Wettlesen

Obschon ich immer noch lieber gedruckte Bücher vom Buchhändler lese, bin ich ganz froh um die Möglichkeit, mir ab und zu ganz spontan Lektüre aufs iPad laden zu können. Zum Beispiel, wenn ich einen netten Film gesehen habe, der auf einem Buch basiert, das ich noch schnell lesen möchte, ehe ich den Film wieder vergessen habe. Oder wenn mir unterwegs der Lesestoff ausgeht. Oder wenn es das Buch gar nicht in gedruckter Form gibt. Oder wenn „Meiner“ schon schlafen, ich aber noch lesen will. Grundsätzlich kann ich also damit leben, dass auch das Buch im digitalen Zeitalter angekommen ist. Auf das neueste Update aber hätte ich ganz gerne verzichtet. Da erscheint doch am unteren Seitenrand stets der Hinweis, wie viele Minuten es noch dauert, bis ich am Ende des Buches angelangt bin. Manchmal heisst es auch, in einer Minute würde ich das Kapitel zu Ende gelesen haben und im allerschlimmsten Fall steht da: „Lesegeschwindigkeit wird ermittelt“.

Himmel, lasst mich in Ruhe lesen! Müssen die jetzt wirklich auch noch einen der gemütlichsten Lebensbereiche zu einem Wettlauf gegen die Zeit machen?

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Was mir zu meinem Glück noch alles fehlt

Es gab eine Zeit, da war jedem klar, dass man erdverbundenen Menschen das Geld nicht so leicht aus dem Sack ziehen kann, weil sie bei jeder Anschaffung zuerst überlegen, was Mama Erde wohl dazu sagen würde. Inzwischen sieht das etwas anders aus. Ich weiss nicht, ob die erdverbundenen Menschen einen Weg gefunden haben, Mama Erde zum Schweigen zu bringen, wenn sie mal wieder den mahnenden Zeigefinger hebt, oder ob clevere Geschäftsleute entdeckt haben, wie man in einem Menschen, der eher dem Feinstofflichen zugetan ist, materielle Gelüste weckt. Auf alle Fälle gibt es inzwischen ein beeindruckendes Angebot an Produkten, die einen guten Menschen zu einem noch besseren machen sollen. Hier eine Auswahl aus einem Katalog, der mir neulich in die Finger geraten ist:

Da gibt es zum Beispiel das Waffeleisen „Blume des Lebens“, dank dessen Hilfe Waffeln nicht nur gut schmecken und sichtbare Spuren auf den Hüften hinterlassen, sondern zugleich mit ganz viel Lebensenergie aufgeladen werden. Wie das gehen soll? Nun, ganz einfach: Die Waffeln kommen nicht in der üblichen profanen Herzchenform aus dem Gerät, sondern in der Form der „Blume des Lebens“, dem Symbol, das „seit 5000 Jahren für Lebensenergie“ steht, wie es im Katalog heisst. Und das für gerade mal 90 Franken. Ja, diese Blume des Lebens muss es wirklich in sich haben. Es gibt sie nämlich auch auf Fussmatten, Matratzenbezügen und Hausschuhen, natürlich alles mit sattem Preisaufschlag, weil ein mit Lebensenergie aufgeladener Artikel eben viel mehr Wert ist. Wer jetzt denkt, ich würde dies nur wegen meiner christlichen Gesinnung schreiben, dem sei gesagt, dass ich es ebenso lächerlich finde, wenn man überteuerte Fussabtreter mit Kreuzsymbol verkauft.

Ganz toll ist auch der „Yoga-Frosch“. Ich hätte ja auf den ersten Blick gedacht, da wolle sich einer über Yoga lustig machen, denn das Ding sieht aus wie etwas, was ein Teenager im Zweifrankenshop kaufen würde, doch der Begleittext klärte mich darüber auf, dass der Yoga-Frosch Heiterkeit verbreitet und den Betrachter an die wichtigsten Übungen erinnert. Vielleicht müsste ich mit Yoga anfangen, damit ich die Botschaft des Frosches verstehen könnte. Und damit ich dazu bereit wäre, 26 Franken zu bezahlen, um ihn zu bekommen.

Die haben übrigens auch Fixleintücher in diesem Katalog. Die gleichen hässlichen Farben wie überall, das gleiche Material, die gleiche Verarbeitung, aber doppelt so teuer. Vermutlich, weil die Dinger einen Haufen Lebensenergie getankt haben, als sie im Lagerregal zwischen Waffeleisen und Yoga-Frosch lagen.

Wahrscheinlich sollte ich mir auch das Buch „Die Schnurr-Therapie – Wie Katzen heilen“ mit integrierter CD kaufen. Für nur gerade 30 Franken erfahre ich alles über die „von Katzen beim Schnurren ausgestrahlten Wellen“, die „einen positiven Einfluss auf den menschlichen Körper und Geist“ haben. So wenig Geld für einen „mächtigen Anti-Stress-Faktor“, einen „Verstärker der Abwehrkräfte“ und obendrein „eine wertvolle Unterstützung der Psychomotorik“. Und ich arme, unerleuchtete Närrin habe geglaubt, mein kleiner roter Kater hätte sein volles Potential bereits ausgeschöpft, wenn er sich mit Schnurren und Schmusen bei mir einschmeichelt, nachdem er unter unser Bett gekackt hat.

