter einigen überlebenswichtigen Dingen, ohne die das Wochenende ganz schön schwierig werden dürfte: Wasser, Kakao, lactosefreie Milch, Apfelsaft, Kartoffeln, Cola und Honig. 

Was tun? Nun, zuerst mal den Schuldigen finden, aber das war mal wieder „der andere“ und somit bekommen alle das mütterliche Donnerwetter zu hören. Dann geht’s los mit der Befreiungsaktion für die eingeschlossenen Nahrungsmittel. Zuerst wird das Schloss mit Küchenmessern und Schraubenziehern traktiert, dann mit Schlüsseln anderer Wandschränke, was „Deiner“ aber bald einmal aufgibt, weil einer der Versuchsschlüssel zerbricht und es einen Moment lang ganz danach aussieht, als  müssten Vendittis in Zukunft nicht nur ohne Kakao und Apfelsaft, sondern auch ohne Bettwäsche leben. Doch der Wäscheschrank hat zum Glück einen Ersatzschlüssel. Was deine Kinder auf die Idee bringt, dass der Schlüssel von Grossmamas Vorratskammer vielleicht auch in unser Schloss passen könnte. Zu dumm nur, dass die Grossmama übers Wochenende verreist ist und die Wohnung abgeschlossen hat. Also klettern Karlsson und Luise über das Balkongeländer in Grossmamas Küche, bringen den Schlüssel nach oben, wo du leider feststellen musst, dass er nicht passt. Und morgen darfst du dann deiner Mutter erklären, weshalb ihre Wohnung nicht mehr abgeschlossen ist…

Weil er keinen Weg mehr sieht, die Befreiungsaktion vor Montag durchzuführen, gibt „Deiner“ an diesem Punkt auf, du hingegen mühst dich eine weitere Stunde mit der verschlossenen Türe ab. Aber egal, womit du es versuchst – ob mit der Eisensäge oder mit dem Suppenlöffel – die Tür macht keinen Wank und so musst du zwei zerbrochene Küchenmesser und einen epochalen Familienstreit später schweren Herzens erkennen, dass alle deine Bemühungen aussichtslos sind. Und du fragst dich, was dich dabei mehr nervt, die Tatsache, dass „Deiner“, den du in diesem Moment auf den Mond schiessen könntest, Recht hatte, oder der Umstand, dass das Cola, das du nach all dem Ärger eigentlich verdient hättest,  eingeschlossen ist.

Zwei Dinge aber sind dir sonnenklar, nämlich a) dass „Deiner“ und du noch immer ziemlich ausrasten könnt, auch wenn ihr mit zunehmendem Alter etwas ruhiger geworden seid und b) dass ein elterlicher Mittagsschlaf zwar angenehm entspannend sein kann, dass das bisschen Entspannung aber durch all den Ärger, der darauf folgt, wieder aufgefressen wird. 

Altern mit Stil

Jetzt hat also auch „Meiner“ sich zum langsamen Altern entschlossen. Eben noch war ich seinem Spott ausgesetzt, weil ich mit meinen 36 Stunden mehr auf dem Buckel einfach viel schneller altere als er, aber ab heute ist fertig gespottet. „Meiner“ sieht nicht mehr ganz klar, eine Brille muss her. Für die meisten Männer wäre das wohl kein Problem. Rein ins Optikergeschäft, fünf Minuten umschauen, fragen, was momentan gerade so in ist und dann ist die Brille gekauft. „Meiner“ ist da anders. Er geht zum Optiker und verlangt das Unmögliche: Eine farbige Brille. Denn wenn er schon altert, dann in Farbe.

„Farbig“, das heisst für „Meinen“ hellgrün oder hellblau, vielleicht auch etwas Rötliches. „Farbig“, das heisst für den Optiker taubenblau, hellgrau und vielleicht noch dunkelbraun. Und so kam ein sehr enttäuschter „Meiner“ mit einer Auswahl an taubenblauen, hellgrauen und dunkelbraunen Brillengestellen nach Hause. Auch ja, ein transparentes Gestell hatte er auch noch dabei. Da hatte „Meiner“ über Jahre verkündet, wenn die Haare auf dem Kopf sich lichten würden und er mal eine Brille brauche, dann werde er sich ein ganz cooles Modell anschaffen und jetzt hat er die Wahl zwischen „ganz hübsch“, „geht so“ und „zum Gähnen langweilig“.

