2 x Balsam

Schon wieder Elternabend. Schon wieder die gleichen Ausführungen zum Laufbahnreglement, dem unsere Kinder seit diesem Schuljahr unterworfen sind. Schon wieder die Aussage, dass man sich die Kinder alle in der gelben Spalte wünscht. Schon wieder will bei mir der Frust hochkommen. Wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Schüler wegen Burnout behandelt werden müssen? Düstere Aussichten für unsere Kinder, besonders für Luise, die kein Kopf- sondern ein Herzensmensch ist. Doch dann ein Silberstreifen am Horizont. Einige kritische Fragen aus der Elternschaft, worauf die Klassenlehrerin durchblicken lässt, dass sie ebenso mit den neuen Regeln kämpft, dass sie lieber mit unseren Kindern arbeiten und lernen möchte, anstatt auf einem Formular mit unzähligen Kreuzchen das Verhalten der Schüler zu bewerten. Ein kleiner Hinweis, dass auch sie nicht begeistert ist, dass der Unterricht mittwochs bereits um zwanzig nach sieben beginnt, dass auch sie findet, es sei eine geballte Ladung, welche die Drittklässler zu bewältigen hätten. Natürlich, die Lehrerin wird ebenso mit den Neuerungen leben müssen wie wir, aber immerhin kann ich auf ein gewisses Verständnis hoffen, wenn für Luise alles einfach zu viel wird. Und das ist schon viel in einem Schulsystem, das immer mehr darauf ausgerichtet ist, die Schüler schon möglichst früh fit für die Wirtschaft zu trimmen. 

Und noch einmal Balsam an diesem Elternabend, dem vierten und zweitletzten dieser Saison. Ein kleines Gedicht, ein sogenanntes Elfchen, das die Kinder für uns Eltern verfasst haben. Luises Elfchen – das übrigens nur zehn Worte enthält – über uns:

liebevoll
die Eltern
sie lieben mich
ich liebe sie
schön 

Was mich daran besonders berührt: Luise hätte irgend etwas über uns schreiben dürfen, zum Beispiel, dass wir gerne lesen, oder dass es stets reichlich zu Essen gibt, oder dass wir samstags so gerne alle zusammen im Bett kuscheln. Das alles wäre natürlich auch nett gewesen. Aber sie hat sich nicht ablenken lassen durch die schönen Dinge wie zum Beispiel die Katzen, die wir vor allem ihr zuliebe angeschafft haben, oder durch die kleinen Überraschungen, die wir hin und wieder machen. Sie hat sich den Blick aber auch nicht durch das Negative verstellen lassen, nicht durch die Streitereien, nicht durch die Versprechen, deren Erfüllung manchmal so lange auf sich warten lässt. Nein, sie hat ihren Blick geradeaus auf das gerichtet,  worauf es wirklich ankommt: Wir lieben sie, sie liebt uns. Schön.

Dann eben Pizza

Da nimmst du für einmal richtig weit Anlauf, um über deinen Schatten zu springen, brüskierst dabei ziemlich viele Leute und wo landest du am Ende? Mit „Deinem“, einer Pizza und einer Cola light auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten. Und das kam so:

Irgendwann, vermutlich vor etwa einem halben Jahr, legten wir das Datum für die Generalversammlung des einzigen Vereins, in dem ich nicht nur Mitglied, sondern auch Vorstandsmitglied bin, auf den heutigen Abend fest. Wohl etwa zur gleichen Zeit legten nette Menschen aus der Kirche, in der ich Mitglied bin, das Datum für den einzigen Paar-Abend, bei dem ich jeweils unbedingt dabei sein will, ebenfalls auf den heutigen Abend fest. Dieser Abend sieht jeweils so aus: Nette Leute, gutes Essen, ein herausforderndes Referat zu einem sehr alltagsnahen Beziehungsthema und ein Schuss Romantik. Würde man aus dem hohlen Bach heraus entscheiden, wäre eigentlich klar, wo man den Abend verbringen möchte, aber für einen pflichtbewussten Menschen wie ich einer bin, zählt gewöhnlich nicht das Wollen, sondern das Müssen und darum war ich ziemlich sicher, dass wir den Paar-Abend sausen lassen würden.

