Die Grenze des guten Geschmacks

Ich halte mich für eine ziemlich tolerante Mutter. Will der FeuerwehrRitterRömerPirat Fussball spielen, dann soll er dem Fussballclub beitreten, obschon ich selber nicht allzu viel für Fussball übrig habe. Ihm zuliebe werde ich irgendwo in mir drinnen einen Funken Fussballbegeisterung aufspüren, damit mein Stolz über ein von ihm geschossenes Tor ebenso gross sein wird wie meine Begeisterung über einen gelungenen Geigenauftritt von Karlsson.

Will Luise Reitstunden nehmen, dann erkundige ich mich eben danach, wie viel Reitstunden kosten und falls wir ein bezahlbares Angebot finden, werde ich mich in ihre Welt eindenken, auch wenn mir der ganze „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“-Kram ziemlich suspekt ist. Vielleicht würde ich mich ihr zuliebe sogar selber mal aufs Pferd schwingen, einfach so, um herauszufinden, ob das wirklich so toll ist, wie alle sagen. Nun ja, vielleicht würde ich auch nicht, ich könnte ja runterfallen…

Begeistert sich der Zoowärter für Dinosaurier, dann bekommt er eben Dino-Bücher geschenkt, auch wenn ich ihm viel lieber das entzückende Buch mit den herzigen Jungtieren gekauft hätte. Ihm zuliebe versuche ich nachzuempfinden, was an Stegosaurus & Co. so unglaublich faszinierend sein soll. Okay, ich habe es noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite dran.

Heissen des Prinzchens Helden Bob der Baumeister und Feuerwehrmann Sam, dann erzähle ich ihm eben Geschichten von Bauarbeitern und Feuerwehrmännern. Ja, ich erfinde für ihn sogar Schlaflieder, die von seinen Helden handeln, obschon ich im Erfinden von Liedern eine Niete bin und obschon ich auch bei Sohn Nummer vier keine allzu grosse Begeisterung für Feuerwehrmänner und Bauarbeiter verspüre. Hauptsache, mein Kind ist glücklich.

Was für diese vier Kinder gilt, gilt natürlich auch für Karlsson. Was immer ihn auch begeistert – Opern, antike Möbel, elegante Kleidung – ich unterstütze ihn nach Kräften in seinen Leidenschaften. Bis jetzt bin ich damit ganz gut gefahren, neuerdings aber strapaziert unser Ältester in bester Teenagermanier die Grenzen meiner Toleranz. Schallt aus seinem Zimmer Edith Piaf, dann bleibt auch mir nichts anderes als verständnisloses Kopfschütteln und die bange Frage „Kind, bist du auch ganz sicher, dass es dir gut geht?“

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Tu das nicht wieder!

Ja, Luise, du kannst ganz toll klettern. Du bist auch unglaublich mutig, viel mutiger, als die meisten von uns. Hindernisse siehst du als Herausforderung und du bist auch durchaus dazu bereit, Unannehmlichkeiten auf dich zu nehmen, wenn du etwas erreichen willst. Tolle Eigenschaften, mein Kind. Aber musst du sie ausgerechnet unter Beweis stellen, indem du an der Dachrinne zu unserem Balkon im zweiten Stock hochkletterst, weil wir uns mal wieder ausgeschlossen haben?

Klar, du wolltest nur, dass wir alle endlich aufs WC und ins Bett gehen können, aber konntest du dir nicht denken, dass mir das Herz fast stillstehen würde, wenn ich dich da oben klettern sehe? Ich darf mir ja gar nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn du den Halt verloren hättest. Und das mit den Kletterstunden kannst du dir für die nächsten Jahre abschminken. Ich glaube, da warten wir lieber, bis deine Vernunft gleich gross ist wie dein Können.