Im Grunde genommen müsste „Meiner“ mir leid tun. Ist ja wirklich nicht lustig, wenn man nicht die Brille bekommen kann, die man sich seit vielen Jahren vorgestellt hat. Mein Mitleid hält sich dennoch in Grenzen. Als ich mir nämlich kurz vor ihm eine Brille zulegte – meine 36 Stunden Altersvorsprung machten sich auch hier bemerkbar – hat er sich ganz schrecklich darüber aufgeregt, dass ich kein ausgefalleneres Modell ausgesucht habe. „Violett mit eingestanzten Blättchen – so öde!“, spottete er und natürlich glaubte er mir nicht, als ich ihm sagte, das sei das Originellste gewesen, was ich hätte finden können. Jetzt wird er wohl oder übel schweigen müssen. Und falls er nicht schweigt, werde ich einfach zurückschnöden: „Dunkelbraun mit taubenblauem Rand – kannst du nicht mit etwas mehr Stil altern?“

Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.

 

 

Generalstreik im Kleiderschrank

Es ist mal wieder soweit: Meine Kleider haben alle gemeinsam den Entschluss gefasst, mich im Stich zu lassen. Zuerst die Jeans, die mehr Loch als Hose war, dann die Bluse, die mir seit mehr als zehn Jahren die Treue gehalten hatte und schliesslich auch noch die pinkfarbene Hose, die mich seit der letzten Schwangerschaft stets getröstet hatte, wenn ich mich mal wieder so richtig hässlich fühlte. Gut, ich geb’s ja zu, ich war nicht immer nur nett zu meinen Kleidern. Ich habe sie immer mal wieder achtlos auf dem Fussboden liegen gelassen, wenn ich abends zu faul war, sie fein säuberlich zusammenzufalten. Hin und wieder habe ich sie auch mit Farben kombiniert, die so ganz und gar nicht passen wollten. Und das eine oder andere Mal habe ich auch gemotzt, ich würde mal wieder unmöglich aussehen in diesen Fetzen. Ja, wahrlich nicht sonderlich nett, aber das gibt meinen Kleidern doch noch lange nicht das Recht, in Generalstreik zu treten und mich ausgerechnet jetzt, wo ich wieder jeden Tag das Haus verlasse, im Stich zu lassen. Ein bisschen mehr Loyalität hätte ich ja schon erwartet, nach allem Zu- und Abnehmen, das wir in den vergangenen Jahren der Familiengründung gemeinsam durchgestanden haben, meine Kleider und ich.

Nun mag man sich ja fragen, was denn so schlimm sei daran, wenn man sich von alten Kleidern trennen muss. Immerhin hat man dann einen guten Grund, sich neue zu kaufen und das, so könnte man meinen, sollte mir als Frau die Freudentränen in die Augen treiben. Das Problem ist nur, dass ich zu der Sorte Frauen gehöre, die lieber zum Zahnarzt gehen als in einen Kleiderladen. Versteht mich nicht falsch, ich mag schöne Kleider, aber die sollen bitte von selbst den Weg in meinen Schrank finden und dann ewig bleiben. Oder zumindest so lange, bis ich ich ihren Anblick wirklich nicht mehr ertragen kann. Gut, inzwischen kommen die Kleider ja tatsächlich von selbst zu mir, habe ich mich doch voll und ganz dem Versandhandel verschrieben. Das Paket wird geliefert, ich probiere das Zeug dann, wenn keiner zuschaut, einen Bruchteil behalte ich, den Rest schicke ich wieder zurück. Alles perfekt also, nicht wahr?