Nun ist es aber so, dass „Meiner“ und ich in den vergangenen drei oder vier Wochen eine sehr anstrengende und aufreibende Phase durchgestanden haben, während der wir uns fast täglich in die Haare geraten sind.  Nicht gerade unsere Vorstellung von einer glücklichen Ehe und da sich der Streit meist am Alltagsstress entzündete, schien uns das Thema „Bis dass das Leben euch scheidet“ geradezu perfekt zu passen. Und so dämmerte sogar mir, dass für einmal nicht das Müssen, sondern das Wollen Pflicht war. Also sprang ich schliesslich mit sehr grossem schlechten Gewissen über meinen Schatten und gab den anderen Vorstandsmitgliedern bekannt, dass ich für einmal dem Privatleben den Vorrang geben würde, auch wenn ich den Termin für die GV zuerst in die Agenda eingetragen hatte. 

Wie es der Zufall wollte, schlafen Karlsson und Luise heute auswärts, so dass nur noch drei Kinder während unserer Abwesenheit überwacht werden mussten. Kein Problem, dachten wir, die sind freitags ja immer so müde, dass wir die einfach ins Bett stecken können und meine Mutter, die eine Etage tiefer wohnt, muss nur hin und wieder die Ohren spitzen, um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Ha, von wegen kein Problem! Der Paar-Abend hatte schon längst angefangen und wir sangen noch immer Schlafliedchen, wechselten Windeln und mahnten zur Ruhe.  „Na gut, dann kommen wir eben eine halbe Stunde zu spät“, meinte „Meiner“ und so lag ich eben noch ein wenig länger neben dem Prinzchen und redete ihm gut zu. Irgendwann wurde uns klar, dass aus dem Paar-Abend nichts werden würde. „Dann gehe ich halt zur GV“, sagte ich trotzig, aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mein Erscheinen auch dort nur noch peinlich gewesen wäre, weil der Vorstand wohl bereits beim letzten Traktandum angelangt war.

Da sassen wir also, „Meiner“ und ich; er ziemlich frustriert, weil aus dem Paar-Abend nichts geworden war, ich ebenso enttäuscht und dazu noch mit sehr schlechtem Gewissen, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen war und beide sehr hungrig. Und so kam es eben, dass wir den kleinen Rest des Abends, der uns noch blieb, nachdem unsere drei Jüngsten endlich ruhig geworden waren, Pizza essend auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten verbrachten.

Immerhin war die Pizza köstlich…

 

Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.

Sinnkrise abgewendet

Unser Planungswerk schreitet munter voran. Legten wir vergangenen Sonntag bloss fest, was wann getan werden muss und wer zu welchem Zeitpunkt überhaupt nichts tun muss/darf, so sind wir heute einen Schritt weiter gegangen: Wir haben zumindest auf dem Papier die ärgsten Stressfallen eliminiert. Jetzt wissen wir also nicht bloss, an welchen Tagen die Kinder bei der Wäsche helfen müssen und wann und bei welchen Lehrerinnen der erste Elternabend der diesjährigen Saison stattfindet, wir haben jetzt auch festgelegt, an welchen Tagen „Meiner“ das Prinzchen in die Krippe bringt und an welchen Abenden das Mittagessen vorgekocht werden muss. Damit ich morgens nicht mehr wie eine Furie mit Kindergarten- und Kleinkind durchs Dorf hetzen muss und sich mittags nicht mehr sieben hungrige und genervte Vendittis gegenseitig die wohlverdiente Pause verderben. Wenn das so weitergeht mit uns – und wenn wir es hinkriegen, die Pläne vom Papier in den Alltag zu übertragen – dann werden wir am Ende noch eine ganz gewöhnliche Grossfamilie, die ohne viel Drama ihren Alltag meistert. 

