Aber doch nicht jetzt

Liebe Katholiken, nehmt mir es bitte nicht übel, wenn ich mit einer kleinen Frage an euch herantrete: Würde es euch vielleicht etwas ausmachen, eure Heilige Jungfrau in Zukunft nicht mehr am 15. August in den Himmel auffahren zu lassen? Glaubt mir, ich respektiere es, dass euch dieser Tag heilig ist, auch wenn ich Maria etwas weniger verklärt sehe als ihr. Aber müsst ihr sie ausgerechnet am 15. August feiern?

Dieser Tag ist denkbar ungeeignet für einen Feiertag. Kaum hat die Schule angefangen, haben unsere Kinder wieder frei und ich weiss beim besten Willen nicht, wie ich die Wohnung nach fünf Wochen ohne Putzfrau auf Vordermann bringen soll, wenn schon wieder alle den halben Tag im Pyjama herumlungern und mich anflehen, endlich ins Schwimmbad zu kommen. Und nächstes Jahr wird’s noch mühsamer, weil der 15. ein Donnerstag sein wird und dann machen die bestimmt gleich wieder ein verlängertes Wochenende draus. Wer braucht denn so kurz nach den Ferien so viel Erholung? Nun ja, wir Mütter vielleicht, die wir fünf Wochen lang für Unterhaltung gesorgt haben. Wie aber sollen wir uns erholen, wenn schon wieder alle unterhalten werden wollen?

Gut, man könnte vielleicht auch anregen, dass die Schule die Sommerferien so legt, dass Mariä Himmelfahrt in die schulfreie Zeit fällt. Das Problem ist nur, dass sich die Schule ziemlich schwer tut mit solch einschneidenden Veränderungen. Ihr aber, meine lieben Katholiken, seid bestimmt flexibel genug, euren Feiertag in Zukunft an einem günstigeren Datum zu begehen. Am liebsten irgendwann zwischen September und März, wenn weit und breit kein Feiertag in Sicht ist, der als kleine Verschnaufpause taugt. (Nein, Weihnachten zählt nicht, denn da kann von verschnaufen nicht die Rede sein.)

Unaufhaltsam

Nein, ich freue mich nicht auf den 12. August 2013. Ja, ich weiss, ich sollte mich darauf freuen, denn das Prinzchen wird dann seinen ersten Kindergartentag haben, der Zoowärter seinen ersten Schultag. „Stell dir mal vor, wie viele Freiheiten du dann haben wirst“, sagen die Mütter, die schon länger keine kleinen Kinder mehr zu Hause haben. Und ich versuche ernsthaft, mir vorzustellen, wie schön das sein wird. Das Dumme ist nur, dass es mir nicht so richtig gelingen will.

Nein, ich habe keine Angst, ich wüsste nichts mit meiner Zeit anzufangen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig. Es ist nur so, dass ich die Freiheit mit nur einem Kind im Haus so sehr geniesse. Wie schön, wenn man mal für ein Kind alle Zeit der Welt hat, wenn man ganz spontan in die Stadt fahren kann, weil man nicht eine ganze Herde zusammentreiben muss.

Ich habe übrigens auch kein Problem damit, dass unsere Kinder grösser werden. Nun ja, zumindest kein grosses Problem. Mein Problem ist, dass da keiner mehr nachkommt, wenn alle mal draussen sind. Kein kleiner Mensch mehr, der mich mit Fragen löchert, der voller Stolz den viel zu grossen Kochlöffel schwingt, der mich mit dem Wunsch, eine Geschichte erzählt zu bekommen, von meinen Pflichten abhält.

So wird das sein in einem Jahr und davor graut mir schon heute. Verhindern kann ich es dennoch nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig, als der kleine Rest an Kleinkinderzeit, der mir noch bleibt, zu geniessen. Mal sehen, ob ich das schaffe…

 

Kind, entspanne dich

Neulich lag eine Postkarte für „Meinen“ im Briefkasten. „Lieber Herr Venditti“, stand darauf, „seitdem ich nicht mehr zu Ihnen in die Schule gehe, haben sich meine Noten sehr verbessert. In Deutsch habe ich jetzt eine fünf, in Mathematik eine viereinhalb, in Sachkunde eine fünf und in Geschichte ebenfalls eine fünf. Liebe Grüsse aus Honolulu.“

Das Kind geht schon seit Jahren nicht mehr zu „Meinem“ in die Schule, seine Noten sind ganz okay – bei uns ist bekanntlich eins die schlechteste Note und sechs die beste -, es hat Sommerferien und dürfte ganz unbeschwert sein. Warum bloss verspürt das arme Kind den Drang, dem ehemaligen Lehrer eine Zusammenfassung seiner Schulleistungen um den halben Globus zu senden?

