Ketzerisch

Als ich neulich meine Leserinnen und Leser an meinen Gedanken zur „Privatsache Kind“ teilhaben liess, warnte mich eine Freundin, dass ich mich auf gefährliches Terrain begeben würde, womit sie wohl Recht hatte. Heute nun begebe ich mich auf noch gefährlicheres Terrain, ja, ich riskiere gar, unter den Eltern als Ketzerin zu gelten. Ich stelle nämlich die Frage, ob es denn wirklich so wichtig sei, dass ein Kind immer esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin neulich hin und wieder auf Ratschläge gestossen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich lese von Müttern, die ihre Kinder hemmungslos anlügen, um sie dazu zu bringen, Gemüse zu essen. Ich sehe Fotos von belegten Brötchen mit Smiley-Gesichtern. Ich bekomme Tipps, wie dafür gesorgt werden kann, dass ein Kind, das Fleisch verabscheut, dennoch Fleisch isst. Jede Familie kämpft mit dem Problem, wie sie ihre Kinder dazu bringt, alles zu essen, was auf den Tisch kommt; viele sind gestresst wegen der Sache. Doch keiner fragt: Ist es das ganze Theater überhaupt Wert?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde ausgewogene Ernährung eine sehr wichtige Sache. Aber ist es denn wirklich ein Problem, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat seine fünf Portionen Grünzeug am Tag in Form von zwei Äpfeln, einer Banane und zwei rohen Karotten zu sich nimmt, anstatt zu gekochtem Fenchel, gefüllten Peperoni und grünem Salat zu greifen? Ist es denn eine Tragödie, wenn Karlsson sich auch nach dem zwanzigsten Mal Probieren noch immer nicht dazu durchringen kann, Champignons zu mögen? Ich muss doch nicht jedes Mal mit dem Kind kämpfen, wenn das Zeug auf den Tisch kommt. Solange er Steinpilze, Pfifferlinge und Morcheln – die Morcheln natürlich am allerliebsten – isst, darf er doch ungeniert dazu stehen, dass er keine Champignons mag.

Als ich noch nicht lange Mutter war, machte ich mir einen grossen Stress aus der Sache mit dem Essen. Nicht, weil ich der Meinung war, dass man das müsse, sondern einfach darum, weil andere Familien einen grossen Stress daraus machten. Wenn bei Freunden die Regel galt, dass die Kinder alles essen mussten, was auf den Tisch kam, fühlte ich mich elend, weil ich nicht den Nerv hatte, das durchzuziehen. Wenn eine Familie darauf bestand, dass jedes Kind nur zwei Nahrungsmittel auswählen durfte, die es nicht essen muss, glaubte ich, dies auch tun zu müssen. Wenn Freunde mir sagten, dass ihre Kinder immer den Teller leer essen müssen, fühlte ich mich als Versagerin, weil ich es nicht schaffte, so konsequent zu sein.

Bis ich merkte, dass das alles gar nicht zu uns passt. Bis ich erkannte, dass das Ganze eigentlich ein Luxusproblem ist. Wie viele Menschen auf unserem Planeten können sich denn überhaupt Gedanken machen darüber, wie sie ihre Kinder dazu bringen sollen, aus der Fülle von Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung stehen,  von allem zu essen?  Und weil es ein Luxusproblem ist, habe ich für mich und meine Familie beschlossen, dass ich mir deswegen nicht weiter das Leben erschweren will. Und deshalb gelten bei uns nur noch diese fünf „Regeln“:

1. Der Überfluss, den wir haben, ist ein unglaubliches Privileg, als sei dankbar für das, was du essen darfst.
2. Es wird nicht gemotzt. Irgend jemand auf der Welt würde das, was ich nicht mag, mit Freuden essen. Und irgend jemand – meistens ich – hat sich viel Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Also wird nicht herumgemäkelt.
3. Es wird von allem probiert, was aber nicht heisst, dass man auch alles ausessen muss. Man darf Dinge nicht mögen. Ich esse ja auch keine Fleisch.
4. Die Ernährung muss ausgewogen sein, doch wie diese Ausgewogenheit zustande kommt, ist mir eigentlich egal.
5. Essen ist eine wunderschöne Sache, also versaut mir nicht den Genuss!