Eigentlich bin ich ja ganz froh, wenn wir das Chaos zumindest ansatzweise in den Griff kriegen. Und doch kam heute Abend, als ich den Dampfnudelteig für morgen Mittag knetete, eine leise Angst in mir hoch. „Entwickelst du dich jetzt allmählich zu einer jener Hausfrauen, die einmal im Monat drei oder vier Gerichte in riesigen Mengen vorkochen und dann einfrieren, damit sie nicht mehr zu oft in der Küche stehen müssen?“, fragte ich mein müdes Selbst, das sich eigentlich viel lieber mit der Zeitung aufs Sofa verzogen hätte. „Kommt es tatsächlich noch so weit, dass du, die du so gerne kochst und noch lieber isst, deine Familie und dich selber mit dem immer gleichen Futter abspeist, nur damit dein Alltag etwas beschaulicher wird?“ Ich war auf dem besten Weg, mich in eine uferlose Sinnkrise zu stürzen, die wohl darin geendet hätte, dass ich den wahnwitzigen Entschluss gefasst hätte, wieder Vollzeithausfrau zu werden. Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass hausgemachte Dampfnudeln wohl kaum in die Kategorie der „im Handumdrehen zubereitet“-Rezepte gehören und dass ich somit weiterhin von mir behaupten darf, zwar eine miserable Hausfrau, dafür aber immerhin eine leidenschaftliche Köchin zu sein. 

(Frei)zeitmanagement

Meine erste Reaktion war ziemlich ablehnend, als „Meiner“ neulich vorschlug, dass wir jeweils am Sonntag die wichtigsten Aufgaben und Termine der Woche planen. Das Wichtigste, damit meinte er nicht alleine die unzähligen Elterngespräche, die er jeweils ausserhalb der Schulzeit führt oder die zahlreichen Termine, die ich ausserhalb der regulären Arbeitszeiten einplane, nein, er wollte auch Zeiten festlegen, wann wir mit den Kindern Wäsche falten und versorgen, wann wir uns mit unserem Kontostand und den zu bezahlenden Rechnungen befassen und – für mich am schwierigsten zu akzeptieren – wann jeder von uns ein paar Stunden ganz für sich alleine hat. „Warum um Himmels Willen willst du denn jetzt auch noch unseren Alltag durchplanen? Sind wir denn nicht bereits genug eingespannt mit Stundenplänen, ausserschulischen Aktivitäten der Kinder, Arztbesuchen und all dem elenden Kram?“, protestierte ich. Aber klar seien wir das, entgegnete „Meiner“ und genau darum wolle er unseren Alltag besser strukturieren denn „wenn wir immer und überall spontan sind, dann reagieren wir am Ende nur noch auf das, was an uns herangetragen wird und dann sind wir gefangen in unserer Spontaneität.“

Ich weiss nicht, ob mich der Inhalt seiner Aussage überzeugt hat, oder ob ich einfach nur baff war, dass der Mann, der allem theoretischen Geschwätz abgeneigt ist, mir auf einmal einen Sachverhalt so sec und unumstösslich darlegte, dass mir keine Gegenargumente einfielen. Gewöhnlich bin ich diejenige, die ihn mit knapp gehaltenen, aus meiner Sicht absolut logischen Argumenten derart nerve, dass er sich beeilt, mir Recht zu geben, bevor ich ihn mit einer einschläfernden Predigt über die Richtigkeit meiner Überlegungen langweile. Diesmal waren die Rollen vertauscht und mir blieb nichts anderes übrig, als bei dem Spiel mitzumachen, obschon mir nicht so ganz wohl war dabei. Wie bereits angetönt, hatte ich meine grössten Bedenken bei der Freizeit, die wir ab sofort fest einplanen sollten.

Warum ausgerechnet bei der Freizeit? Müsste denn eine fünffache Mama, die obendrein noch Teilzeit arbeitet, beim Gedanken an fest eingeplante Freizeit nicht glänzende Augen kriegen? Nun, das war einmal so, vor langer Zeit, als ich mir noch Illusionen machte. „Morgen Nachmittag nehme ich mir zwei Stunden frei und dann lege ich mich mit einem dicken Schmöker in die Badewanne, komme was wolle“, nahm ich mir jeweils vor. Natürlich kam tatsächlich, was wollte. Die Kinder kotzten, eine in Tränen aufgelöste Freundin brauchte Beistand, „Meiner“ wurde bei der Arbeit aufgehalten und verspätete sich, ich musste eine Stellvertretung übernehmen – damals unterrichtete ich noch -, ein Vertreter schneite herein und liess sich nicht abwimmeln oder vielleicht packte mich auch nur das schlechte Gewissen, weil ich mit einem Ohr mitbekam, wie „Meiner“ versuchte, allen Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. Es blieb beim Träumen von Badewanne und Schmöker und die Realität des Alltags behielt mich weiterhin fest im Griff. Die ersten drei oder viermal, als mir so etwas passierte, war ich bitter enttäuscht, später dann nahm ich die resignierte Haltung ein, dass es eben kein Recht auf Freizeit und Erholung gibt, auch wenn in der Erklärung der Menschenrechte genau dies festgeschrieben ist. Mag ja sein, dass einem die Freizeit hin und wieder ganz unvermittelt in den Schoss fällt, aber planen lässt sie sich nicht, sagte ich mir. 