Harte Zeiten

Mamas erste ungenügende Note: Ende fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Tränen, eine erste Ahnung, dass eine Schullaufbahn auch ihre Tiefpunkte haben könnte. Reaktidereinst Mamas Mama: Keine Ahnung. War wohl nicht allzu beunruhigt, da sie beim siebten Kind schon an allerhand gewöhnt war.

Karlssons erste ungenügende Note: Anfang fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Frust, Ausblenden der Tatsache, dass der Lehrer am gleichen Tag eine seiner Prüfungen mit der Bestnote bewertet hatte. Reaktion der Mutter: „Kopf hoch, sowas kann vorkommen. Der Papa übt dann heute Abend noch mit dir. Und Schau mal, wie gut du in Deutsch abgeschnitten hast.“

Luises erste ungenügende Note: Dritte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: „Ich bin dumm!“ Reaktion der Mama: „Du bist ganz bestimmt nicht dumm. Lass uns herausfinden, wo das Problem lag und dann läuft’s beim nächsten Mal besser.“

Erste ungenügende Note des FeuerwehrRitterRömerPiraten: Erste Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Niedergeschlagenheit. Reaktion der Mama: Rasende Wut, weil die Kinder gerade mal zehn Minuten Zeit hatten für mehr als hundert Rechnungen. Obendrein eine grosse Traurigkeit, weil es auch für Erstklässler keine Schonzeit mehr gibt.

Zoowärters erste ungenügende Note: Gott sei Dank machen die im Kindergarten – noch? – keine Noten!

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Begutachtet

Im Kindergarten hiess es, sie würde vielleicht Mühe haben in der Schule, weil sie die Quadrate nicht immer exakt auf die Linie setzte.

In der ersten Klasse hiess es, sie halte den Stift zu verkrampft in der Hand, das müsse sich bessern.

In der zweiten Klasse hiess es, ihre Schrift sei nicht schön genug, eine Therapie würde dem Abhilfe verschaffen.

In der Therapie hiess es, man müsse sie abklären lassen, vielleicht habe sie, was man allen Kindern unterstellt, die am vierten Schultag noch immer nicht in die Schublade passen wollen.

In der Abklärung haben sie gesagt, dass  alles okay sei, ihre Fähigkeiten seien einfach etwas ungleich verteilt, sie würde mehr über das Gehör aufnehmen und weniger über die Augen. Man hätte auch sagen können: Sie kommt eben nach ihrer Mama, aber mit dieser Einsicht lässt sich kein Gutachten füllen.

Heute

– 4 Rucksäcke für 4 x Spiel- und Sporttag gepackt und dabei berücksichtigt, dass jeder ein anderes Programm hat: 2 x mit Bräteln, wobei aber nur einer eine Wurst mitnehmen will, die andere sich aber dem obligaten Cervelat verweigert, 1 x ohne Bräteln, dafür mit Schwimmbad, 1 x zwar mit Wurst, aber diese wird von der Schule spendiert, 1 x mit Wanderschuhen, 2 x im Sportdress, 1 x mit geschlossenen Schuhen und langen Hosen, 2 x mit Zeckenspray, 2 x ohne dafür alle mit ausdrücklicher Erlaubnis der Lehrerschaft mit vielen Süssigkeiten im Rucksack.
– 1 Kind zum falschen Treffpunkt geschickt, Kind mit geliehenem Auto zum richtigen Treffpunkt gekarrt und böse Blicke von der Lehrerin geerntet. Dummerweise wurde ausgerechnet dieses Kind vom grossen Bruder zu spät abgeholt, so dass es am Nachmittag auch noch ein böses Telefon von der Lehrerin gab. Nach vielen Jahren vorbildlichen Verhaltens habe ich es geschafft, meinen guten Ruf im Schulhaus an einem einzigen Tag zu ruinieren.
– 1 Kind nach dem Ausflug vorübergehend vermisst, da es sich zu Hause ins Bett legte und einschlief, anstatt in den Hort zu kommen.
– Am Morgen vier gesunde Kinder losgeschickt, am Nachmittag zwei kranke und zwei gesunde Kinder in Empfang genommen.
– Ein Prinzchen glücklich gemacht, weil meine Mutterliebe es nicht zuliess, dass er als Einziger den Tag ohne Chips, Wurst und Süssigkeiten überstehen muss. Abends dann trotzdem Tränen, weil die Müdigkeit nach dem Krippentag so gross war, dass der Cervelat nicht mehr in Angriff genommen werden konnte.
– Zum Feierabend mit den Kindern „Im Dutzend billiger“ geschaut und gedacht, dass es in Sachen Chaos durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten gibt.
– Die Bemerkung „Ich wünschte, wir wären auch zwölf Kinder“ geflissentlich überhört. Nun mal nicht übertreiben…

