Husch! In die Schublade mit dir!

So schnell also geht das. Da schleppt dich dein Herr Gemahl – der sich von dir zwar schon so einiges gewöhnt ist, aber nicht, dass du mit fiebrigem Blick wirres Zeug erzählst – in die Notfallpraxis und ehe du dich versiehst, landest du in der Schublade mit der Aufschrift „Unterbelichtete Gebärmaschine mit Migrationshintergrund“.

Du liegst im Dämmerzustand auf dem Untersuchungstisch, kriegst durch den Nebel verschwommen mit, wie jemand Blutdruck und Fieber misst, eine Blutprobe nimmt und nach dem Beruf fragt. Irgendwo in deinem Gehirn ist die Antwort auf diese Frage gespeichert, das weisst du, aber diese Stelle ist gerade nur über eine sehr wacklige Leiter zugänglich und so ist, als die Information endlich auf deiner Zunge liegt, das Urteil über dich bereits gefällt: „Ach so, Ihre Frau spricht wohl kein Deutsch.“ Von diesem Moment an wirst du nicht mehr direkt angesprochen, dein Mann redet für dich. (Was wegen des Nebels und der wackligen Leiter für einmal auch in Ordnung ist.)

Minuten später ist die Person weg, dafür steht eine andere da. Auch die nimmst du nur verschwommen wahr, aber du bekommst mit, wie sie sich mit deinem Mann unterhält. „Kinder? Fünf? Ja, aber wer schaut denn zu denen, wenn Ihre Frau krank ist?“* Ein paar Untersuchungen, ein paar Empfehlungen und dann die nur rhetorisch gemeinte Frage: „Braucht sie ein Arztzeugnis? Wohl kaum. Mit fünf Kindern wird sie ja nicht auch noch arbeiten…“

Damit wäre die Sache für die Ärztin erledigt, du bist fertig untersucht und schubladisiert. Doch dein Mann möchte zur Sicherheit noch wissen, ob das ganze wirre Geschwätz, das du von dir gibst, nicht etwas alarmierend sei. Um zu illustrieren, was er meint, gibt er einige deiner Kalauer zum Besten. Die lapidare Antwort: „Sie kennen Ihre Frau besser als ich. Wenn Sie denken, dass dies nicht ihrem üblichen Verhalten entspricht, müssen Sie vielleicht ins Spital gehen mit ihr.“

Sie wird wohl recht haben, die Frau Doktor. So ein gebärfreudiges Weib mit fremdländischem Namen, der auf eine zweifelhafte Herkunft hindeutet, wird auch in gesundem Zustand nicht allzu viel Gescheites über ihre Lippen bringen. Da ist die Grenze zwischen Normalzustand und fiebriger Verwirrtheit nicht so leicht zu erkennen. 

*Der Vater der Kinder kann es auf alle Fälle nicht sein. Der hat doch viel wichtigere Dinge zu tun. Zumal in ein paar Stunden das Wochenende beginnt und da wird man von einem Mann doch nicht etwa erwarten, dass er sich in seiner Freizeit um den ganzen Weiberkram kümmert, bloss weil seine Alte wieder mal meint, sie müsse ein wenig kränkeln. 

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8 Kommentare zu “Husch! In die Schublade mit dir!

    • Danke! Langsam wird’s wieder.
      Ja, fand ich auch. Vor allem, weil mein Mann ausdrücklich darauf hinwies, dass wir zu Hause einen Scharlach-Patienten haben.

      • Das ist vermutlich schon so. Ich glaube aber, den Druck, gefälligst funktionieren zu müssen, erleben fast alle. Nicht einmal die ganz Alten haben mehr das Recht, einfach gebrechlich zu werden. Sie sollen gefälligst fit bleiben bis zum Tod.

  1. Als naive Norddeutsche muss ich mich mal kurz vergewissern:
    In der Schweiz wird, je nach Region, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Schwyzerdütsch und wohl auch Deutsch gesprochen und vermutlich auch noch diverse knackige Dialekte…meiner unmaßgeblichen Kenntnis nach… In welcher Sprache hast Du zum Arzt gesprochen, dass er meinte einschätzen zu können, du wärst nicht von hier?
    Ich dachte, die kleine vielsprachige Schweiz wäre etwas offener als die Norddeutsche Tiefebene, wo jedes Dorf sein eigenes Platt schnackt.

    • Eine Norddeutsche, die so gut mit der Schweizer Sprachlandschaft auskennt, würde ich ganz bestimmt nicht als naiv bezeichnen! Unsere Sprachenvielfalt hindert manche leider nicht daran, verbohrt und verständnislos zu sein.

      Das Problem war, dass ich nicht schnell genug antworten konnte, weil ich wegen des Fiebers durcheinander war. Wer zu langsam ist, hindert die reibungslosen Abläufe. Die Pflegefachfrau hat sich wohl gedacht, eine „echte“ Schweizerin wüsste sowas. Zeit ist schliesslich Geld…

  2. Ach Mensch, tut mir leid, dass du das erleben musstest – und auch noch, als es dir so schlecht ging.
    Ganz schnelle und vollstaendige Genesung und liebe Gruesse!

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