Ob das inzwischen anders ist? Ich bezweifle es, auch wenn ich heute Abend, als wir uns nun zum ersten Mal hinsetzten, um die wichtigsten Fixpunkte der kommenden Woche festzulegen, nichts dagegen unternahm, als „Meiner“ für den Mittwochnachmittag ein paar Stunden Zeit für mich ganz alleine einplante. Nun ja, ein wenig muckte ich natürlich schon auf, als er vorschlug, dass ich erst nach dem Abendessen wieder erscheinen sollte. „Das kann ich den armen Kindern doch nicht zumuten“, wehrte ich ab und so werde ich nun am Mittwoch um 19 Uhr wieder bei Mann und Kindern erwartet. „Meiner“ wollte sogar noch weiter gehen in der Planung und fragte, was ich denn vorhätte, ob ich lieber zu Hause bleiben und schreiben oder in den Wald gehen wolle, aber diese Frage beantwortete ich nicht. Wo bliebe denn die Spontaneität, wenn wir auch noch die geplante Freizeit verplanten? Obschon, wenn ich höre, wie das Prinzchen im Nebenzimmer vor sich hin fiebert und wenn Luise sehe, die gerade über Schwindel und Übelkeit klagend auf dem Fussboden liegt, dann scheint mir, dass meine „Freizeit“ von Mittwochnachmittag bereits bis auf die letzte Minute verplant ist.

Erfolgsbilanz

Wohl in keinem anderen Lebensbereich wird die Freude über den klitzekleinsten Erfolg sogleich wieder durch den nächsten Misserfolg zunichte gemacht wie im Familienleben. Du glaubst, du hättest eine Situation ausnahmsweise mal bravourös gemeistert, doch kaum drehst du dich um, siehst du, dass es dafür an einem anderen Ort bereits wieder brennt. Abends hast du dann das Gefühl, der Tag sei eine Aneinanderreihung unzähliger kleiner Missgeschicke und Misserfolge gewesen. Die Lichtblicke dazwischen hast du schon längst vergessen. Damit dies heute nicht der Fall ist, hier eine kleine Erfolgsbilanz aus dem Hause Venditti:

  • Karlsson hat beim Zwischendurcheinkauf gebettelt, ich möchte doch wieder einmal Salat kaufen, er hätte so grosse Lust darauf. Als ich bloss einen in den Wagen legte, protestierte er lautstark und verlangte nach einem zweiten. Schokolade, Chips und andere vollwertige Nahrungsmittel hingegen hat er ausnahmsweise keines Blickes gewürdigt.
  • Das Prinzchen hat nur einen der beiden Frischhefe-Würfel zerkrümelt und auf der Matratze des Ehebetts verteilt. Der andere Würfel ist ganz geblieben. Nun ja, wenn ich es recht bedenke, ist das vielleicht nicht unbedingt ein Erfolg, sondern viel eher ein glücklicher Zufall, weil das Prinzchen durch etwas anderes, das ihn spannender dünkte, abgelenkt wurde.
  • Luise hat heute fast nie gezickt, was vielleicht daran lag, dass sie den ganzen Nachmittag weg war.
  • Das Prinzchen schlief heute Abend ohne sein Nuschi ein und ersparte mir damit eine lange, nervenaufreibende Suchaktion.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter haben sich nicht ein einziges Mal verhauen.
  • Der Zoowärter hat sich ganz alleine angezogen, ohne zu protestieren, das könne er noch nicht und er sei noch viel zu klein und wenn man viereinhalb sei, müsse man sich noch nicht selber anziehen, auch wenn man nächste Woche in den Kindergarten komme.
  • Das Prinzchen verlangte nach einer zweiten Portion Orecchiette mit Bohnen und sagte nicht bereits vor dem ersten Bissen „Hani nöd gern!“
  • Luise hat ihre Schuhe ins Regal gestellt. 
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat war bereits angezogen, als ich zum Mittagessen nach Hause kam und so, wie es aussah, hat ihn niemand dazu zwingen müssen.
  • Das Prinzchen hat nicht auf den Boden gepinkelt, als er ohne Windel unterwegs war, sondern hat das Katzengeschirr, das wir uns schon mal angeschafft haben, als Töpfchen verwendet.
Und schliesslich noch der unglaublichste aller Erfolge:
  • „Meiner“ und ich konnten uns heute nach dem Mittagessen kurz hinlegen, weil gerade niemand sein Holzschwert geflickt haben, oder die Schürze des Dirndls gebunden haben, oder die Geschichte vom kleinen Maulwurf uns seiner blauen Hose vorgelesen haben wollte.
Eine ganz beachtliche Erfolgsbilanz, nicht wahr? Wie? Ihr findet, das seien alles nur Bagatellen? Da muss ich euch leider widersprechen. Nehmen wir das Beispiel von Luises Schuhen. Wenn ihr wüsstet, wie oft wir das Kind schon darauf aufmerksam gemacht haben, dass ihre Schuhe ins Regal gehören, dann wüsstet ihr, dass das heutige Ereignis so denkwürdig ist, dass es eigentlich gebührend gefeiert werden müsste. Leider hatten wir keine Zeit dazu, denn ausnahmsweise kamen heute die Kinder nicht ein einziges Mal aus ihren Betten gekrochen und wenn mich nicht alles täuscht, herrschte spätestens um Viertel nach neun absolute Ruhe in den Kinderzimmern. Auch das ein Erfolgserlebnis, wobei man hier nie so ganz sicher sein kann. Vielleicht erfahren wir auch morgen früh, dass die Kinder gar nicht geschlafen, sondern die halbe Nacht Gespenster gejagt haben. Was bekanntlich so leise vor sich gehen muss, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Gespenster nichts davon merken.