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So geht das

Schülervortrag damals: Die Lehrerin erklärt der Klasse, was ein Vortrag ist, welche Themen in Frage kommen, gibt den Kinder Zeit, sich in Zweierteams aufzuteilen und ein Thema zu suchen. An einem schulfreien Nachmittag setzt man sich gemeinsam hin, teilt auf, wer was machen wird, sucht sich ein paar Bücher aus der Bibliothek, vielleicht hat noch jemand ein Poster mit einem zum Thema passenden Bild, dann wird geschrieben – von Hand, versteht sich. Am Vorabend die grosse Nervosität, dann endlich der Auftritt. Zehn Minuten reden, vielleicht eine Folie auf dem Hellraumprojektor, einige Stichworte an der Wandtafel und die gute Note hatte man auf sicher.

Schülervortrag heute: Der Lehrer führt die Klasse in die Kunst der Power Point Präsentation ein, die Schüler wählen ein Thema, danach wird im Internet recherchiert. Bilder, Musik, Filme, Zusammenfassungen – alles wird zusammengetragen und zu einer ersten Präsentation verwurstet, äähm, Pardon, verarbeitet. Diese Präsentation geht per Mail an den Lehrer, der einige Tage später eine Rückmeldung gibt. Im Laufe der Wochen geht die Präsentation noch mehrere Male zwischen Schüler und Lehrer hin und her, bis endlich alles perfekt ist. Da die Unterrichtszeit für die Fülle des Materials nicht reicht, sind Überstunden angesagt und zwar sowohl vor als auch nach dem Unterricht. Ein Vollzeitjob ist ein Klacks im Vergleich, aber Perfektion hat eben ihren Preis. Der Redetext muss niedergeschrieben werden, es braucht ein Quiz, damit die Mitschüler bis zum letzten Satz dranbleiben und dann muss man sich natürlich noch Gedanken machen, ob alle eine kleine Belohnung bekommen, oder ob man nur einen Hauptpreis für den Quiz-Sieger mitbringt. Schliesslich noch die Kontrolle, ob auch wirklich nichts aus dem Internet abgeschrieben ist und ob der Link von der Präsentation zu youtube funktioniert.

Am Vorabend dann die grosse Präsentation vor den Eltern, die völlig erschlagen dasitzen und denken, dass es früher deutlich einfacher war, ein guter Schüler zu sein.

Trau nie einem Kind

Unsere Schule nimmt es genau mit der Disziplin. Sehr genau. Spuren die Kinder nicht, hagelt es Einträge. Zuerst nur auf einem Blatt, welches den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wird, nach einer gewissen Anzahl schafft es der Eintrag gar aufs Zeugnispapier. Damit Omas, Opas, Patentanten und später auch der potentielle Lehrmeister sehen können, mit was für einem Früchtchen sie es zu tun haben. Im Alltag sieht das so aus:
Arbeitsblatt zu Hause vergessen? Eintrag! Turnzeug nicht dabei? Eintrag! Hausaufgaben nicht vollständig? Eintrag! Zwei Minuten zu spät zur Schule? Eintrag! Schwatzen im Unterricht? Eintrag! Respektloses Verhalten gegenüber der Lehrperson? Eintrag! Unterschrift der Eltern nicht eingeholt? Eintrag!
Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter dem Vergehen eine böse Absicht steht, oder ob dem Kind ein einmaliger Schnitzer unterlaufen ist, ob das Kind gleichgültig oder überfordert war, ob notorischer Störefried oder Musterschüler – alles egal, die Einträge werden ohne Ansehen der Person verteilt.