Noch etwas anderes beunruhigt mich an dieser ganzen Geschichte: Bis heute Abend hatte ich mich in der illusorischen Sicherheit gewiegt, dass wir dereinst, wenn du grösser und für Jungs interessanter bist, vor nächtlichen Besuchern, die durchs Fenster klettern, verschont bleiben würden. Noch etwas, worüber ich mir Sorgen machen kann…

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Fussballgespräch

Karlsson: „Ihr könnt das Spiel ohne mich schauen. Ich spiele nebenan ein Computerspiel.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum tragen die Portugiesen heute weiss?“
Luise: „Weil sie doof sind. Die Tschechen müssen siegen.“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Weiss geht gar nicht. Ich schicke denen mal einen Schneider vorbei, damit die anständige Kleider bekommen. Keinen Stil haben sie, diese Fussballer…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Los, Ronaldo, schiess ein Tor!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo. Mama, findest du Ronaldo cool?“
Mama: „Nein, nicht mein Typ, zu schleimig.“
Luise: „Finde ich auch.“
Mama: „Habt ihr dieses fiese Foul gesehen? Können die denn nicht anständig sein miteinander?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Tscheche hat den Portugiesen gefoult.“
Luise: „Nein, der Portugiese den Tschechen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Sooooo fies! Hast du das gesehen, Mama?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Mama: „Die Portugiesen haben ins Tor getroffen, aber es zählt nicht. Frag mich bloss nicht, weshalb…“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Fussball ist doof.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Fussball ist toll. Mama, schau!“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen, aber die Tschechen sind besser. Mama, bist du für die Portugiesen oder für die Tschechen?“
Mama: „Ich weiss nicht so recht. Wohl eher für die Portugiesen, damit der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht traurig ist.“
Luise: „Nein, weil dir Ronaldo gefällt.“
Mama: „Ich bitte dich, der könnte ja mein Sohn sein.“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Ja, wenn du mit elf das erste Kind bekommen hättest. Was haben sie gemacht?“
Mama: „Hör mal, Karlsson, wenn du wissen willst, was sie machen, dann setz dich zu uns. Wir wollen dir nicht immer alles erklären.“
Karlsson: „Nein, Fussball ist doof. Warum schreist du, Luise? Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hopp, Portugal! Mama, warum trägt der Tschechen-Goalie einen Helm?“
Mama: „Reich mir mal das iPad, ich schaue bei Wikipedia nach. Hmm, lass mich mal sehen. Der Kerl hat Jahrgang 82. Das sind ja alles noch Kinder. 1982 war ich in der zweiten Klasse…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber warum trägt der Goalie einen Helm?“
Mama: „Ach so, ja. Der hatte mal einen … Habt ihr das gesehen? So unfair!“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Was haben sie gemacht?“
Mama, Luise und FeuerwehrRitterRömerPirat: „Wenn du wissen willst, was sie machen, dann komm zu uns…“
Karlsson: „Fussball ist doof. Wo kann ich mich hinsetzen?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Haben wir Popcorn?“
Mama: „Nein, haben wir nicht. Iss einen Pfirsich.“
Karlsson: „Vor vierzig Jahren hätte man sich dieses Spiel in schwarz-weiss angesehen….“
Mama: „Ja, daran kann ich mich noch erinnern, damals, als meine Eltern während der WM jeweils einen Fernseher mieteten…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Tor! Portugal wird gewinnen!“
Mama: „Super!“
Luise: „Mama, bist du wirklich für Portugal?“
Mama: „Nein, aber die haben sich doch Mühe gegeben.“
Luise: „Wäre es möglich, dass die Tschechen jetzt noch fünf Tore schiessen? Oder werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
FeuerwehrRitterRömerPirat:“Die Tschechen schiessen bestimmt kein Tor mehr. Die Portugiesen sind besser und Ronaldo ist der Beste!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo… Aber sag jetzt, Mama, werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
Mama: „Luise, das hier ist nicht die WM, das ist die EM. Bei der EM gibt es keinen Weltmeister.“
Karlsson: „Alles vollkommen stillos. Mama, darf ich nach dem Spiel noch Geige üben?“
Mama: „Ganz bestimmt nicht mehr. Es reicht schon, dass ihr so lange aufbleiben durftet. Nach dem Abpfiff verschwindet ihr augenblicklich in euren Zimmern.“
Karlsson: „Nie darf ich Geige üben. Fussball schauen, das geht, aber Geige üben…“
Mama: „Na hör mal, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist der Einzige in der Familie, der sich für Sport begeistert. Er darf doch auch mal seinen Spass haben.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hä, schon fertig? Haben die Portugiesen jetzt gewonnen?“
Mama: „Ja haben sie.“
Luise: „Nein, haben sie nicht. Diese doofen Portugiesen.“
Karlsson: „Fussball ist doof. Nein, Mama, noch nicht ausschalten, ich will schauen, ob sie am Ende wirklich ihre hässlichen T-Shirts tauschen.“

Erst die Arbeit…

„Pfeifen wir doch auf die blöde Redewendung“, sagten wir uns, trommelten die Kinder zusammen und fuhren ins Schwimmbad. Jawohl, einfach so, bevor die Zimmer aufgeräumt, die Johannisbeeren gepflückt und die Fussböden gesaugt waren. Wobei hinter diesem Entscheid nicht etwa Faulheit steckte sondern knallhartes Kalkül: Kein anständiger Mensch geht am Samstagvormittag ins Schwimmbad, wenn die Haus- und Gartenarbeit nicht erledigt ist, folglich müssen wir die Unanständigen sein, die dann gehen, wenn kein anderer geht.