Das Verrückte an der Sache ist: Je weniger Stress ich aus der Sache mache, umso experimentierfreudiger werden unsere Kinder. Und weil er nicht mehr unbedingt muss,  isst der FeuerwehrRitterRömerPirat inzwischen sogar Randensalat…

20 Kommentare zu “Ketzerisch

  1. Das finde ich sehr vernünftig. Bei mir gab es bloss noch eine zusätzliche Regel: Ich koche nichts extra. Zur Not tun’s ja auch Cornflakes…

  2. Boaaaahhhh, Tamar, sooooo ketzerisch 😉 Allerdings empfinde ich es auch als unheimlichen Luxus, sich dazu zu entscheiden, vieles NICHT zu essen. Oder auf Grund einer Mahlzeit ein Geschrei und Gemotze loszulassen… Ich verstehe dich aber gut. Genau die selben Fragen stelle ich mir auch immer wieder… Trotzdem sind wir zur Ansicht gelangt, dass unsere Kids nur ein (in Zahlen 1 !!!) Nahrungsmittel nie essen (also auch nicht probieren) müssen. Allerdings ist Fleisch immer freiwillig und wer das Menu partout nicht essen will, kann ein Stück Brot und Salat oder einen Apfel verlangen. Ausgegessen wird normalerweise (der 1. Teller und jeder weitere, den man selbst geschöpft hat), man darf das jedoch auch aufs Nachtessen verschieben, wenn der Bauch voll ist.So haben wir inzwischen erstaunlich wenig Stress beim Essen (Ausnahmen bestätigen die Regel!)

    • Tja, die Ausnahmen werden wohl immer bleiben! Aber ohne würde uns wohl langweilig, oder? 😉
      Wenn ich sehe, worüber vor allem Neumütter jeweils diskutieren, dann fühle ich mich tatsächlich ziemlich ketzerisch. Ob ich auch mal so besorgt war, keine Fehler zu machen?

      • Also ich war es bestimmt! Und ich war der Überzeugung, 1000 Sachen später mit meinen Kids NICHT falsch zu machen, die andere meiner Meinung nach nicht im Griff hatten. Und dann 😦 wie’s so oft ist, in der Situation ist vieles dann doch nicht so einfach, wie man sich das vorgestellt hat!

  3. … also ALLES finde ich nun doch nicht entspannter. Wenn du todmüde bist und dein Kind nachts nicht schlafen will – obwohl du überzeugt warst, dass dein Kind dann sicher durchschlafen wird… mich stresst es schon nur, daran zu denken, obwohl diese Zeit bei uns ja seit ca. 11 Jahren vorbei ist. Oder die Teenies, welche ausfällig werden, obwohl ich früher überzeugt war, dass diese Spezies nur genug Verständnis braucht… Jetzt gibt es Momente, da stehe ich neben mir und frage mich, ob das wirklich meine Familie ist, die in diesem Ton miteinander spricht…
    Allerdings kann ich mich dann wieder entspannen, wenn ich mir bewusst mache, dass es zur Ablösung gehört und wir doch immer wieder einen gemeinsamen Nenner finden 🙂

  4. Das war ein Witz – dann hätte ich ja keine Zeit mehr, DEINEN Blog zu lesen. Das wäre ja wirklich traurig!

  5. Hmm, bei uns gibt es beim Essen nur 2 fixe Regeln:

    -jeder sitzt am Tisch
    -ich sage was, das Kind wieviel

    Wobei die Kinder, wenn sie gar nichts mögen (der Grosse hat gerade wieder so eine Phase) durchaus einen Apfel oder ein Stück Brot als Alternative haben können.

    Probieren müssen sie (noch) nicht. Wir tun das aber und denken wenn sie grösser sind ist das eine weitere, sinnvolle Regel.

    In der Zwickmühle bin ich immer bei Schwiegermutter und Schwiegergrossmutter. Da heisst es dann schonmal „bevor du nochmal Wasser bekommst musst du erst das probieren/eine Gabel voll essen“ oder es wird einem Dessert als Belohnung „gewunken“. Darauf lässt sich bei uns aber keiner ein. Schwierig manchmal da die Balance zwischen fremden (gefühlt) falschen und den eigenen Regeln zu finden.

    Ach ja, einmal po Woche darf/muss jeder ein Essen vorschlagen 😉 Das hilft auch. Wobei die Kleine eine sehr problemlose Esserin ist (wie der Papa). Der Grosse hingegen schlägt wohl mir nach 😉

    Grundsätzlich wünsche ich mir für die meisten Mütter mehr Gelassenheit und Flexibilität (mich eingeschlossen).