Eine einzige Sache kann die Kinder vor den – je nach psychischer Verfassung des Kindes – mehr oder weniger gefürchteten Einträgen schützen: Ein nettes Brieflein der Eltern, in dem erklärt wird, weshalb das Kind nicht konnte, wie es sollte. „Lieber Herr Lehrer, Shanaya konnte gestern ihre Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihr Lieblingshamster von seinen Käfiggenossen gemobbt wurde und die Situation ohne das mutige Eingreifen unserer Tochter ein böses Ende genommen hätte.“ „Sehr geehrte Frau Hugentobler, Mattia konnte das Arbeitsblatt zur Zahl sechs nicht machen, da er eine panische Angst vor dieser Zahl hat. Gerne besorge ich Ihnen ein Gutachten unserer Geistheilerin.“ Ein kleiner Ablassbrief und das Kind ist geschützt vor dem Eintrag. Die gleiche Ausrede ääähm Entschuldigung mündlich vom Kind vorgebracht zeigt keine Wirkung.

Was dem einen oder anderen Leser als vollkommen ungerecht erscheinen mag, ist durchaus gerechtfertigt. Bedenkt man nämlich, wie viele Kinder Versicherungsbetrug begehen, die Steuererklärung manipulieren, Urkunden fälschen und am Tag nach dem Finale der Champions League krank machen, dann ist es vollkommen verständlich, dass man ihren Aussagen nicht traut. Ein Erwachsener, hingegen, der käme nie auf die Idee, die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtzubiegen.

Was weiss ich denn schon?

Bis anhin hatte ich mich für mehr oder weniger allgemeinwissend gehalten. Klar, auch ich habe die eine oder andere Bildungslücke, im naturwissenschaftlichen Bereich sogar eine ziemlich grosse, aber zum Trivial Pursuit spielen sollte es reichen. Dachte ich, solange ich diese App noch nicht hatte. Seither zweifle ich doch ziemlich stark an meinem Verstand. Ausgerechnet im Bereich Geschichte, in dem ich mich doch für ziemlich bewandert gehalten hatte, versage ich kläglich. 

„Welchen berühmten Gangster spielte Robert De Niro in ‚Die Unbestechlichen‘?“, lautet zum Beispiel eine der Fragen und das einzige, was mir dabei in den Sinn kommt, ist die Gegenfrage, was das denn bitte schön mit Geschichte zu tun haben soll. Aber es kommt noch besser: „Wann hatte Bill Gates seinen letzten offiziellen Arbeitstag bei Microsoft?“ Was weiss ich denn? Irgendwann, als er genug Kohle gescheffelt hatte, aber ist dieser Tag wirklich wichtig genug, um in Weltgeschichte einzugehen? Weiter zur nächsten Frage: „Wann erschien der erste Alien-Film?“ Himmel, was soll der Mist? Befassen wir uns hier mit Geschichte oder mit Hollywood? Da, als ich die Hoffnung schon fast aufgeben will, doch noch eine Frage nach einer historischen Persönlichkeit: „Welchem Volk ist Kaiser Cäsar zuzuordnen?“ Eine banale Frage, aber sogar über diese stolpere ich. Kaiser Cäsar? So einen gab es doch gar nicht, die Kaiser kamen doch erst nach ihm. Also kann die Antwort „Den Römern“ unmöglich richtig sein. 

Nein, so kann das nicht gehen. Da wende ich mich lieber einem anderen Wissensgebiet zu, zum Beispiel der Erdkunde: „Wohin ging die Hochzeitsreise von Rhett und Scarlett in ‚Vom Winde verweht‘?“ „In welchem Land drehte Monty Python das Leben des Brian?“ „In welchem Land wird Bond in der Eröffnungsszene von ‚Ein Quantum Trost‘ in eine Autoverfolgungsjagd verwickelt?“ – Ich sehe schon, auch von Erdkunde habe ich keine Ahnung, denn bei jeder dieser Fragen kann ich nur raten. Na, dann versuche ich es eben mit „Wissenschaft & Technik“. Vielleicht kann ich ja dort ein paar Punkte gut machen. Doch schon wieder lässt mich mein Allgemeinwissen im Stich. Okay, die Frage „In welche Stadt reist Remy, die Ratte in Ratatouille, nur um zu erfahren, dass sein Onkel gestorben ist?“, kann ich beantworten, aber bereits als ich wissen sollte „Wie heisst ein Film, in dem ein fiktiver Ölkonzern eine Rolle spielt?“, bleibt mir nur noch das Raten und bei „Was für ein Tier spricht Götz Otto in ‚Ab durch die Hecke‘?“ muss ich passen.

Keine Chance. Meine ganze Schulbildung ist wertlos, mein Maturazeugnis ein nutzloser Fetzen Papier, die Zeitungs- und Zeitschriftenabos bloss herausgeschmissenes Geld, meine tiefschürfenden Diskussionen vertane Zeit. Hätte ich meine Zeit in fernsehen investiert, ich wäre unschlagbar in dem Spiel. So aber muss ich hoffen, dass hin und wieder auch eine Frage kommt  für vernachlässigte und fernsehlose Kinder, wie ich eines war. „Welches Tierbaby ist nicht auf allen Vieren unterwegs?“, zum Beispiel. Oder „Welche Stadt wird von dem 1086 Meter hohen Tafelberg überragt?“.