Nur mal schnell nach Prag…

Heute Morgen, als der Zoowärter erwachte, war das neue Schwert keineswegs vergessen. Im Gegenteil: Er war noch kaum richtig wach, da wollte er schon von „Meinem“ wissen, wann wir denn nun endlich nach Prag fahren würden. Und weil „Meiner“ sich vergeblich den Mund fusselig redete, um unserem Zweitjüngsten klarzumachen, dass der Weg nach Prag sehr weit sei, lenkte er irgendwann ein uns meinte: „Okay, dann fahren wir eben heute nach Prag. Aber erst nach dem Mittagessen und nach dem Filzkurs.“

Und am Nachmittag fuhren sie tatsächlich, „Meiner“ und unsere drei jüngsten Söhne. Erstaunlicherweise waren sie bereits nach einer Stunde wieder zurück, mit viel Bastelholz und guten Ideen, wie man daraus das perfekte Schwert basteln könnte. Wie es ihm denn in Prag gefallen hätte, wollte ich vom Zoowärter wissen. Immerhin fährt man nicht alle Tage mal kurz in eine der schönsten Städte der Welt, um ein wenig Holz einzukaufen. Es habe ihm gut gefallen, erklärte mir der Zoowärter ernst. Allerdings seien sie nur in Klein-Prag gewesen, nach Gross-Prag würden wir erst nächste Woche fahren und dort würden wir dann auch ein fertiges Holzschwert kaufen und nicht bloss Holz zum Basteln.

Und wieder einmal muss ich erkennen, dass „Meiner“ deutlich mehr Talent im Umgang mit den fixen Ideen unserer Knöpfe hat.

Wo bleiben denn die Post-its?

Träume ich, oder haben wir die alljährlichen Post-it-Tage in diesem Jahr überstanden, ohne auch nur ein einziges Mal tatsächlich eine Haftnotiz schreiben zu müssen, um  ja nichts zu vergessen? Ich wage es kaum zu schreiben, aus Angst, dass man mir nicht glauben könnte, aber in diesem Jahr war alles ein wenig anders, viel ruhiger und geordneter als gewöhnlich, und da morgen die Sommerferien anfangen, kann ich heute mit absoluter Sicherheit sagen, dass kein Elternbrief mehr ins Haus flattern wird, der die ganze unerwartete Ruhe noch stören könnte. Und dies in einem Jahr, in dem gleich vier Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben. 