Gehen wir nämlich dann, wenn alle anderen gehen, drehen wir durch. Es ist auch ohne Menschenauflauf schwierig genug, den Überblick über fünf Kinder, drei Schwimmbecken und einen Spielplatz zu behalten. Luise will vom Dreimeter-Sprungbrett springen, kann aber den Mut dazu nicht aufbringen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar den Mut, nicht aber die ausreichende Erfahrung, so dass er das Abenteuer ohne elterliche Aufsicht wagen dürfte. Der Zoowärter will schwimmen lernen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, das Prinzchen will baden, ohne nass zu werden, Karlsson will nicht in die Überwachung seiner kleineren Geschwister einbezogen werden. Und jeder der fünf fordert die ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit, denn wo, wenn nicht im Schwimmbad, kann man zeigen, dass man auf der Wasserrutschbahn in voller Fahrt von der Rücken- auf die Bauchlage drehen und damit den Spassfaktor erheblich erhöhen kann?

Ist doch klar, dass man als Eltern froh ist, wenn möglichst wenige andere Kinder da sind, die einem den Blick auf die eigenen Sprösslinge verwehren, oder die gar unsere Aufmerksamkeit fordern, weil ihre eigene Mama gerade mit einer Freundin ins Gespräch vertieft ist. Darum also unser Entscheid, heute das Vergnügen vor der Arbeit stattfinden zu lassen. Wobei wir natürlich noch einen weiteren Grund hatten: Naiv, wie wir nun mal sind, hofften wir darauf, dass die Kinder uns aus lauter Dankbarkeit für unsere Grosszügigkeit am Nachmittag mit Begeisterung bei der Haus- und Gartenarbeit unterstützen würden.

Tja, so kann man sich irren…

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Harte Zeiten

Mamas erste ungenügende Note: Ende fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Tränen, eine erste Ahnung, dass eine Schullaufbahn auch ihre Tiefpunkte haben könnte. Reaktidereinst Mamas Mama: Keine Ahnung. War wohl nicht allzu beunruhigt, da sie beim siebten Kind schon an allerhand gewöhnt war.

Karlssons erste ungenügende Note: Anfang fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Frust, Ausblenden der Tatsache, dass der Lehrer am gleichen Tag eine seiner Prüfungen mit der Bestnote bewertet hatte. Reaktion der Mutter: „Kopf hoch, sowas kann vorkommen. Der Papa übt dann heute Abend noch mit dir. Und Schau mal, wie gut du in Deutsch abgeschnitten hast.“

Luises erste ungenügende Note: Dritte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: „Ich bin dumm!“ Reaktion der Mama: „Du bist ganz bestimmt nicht dumm. Lass uns herausfinden, wo das Problem lag und dann läuft’s beim nächsten Mal besser.“

Erste ungenügende Note des FeuerwehrRitterRömerPiraten: Erste Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Niedergeschlagenheit. Reaktion der Mama: Rasende Wut, weil die Kinder gerade mal zehn Minuten Zeit hatten für mehr als hundert Rechnungen. Obendrein eine grosse Traurigkeit, weil es auch für Erstklässler keine Schonzeit mehr gibt.

Zoowärters erste ungenügende Note: Gott sei Dank machen die im Kindergarten – noch? – keine Noten!

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Begutachtet

Im Kindergarten hiess es, sie würde vielleicht Mühe haben in der Schule, weil sie die Quadrate nicht immer exakt auf die Linie setzte.

In der ersten Klasse hiess es, sie halte den Stift zu verkrampft in der Hand, das müsse sich bessern.

In der zweiten Klasse hiess es, ihre Schrift sei nicht schön genug, eine Therapie würde dem Abhilfe verschaffen.

