Zwei Reaktionen

Unser ehemaliges Au-Pair lebt seit einiger Zeit in Konstanz und da sie noch immer einen festen Platz in unseren Herzen hat, fuhren wir gestern über die Grenze, um sie zu besuchen. Natürlich war uns bewusst, dass wir damit Gefahr liefen, im gleichen Topf zu landen wie die Horden von Schweizern, die in Deutschland die Geschäfte stürmen, als herrschte in unseren Ladenregalen gähnende Leere, doch damit muss man leben können. (Nebenbei bemerkt: Ist meinen Landsleuten eigentlich bewusst, dass sie mit ihren Ausfuhrscheinen die Deutschen ebenso nerven, wie die Deutschen uns, wenn sie uns mit einem gekünstelten „Grüzi“ begrüssen?) Nun, ich weiss nicht, ob wir in diesem Topf gelandet sind, dafür weiss ich, dass man ganz unterschiedlich darauf reagieren kann, wenn Vendittis ein Geschäft mit ihrem Besuch beglücken. 

Zuerst war da mal dieses Teegeschäft – ziemlich esoterisch, aber wunderschön und einladend. Obschon „Meiner“ versuchte, unsere Horde draussen zu behalten, stürmten sie alle den Laden, als bekäme man dort für jeden Einkauf zehnfache Minimania-Säcklein geschenkt. Als die Verkäuferinnen sahen, wie das Prinzchen fröhlich um die Regale kurvte, reagierten sie blitzschnell: „Lass mich überlegen, was machen wir mit dir“, sagte die eine zum Prinzchen. „Möchtest du gerne ein Gläschen Tee probieren?“ Das Prinzchen wollte natürlich, die anderen wollten auch und bald schlürften fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis wertvollen Grüntee aus hübschen Gläschen. „Mama, den musst du kaufen“, sagten sie zu mir und verliessen dann ohne weitere Umstände den Laden, um mich in Ruhe stöbern zu lasen. Als ich bezahlte, meinte die Verkäuferin: „Auf dieses Prinzchen müssen Sie achtgeben. Der ist ein ganz besonderes Kind, ein Luftwesen, so frei und wild. Gehen Sie viel in die Natur mit ihm, das braucht er. 
Diese Reaktion berührte mich zutiefst, denn auch wenn ich nicht glaube, dass das Prinzchen ein Luftwesen ist, so weiss ich es doch sehr zu schätzen, wenn jemand den kleinen, wilden Bengel in sein Herz schliesst, obschon er doch gar nicht in einen feinen Teeladen passt. 

Eine Stunde später betraten wir eine Pizzeria, um unsere Kinder zu füttern, bevor sie zu quengeln anfingen. Ich hätte zwar lieber Indisch oder Griechisch gegessen, aber um die Gefahr zu bannen, dass unsere Söhne vor lauter Hunger den Kellner angreifen, sagte ich zum erstbesten Lokal ja. Es sah ja auch ganz nett aus. Als wir über die Schwelle gingen, stöhnte eine Frau, die auf ihr Essen wartete, laut vernehmlich auf, was mich ziemlich ärgerte, um des lieben Friedens Willen jedoch ignorierte. Wir setzten uns und „Meiner“ bestellte Mineralwasser für alle. (Erstes Stirnerunzeln des Kellners). Das Wasser kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Karlsson verzichtete ganz vernünftig auf eine Vorspeise, um sich dafür Ravioli mit Crevetten und Trüffelöl zu gönnen. Er bekam „Ravioli Primavera“ und als wir freundlich darauf hinwiesen, das hätten wir aber nicht bestellt, antwortete der Kellner gehässig, er sei sich zu 100% sicher, dass ich Primavera gesagt habe. Habe ich nicht und das sagte ich ihm auch, aber er wusste es besser und der enttäuschte Karlsson musste sich mit Primavera zufrieden geben – und danach Luises halbe Pizza verschlingen, die sie nicht essen mochte. Von da an kreiste der Kellner wie ein Aasgeier um unseren Tisch, um uns die Teller zu entreissen, kaum hatten wir den letzten Bissen in den Mund gestopft. Unser ehemaliges Au-Pair hatte noch ziemlich viele letzte Bissen vor sich, als er ihr den Teller wegnehmen wollte, was sie aber nicht zuliess. Er gab ihr deutlich zu spüren, dass er den Teller lieber jetzt schon genommen hätte, denn diese lästigen Vendittis mit ihrer Brut – die sich übrigens ganz anständig aufführte – sollten jetzt endlich aus seiner Pizzeria verschwinden. Das taten wir dann auch bald einmal, aber erst, nachdem „Meiner“ ganz untypisch darauf beharrt hatte, 96.40 zu bezahlen und nicht 100, wie der Kellner gehofft – und offensichtlich auch erwartet – hatte. 