Ob es daran liegt, dass unsere Kinder inzwischen so gross sind, dass die meisten Abschiedsfeste ohne Eltern und von Eltern zubereiteten Kuchen stattfinden? Haben die Kinder diesmal so viele Dinge selbständig erledigt, dass ich mir weniger Zeit nehmen musste dafür? Oder lag es vielleicht daran, dass „Meiner“ aus gesundheitlichen Gründen in den vergangenen Wochen beruflich etwas kürzer treten musste und dafür mehr Zeit hatte, Papa zu sein? Habe ich mich am Ende so sehr an den alljährlichen Schuljahresendstress gewöhnt, dass ich ihn inzwischen als weniger schlimm empfinde? 

Was auch immer der Grund ist, eins kann es bestimmt nicht sein: Dass ich selber so durchorganisiert geworden bin, dass das alles einfach reibungslos läuft. Denn eine Mama, die es noch nicht geschafft hat, die Identitätskarten der Kinder erneuern zu lassen und die die Frage, womit es denn in zwei Wochen nach Prag gehen werde mit „Wir schauen mal…“ beantwortet, kann man ja wohl kaum als durchorganisiert bezeichnen, nicht wahr? Nun ja, immerhin weiss ich schon, dass wir ganz bestimmt nicht fliegen werden und es ist ja schon mal gut, wenn man weiss, wie man nicht reisen wird.

Traumanfall

So ein kleiner Trotzanfall wirft mich eigentlich nicht mehr aus der Bahn. Zu viele habe ich bereits miterlebt, als dass ich mir noch allzu viele Gedanken darüber machen würde. Klar, ich weiss dass das Problem in den Augen des Kindes weltbewegend ist, sonst würde es ja nicht so ein mörderisches Gebrüll anstimmen. Darum würde ich es auch nie und nimmer wagen, mich über den Grund des Gebrülls lustig zu machen. Aber aus meiner Warte gesehen ist keines dieser Probleme so gravierend, als dass ich mir die Mühe machen würde, mich darüber zu ärgern. Grund zum Ärgern gibt es im Familienalltag schon genug, da muss man nicht auch noch aus den Trotzanfällen, die nun mal einfach zum Kindsein dazugehören, ein Theater machen.

So, jetzt wo das klargestellt ist, kann ich ja gestehen, dass mich das Prinzchen heute mitten in der Nacht mit seinem Trotzanfall ganz schön ins Schwitzen gebracht hat. Ja, gut, auch ein Trotzanfall in der Nacht ist für mich nichts Neues. Aber ein Trotzanfall mitten in der Nacht wegen einer Ungerechtigkeit, die dem Kind im Traum widerfahren ist? Noch nie zuvor gehabt. Da sitzt der Kleine zornig in seinem Bett und brüllt: „Will auch mitkommen! Will auch mit dem Bus mitkommen!“ Ich nehme mal an, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Protest unseres Jüngsten mich überhaupt aus dem Schlaf geschreckt hat, denn als ich endlich wach war, hatte er sich schon so sehr in die Sache hineingesteigert, dass er sich kaum mehr beruhigen lassen wollte. „Prinzchen, wir schlafen alle, draussen ist es dunkel und der Bus schläft auch“, murmelte ich schlaftrunken und meinte, damit sei die Sache abgehakt. War sie aber nicht, denn offenbar hatte das Prinzchen in seinem Traum so eindeutig mitgekriegt, dass alle ihren Spass haben würden und er alleine zu Hause bleiben müsse, dass eine eindeutig nicht ausgehfertige Mama, die keine Anstalten machte, sich demnächst aus dem Bett zu begeben und zur Bushaltestelle zu hetzen, ihn nicht zu beruhigen vermochte. „Will aber auch mitkommen! Will auch mit dem Bus fahren! Will nicht hier bleiben!“, brüllte er weiter. „Wir gehen aber nirgendwo hin. Wir wollen jetzt alle nur schlafen“, antwortete ich genervt.

Nun versuche mal einer, einem zornigen Zweijährigen beizubringen, dass das, was ihn so sehr in Rage bringt, sich nur in seinem Kopf abgespielt hat und dass es keinen Grund gibt, sich so sehr aufzuregen. Nun ja, ich weiss, auch beim ganz gewöhnlichen Trotzanfall spielt sich das Meiste im Kopf ab, aber die Sache, um die es geht, ist meist ziemlich handfest, wie zum Beispiel das Brötchen, das man nicht haben darf, oder der Waschlappen, den man nicht im Gesicht haben will, oder die grosse Schwester, die einen nervt.  Was aber, wenn der Auslöser dieses unbeschreibliche Phänomen genannt Traum ist, ein Phänomen, das auch grösseren Kindern und Erwachsenen ein Rätsel bleibt? Vielleicht hätte ich in wachem Zustand einen Weg gefunden, das Prinzchen zu beruhigen, im Halbschlaf aber war ich seiner Wut ratlos ausgeliefert.