Nicht ganz, denn leider dauert es eine Weile, bis so ein Paket ankommt und da ich mir neue Kleider immer erst dann besorge, wenn die alten wirklich kaputt sind, darf ich behaupten, dass ich zurzeit eine der wenigen Frauen in unseren Breitengraden bin, die tatsächlich nichts Anzuziehen hat, zumindest nichts, das noch alle Knöpfe dran hat. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn kleine Mängel lassen sich leicht kaschieren oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar beheben. Schlimm aber ist, dass ich meinen kleiderlosen Zustand vor „Meinem“ so lange werde geheim halten müssen, bis das Paket ankommt. Denn ich weiss genau, was geschehen wird, wenn er von meinem leeren Kleiderschrank erfährt: Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit ich einen Tag freinehmen kann, um mir Kleider zu kaufen. Gut, so ein freier Tag wäre gar nicht so schlecht, nur weiss ich, dass „Meiner“ am Ende dieses Tages auch neue Kleider sehen will, was bedeuten würde, dass ich mir meine Freizeit nicht in Buchhandlungen und Museen um die Ohren schlagen könnte. Und Freizeit, die ich mit Kleiderkauf vergeuden muss, kann mir gestohlen bleiben.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nämlich dann, wenn ich mich standhaft weigere, ein Kleidergeschäft zu betreten und „Meiner“ am Ende wieder selber auf Einkaufstour für mich geht. Nicht, dass er mir hässliche Kleider bringen würde. Im Gegenteil, der Mann hat Geschmack. Aber möchtet ihr vielleicht von „Eurem“ zu hören bekommen: „Schau mal, was ich dir vom Einkauf mitgebracht habe. Ist sie nicht hübsch, die Bluse? Und günstig war sie obendrein. Wenn du willst, kann ich sie dir morgen noch in Lila besorgen…“?

Ungeniessbar

Da bin ich mal wieder, an dem altbekannten Punkt, an dem ich nie sein will, an dem ich aber unweigerlich lande, wenn meinem unausgeglichenen Temperament die Ruhe fehlt, um sich hin und wieder abzukühlen. Zu viel Zeit auf dem Bürostuhl, zu wenig auf dem Sofa, zu viele Gespräche am Telefon, zu wenige mit denen, die da um mich herum sind, zu viel Gehetze von hier nach da, zu wenige Atempausen und schon bin ich wieder die alte, ungeduldige und gereizte Mama Venditti, die ich schon immer war, wenn die Balance nicht stimmte. Eigentlich war ich schon so, bevor ich Mama war und Venditti hiess und schon damals war mir klar, dass es grundverkehrt ist, die eigenen Kräften so schlecht einzuteilen, dass man am Ende jene, die man liebt, nur noch anschnauzt.

Das das nicht in Ordnung ist, wusste ich schon damals, als ich Morgen für Morgen meine Eltern anmotzte und fünf Minuten später fröhlich lachend mit meinen Schulfreunden unterwegs war. Ich wusste es auch, als ich bei der Arbeit allen Frust herunterschluckte und freundlich blieb und dann, kaum zu Hause angekommen, allen Ärger an „Meinem“ ausliess. Ich weiss es auch heute, wo ich schlicht ungeniessbar bin, weil ich meinen ganzen Vorrat an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit am gestrigen Tag der offenen Tür verpufft habe. Ich weiss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen wäre, um mir mal wieder eine ausgiebige Pause zu gönnen, alle Pflichten für einige Tage beiseite zu schieben und mich voll und ganz auf die Menschen einzulassen, die ich liebe. Und das möchte ich auch, türmte sich da nicht die Arbeit auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Klar, ich werde versuchen, es in den nächsten Tagen besser zu machen, ausgeglichener und freundlicher zu sein, aber ich weiss, dass es mir, wie seit Jahren schon, nur zum Teil gelingen wird. Denn so sehr ich es auch möchte, ich kann nicht aus meiner Haut. Und deshalb wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich einmal mehr zu entschuldigen, die Selbstvorwürfe in die Schranken zu weisen und darauf zu hoffen, dass diejenigen um mich herum nicht aufhören, mich trotz meiner Macken zu lieben.

Möbelsamstag

Man sagt uns ja hin und wieder, wir seien verrückt, aber so richtig wahrhaben wollen wir das nicht. Wir tun so, als sei alles ganz normal und vernünftig, was wir tun. Bis wir mal wieder in der Tinte sitzen und wir der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass andere weitsichtiger sind als wir. Viel weitsichtiger. Die sind zum Beispiel so vernünftig, dass sie einen Babysitter engagieren, wenn sie ins Schwedische Möbelhaus fahren. Oder sie nehmen nicht nur ein Handy mit, sondern zwei, damit man einander anrufen kann, wenn man sich im Getümmel nicht mehr findet. Gut, dass wir heute Morgen mit der ganzen Meute in zwei Autos losgefahren sind, um ein Zoowärter-Bett, einen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Schreibtisch, ein „Meiner“ und ich – Bett und noch ein paar andere Dinge zu besorgen, ist ja so unvernünftig nicht. Okay, man kann sich fragen, ob der Zoowärter unbedingt mitmusste, wo er doch beim letzen Mal einen Fieberkrampf bekam, als er im Möbelhaus Köttbullar ass. Und vielleicht hätte „Meiner“ ja wirklich zu Hause bleiben und aufräumen können, aber mit wem hätte ich mich denn darüber streiten können, ob wir nun einen neuen Schrank fürs Kinderzimmer oder eine neue Kommode fürs Elternschlafzimmer erstehen sollten?