Die Versuchung ist natürlich gross, nur den kinderhassenden Kellner in Erinnerung zu behalten, aber ich habe beschlossen, auch die kinderliebende Verkäuferin aus dem Teeladen nicht zu vergessen und darum soll das Prinzchen heute den ganzen Tag draussen spielen. An der frischen Luft, wie es sich für ein Luftwesen gehört…

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Zwei Stecken unter dem Esstisch

Wie oft habe ich schon gesagt, dass Stecken draussen bleiben müssen?

Wie oft habe ich mich schon gebückt, um sie trotz aller Ermahnungen unter Betten, Esstischen, Kloschüsseln, Regalen, Stühlen hervor zu angeln?

Wie oft habe ich in der Wut einen zerbrochen und aus dem Fenster geschmissen, nachdem ich brutal darüber gestolpert war?

Wie oft habe ich Streit geschlichtet, weil nur ein einziger Stecken aus dem ganzen grossen Wald den Ansprüchen meiner Söhne genügen konnte?

Wie oft bin ich dazwischen gesprungen, ehe sie mit den Dingern aufeinander einschlagen konnten?

Wie oft habe ich schon Tränen getrocknet, weil einer des anderen Stecken gestohlen, kaputt gemacht oder zweckentfremdet hatte?

Wie viele sind schon auf der Strecke liegen geblieben, weil ich mich weigerte, meinen Söhnen das gesammelte Holz nach Hause zu schleppen?

Wie oft habe ich mir schon Vorwürfe anhören müssen, weil ich einen dieser magischen Stecken für ein ganz gewöhnliches Stück Holz gehalten hatte?

Wie viele durch Stecken zugefügte Wunden habe ich verarztet?

Wie viele davon hat „Meiner“ zu Fotoobjekten zweckentfremdet und dadurch für lautes Protestgeheul gesorgt?

Wie lange wird es noch dauern, bis ich wehmütig an die Stecken zurückdenke, weil sie plötzlich keiner mehr anschleppt?

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Heute

Natürlich habe ich mir fest vorgenommen, genau das zu tun, was die Mehrheit meiner Leserschaft ebenfalls für richtig angesehen hat, nämlich das Leben zu geniessen. Das hätte dann etwas so ausgesehen: Ein ausgedehnter Morgenspaziergang im Wald – ganz ohne Schreien -, dann mit Bus und Laptop in die Stadt, damit ich bei Kaffee und Sonnenschein ein wenig arbeiten könnte, Stöbern in der Buchhandlung, vielleicht zu Fuss nach Hause zurück, vielleicht auch mit dem Bus, ein heisses Bad, ein einfaches, feines Mittagessen, garniert mit ausgedehnter Zeitungslektüre, Mittagsschlaf und dann die Kinder abholen. Wäre doch nett gewesen, nicht wahr?