Also schrie das Kind weiter nach Leibeskräften, versuchte, sich aus der Zewi-Decke zu befreien und drohte an, er werde zur Bushaltestelle gehen. So langsam wurde ich nervös. Der kleine Trotzkopf würde noch die ganze Familie wecken. „Meiner“ zumindest tappte schon schlaftrunken zum Bett seines Jüngsten. Und was tat der gute Mann? Setzte sich auf die Bettkante, fragte seinen Sohn „Prinzchen, hast du geträumt? Komm, wir schlafen weiter.“ Und dann war Ruhe. 

Wie macht der Mann das bloss?

Meine lieben Kinderlein…

… wisst ihr denn nicht, dass die Lizenz, Mama und Papa den Schlaf zu rauben spätestens nach dem dritten Geburtstag verfällt? Klar, irgendwann, wenn ihr zwischen fünfzehn und achtzehn seid, könnt ihr sie noch einmal erneuern lassen, aber dazwischen wäre eigentlich eine Pause vorgesehen, in der die Eltern ihr Schlafmanko auskurieren können. Auf dass sie dann wieder halbwegs erholt in die zweite Runde der schlaflosen Nächte gehen können.

Ja, ich weiss, ihr habt uns ziemlich gut schlafen lassen, als ihr Babys wart. Nun ja, du Luise hast Nacht für Nacht auf den Putz gehauen, aber ihr anderen, ihr wart meist erstaunlich gut im Durchschlafen. Das heisst aber noch lange nicht, dass ihr all die verpasste Schlaflosigkeit jetzt, wo für uns Eltern eigentlich Schonzeit wäre, nachholen müsst, indem ihr euch nachts zu uns ins Bett schleicht, wo ihr euch dermassen quer legt, dass Papa auf der einen, Mama auf der anderen Seite des Bettes herausfällt. Und wenn ihr es dann geschafft habt, entweder sie oder ihn aufs Sofa zu vertreiben, dann ist es nicht unbedingt nötig, dass ihr euch durchs Dunkel tappt, um den verloren geglaubten Elternteil aufzusuchen. Ja, wir sind noch da, auch wenn wir uns auf der Suche nach dem Schlaf etwas von euch entfernt haben. Wir sind auch ganz bestimmt am Morgen gerne wieder für euch da, aber wenn wir auf dem Sofa endlich den heiss ersehnten Schlaf gefunden haben, dann wären wir ganz froh, wenn sich kein kleiner Mensch auf unsere Beine setzen würde. Die Rechnung „Mama auf dem Sofa = Geschichten erzählen“ geht nur tagsüber auf, nachts heisst das  „Mama auf dem Sofa = Mama flüchtet vor der Kinderinvasion, die sie aus dem Bett vertrieben hat“.

Nein, meine lieben Kinderlein, ich sage das alles nicht, weil ich euch nicht lieben würde, oder weil ich die Nase voll hätte von euch. Mitnichten. Ich sage das zu eurem eigenen Wohl, denn vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass ausgeschlafene Eltern erheblich angenehmer sind als unausgeschlafene. Darin unterscheiden wir Erwachsenen uns nicht von euch Kindern und darum bitte ich euch, dass ihr uns die wohlverdiente Nachtruhe gönnt. Als Gegenleistung verspreche ich euch, dass ich euch dereinst, wenn mich die senile Bettflucht ereilt, nicht morgens um halb fünf anrufen werde, bloss weil ich mir nicht sicher sein werde, ob ich euch bei eurem letzten Besuch die Pfannen, die ich im Sonderangebot für euch gekauft haben werde, auch tatsächlich mitgegeben habe.

Ich hoffe, meine lieben Kinder, dass wir uns darauf einigen können, denn sonst werde ich morgen, übermorgen und all die Tage danach genau gleich ungeniessbar sein wie heute und das wäre doch eigentlich schade, nicht wahr?

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