Lasst uns Eltern doch (nicht) in Ruhe!

Jetzt ist mir endlich klar, weshalb aus mir nichts Rechtes hat werden können. Als jüngstes von sieben Kindern sehr selten im Kontakt mit Kindern, die nicht meine Geschwister waren, keine Spielgruppen – erst recht keine Krippenerfahrung, fast ausschliesslich von meiner Mutter betreut, erst mit sechs in den Kindergarten und das auch nur ein Jahr lang. Das konnte ja nicht gut kommen. Eine „psychosoziale Versorgungslücke“ entsteht so offenbar, wie ich heute in einer Sonntagszeitung lese. Weil die Kinder hierzulande so viel später als in anderen Ländern dem Bildungssystem zugeführt werden und somit viel zu spät in Kontakt mit Fremdbetreuung, Erwachsenen ausserhalb ihrer Familie und anderen Kindern kommen. Dadurch entstünden Lücken „die während der ganzen Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden“ könnten. Aha, darum also meine unterdurchschnittlichen Mathe-Ergebnisse. Fragt sich bloss, wie ich dann trotzdem die Matura geschafft habe…

Nun gibt es zum Glück wohlmeinende Menschen in der Schweiz, die diesen Missstand zu beheben gedenken, indem man Dreijährige an mindestens vier Halbtagen pro Woche auf den Kindergarten vorbereiten will. Das soll zwar freiwillig sein, zielt aber klar auch auf Kinder ab, die mit Geschwistern aufwachsen. Die Kleinen würden eben lieber mit den Kindern aus der Kita zusammensein als mit der kleinen Schwester. Was gut sein mag, denn die Kinder in der Kita muss man ja auch nicht Tag und Nacht ertragen, die kleine Schwester hingegen…Na ja, was weiss ich schon, ich hatte ja keine, ich war sie… Also ab in die Kita mit den Dreijährigen, damit wir „das EU-Bildungsniveau einholen“, wie es weiter in dem Artikel heisst.

Diese Haltung nervt. Als ob ein Kind nicht auch auf dem Spielplatz, im Wohnquartier oder beim Muki-Turnen den Umgang mit anderen Kindern lernen könnte. Als ob wir Eltern uns mit unserem Nachwuchs abschotten und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegen würden. Als ob wir bei jedem Schritt unserer Kinder nur die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vor Augen hätten. Als ob Mütter und Väter, Grosseltern und Tanten nicht auch sehr viel Wertvolles an die Kinder weiterzugeben hätten.

Mich nervt aber nicht alleine diese Sicht, sondern auch die reflexartige Ablehnung des Vorschlags auf der anderen Seite des politischen Spektrums. „Ich bin der Meinung, dass man Kinder bis zum obligatorischen Schulbeginn Kinder sein lassen soll“, tönt es aus dem bürgerlichen Lager sogleich zurück, gerade so, als würden die Kleinen in der Kita den Satz des Pythagoras und das Periodensystem der chemischen Elemente pauken. Gerade so, als gäbe es keine Familien, in denen den Kindern das Kindsein verwehrt bleibt, weil die Mama sie mit ihren psychischen Problemen belastet und der Papa säuft. Gerade so, als gäbe es keine Einwandererfamilien, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, wodurch die Kinder tatsächlich den Anschluss verlieren, weil sie die Landessprache nicht beherrschen.

Ich wünschte mir, dass man endlich aufhörte, mit „entweder/oder“, „alle oder niemand“ zu argumentieren. Was für das eine Kind dringend nötig wäre, ist für das andere schlicht verschwendetes Geld, weil es das, was man ihm bieten will, in der eigenen Familie gratis bekommt. Wie habe ich sie doch satt, diese Politiker, die sich mit dem Thema eine ideologische Schlammschlacht liefern, um Wählerstimmen zu gewinnen. Wie sehr gehen mir jene Eltern auf die Nerven, die aufgrund ihrer eigenen – meist günstigen – familiären Situation darauf schliessen, dass es bei allen anderen doch auch reibungslos klappen sollte. Setzt euch doch endlich mal an einen Tisch und überlegt euch, wie man bestehende Problemen löst, ohne neue Zwänge für alle zu schaffen.

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