Wie auch immer, wir fuhren los, der festen Überzeugung, dass heute nichts schief gehen konnte, weil wir a) genügend Geld im Portemonnaie hatten, b) eine ziemlich klare Vorstellung hatten, was wir wollten (mal abgesehen von der Meinungsverschiedenheit betreffs Schrank oder Kommode), c) die Kinder mit der Aussicht auf viele schöne neue Dinge motiviert wie selten waren und wir d) zu dritt waren, um fünf Kinder bei Laune zu halten. Anfangs sah die Sache wirklich erfolgsversprechend aus. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter liessen sich bereitwillig im Kinderparadies abgeben. Also zogen wir – drei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Einkaufswägen – los. Hätte nicht das Prinzchen, der in diesen Tagen gewöhnlich pausenlos an meinem Rockzipfel hängt, auf einmal diesen unbändigen Entdeckerdrang verspürt, wären wir beinahe in Versuchung geraten, den Einkauf zu geniessen. Damit dies nicht geschehen konnte, versteckte sich unser Jüngster immer mal wieder, so dass wir nach einer Stunde doch schon ziemlich müde waren.

Und dann fing das übliche Chaos an. Wir begingen den groben Fehler, am Kinderparadies vorbeizuspazieren, Luise sah uns, sah, dass Karlsson ein neues Stofftier im Arm hielt und vorbei war die Ruhe. Luise wollte raus, wollte auch ein Stofftier, wollte mal das Känguru, mal den Frosch, mal den Hund. Ich wollte keine Kommode, „Meiner“ wollte keinen Schrank, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den er in der Kinderabteilung entdeckt hatte, nicht mehr aus der Hand geben, Karlsson wollte sein Stofftier in der Gegend herumwerfen und die Frau im Kinderparadies wollte, dass wir den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten abholen, weil die Zeit um war. Und dann ging es weiter mit wollen: Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat wollten auch ein Stofftier, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den wir inzwischen für ihn in den Wagen gelegt hatten, ausprobieren, bevor er bezahlt war, „Meiner“ wollte keine weiteren Stofftiere kaufen und ich wollte essen gehen, damit wir am Tisch endlich die leidige Diskussion ob Schrank oder Kommode zu einem Ende bringen könnten. Im Restaurant wollten Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat eine grosse Portion Fleischbällchen und dann, als die Teller erst zur Hälfte leer waren, wollten sie nicht mehr weiter essen, der Zoowärter wollte mehr Fleischbällchen und weniger Pommes Frites, „Meiner“  und ich wollten reden und konnten nicht, weil die Kinder nicht wollten, dass wir miteinander reden, sondern mit ihnen. Was das Au Pair wollte, weiss ich nicht. Sie hielt sich vornehm zurück und half, das Chaos unter Kontrolle zu halten, aber ich nehme an, dass sie wollte, dass wir endlich mal Ruhe geben und uns wie normale Menschen gebärden, die still und artig am Tisch sitzen.

Bis dahin war alles noch in den für uns gewohnten Bahnen gelaufen, doch dann, als wir uns am Ende unseres Einkaufsabenteuers wähnten, ging es erst richtig los. Während das Au Pair, die Kinder und ich uns ans Bezahlen und Einpacken des Kleinkrams machten, machte sich „Meiner“ auf, die Dinge zu organisieren, die wir uns nach Hause liefern lassen wollten, weil unser Fünfplätzer sich weigerte, sie zu transportieren. Nachdem wir fertig eingepackt hatten, warteten wir auf „Meinen“, aber der kam nicht. Also gingen wir zum Parkplatz, um die Autos zu beladen. Aber „Meiner“ hatte den Schlüssel, ich das Auto. Also beluden wir das Auto des Au Pairs, verfrachteten – nachdem wir den Streit, wer mit wem fahren darf und wer auf dem Weg welche CD hören darf geschlichtet hatten – Karlsson und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Au Pair-Auto und schickten die drei auf die Heimfahrt.

