Konkurrenzkampf

Man sollte eigentlich davon ausgehen können, dass es zu Zeiten von GPS und Google Earth eine Lösung für das Problem gäbe. Doch noch immer grasen die Kinder einander gegenseitig das Revier ab, wenn sie von der Schule ausgesendet werden, um Spenden für wohltätige Organisationen einzutreiben. Bis anhin konnte mir das mehr oder weniger egal sein. Klar, es war zuweilen etwas entnervend, wenn an ein und demselben Tag drei oder vier Kindergruppen mit flehendem Blick vor unserer Haustüre standen und mir Schokoladentaler, Anstecknadeln und dergleichen zum Kauf anboten. Aber kinderliebend wie ich nun mal bin, habe ich klaglos allen etwas abgekauft.

Jetzt aber zieht mein eigener Sohn mit seinem besten Freund von Haus zu Haus und bietet in Indien gefertigte Holzvögel zum Kauf an. Und da bekomme ich natürlich hautnah mit, wenn andere sich erfrechen, an unserer Haustüre zu klingeln, wo diese doch ganz eindeutig zu Karlssons Revier gehört. Und tatsächlich: Beim ersten Klingeln stehen nicht die beiden Jungs vor der Türe sondern zwei Mädchen aus ihrer Klasse. Obschon ich natürlich weiss, dass sie die Konkurrenz meines Sohnes sind, lasse ich Luise einen Vogel von ihnen abkaufen. Karlsson braucht das ja nicht zu erfahren…

Abends aber höre ich, wie Karlsson sich bei Luise beschwert, die beiden Mädchen und zwei weitere Jungen hätten ihnen die Geschäfte gehörig vermiest. An einem Ort seien sie gar weggeschickt worden. Karlsson ist bitter enttäuscht und dies, obschon schon fast alle Vögel aus seiner Schachtel verkauft sind – Karlssons Geschwister haben grosszügigerweise tief in ihre Sparschweinchen gegriffen, als ihr grosser Bruder ihnen die bunten Vögel unter die Nase hielt – und das Portemonnaie vor lauter Geld und Süssigkeiten beinahe platzt. Karlsson findet es einfach hundsgemein, dass seine Klassenkameraden den Ortsplan nicht richtig lesen können. Luise will ihren Bruder trösten und sagt: „Mama und ich haben von den Mädchen nur einen Vogel abgekauft, von dir aber gleich drei.“ Worauf Karlsson in ein Wutgeheul ausbricht, weil seine eigene geliebte Familie ihm auf derart perfide Art in den Rücken gefallen ist. So eine Gemeinheit hätte er von uns nie und nimmer erwartet.

Zum Glück war ich gerade im Badezimmer eingeschlossen, als Karlsson von unserem Verrat erfuhr, sonst wäre er mir bestimmt an die Gurgel gesprungen. Und glaubt mir, ich bin so lange im Bad geblieben, bis Karlssons Zorn verraucht war…

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