Rabenmama?

Im Grossen und Ganzen halte ich mich für eine ziemlich besonnene Mutter. Eine, die sich nicht gleich in die Hose macht vor lauter Angst, bloss weil das Kind Nasenbluten hat. Eine, die nicht jedem Trend hinterherläuft, bloss weil „Wir Eltern“ darüber berichtet, dass ein Ungeborenes schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst wird. Eine, die nicht alles kauft, was für die Kinder angeblich gut sein soll – allein schon, weil das Budget all den überteuerten Mist gar nicht mitmachen würde. Eine, die nicht alle drei Tage beim Kinderarzt sitzt, weil sie im Internet wieder von einer neuen Gefahr für Babys Gesundheit gelesen hat. All die Dinge lassen mich ziemlich kalt und ich bin ganz glücklich dabei.

Aber manchmal beschleichen mich dennoch Zweifel: Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich nicht zum Notarzt fahre, wenn das Prinzchen auf die Nase gefallen ist? Ich meine, das Kind war nach dem ersten Heulen wieder vollkommen zufrieden und zeigte keinerlei Auffälligkeiten. Aber ich weiss, dass andere Mütter dennoch zum Arzt gehen. Oder wie ist das mit der Förderung? Müsste Karlsson vielleicht so langsam oder sicher etwas weniger verspielt werden und seine freie Zeit mit pädagogisch wertvollen Lernspielen verbringen? Verpasst er die grossen Chancen des Lebens, wenn er auf Bäume klettert anstatt Chinesisch zu lernen? Okay, eigentlich weiss ich, dass auf Bäume klettern viel wertvoller ist, aber wenn ich dann wieder von Eltern lese, die ihre Kinder in jeden erdenklichen Förderkurs stecken, beschleichen mich doch die Zweifel, ob ich nicht etwas mehr tun müsste, um meinen Ältesten zu pushen. Und wie ist das mit diesen kleinen mathematischen Defiziten, die sich bei Luise bemerkbar machen? Reicht es, wenn „Meiner“, der als Primarlehrer doch immerhin als Fachmann durchgehen kann, mit ihr lernt? Oder müsste ein Spezialist her? Bin ich eine gleichgültige Tante, wenn ich lauthals lache, weil mir jemand vorschlägt, den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Heim zu stecken, bloss weil er hin und wieder über die Stränge schlägt? Müsste ich mich sorgen über seine unüberlegten Missetaten oder darf ich wirklich mit einem Schulterzucken auf Michel aus Lönneberga verweisen, aus dem schliesslich doch noch ein Gemeinderatspräsident geworden ist? Nimmt der Zoowärter Schaden, weil ich ihn zuweilen alleine ein Buch anschauen lasse, anstatt ihm rund um die Uhr vorzulesen, wie er es sich wünschen würde?

Ja, ich weiss, meine Zweifel sind absurd, aber welche Mütterzweifel sind das nicht? Ich weiss ja auch, dass sich jede Mama hin und wieder mit solchen Zweifeln in den Wahnsinn treibt. Aber ich weiss auch, dass man bei Mamas von vielen Kindern sehr viel schneller von Vernachlässigung redet als bei Mamas von weniger Kindern. Was bei einer Mama von weniger Kindern noch als Erziehung zur Selbständigkeit hoch angerechnet wird, wirft man uns Grossfamilienmüttern schnell mal Gleichgültigkeit vor. Und darum nutze ich die Zeit, die andere Mamas zum Grübeln über ihr vermeintliches Versagen brauchen dazu, darüber zu grübeln, ob ich noch als relaxed oder schon als gleichgültig angesehen werde.

8 Gedanken zu “Rabenmama?

  1. Das stimmt, auch wenn cool bleiben bei fünf Kindern nicht immer ganz einfach ist. Aber ich arbeite dran… 🙂

  2. Wir dürfen ganz entspannt sein und unseren Kindern was zutrauen. Denn der Grat zwischen Rabenmutter und Übermutter ist gar nicht so schmal, wie wir manchmal meinen. Wenn du also mit der Situation zufrieden bist, dann sind es bestimmt auch die Kinder. Darum hab ich auch schon mal für mehr „Coolness“ plädiert (siehe: http://muttis.wordpress.com/2009/11/03/pladoyer-fur-mehr-coolness/ )
    Denn Coolness ist eine Geheimwaffe gegen Stress und Klimbim! Jawohl!

  3. Relaxed – eindeutig 😉 Und ich schliesse mich da Anabel an.

    Im übrigen komme ich mir auch als „Zwei-Kind-Mama“ (und auch schon mit einem Kind) so vor. Weil ich nicht gleich renne wenn sie hinfallen, die Kinder wirklich viel selbst machen und entdecken lasse und nur da helfe wo es wirklich nötig ist (und ich glaube das ich das gut unterscheiden kann), weil ich mir keinen Kopf mache weil der Grosse nach 3 Monaten „Trocken“ anfangs Winter wieder Windeln wollte weil es ihm zu kalt ist, weil meine Beiden auch mit nur 2 Schneidezähnen Äpfel (und sonstiges vom Tisch, sprich Fingerfood) essen konnten/durften…

  4. Danke für die Ermutigung! Und ja: Liebe bekommen sie bei mir im Überfluss. Das ist ja das Verrückte: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mit jedem Kind die Liebe noch wächst, aber es ist genau so.

  5. Manchmal stehen in diesen Elternzeitschriften auch ganz vernünftige Artikel ;). Und so las ich neulich in der Familie und Co genau von diesen Theman.
    Du kannst Dir sicher sein, Du machst alles ganz genau richtig. Du darfst lachen über Heimsteckabsichten, Du darfst Karlsson spielen lassen und Du musst Dir keine Gedanken über die Matheschwächen von Luise machen.
    Eltern müssen vor allem: Die Versorgung der Kinder gewährleisten indem sie es kleiden und mit Nahrung und LIEBE versorgen.
    Sie müssen Zeit haben, einfach mal mit ihnen zu plaudern und sie am wirklichen Leben teilhaben lassen. Kartoffelschälen und ratschen also. Und für Förderungen und Schulprobleme gibt es Fachleute.
    Deine Kinder dürfen das *echte* Leben kennenlernen. (Meine auch)
    Das find ich prima 🙂

    LG anabel

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