Nun, mein Schlafmanko war da anderer Meinung. „Du könntest dich ruhig mal um mich kümmern, wo schon mal alle aus dem Haus sind“, meckerte es schon bevor ich das Prinzchen in die Obhut der Kindergärtnerin übergeben hatte. Ziemlich verwundert schaute ich das Schlafmanko an. „Um dich habe ich mich doch bereits in Schweden ausgiebig gekümmert. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?“ Das Schlafmanko lachte höhnisch. „In Schweden? Ja, da hast du mir tatsächlich ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen, aber das ist eine halbe Ewigkeit her…“ „So lange nun auch wieder nicht“, unterbrach ich. „Eine halbe Ewigkeit, sage ich“, beharrte das Schlafmanko, „und darum gehört dieser Tag mir.“ „Er gehört mir“, widersprach ich heftig. Etwas zu heftig wohl, denn dem Schlafmanko traten die Tränen in die Augen. „Nie nimmst du dir Zeit für mich, dabei habe ich dir über all die Jahre die Treue gehalten. Nicht einen einzigen Tag bin ich von deiner Seite gewichen und jetzt, wo du endlich etwas Zeit für mich hättest, willst du mich links liegen lassen.“ Das Schlafmanko tat mir richtig Leid. „Okay, du bekommst eine Stunde“, sagte ich. „Zwei Stunden“, feilschte das Schlafmanko. „Neunzig Minuten“, beharrte ich. „Einverstanden“, sagte das Schlafmanko und da wir gerade zu Hause angekommen waren, legte ich mich noch vor dem Frühstück ins Bett. Das Schlafmanko deckte mich zu, sang mir ein Schlaflied und bald war ich im Land der Träume.

Was dann geschah, weiss ich nicht. Ich nehme an, das Schlafmanko zog mir eins mit dem Holzhammer über, vielleicht flösste es mir auch heimlich ein Schlafmittel ein. Auf alle Fälle verschlief ich nicht nur Frühstück und Znüni, sondern gleich noch das Mittagessen. Als ich aufwachte, blieben mir gerade noch neunzig Minuten, um das Leben zu geniessen. „Was hast du getan?“, keifte ich, als ich das Schlafmanko frech grinsend auf dem Sofa sitzend antraf. „Nichts habe ich getan“, antwortete das Schlafmanko mit Unschuldsmiene. „Was kann ich denn dafür, dass du den Wecker überhörst und einfach weiter pennst?“ Dagegen konnte ich natürlich nichts einwenden und so beschloss ich, mich einfach daran zu freuen, dass ich ganz ungestört hatte schlafen können. Und weil mir der zusätzliche Schlaf einen Haufen zusätzlicher Energie gab, konnte ich später, als die Kinder bereits wieder zu Hause waren, das tun, wozu mir nur ein einziger Leser geraten hatte: Diesen Saustall endlich wieder einmal ausmisten. 

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Übermorgen

Karlsson ist von Montag bis Freitag im Klassenlager, „Meiner“ und die anderen Kinder sind am Dienstag auf Sternwanderung, die Wetterprognose verheisst prächtiges Wetter und das stellt mich vor ein grosses Problem: Was mache ich an einem Tag, an dem von 8:10 Uhr bis 14:30 Uhr kein einziges Familienmitglied etwas von mir wollen kann? Man könnte ja so unglaublich viel anstellen an einem solchen Tag. Zum Beispiel vollkommen ungestört fast das ganze Wochenpensum abarbeiten. Pasta mit Mayonnaise essen und dabei die Zeitung lesen. In den Zug sitzen und ins Blaue fahren. Stundenlang schreiben. Schlafen. Jemandem helfen. Gärtnern… Die Auswahl ist überwältigend und genau dies ist es, was mich überfordert. Was, wenn ich mich für das Falsche entscheide und abends ernüchternd feststellen muss, dass ich die kostbaren Stunden vergeudet habe?  Es kann Ewigkeiten dauern, bis eine solche Gelegenheit wieder kommt und die Angst, alles zu vermasseln ist gross. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine geschätzten Leser zu fragen, was ich aus dem kommenden Dienstag machen soll. Ich bin gespannt auf das Abstimmungsergebnis; ob ich dann auch tun werde, was die Mehrheit meiner Leserschaft für richtig hält, wird man sehen. Vielleicht komme ich ja plötzlich auf die Idee…

