Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass mir der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, herzlich wenig bedeutet. Zwar darf man dies in einer Zeit, in der man sich wieder auf Heimatgefühle besinnt, kaum laut sagen, aber ich kann meine Gefühle auch nicht ändern. Zwar bin ich von Herzen dankbar, dass ich in einem Land zur Welt kam, in dem es den Menschen mehr als gut geht, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, wie sich Krieg anfühlt, dass man uns alle paar Monate zur Abstimmungs-Urne ruft, auch wenn ich meistens nicht zu den Abstimmungsgewinnern gehöre. Ich finde es grossartig, dass ich mich nicht verschleiern muss, dass ich als Frau zumindest auf dem Papier gleiche Rechte habe wie ein Mann, auch wenn es mit der Umsetzung zuweilen noch hapert. Ich lebe gerne hier, schätze die Sprachenvielfalt, die verschiedenen Regionen, die unterschiedlichen Mentalitäten. Man sieht also, auch wenn ich nicht gerne in Hurra-Patriotismus mache und auch wenn ich an meiner Heimat durchaus den einen oder anderen Makel ausmachen kann, auf meine Art und Weise liebe ich das Land, in dem ich geboren wurde dennoch. Bloss das mit dem Nationalstolz kriege ich nicht hin, denn was habe ich schon dazu beigetragen, dass ich hier und nicht in Darfur oder in Afghanistan zur Welt gekommen bin? Und weil mir das mit dem Nationalstolz nicht so recht gelingen will, würde ich eigentlich auch nicht zu jenen Menschen gehören, die am 1. August mit Raketen und Knallfröschen um sich schiessen.
Wenn ich denn keine Kinder hätte.
Aber ich habe Kinder, Gott sei Dank, und weil ich weiss, dass Kinder die leuchtenden Sterne am Nachthimmel lieben, gibt’s eben auch bei uns ein Mini-Feuerwerk. Das darf zwar nicht mehr als fünfzig Franken kosten – unser sauer verdientes Geld ist doch nicht zum Verbrennen da – und mein grünes Gewissen muss ich jeweils auch für ein paar Tage in die Ferien schicken, aber das alles kann ich noch ganz knapp verantworten, ohne das Gefühl zu haben, ich würde Wasser predigen und Wein trinken. Und so zählten unsere Kinder seit Mitte Juli die Tage bis zum ersten August und seit heute Morgen die Stunden bis zum Eindunkeln. Doch dann, eine halbe Stunde vor dem Eindunkeln, zog ein Gewitter auf. Was „Meinen“ natürlich sofort hoffen liess, wir könnten das Zündeln bleiben lassen. Was aber auch die Kinder bangen liess, das Feuerwerk würde ins Wasser fallen, was ganz fürchterlich wäre, denn „morgen ist ja nicht mehr August“, wie Luise zu sagen pflegt, auch wenn wir ihr schon unzählige Male erklärt haben, dass der August mit dem Ersten erst anfängt.
Was also sollten wir tun? Die Kinder heulend ins Bett schicken? Abwarten und damit riskieren, dass wir die Kinder einfach eine Stunde später dennoch heulend ins Bett schicken? Schliesslich hatte Luise die zündende Idee: Wir könnten ja beten, dass der Liebe Gott den Regen abstellt. Was natürlich sogleich eine theologische Diskussion auslöste: „Meinst du wirklich, dass der Liebe Gott das macht, wo doch Feuerwerk die Umwelt zerstört?“, meinte Karlsson nachdenklich, worauf Luise auch vorübergehend an der theologischen Richtigkeit ihres Vorhabens zweifelte. Schliesslich einigten sich die zwei, man könnte es ja versuchen, man werde dann ja anhand des Resultats sehen, ob der Liebe Gott eher Spielverderber und Umweltschützer oder Kinderfreund und Patriot sei. Das haben die Kinder natürlich nicht so gesagt, aber ziemlich genau so gemeint.
Und siehe da: Der Regen hörte fast sofort auf und fing exakt fünf Minuten, nachdem unser letztes Kind in tiefen Schlaf gefallen war, wieder an. Was wohl die Frage nach dem Kinderfreund eindeutig mit Ja, die nach dem Spielverderber eindeutig mit Nein beantworten würde. Es sei denn, dem Lieben Gott wäre die ganze Angelegenheit mit unserem Nationalfeiertag ohnehin nicht so wichtig, weil er nämlich weitaus dringendere Fälle zu behandeln hat, woraus man den Schluss ziehen könnte, dass das mit dem Regen reiner Zufall war. Was uns zu einer Frage führt, die seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert wird und ich masse mir nicht an, zu behaupten, Vendittis hätten heute, am 1. August 2010, eines der grössten theologischen Rätsel gelöst.
Wie dem auch sei, dankbar waren unsere Kinder heute Abend allemal. Und sei es nur, weil das Feuerwerk so wunderschön war.
