Männlein und Weiblein

Zurzeit gibt es bei uns am Tisch nur noch ein Gesprächsthema: Die Liebe und zwar diejenige zwischen Männlein und Weiblein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass alle unsere Kinder im Zuge ihrer Entwicklung zur gleichen Zeit das gleiche Thema entdecken. Gewöhnlich befasst sich die eine mit Lesen- und Schreibenlernen, der andere mit seinem Bauchnabel und der Dritte mit der Frage, wie man es fertigbringt, den Kindergartenfreund zu besiegen, ohne dass man dafür selber Haue bekommt. Diesmal aber scheint es, als hätten sich unsere Kinder miteinander abgesprochen, um alle zur gleichen Zeit möglichst viel zu lernen.

Der Zoowärter, zum Beispiel, hat vor ein paar Tagen seinen ersten Filmkuss gesehen. Nein, keine Angst, es war nichts Unanständiges. Er sass nur zufällig dabei, als Luise und ich uns „Emma“ anschauten. Diesen Kuss, den er da gesehen hat, beschäftigt ihn nun schon seit Tagen und auch heute Nachmittag wollte er wieder über das Gesehene reden. Weil ihm aber nicht mehr einfiel, wie der Herr und die Dame, die da so Unsägliches taten, heissen, fragte er mich: „Mama, wie heisst schon wieder der Mann, der die Frau aufgesogen hat?“ Gewöhnlich versuche ich ja, bei solchen Fragen ernst zu bleiben, weil ich nicht will, dass die Kinder aufhören, Fragen zu stellen. Aber versucht mal, keine Tränen zu lachen, wenn ihr euch vorstellt, wie Mr. Knightley einem Staubsauger gleich seine Emma in sich hinein saugt.

Weniger zum Lachen gibt es, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die neuesten Wörter aus dem Kindergarten nach Hause bringt. Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass mich beim dritten Kind nichts mehr so leicht aus den Socken haut, aber die Ausdrücke, die unser Sechsjähriger da lernt, kenne ich sonst nur von vorpubertären Rotznasen. Nun weiss ich nicht, wie das bei euch zu Hause war, als ihr mit wüsten Wörtern nach Hause kamt. Bei uns wurden solche Dinge einfach überhört, da es zu peinlich gewesen wäre, über Unaussprechliches zu reden. „Meiner“ und ich haben uns aber zum Ziel gesetzt, dass unsere Kinder auch über die Vorgänge unter der Gürtellinie möglichst unbefangen aber auch mit dem nötigen Respekt reden können und so kommt es durchaus vor, dass wir während des Mittagessens darüber diskutieren, weshalb man das eine sagen soll, das andere aber nicht. Dass man dabei nicht umhin kommt, auch die derben Ausdrücke in den Mund zu nehmen, versteht sich von selbst. Da hoffe ich doch bloss, dass das Tageskind, das bei uns am Tisch Deutsch lernt, nicht die falschen Ausdrücke mit nach Hause nimmt. Aber vielleicht haben die Kinder, die dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die wüsten Wörter beigebracht haben, ja auch nur erklären wollen, was man nicht sagen darf…

Auch wenn Luise Fragen stellt, muss man die Kinder zuweilen sehr tief unter die Bettdecke blicken lassen. Bei unserer Tochter dreht sich momentan alles darum, wie Männlein und Weiblein es schaffen, sich bis an ihr Lebensende zu lieben und warum es Viele eben nicht schaffen. Und weil Kinder direkt sind, sieht man sich dann schon mal zwischen Zimmer aufräumen und Guetzli backen mit Fragen konfrontiert wird, ob es eigentlich Spass mache, mit jemandem ins Bett zu gehen, oder ob man das nur mache, um Kinder zu kriegen. Ich liebe solche Fragen, auch wenn sie mich dazu zwingen, sehr viel über mich selber preiszugeben. Aber wer, wenn nicht „Meiner“ und ich, sollen unseren Kindern Red und Antwort stehen? Und wo wir schon dabei sind, Antworten zu geben, sitzt auch Karlsson gerne dabei und hört zu. Fragen mag er nicht mehr besonders viel, denn dazu ist er wohl langsam zu gross. Aber hören, was gesagt wird, wenn andere fragen, das scheint ihm nichts auszumachen und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir befriedigen Luises Neugier und füttern zugleich Karlsson, der nicht mehr so offensichtlich neugierig ist, mit Informationen, die ihm nur zu bald schon nützlich sein könnten.

Während die Grossen also schon ziemlich intime Details wissen wollen, dreht sich beim Prinzchen alles noch um die Basics, dies aber momentan fast rund um die Uhr: Ich bin ein grosser Bub, Mama ist eine Frau, Papa ist ein Mann, Luise ist ein Mädchen und alle anderen in der Familie sind Jungs. Papa hat einen Bart, Mama nicht, die Geschwister auch nicht, aber Papa sagt, dass Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen später auch einen haben werden. Männlein und Weiblien auch hier. Und weil es auf der Welt ja nicht nur die sieben Vendittis gibt, hat das Prinzchen momentan sehr viel zu tun, wenn wir einkaufen gehen, denn bei jedem Menschen, den er sieht, gilt es festzustellen, ob er / sie nun Bub, Mädchen, Mann oder Frau sei. Ich weiss nicht, wie oft ich heute, als das Prinzchen und ich den letzten Weihnachtseinkauf tätigten, gesagt habe „Ja, Prinzchen, das ist ein Mann, ja, das dort drüben ist ein Mädchen und das daneben ist eine Frau“, aber glaubt mir, er war sehr sehr oft und die Leute waren nicht alle begeistert darüber. Besonders die nicht, bei denen ich sagen musste „Nein, das ist kein Mann, das ist eine Frau.“

2 Gedanken zu “Männlein und Weiblein

  1. Bei diesen Themen stellt sich für mich natürlich stets die Frage, ob ich nicht ein Stück weit auch die Intimsphäre unserer Kinder ritze. Und doch denke ich, dass wir Eltern unverkrampfter und positiver über Sexualität reden sollten, denn ich vermute, dass wir unseren Kindern dadurch den Umgang mit diesem schwierigen Lebensbereich erleichtern. Ob ich mit meiner Haltung richtig liege, werde ich dann leider erst später sehen. Aber das ist ja überall in der Erziehung so.

  2. Schön, wie ihr über dieses und andere Themen mit euren Kindern redet und danke, dass du deine Leser auch an solch intimeren Themen Anteil haben lässt.
    So darf ich mir ein wenig bei euch abschauen.
    Die Mann-Frau-Mädchen-oder-Junge-Phase haben wir übrigens auch gerade, das andere wird uns früher oder später noch beschäftigen.

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