Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut vor Ihnen, weil Sie den gewagten Versuch unternehmen, zumindest für Schüler und Lehrer in der Deutschschweiz einheitliche Grundlagen zu schaffen. Der revolutionäre Gedanke, dass ein Kind nicht noch einmal bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es mit seinen Eltern von Zürich nach Bern umzieht, gefällt mir. Wäre wirklich nett, wenn die Kinder am neuen Ort ihre alten Schulbücher weiterhin brauchen könnten und wenn in unserem kleinen Land überall mehr oder weniger dasselbe gelehrt und gelernt würde. Also, Chapeau!
So, nun ist mein Hut vom Kopf und jetzt sage ich Ihnen, was ich wirklich von Ihrem Papier halte. Ja, ich weiss, meine Meinung ist nicht gefragt, ich bin ja bloss eine Mutter und als solche gehöre ich nicht zu den „Adressaten der Konsultation auf sprachregionaler Ebene“, wie Sie Ihre Meinungsumfrage nennen. Die „Elterndachorganisation“ soll für uns alle sprechen, aber da ich nicht weiss, ob diese Dachorganisation sich mit ähnlich widerspenstigen Geschöpfen herumschlagen muss wie ich, spreche ich lieber selber.
Also, kommen wir zu meiner Meinung, die – ich gebe es offen zu – weder wissenschaftlich fundiert noch repräsentativ ist: Ihnen ist die Bodenhaftung abhanden gekommen. Okay, ich habe nicht den ganzen Entwurf gelesen, aber was ich bisher überflogen habe reicht mir für mein Urteil. Ich meine, nur schon die Tatsache, dass es Ihnen gelingt, unsere Kinder mit Kreismodellen – „Personale Kompetenzen, Soziale Kompetenzen, Methodische Kompetenzen“ – darzustellen, finde ich leicht beunruhigend. Und dann diese Sätze: „Die Schülerinnen und Schüler können ihr Persönlichkeitsprofil beschreiben und nutzen.“, „Die Schülerinnen und Schüler können beim Vortragen Texte gestalten und über die ästhetische Wirkung nachdenken.“, „Die Schülerinnen und Schüler können Rolle und Wirkungen von Religionen und Religionsgemeinschaften in gesellschaftlichen Zusammenhängen einschätzen.“ Oder – mein bisheriger Favorit – „Die Schülerinnen und Schüler können den eigenen Alltag gesundheitsförderlich gestalten.“ Seitenweise geht das so, über alle Fächer des Lehrplans hinweg, unterteilt in Teilbereiche von Teilbereichen, ausgeklügelt und ausformuliert bis ins kleinste Detail.
Zugegeben, inhaltlich liegen Sie oft gar nicht so daneben. Es wäre ja wirklich wünschenswert, dass Kinder irgendwann „im Alltag Gestaltungsspielräume für einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln“ oder „verschiedene Lebenslagen und Lebenswelten erkunden und respektieren“ können. Aber finden Sie nicht auch, dass Sie von den Kindern Dinge erwarten, die auch uns Erwachsenen nur bedingt gelingen? Denken Sie überhaupt noch daran, dass Sie es hier mit Kindern zu tun haben und nicht mit Computern, die man nur richtig programmieren muss, damit sie sich erwartungsgemäss verhalten? Wissen Sie eigentlich noch, was Kinder sind, diese neugierigen, trotzigen, eigensinnigen, verspielten, wissbegierigen, ängstlichen, energiegeladenen, zornigen, drolligen, fröhlichen… Wesen, die auf dieser Welt sind, um ihren eigenen Weg im Leben zu finden? Oder haben Sie nur noch die Wirtschaftstauglichkeit der zukünftigen Berufstätigen und vielleicht noch die nächste PISA-Studie vor Augen?
Sollten Sie tatsächlich vergessen haben, was Kinder sind, lade ich Sie gerne dazu ein, sich mal mit unseren fünf Knöpfen und ihren Freunden zu unterhalten. Sie kämen dabei mit Durchschnittsschülern ins Gespräch, mit Migrantenkindern, die eben erst Deutsch gelernt haben, mit sehr begabten Kindern, mit solchen, die um jeden korrekten Satz kämpfen müssen, mit begeisterten Strebern und mit solchen, die nach kurzer Zeit schon den Schulverleider haben. Glauben Sie mir, diese Kinder könnten Ihnen einiges darüber erzählen, wie die Schule aussehen müsste, damit sie auch nur annähernd das wäre, was Sie sich in Ihrem schönen Papier ausmalen.
So, und jetzt ziehe ich meinen Hut wieder an. Damit ich ihn wieder vor Ihnen ziehen kann, wenn Sie einen Weg gefunden haben, den Lehrplan auf die Kinder masszuschneidern und nicht die Kinder auf den Lehrplan.

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Du weisst offenbar sehr genau, wovon ich schreibe, denn genau die gleichen Gedanken halten mich auch immer mal wieder lange wach. Gerade wer mit vielen Kindern unterwegs ist und dadurch vieles einfach gelassener sieht, versteht manchmal die Welt nicht mehr ob all dem unsinnigen Gewäsch, das so wenig mit dem Kerngeschäft der Schule zu tun hat.
*Do lüpft’s mir jo der Huet!*
Unglaublich, wie viel Sprachgebrabbel und -gesabbel kreiert werden kann, um etwas scheinbar sinnvolles – das notabene als Arbeitsgrundlage für vieleviele Menschen in unserem Land dienen soll – schriftlich festzuhalten. (Sinnvoll im Sinne von: ich spreche aus Erfahrung – bin selber im Alter von 14 Jahren aus dem Kanton Zug in den Kanton Bern gezügelt und weiss, wie verschieden Lehrpläne und Lehrmittel auf so kurze Distanz sein können). Worte und Sätze – hochgestochen und mehr als realitätsfremd… Da weiss glaub nicht mehr nur der Geier, weshalb Kinder nicht mehr zur Schule gehen mögen!
Du hast den Nagel einmal mehr punktgenau auf den Kopf getroffen (ob nun mit oder ohne Hut)!
Mit vielen mitfühlenden Gedanken…
Eine Mutter von drei schulpflichtigen, einem fast-schulpflichtigen und drei irgendwannmal-schulpflichtigen Kindern. Die zudem eine immer mal wieder schlaflose Mutter ist – und dies (meist) nicht wegen der Kinderschar, sondern weil die Gedanken um die Absonderlichkeiten unseres Schulsystems kreisen, dessen Anforderungen ganz normale Kinder zunehmend nicht mehr gewachsen sind und die in Regelklassen offenbar keinen Platz mehr finden :-(! Bei uns leider gerade ein hochaktuelles Thema…
Ich hoffe du schickst deinen Text noch als Brief ab, du hast nämlich genau den Punkt getroffen!
Dein Schreibstil ist einfach herrlich!
Lg Carmen