Die drei fuhren los und wir warteten weiter auf „Meinen“, der noch immer nicht auftauchte und den ich nicht anrufen konnte, weil sein Handy nicht mitgekommen war. Irgendwann tauchte „Meiner“ auf, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und entschwand wieder in der Menschenmenge, weil er „nur noch ganz schnell“ alles bezahlen musste. Nett wie ich bin, organisierte ich in der Zwischenzeit, was es zu organisieren gab: Auto beladen, Kinder anschnallen und dann schnell Richtung Ausgang fahren, um „Meinen“ ins Auto zu packen. Aber „Meiner“ war spurlos verschwunden. Also warteten wir wieder. Während die Kinder artig im Auto sassen und abwechslungsweise jammerten und beteten, dass der Papa doch endlich kommen möge, tigerte ich immer gereizter in der Tiefgarage herum, in der Hoffnung, irgendwo „Meinen“ auf der Suche nach uns herumirren zu sehen. Aber „Meiner“ irrte nicht in der Tiefgarage herum, sondern im Laden, wo man ihn von Pontius zu Pilatus schickte, bis er endlich, nach einer geschlagenen Stunde völlig entnervt wieder auftauchte. Fragt mich bitte nicht, weshalb er so lange gebraucht hat, um ein paar Möbel zu bezahlen. Er hat’s mir erklärt, aber verstanden habe ich es nicht.

Nun, irgendwie haben wir die Sache hinter uns gebracht und ich bin auch wirklich ganz stolz auf uns, dass es zwar zur einen oder andere Reiberei, nicht aber zum üblichen Krach, gekommen ist. Wobei, vielleicht habe ich gar keinen Grund zum stolz sein, denn vermutlich hatten wir bloss deshalb keinen Krach, weil wir nach all dem Stress einfach zu müde waren dazu.

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.


So kann man das auch sehen

Gestern Abend beklagte sich Luise darüber, ich würde zu viel arbeiten. Auch „Meiner“, meine Mutter und das Au Pair winken stets mit irgend welchen Zaunpfählen in der Gegend rum, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es so langsam aber sicher reicht. Und mein Körper, dieser Schwächling, muckt auch alle paar Wochen auf, mal mit Magen-Darm-Seuche, dann wieder mit Husten und Schnupfen. Bei so viel Gemecker kommt man nicht umhin, sich Gedanken zur eigenen Arbeitshaltung zu machen und schliesslich kam ich zum Schluss, dass es tatsächlich etwas viel geworden ist. Und so kam es, dass ich heute beim Frühstück mehr zu mir selber als zu den Kindern sagte: „Es stimmt ja schon, ich arbeite einfach zu viel.“ Karlsson und Luise nickten zustimmend, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat sah das etwas anders: „Nein Mama, das stimmt nicht“, widersprach er. „Du arbeitest nicht zu viel, du machst einfach zu kurze Pausen.“

So kann man das natürlich auch sehen. Und vielleicht könnte man ja sogar mehr leisten, wenn die Pausen etwas länger wären?

(Prager) Erkenntnisse

Ich nehme ja nicht an, dass sich jemand Sorgen gemacht hat, weshalb hier aussergewöhnlich lange nichts Neues zu lesen war, aber falls doch, kann ich hiermit die beruhigende Ankündigung machen, dass wir nicht in Prag verschollen sind. Zwar hatte ich gestern Abend, als wir bei Dauerregen über die deutschen Autobahnen schlichen, zuweilen das Gefühl, die Fahrt würde nie ein Ende nehmen, aber irgendwann, kurz nach Mitternacht und nachdem unser Au Pair schon ganz besorgt angerufen hatte, wo wir denn so lange bleiben würden, kamen wir dann doch wieder wohlbehalten zu Hause an. Wir brachten nicht nur aussergewöhnlich viele Souvenirs mit nach Hause – Prag scheint ganz zu unserem Budget zu passen – sondern auch einige Erkenntnisse, die ich gerne mit euch teile. Hier also wären sie, wild durcheinander übrigens, weil ich noch keine Zeit hatte, sie zu sortieren, etikettieren und schubladisieren:

1. Prag ist und bleibt die schönste Stadt auf diesem Planeten. Okay, ich weiss, das habe ich am Freitag schon geschrieben, aber es stimmt auch heute noch.
2. Ich liebe unsere Kinder. Ja, ich weiss, auch das ist nicht neu, aber nach drei Tagen ohne sie bin ich wieder so begeistert von ihnen wie damals, als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt.
3. Weil unsere Kinder und Prag beide so grossartig sind, müssen wir unbedingt ein Treffen zwischen den beiden arrangieren. Und zwar so bald als möglich, denn wir glauben, dass sie perfekt zueinander passen. Das bedeutet, dass wir unseren Traum, mal endlich im Norden Ferien zu machen, wohl noch etwas länger aufschieben werden und uns im nächsten Sommer eher Richtung Osten bewegen werden. Unser Budget wird es uns danken.
4. Wir hätten durchaus auch länger wegbleiben dürfen. Karlsson hat sich gestern in den Schlaf geweint, weil er „nur so kurz“ beim Grossvater bleiben durfte und ich glaube, wenn man es dem Zoowärter angeboten hätte, dann hätte er sich vom Fleck weg von seiner Patentante adoptieren lassen.
5. Prag inspiriert uns. „Meiner“ und ich sind einmal mehr mit tausend neuen Ideen nach Hause gekommen. Und diesmal werden wir sie auch ganz bestimmt umsetzen…
6. Auch wenn sich alle anderen Inspirationen verflüchtigen sollten, diese wird bleiben: Kartoffelsuppe in Brot serviert. Spätestens übermorgen kommt das bei uns auf den Tisch, denn etwas Besseres habe ich noch selten gegessen.
7. Kümmel ist ein ekelhaftes Gewürz. Aber Kümmel in Kartoffelsuppe in Brot schmeckt himmlisch.
8. „Meiner“ und ich können noch immer tagelang miteinander quatschen, philosophieren, lachen, geniessen, lästern und klönen. Einfach wunderbar, dass wir uns nach so vielen Jahren noch immer so viel zu sagen haben.
9. Wenn „Meiner“ und ich ein freies Wochenende haben streiten wir uns – im Gegensatz zu den meisten Paaren – nie. Dazu ist uns die freie Zeit einfach zu kostbar.
10. Wenn „Meiner“ und ich von einem wunderbaren freien Wochenende, an dem wir das Leben zu zweit in vollen Zügen genossen haben, zurück in den Alltag kommen, dann dauert es keine zwei Minuten, ehe wir uns in den Haaren liegen. Und dann kommt es doch tatsächlich vor, dass die zwei, die gestern noch Händchen haltend über den Wenzelsplatz geschlendert sind, einander heute so laut anbrüllen, dass das Au Pair schnell das Weite sucht. Ich glaube, sie hat gerade noch mitgekriegt, wie die eine Hälfte von uns beiden – es war nicht die Männliche – voller Wut einen Dessertteller auf den Fussboden schmetterte.
11. Ich werde es wohl nie fassen können, dass wir heute ohne nur einmal einen Pass zeigen zu müssen, in ein Land reisen können, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch völlig unerreichbar gewesen wäre.
12. Ich werde es wohl nie fassen könne, dass es Touristen gibt, die durch die Hauptstadt dieses Landes gehen können, ohne nur einen Moment lang daran zu denken, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit keinen Fuss auf diesen Boden hätten setzen können.
13. Ich werde es wohl noch ganz lange nicht fassen können, dass ich diesmal in Prag keinen einzigen Knödel und schon gar keine panierten Champignons gegessen habe. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil ich sie – zumindest in fleischloser Form – auf keiner Speisekarte mehr finden konnte.
14. Dafür werde ich den Genuss, den ich verspürte, als ich zum ersten Mal einen Trdelnik kostete, nicht so bald wieder vergessen.
15. Wenn man sich im Zeitalter von GPS im Grossraum Stuttgart verfährt und deswegen mal kurz in einer Sackgasse Halt macht, um die Karte auf dem iPad zu konsultieren, dann macht man sich damit so verdächtig, dass keine drei Minuten vergehen, ehe die Deutsche Polizei zur Stelle ist, um einen bis in jedes Detail auszufragen.
16. Es gibt viele Menschen, die diese Stadt ebenso lieben wie wir. Einige dieser Menschen haben Bücher geschrieben über diese Liebe. Und eines dieser Bücher ist mir zufällig in die Hände geraten und ich werde es nicht so schnell wieder hergeben.