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Ein bisschen Werbung…

Weil sich die Läden inzwischen ganz ungeniert mit Weihnachtskram anfüllen, erlaube ich mir, auf meinen aktualisierten Buchshop aufmerksam zu machen. Man möchte es ja nicht wahrhaben, aber der 1. Advent rückt bedrohlich näher. Hier findet ihr „Füsse hoch!“, das Adventsbuch für Erwachsene, „Leone, Belladonna & ihre Kinder“, der zweite Band von „Leone & Belladonna“ und die beiden Hörbücher in Schweizerdeutsch. Bitte gebt bei einer Leone-Bestellung per Mail (Tamar.Venditti@gmx.ch) an, ob ihr Band eins oder Band zwei wünscht, denn im Webshop ist nur der zweite Band abgebildet. Natürlich schreibe ich auch gerne eine Widmung rein, wenn ihr das wünscht. 

Für meine Leser aus Deutschland: „Füsse hoch!“ bekommt ihr auch im SCM-Shop, bei Amazon können alle drei Bücher bestellt werden. 

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Farbwahl

Dass sich an einem kalten, regnerischen Novembertag die Menschen nach einem umdrehen, wenn man von Kopf bis Fuss in Rosa daherkommt, kann ich verstehen. Dass andere bunt Bekleidete einem für die Farbwahl Komplimente machen, freut mich, denn Gleichgesinnte zu treffen ist immer schön. Wenn aber Leute, die sich dem trüben Wetter entsprechend in Grau und Schwarz gehüllt haben, darüber schimpfen, dass wir verklemmten Schweizer nicht farbenfroher daherkommen, dann frage ich mich, wann die zum letzten Mal in den Spiegel geschaut haben.

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Was weiss ich denn schon?

Bis anhin hatte ich mich für mehr oder weniger allgemeinwissend gehalten. Klar, auch ich habe die eine oder andere Bildungslücke, im naturwissenschaftlichen Bereich sogar eine ziemlich grosse, aber zum Trivial Pursuit spielen sollte es reichen. Dachte ich, solange ich diese App noch nicht hatte. Seither zweifle ich doch ziemlich stark an meinem Verstand. Ausgerechnet im Bereich Geschichte, in dem ich mich doch für ziemlich bewandert gehalten hatte, versage ich kläglich. 

„Welchen berühmten Gangster spielte Robert De Niro in ‚Die Unbestechlichen‘?“, lautet zum Beispiel eine der Fragen und das einzige, was mir dabei in den Sinn kommt, ist die Gegenfrage, was das denn bitte schön mit Geschichte zu tun haben soll. Aber es kommt noch besser: „Wann hatte Bill Gates seinen letzten offiziellen Arbeitstag bei Microsoft?“ Was weiss ich denn? Irgendwann, als er genug Kohle gescheffelt hatte, aber ist dieser Tag wirklich wichtig genug, um in Weltgeschichte einzugehen? Weiter zur nächsten Frage: „Wann erschien der erste Alien-Film?“ Himmel, was soll der Mist? Befassen wir uns hier mit Geschichte oder mit Hollywood? Da, als ich die Hoffnung schon fast aufgeben will, doch noch eine Frage nach einer historischen Persönlichkeit: „Welchem Volk ist Kaiser Cäsar zuzuordnen?“ Eine banale Frage, aber sogar über diese stolpere ich. Kaiser Cäsar? So einen gab es doch gar nicht, die Kaiser kamen doch erst nach ihm. Also kann die Antwort „Den Römern“ unmöglich richtig sein. 

Nein, so kann das nicht gehen. Da wende ich mich lieber einem anderen Wissensgebiet zu, zum Beispiel der Erdkunde: „Wohin ging die Hochzeitsreise von Rhett und Scarlett in ‚Vom Winde verweht‘?“ „In welchem Land drehte Monty Python das Leben des Brian?“ „In welchem Land wird Bond in der Eröffnungsszene von ‚Ein Quantum Trost‘ in eine Autoverfolgungsjagd verwickelt?“ – Ich sehe schon, auch von Erdkunde habe ich keine Ahnung, denn bei jeder dieser Fragen kann ich nur raten. Na, dann versuche ich es eben mit „Wissenschaft & Technik“. Vielleicht kann ich ja dort ein paar Punkte gut machen. Doch schon wieder lässt mich mein Allgemeinwissen im Stich. Okay, die Frage „In welche Stadt reist Remy, die Ratte in Ratatouille, nur um zu erfahren, dass sein Onkel gestorben ist?“, kann ich beantworten, aber bereits als ich wissen sollte „Wie heisst ein Film, in dem ein fiktiver Ölkonzern eine Rolle spielt?“, bleibt mir nur noch das Raten und bei „Was für ein Tier spricht Götz Otto in ‚Ab durch die Hecke‘?“ muss ich passen.

Keine Chance. Meine ganze Schulbildung ist wertlos, mein Maturazeugnis ein nutzloser Fetzen Papier, die Zeitungs- und Zeitschriftenabos bloss herausgeschmissenes Geld, meine tiefschürfenden Diskussionen vertane Zeit. Hätte ich meine Zeit in fernsehen investiert, ich wäre unschlagbar in dem Spiel. So aber muss ich hoffen, dass hin und wieder auch eine Frage kommt  für vernachlässigte und fernsehlose Kinder, wie ich eines war. „Welches Tierbaby ist nicht auf allen Vieren unterwegs?“, zum Beispiel. Oder „Welche Stadt wird von dem 1086 Meter hohen Tafelberg überragt?“.