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Heute investiert

75 Minuten und 110 Blumenzwiebeln in einen bunteren Frühling. 

6,5 Minuten in die botanische Erziehung des Prinzchens und seines besten Freundes. („Zuerst mit dem Ende des Kochlöffels ein Loch in die feuchte Erde graben…Nein, noch etwas tiefer…noch etwas tiefer…Halt! So tief nun auch wieder nicht…jetzt die Blumenzwiebel rein, zudecken und das nächste Loch graben. Nein, nicht hier, hier habe ich schon eine gesetzt….Ihr mögt nicht mehr? Die hier noch, dann seid ihr fertig. Bringt den Kochlöffel wieder nach oben, den brauche ich noch. Nein, das machst du. Ja, ich weiss, du hast Rückenschmerzen von der harten Arbeit, aber glaub mir, das habe ich auch und mein Rücken ist bedeutend älter als deiner….“)

125 Gedanken und drei Gesprächsminuten mit „Meinem“ in eine verbesserte Nutzung des Gewächshauses. 

18 Gedanken in die Optimierung der Melonengrösse. Nicht, dass ich es übertreiben möchte, aber ich habe das Gefühl, dass für eine ausgereifte Tigermelone auch etwas mehr als 5 Zentimeter Durchmesser drinliegen.

39.80 Fr. in ein Verbessertes Raumklima und damit unendlich viel in das Wohlbefinden unserer Gäste, die den Geruch unserer Katzen durchaus noch wahrnehmen, wenn sie die Wohnung betreten.

Eine mit Curry-Blumenkohl belegte Piadina in die Liebesbeziehung zwischen dem Zoowärter und dem genannten Gemüse.

2 Stunden in das Anlegen eines Pfirsich-Wintervorrats. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Nachbarn, der seinen Pfirsich-Überfluss mit uns teilt. Ja, wir haben auch anständige Nachbarn, nicht nur solche, die immer gleich die Polizei rufen.

2 Kilo zukünftiger Essiggurken in das Glück meines Mannes. Und meiner Kinder, falls „Meiner“ etwas für sie übrig lässt.

Je einmal ausschlafen und einmal Mittagsschlaf in die Bekämpfung meiner Dauermüdigkeit.

30 Minuten in ein glücklicheres Leben unserer Wachteln.

Viel Arbeit, ein bisschen Shopping und noch mehr Abwechslung in die Verhinderung meiner üblichen samstäglichen Misere. 

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Wie Mama Venditti inzwischen einkauft

Crèmeschnitten:

„Okay, da wären mal sieben Vendittis, mit Prinzchens bestem Freund und Luises bester Freundin sind wir neun. Hmmm, ich glaube, ich nehme besser zehn Stück, man weiss ja nie, wer noch aufkreuzt.“ (Die zehnte Crèmeschnitte bekommt dann auch tatsächlich der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der während meiner Abwesenheit spontan aufgekreuzt und geblieben ist.) 

Obst:

„Wir brauchen mindestens acht Kilo. Das Kilo Mirabellen, die zwei Kilo Trauben, zwei Kilo Zwetschgen und die zwei Kilo Äpfel von vorgestern sind bereits aufgegessen. Ach ja, und ich muss noch Bananen kaufen. Prinzchens bester Freund liebt die Dinger und ich kann ihn nicht schon wieder enttäuschen, weil ich keine im Haus habe…“

Getreideriegel:

„Wenn ich die Schachtel à sechs Stück kaufe, reicht das zwar für unsere fünf Kinder und für Prinzchens besten Freund. Aber was mache ich, wenn einer von Zoowärters besten Freunden heute auch noch vorbeischaut? Doch halt, wenn der kommt, muss ich ohnehin eine andere Sorte kaufen. Ich glaube, er mag die mit den Marroni gar nicht. Ob er überhaupt Getreideriegel mag? Vielleicht kaufe ich doch besser etwas Salziges für ihn.“

Brot:

„Luise und das Prinzchen möchten sicher, dass ich einzelne Brötchen bringe. Aber wenn dann noch Luises Schulkameradinnen zum Lernen vorbeikommen, habe ich nicht genug für alle und das wäre unfair. Ich glaube, ich kaufe doch besser zwei ganze Brote. Oder vielleicht auch vier, dann reicht es vielleicht noch fürs Abendessen.“

Saft:

