„Starke Frau“

Ihr seid äusserst freigiebig mit der Vergabe des Ordens. Ob eine Frau nun neben den Kindern eine steile Karriere hinlegt, ob sie wegen eines Schicksalsschlags ihre Kinder alleine grosszieht, ob sie ehrenamtlich mehr bewegt, als ihr euch vorstellen könnt, ob sie mehr Kinder hat als der Durchschnitt, ob sie mit ihrer Familie unter widrigsten Umständen geflüchtet ist und nun von der Hand in den Mund lebt, ob sie trotz schwerer gesundheitlicher Probleme nicht aufgibt, oder ob sie mutig ihren ganz eigenen Weg geht, ihr habt das Label stets griffbereit: Starke Frau.

Oh ja, ich weiss, ihr meint es als Kompliment. Ihr wollt damit ausdrücken, dass ihr nie in der Lage wäret, das zu tun, was die andere tut. Ihr glaubt, ihr würdet damit einer Frau die Anerkennung geben, die sie in euren Augen verdient hat. In Wirklichkeit aber drängt ihr diese Frau in eine sehr einsame Ecke. Ihr attestiert einem ganz gewöhnlichen Menschen Superkräfte und ignoriert damit die Tatsache, dass auch „starke Frauen“ Momente der Verzweiflung kennen. Gut, vielleicht ist es nicht der abgebrochene Fingernagel, der ihnen die Tränen in die Augen treibt, sondern die Erkenntnis, nicht allen berechtigten Ansprüchen gerecht werden zu können. Vielleicht hält die Frau tatsächlich länger durch, als ihr es euch selber zutrauen würdet, aber ihr glaubt doch nicht etwa, die Frau, die ihr aufs Podest gehoben habt, empfinde weniger Schmerz als ihr, wenn mal einfach alles zuviel wird? Glaubt ihr denn wirklich, sie würde nie verzweifelt schluchzen, nie die Hoffnung schwinden sehen?

Nun gibt es natürlich vereinzelt Frauen, die ihre dunklen Stunden sehr gut zu verbergen wissen. Die meisten „starken Frauen“ aber, die ich kenne, betonen immer und immer wieder, dass sie sich keinesfalls sonderlich stark fühlen. Viele von ihnen weisen wiederholt auf ihre Grenzen hin, manche suchen verzweifelt nach Gelegenheiten, auch mal jemandem das Herz ausschütten zu dürfen. Wie aber soll das gehen, wenn der Satz „Du hast ja immer alles im Griff“ schon fällt, ehe die „starke Frau“ zu erzählen begonnen hat?

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5 Gedanken zu “„Starke Frau“

  1. Ihr Lieben, die ihr hier kommentiert habt: Wie froh bin ich, dass noch andere diese Gefühle kennen. Habe ziemlich mit mir gerungen, ob ich das überhaupt schreiben darf.

  2. Danke für deinen Bericht. Ich habe auch schon oft gehört – „ach du, dass schaffst du doch mit Links“. In Wirklichkeit, bin ich bei jedem Schritt genauso unsicher wie alle anderen auch und komme mir manchmal ziemlich hilflos vor oder habe Angst davor einen Fehler zu machen. Mutig sein bedeutet ja auch nicht, dass jemand keine Angst vor Dingen hat, sondern nur, dass er Dinge TROTZ der Angst macht. So gesehen ist Stärke nicht die Abwesenheit von Schwäche, sondern, dass wir weiter machen OBWOHL wir manchmal nicht wissen wie wir das noch schaffen sollen! Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. LG Heidi

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