In der Therapie hiess es, man müsse sie abklären lassen, vielleicht habe sie, was man allen Kindern unterstellt, die am vierten Schultag noch immer nicht in die Schublade passen wollen.

In der Abklärung haben sie gesagt, dass  alles okay sei, ihre Fähigkeiten seien einfach etwas ungleich verteilt, sie würde mehr über das Gehör aufnehmen und weniger über die Augen. Man hätte auch sagen können: Sie kommt eben nach ihrer Mama, aber mit dieser Einsicht lässt sich kein Gutachten füllen.

Dinge, auf die ich nach zu wenig Schlaf verzichten kann

  • Eine Anruferin, die zur Mittagszeit „Meinen“ ans Telefon verlangt, mir partout nicht sagen will, was sie um diese Zeit von ihm will und ich kann sie nicht anraunzen, weil die Gefahr besteht, dass sie die Mutter eines Schülers ist. Sie war von der Deutschen Klassenlotterie…
  • „Meiner“, der mir alles Kleingeld aus dem Portemonnaie raubt, ohne mir etwas davon zu sagen, was dazu führt, dass ich an der Bushaltestelle erkennen muss, dass ich mir kein Billett lösen kann, worauf ich mit schlechtem Gewissen mit dem Auto in die Stadt fahren muss. Nein, ich hätte keinen späteren Bus nehmen können, denn ich war zum Kaffeeklatsch verabredet und wichtige Angelegenheiten lassen sich nicht aufschieben.
  • Die Marschmusik, die abends um halb neun, wenn Prinzchen und Zoowärter schon fast eingeschlafen sind, durchs Quartier zieht. Ja, ich weiss, die müssen üben und wir haben bald auch einen Trompeter in der Familie, der vielleicht eines Tages mitmarschieren will, aber geht das nicht zu einer anderen Zeit? Am Ende bin ich wieder die böse Mama, die herumbrüllt, weil die Kleinen auf dem Balkon herumhüpfen, anstatt zu schlafen.
  • Wenn mir Luise abends um halb zehn verkündet, dass sie vergessen hat, die Nomen auf dem Arbeitsblatt zu markieren und nun verlangt, dass ich ihr bei der Aufgabe helfe, weil sie zu müde zum Nachdenken ist.
  • Abendnachrichten, die so deprimierend sind, dass man gar nicht hinsehen mag.
  • Ein Nahezu-Familienkrach, weil das Prinzchen eine einsame Erdbeere unter dem Sofa gefunden und nicht geteilt hat.
  • Zoff unter vier Brüdern, weil jeder für sich in Anspruch nimmt, der echte Karlsson vom Dach zu sein. Warum bin ich bloss auf die hirnverbrannte Idee gekommen, das Buch unseren drei Jüngsten zu erzählen?

Okay, ich wäre auch mit mehr Schlaf das eine oder andere Mal laut geworden, aber so…

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Bester Freund

Luise liebt das Theater und so werden Freundinnen, die zu Besuch kommen, meist zu, Theaterspielen verdonnert. Weil aber mit einer oder zwei Freundinnen kein grosses Ensemble zusammenkommt, ist Luise stets auf der Suche nach Statistinnen. Diese sind in unserer Familie aus bekannten Gründen rar, weshalb ab und zu ein kleiner Bruder als Mädchen hinhalten muss. Gestern war das Prinzchen dran. Mit blau lackierten Nägeln, geschminkten Lippen und einem hellgrünen Feenkostüm verwandelte sich unser Jüngster in die kleine Sophia, die nicht so recht wusste, was um sie herum gespielt wurde. Nachdem das Stück zu Ende war, war es bald einmal Zeit zum Schlafen und so blieben die Fingernägel eben blau. Macht ja nichts, in diesem Alter wird man noch nicht ausgelacht, wenn man nicht ganz dem Klischee entspricht, dachten wir.

Nun hat aber das Prinzchen seit einiger Zeit hat er einen richtig guten Freund. Einer, der mit ihm Bauarbeiter spielt. Einer, der sogar einen echten Bauarbeiter zum Papa hat. Einer, mit dem er all das spielen kann, was seine grossen Geschwister schon längst als Kleinkinderkram abtun. Diesen Freund traf er heute im Kindergottesdienst. Freudestrahlend rannten die zwei Jungs einander entgegen, doch plötzlich schlug das Prinzchen peinlich berührt seine Hände mit den blau lackierten Nägeln vors Gesicht. „Nicht auslachen!“, flehte er seinen Freund an „Luise hat mich angemalt.“

Der andere Junge erwies sich als echter Freund, er lachte das Prinzchen nicht aus, sondern schaute ihn nur etwas ratlos an. Da er keine grosse, sondern eine kleine Schwester hat, sind ihm Nagellack & Co. noch fremd und so hiess er das Prinzchen auch mit blauen Nägeln auf der Baustelle willkommen.