„Eigentlich wäre ein Karton Süssmost praktisch, aber Zoowärters Freunde versauen mir immer den Fussboden, wenn sie sich den Saft selber zapfen. Da nehme ich lieber Orangenjus.“

Abendessen:

„Ich glaube, heute Abend koche ich indisch. Ein Gemüsecurry, etwas mit Poulet und Gewürzreis. Ob Prinzchens bester Freund indische Küche mag? Vielleicht lasse ich die Gewürze im Reis besser weg. Ich möchte nicht, dass er hungrig nach Hause geht…“

Tiefkühlgipfeli im Sonderangebot:

„Ob ich die kaufen soll? Man weiss ja nie, wen unsere Kinder am Wochenende zum Übernachten einladen und dann wäre es nett, wenn wir den kleinen Gästen Gipfeli auftischen könnten.“

In meinen Augen ist das stetige Kommen und Gehen von vielen lieben Menschen etwas vom Schönsten am Leben in einer grossen Familie.

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Arbeits-Wellness-Haushaltsmorgen

Nein, ich habe es bei Weitem noch nicht im Griff, wie es sich geschickt mit neu gewonnener Freiheit, Heimarbeit und Haushalt jonglieren lässt. Heute ein Versuch, den ich wohl nicht zum letzten Mal unternommen habe:

Vor dem Frühstück ein kurzer Spaziergang zum Kindergarten, ein Abstecher zur Bäckerei und dann ein Blitz-Frühstück mit Karlsson, der erst um neun Schule hat. Danach eine erfrischende Runde ums Haus – Wachtelkäfig abdecken weil Regen droht, Nacktschnecken-Versalzen und Altpapier vor dem Gartentor aufstapeln – und dann ein Gang in den Keller, um die Sauna einzuschalten. Währenddem der Saunaofen sich aufheizt, skizziere ich oben eine kleine Artikelserie, schreibe einleitende Sätze und verlinke, was sich bereits verlinken lässt. Nach vierzig Minuten Arbeit ist die Sauna heiss, ich geniesse die Ruhe und mache mir Gedanken über den Inhalt der einzelnen Artikel. Dies erfordert ein Eintauchen in eine längst vergangene Zeit, als ich heulend mit einem Stillkind auf dem Sofa sass, Staubfusseln anstarrte und dachte, so würde es bis an mein Lebensende bleiben. Nach fünfzehn Minuten ist genug geschwitzt und die einzelnen Texte haben in meinem Kopf Form angenommen. Wieder oben schreibe ich weiter, bis es Zeit wird, das Mittagessen in den Ofen zu schieben. Eine Schrecksekunde lang glaube ich, der Gusseisentopf, der noch von meiner Grossmutter stammt, die ich nie gekannt habe, hätte ein Loch, aber es stellt sich heraus, dass nur das billige Litermass, mit dem ich Wasser eingefüllt habe, eine undichte Stelle hat. Als Bohnen, Kartoffeln und Speck im Ofen sind, gönne ich mir einen weiteren Saunagang, diesmal mit dem „Spiegel“. Nicht, weil ich sonderlich Lust auf Lektüre bei schummrigem Licht und ohne Brille hätte, sondern einfach, weil mir in unserer eigenen Sauna keiner verbieten kann, Zeitschriften zu lesen. Zum Schluss noch eine kurze Dusche und hinaus ins Regenwetter, um das Prinzchen abzuholen – für einmal ganz ohne Kater.

Rückblickend würde ich meinen Jonglierversuch als durchaus gelungen bezeichnen, auch wenn ich mir ein wenig vorkomme wie dieser hier:

Unknown  

Und hier noch der Text, der aus seinem Mund käme, hätte ich das richtige Bild gefunden: „Nun, ich hab‘ die erste Hälfte der ersten Platte fertig. Ich verschnauf‘ ein wenig, dann feg‘ ich die zweite Hälfte der ersten…Ich verschnauf‘ ein wenig, dann kommt die erste Hälfte der zweiten…ich versch…“
Im Detail nachzulesen bei „Asterix und der Arvernerschild“.

