Lange Leitung

13110 Tage musste ich auf diesem Erdboden verbringen, bis ich endlich begriffen habe, was der gute alte Pythagoras mit seiner sonderbaren Verwurstung von a und b und c und dann noch alles im Quadrat gemeint hat. Gut, während der ersten 5000 Tage meines Lebens machte ich mir noch keine grossen Gedanken darüber, was der alte Grieche wohl meinte damit, aber danach bereitete er mir mehrere schlaflose Nächte. Nun ja, eigentlich habe ich mir meine schlaflosen Nächte als Teenager selten mit der Berechnung von rechtwinkligen Dreiecken um die Ohren geschlagen, dafür aber mit der Berechnung, welche Note ich bei der nächsten Algebra-Prüfung schreiben musste, um nicht die Klasse repetieren zu müssen. Und das hat dann ja eigentlich wieder sehr viel mit Pythagoras zu tun. Denn wer Pythagoras nicht versteht, schreibt auch keine guten Algebra-Prüfungen.

Okay, vielleicht habe ich Pythagoras ja auch zu verdanken, dass ich bereits in jungen Jahren die Liebe meines Lebens gefunden habe. Denn hätte mir „Meiner“ vor vielen Jahren jeweils samstags nach der Schule – Ja, ihr lieben Kinderlein, damals hatte man am Samstagvormittag noch Schule. Eure Eltern waren noch nicht so verweichlicht, dass sie jeden Samstag ausschlafen durften – nicht den ganzen Algebra-Stoff erklärt, wir hätten uns vielleicht nie näher kennen gelernt. Nun, wie man sieht waren die Nachhilfestunden nur teilweise erfolgreich: „Meiner“ und ich kamen uns zwar immer näher, Pythagoras und ich blieben uns hingegen weiterhin fremd. Ein alter Grieche sieht neben einem jungen Italiener doch eher blass aus.

Aber jede lange Leitung hat einmal ein Ende und so hatte ich heute endlich mein Pythagoras-Aha-Erlebnis, als „Meiner“ und ich unsere Horde – von Multiplikation verstehen wir ziemlich viel – im Technorama in die faszinierende Welt der Physik und der Mathematik einführten. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sich vor lauter Forscherfreude fast verirrte, Luise mit Spiegelbildern experimentierte, Karlsson erforschte, wie aus Physik Kunst wird, der Zoowärter jammerte, er sei müde, das Prinzchen im Wagen schlief und „Meiner“ versuchte, in all dem Chaos etwas Ruhe zu finden, machte ich mich dazu auf, meinen alten Unbekannten endlich zu ergründen. Es gab da nämlich dieses Dreieck mit diesen Quadraten an den Seiten, ähm, ich meine natürlich an den Katheten und an der Hypotenuse und diese Quadrate waren mit wunderbar türkisfarbenem Wasser gefüllt und wenn man das Dreieck auf den Kopf stellte, dann verteilte sich das Wasser aus dem grossen Quadrat auf die beiden kleinen Quadrate und wenn man das Ganze wieder umdrehte, floss das Wasser aus den beiden kleinen Quadraten zurück in das Grosse. Zu meinem grossen Erstaunen passte das Wasser immer genau ins grosse Quadrat. Und wie ich die Sache da so drehte und wendete und wieder drehte, da fiel er endlich, der berühmte Zwanziger – oder auch der Groschen, wenn euch das besser passt – und Mama Venditti verstand endlich, was der Pythagoras mit seinem komischen Geschwätz gemeint hat.

Also ehrlich, so schwer ist das gar nicht. Aber warum hat der Kerl die Sache nicht so formulieren können, dass man sie auch versteht? Und hätte er nicht nur von verständlicher Ausdrucksweise, sondern auch von Marketing etwas verstanden, so hätte er ein Heidengeld machen können, indem er zu seinem Theorem einen netten Bausatz mit türkisfarbenem Wasser mitgeliefert hätte. Und dann hätte ich wiederum vielleicht schon am Tag 5001 meines Lebens den alten Griechen besser verstanden und nicht erst an Tag 13110. Aber dann hätte ich vielleicht „Meinen“ nie geheiratet und dann…. Ach, hören wir besser auf, sonst versteht bald keiner mehr, wovon hier überhaupt die Rede ist.

4 Gedanken zu “Lange Leitung

  1. Nun, vielleicht darfst du ja dort mal deine Enkelkinder spazieren führen. Die Schweizer sind eben meist ein wenig langsam, wenn’s um solche Dinge geht….

  2. Hach, das Technorama….. schön das es das noch gibt 🙂 (mal einen auf uralt mache 😉 )

    Kann mich da an sehr viele schöne Stunden, besonders im Jugendlabor, erinnern. Allerdings steht nach wie vor das Freigelände noch aus, das war leider immer geschlossen 😦 Und ich wollte doch unbedingt mal mit diesen Flugzeugdingsbums dort fliegen….

  3. Ja, schick sie so schnell wie möglich ins Technorama (falls dein Exkursions-Kredit das zulässt… 🙂 ). Du ersparst ihnen und dir selber einen Haufen Ärger… Das wunderbare Ding mit der türkisfarbenen Flüssigkeit befindet sich im zweiten Stock.

  4. herrlicher beitrag 🙂 morgen quäle ich meine schüler auch wieder mit dem pythagoras. und wenn sies nicht verstehen, schicke ich sie einfach ins technorama, danke für die idee 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.