Ich fürchte, Luise wird dennoch neue Statistinnen suchen müssen. Ein zweites Mal wird sich das Prinzchen wohl kaum mit lackierten Nägeln in der Öffentlichkeit zeigen.

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Nein danke, kein Hahn

Er hätte uns ja gerne einen Wachtelhahn verkauft, aber ich sagte nein. Wir seien blutige Anfänger, erklärte ich, wären vollkommen überfordert, wenn plötzlich kleine Wachteln schlüpfen würden. Es half auch nichts, dass er Luise und mir die herzigen Küken zeigte, die erst vor zwei Wochen geschlüpft waren. Oh ja, sie waren hinreissend, aber eben, die mangelnde Erfahrung. Es blieb bei fünf Hennen, kein Hahn, nein danke. Fünf Hennen, damit die zwei, die der Marder hatte leben lassen, nicht zu einsam werden.

Zu Hause im sichern Stall – mit frisch bepflanzten Blumenkästen, Holzzaun & Co. auf mardersicher umgerüstet – die freudige Begrüssung. Neuankömmlinge und Alteingesessene gefielen sich auf Anhieb. Sehr sogar. Nach einer knappen Minute der erste Paarungsversuch, einige Momente später der zweite. Nein, wir brauchen keinen Hahn, wir haben schon einen.

Zumindest wissen wir jetzt endlich, weshalb Wachtel Elisha noch kein einziges Ei gelegt hat.

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Drei Bläschen

Momentan stecke ich in einer intensiven „Zurück zur Natur, zum alten Küchenwissen und zur Langsamkeit“-Phase. Hin und wieder kommt das einfach über mich und dann kann ich Stunden damit zubringen, geistesabwesend in einem Kochtopf zu rühren oder ein altes Brotrezept auszugraben, bei dem der Teig über Stunden und Tage hinweg immer wieder gehätschelt werden will. Ich liebe diese zeitaufwendige und doch sehr entspannende Geschäftigkeit wohl vor allem deshalb, weil sie den perfekten Ausgleich zu meinem viel zu hektischen Alltag bietet.

Zudem bieten sich dadurch unzählige Möglichkeiten, den Kindern Wissen weiterzugeben. Welche Pflanzen sind essbar und wovon muss man die Finger lassen? Wie entsteht aus ganz banalen Zutaten ein köstlicher Caramel-Brotaufstrich? Was geschieht, wenn Zucker und Hefe zusammenkommen? Meistens sind die Kinder mit grosser Begeisterung dabei, sie riechen, probieren, fragen nach und experimentieren selber. Neulich aber habe ich es wohl ein wenig übertrieben mit meiner Begeisterung. Ich setzte mich gerade intensiv mit der Blasenbildung beim Backferment auseinander und starrte immer wieder minutenlang ins Glas um zu überprüfen, ob sich eine Veränderung erkennen liesse.

Endlich, nach vielen Stunden zeigten sich die ersten drei Bläschen. „Kinder, kommt mal her“, rief ich begeistert. „Schaut euch mal diese Bläschen an.“ Die Jüngsten drei hörten gar nicht erst hin, aber immerhin folgten Karlsson und Luise meinem Ruf. Sie hatten wohl gerade nichts Besseres zu tun und so kamen sie in die Küche geschlurft, um mit ihrer Mama ins Glas zu starren. Viel wussten sie zu meinen Bläschen nicht zu sagen, aber in ihrem Blick las ich, dass sie mich für vollkommen durchgeknallt hielten. Mein Verdacht wurde heute Nachmittag bestätigt, als sie von jemandem sprachen, den sie für ziemlich irr halten: „Weisst du, Karlsson, das ist wie bei der Mama mit ihren Bläschen…“, sagte Luise und die zwei warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

Mist, ich glaube, meinen Status als allerbeste, unfehlbare, bewundernswerte und allwissende Mama habe ich eingebüsst. Früher oder später musste es wohl so kommen…

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