Die Gewissenhaftigkeit in Person

Nein, heute war nicht sein Tag. Zuerst wollten weder Mama noch Kindergärtnerin glauben, dass er es nicht schafft, schon wieder in die Turnhalle zu gehen. Später musste er feststellen, dass der Inhalt seiner Znünibox so gar nicht seinen Wünschen entsprach. Auf dem Heimweg rannte der beste Freund einfach so mit anderen Kindern davon. Da halfen weder Protestgeschrei, noch Schubsen und Zerren. Am Nachmittag fuhr Grossmama ohne ihn in die Migros und abends wollte Papa ihn dazu zwingen, mit allen anderen am Tisch zu essen. Diese letzte Ungerechtigkeit brachte das Fass zum überlaufen, ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als schluchzend auf dem Fussboden einzuschlafen. 

Gegen 23 Uhr wird er wieder wach, er schleppt sich in sein Bett, wo er versucht, den Schlaf wieder zu finden. Plötzlich dieser Gedanke: „Habe ich meine Zähne überhaupt schon geputzt?“ Er fragt seine Eltern. Papa behauptet, die Zähne seien sauber, Mama kann die Frage nicht beantworten, denn sie war mit dem grossen Bruder im Fechttraining. „Nein, Papa, heute Abend habe ich die Zähne nicht geputzt. Das war gestern“, insistiert er, als Papa sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Also muss Mama die Zahnbürste ans Bett bringen, denn aufstehen mag er jetzt nicht mehr. Als er fertig geschrubbt hat, zeigt er wie immer sein blitzblankes Gebiss, auch wenn es dunkel ist im Zimmer. Er will wissen, ob seine Zähne jetzt sauber sind. „Sie sind sauber“, bestätigt die Mama und jetzt endlich kann er diesen elenden Tag hinter sich lassen und getrost wieder einschlafen. 

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Elternabend mit Kater

Bereits wenn ich auf dem Anmeldezettel angebe, „Meiner“ und ich würden wenn möglich beide zum Elternabend erscheinen, weiss ich genau, dass es auch dieses Jahr nicht klappen wird. „Meiner“ wird garantiert nicht mitkommen können, denn einer von uns beiden muss die jüngeren Kinder zu Bett bringen, den älteren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und die Küche aufräumen. Da „Meiner“ schon den ganzen Tag im Schulzimmer verbracht hat und ich ganz froh bin, unser Irrenhaus abends zu verlassen, um zwei Stunden in einem anderen Irrenhaus zu verbringen, bin gewöhnlich ich diejenige, die zum Elternabend geht. Und gewöhnlich bin ich die Einzige, die ohne männliche Begleitung erscheint, denn bei solchen Anlässen zeigen sich sogar jene Väter, die gerade mal knapp den Namen des Kindes kennen, für das sie Alimente bezahlen. Dann sieht es so aus, als würde sich „Meiner“ einen Dreck um die schulischen Belange unserer Kinder scheren, dabei ist er es, der sich mit Engelsgeduld – manchmal auch mit viel Gezeter – darum kümmert, dass unsere Kinder rechnen und rechtschreiben lernen. Ich hingegen, die ich mich bloss um Alltagskram wie Pausenbrote, fiese Schulkameraden und vergessene Turnsachen kümmere, sitze brav auf dem Stühlchen und notiere mir alles, was den zu Hause gebliebenen Pädagogen interessieren könnte. 