    • Mehr Gelassenheit würde viel bewirken, das stimmt. Und oft sind es ja gerade die Regeln der anderen, die einen dazu treiben, nicht gelassen zu sein. Hier wünschte ich mir von den „anderen“ manchmal etwas mehr Zurückhaltung. Denn eigentlich bin ich es ja, die bei mir zu Hause bestimmt, wie der Hase läuft und wenn dann da jemand reinpfuscht, führt das meist zu unnötigem Stress.

      • Stimmt. Da ist dann immer besonder viel Bewegung im Ganzen, meistens keine positive und produktive. Andere Inputs sind doch oft eigentlich wertvoll und werden nicht an-/wahrgenommen weil man sich kritisiert fühlt. Mir geht es jedenfalls manchmal so 😉

        Aber haben wir Mütter nicht auch oftmal fälschlich das Gefühl bewertet und kritisiert zu werden?

      • Wahrscheinlich schon, aber wenn man als Einzelkämpfer unterwegs ist, hat man ja auch kaum Möglichkeiten, jemanden zu fragen, ob er auch das Gefühl habe, man sei eben angegriffen worden. Heute zum Beispiel hatte ich nach einer Sizung das Gefühl, man habe mich angegriffen und ich hätte meinen Job schlecht gemacht. Also fragte ich nach der Sitzung einer Person, der ich vertraue, wie ich rübergekommen sei und sie konnte mich beruhigen. So etwas kann ich als Mutter nie tun, denn ich habe ja kein Team um mich herum. Und da fühlt man sich eben leichter angegriffen.

  6. Wir essen einmal pro Woche bei der Schwiegermutter. Bei dieser Regelmässigkeit finde ich es doppelt wichtig, wie wir das handhaben… Inzwischen traue ich mich, meine Regeln durchzusetzen und auch zu widersprechen, wenn sie etwas anderes bestimmt. D.h., keiner muss sein ausgewähltes Nahrungsmittel essen, auch wenn wir beim Grossmueti sind. Jeder darf sein Essen mit hoch nehmen, wenn er oder sie genug hat. Allerdings hat mich das Anfangs schon Mut gekostet. Nachdem es jedoch einige Situationen gab, in denen ich einfach geschwiegen hatte, fühlte ich mich wie eine Verräterin an meinen Kids. Es geht einfach nciht, dass ich mit ihnen Abmachungen treffe und sie dann nicht einhalte. So habe ich mit entschieden, der Schwiegermutter unsere Regeln zu erklären. Sie hat das sehr gut aufgenommen, nur ganz selten gehen noch „die Pferde mit ihr durch“ 😉

    • Toll, wenn man so eine Schwiegermutter hat! 😉 Bei meiner würde das leider nichts bewirken, aber wir essen ja auch nur gaaaaaanz selten zusammen und da ist es dann auch nicht so problematisch, wenn man andere Regeln hat.

    • Ja, als Verräterin fühle ich mich dann auch. Wobei es mir auch schon viel leichtet fällt mich da durchzusetzen.

      Der Grosse ist auch einmal die Woche bei seinen Urgrosseltern (meinen Schwiegergrosseltern) und wie sie es da handhaben bleibt dann ihnen überlassen. Wobei sie ihn dann viel mehr verwöhnen als wenn wir dabei sind 😉 Und das ist ebenfalls in Ordnung so ^^

  7. Ich sehe das genauso. Emilia mag keine gekochten Tomaten, aber komischerweise Tomatensauce. Also gibt es eben hier keine sichtbaren, ganzen gekochten Tomaten 😉
    Sie kann Fenchel, Süßkartoffeln und ähnliches nicht leiden, futtert aber für ihr Leben gerne Gemüsesuppe – in der alle Gemüse enthalten sind.
    Wenn sie etwas überhaupt nicht mag, verlange ich zwar, daß sie zumindest einen Löffel probiert (manchmal motzt sie einfach herum, sobald sie auf den Teller schaut), wenn es ihr trotzdem nicht schmeckt, bekommt sie Brot.
    Meistens essen meine Kinder aber sehr gerne alles was ich koche, eben weil ich kein großes Drama ums Essen mache …
    Liebe Grüße,

    Katrin

    • Zuweilen ist es schon ganz witzig, wie die Kinder nicht merken, dass sie genau die Dinge am liebsten essen, von denen sie immer behaupten, sie würden sie nicht mögen.

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