Es ist geradezu peinlich, wie peinlich mir solche vermeintlichen „Der Vater meiner Kinder interessiert sich einen Dreck für die Schule“-Auftritte sind. Kater Leone muss genau dies gespürt haben, denn als ich mich heute Abend auf den Weg zum Kindergarten machte, folgte er mir und wich nicht mehr von meiner Seite. Nichts konnte ihn davon abhalten, mit mir zu kommen, weder der Raser, der in der 30-er Zone viel zu schnell unterwegs war, noch die Ambulanz, die den armen Kater mit ihrer Sirene gehörig erschreckte. Einen Augenblick nur zögerte er, als ich das Kindergartengebäude betrat, doch dann folgte er mir auch dorthin, die Treppe hoch bis zur Zimmertüre. Dort aber verliess ihn plötzlich der Mut. Passte ihm der Geruch nicht, hatte es zu viele fremde Menschen, oder wollte er vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit mit diesem kleinen Lausebengel namens Prinzchen in Verbindung gebracht werden? Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag, Leone machte auf der Schwelle Kehrt und ich musste alleine ins Zimmer gehen. Dabei hätte ich in der Vorstellungsrunde doch so gerne gesagt: „Ich bin Prinzchens Mama und das hier ist mein Kater, der einen nicht unerheblichen Beitrag zu meiner Entspannung leistet, wenn der gewöhnlich so liebe kleine Junge mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Nun, ich habe den Elternabend auch ohne Leones Hilfe überstanden, doch als er mich draussen vor dem Kindergarten erwartete, wurde mir ganz warm ums Herz. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg und wäre es mir nicht allzu peinlich gewesen, dann hätte ich der treuen Seele davon erzählt, wie zufrieden ich mit Prinzchens Kindergärtnerin bin. Ich habe dann eben „Meinem“ vorgeschwärmt. Von der Kindergärtnerin, die so unkompliziert und humorvoll ist. Und von dem Kater, der es auf sich genommen hat, mich zum Elternabend zu begleiten.

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Wenn der Kopf allmählich wieder erwacht,…

…dann stehe ich leicht verwundert vor meinem Bücherregal und frage mich, ob ich denn in den vergangenen sechs oder sieben Jahren nur Mist gelesen habe. Zum Glück finden sich zwischen den seichten Schinken auch noch ein paar echte Perlen, die ich mir voller Begeisterung gekauft habe, die mir während der Kleinkinderjahre dann aber zu anspruchsvoll waren, weshalb sie halbgelesen im Regal landeten. An anständigem Lesestoff sollte es mir in den kommenden Monaten also nicht mangeln.

…dann dürfen Filme plötzlich wieder politisch sein, dramatisch oder von mir aus auch aufregend. Einzig auf das Happy Ending bestehe ich weiterhin.

…dann antworte ich nicht mehr auf jede zweite Kinderfrage mit „Das kann ich dir im Moment nicht sagen. Ich habe es mal gewusst, aber es will mir einfach nicht mehr einfallen. Müssen wir mal im Internet nachlesen…“

…dann fällt mir auf, dass ich noch eine ganze Menge wissen und lernen möchte und zwar nicht bloss, wie man kleinen Kätzchen beibringt, nicht auf den Tisch zu springen, sondern vielleicht wieder einmal etwas ganz Komplexes, etwas, wovon ich noch nicht viel verstehe, was mich aber schon immer interessiert hat.

…dann finde ich gewisse Gespräche, die ich nun schon seit Jahren mit fremden Müttern führe, nur noch ganz schrecklich öde.

…dann möchte ich meine Tage wieder halbwegs strukturiert verbringen und mich nicht stets von „Mama, ich will Kakao und zwar jetzt sofort“ und dergleichen herumhetzen lassen. Aber natürlich nur so viel Struktur, dass immer noch genug Freiheit bleibt für „Komm doch gleich jetzt zum Kaffee, ich habe Zeit“ oder „Du willst noch ein weiteres Kapitel ‚Karlsson‘ hören? Aber gerne“.

…dann sehe ich, dass viele Dinge, die mir in den vergangenen Jahre als Berge erschienen sind, eigentlich bloss Maulwurfshügel sind, die sich relativ leicht beseitigen lassen, wenn nicht stets etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

…dann erkenne ich, wenn ich ganz lange in den Spiegel schaue, wieder Spuren der Frau, die ich war, ehe ich Mutter wurde. Nein, ich möchte nicht zurück, um nichts in der Welt. Aber es freut mich doch, dass diejenige, die da mal war, nicht vollends verschwunden ist. Im Gegenteil: Mir scheint, sie würde ganz gerne hin und wieder zu einem Tässchen Tee kommen, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Wir zwei, das muss man wissen, haben damals nämlich stets Tee getrunken, was man sich nur leisten kann, wenn man nicht ganz dringend Koffein braucht, um weitermachen zu können.

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