Nach zwei Tagen…

…die wir damit verbracht haben, in winzige, bunte Holzhäuschen zu kriechen, auf riesengrosse Möbelstücke zu klettern, Michel, Klein-Ida, Nils-Karlsson Däumling, Madita, Karlsson vom Dach und Ronja Räubertochter auf der Bühne zu bewundern, an lauschigen Plätzen zu picknicken, die Kinder dabei zu bewundern, wie grossartig sie den „Nicht den Fussboden berühren“-Parcours meistern, zu diskutieren, ob Frau Petrells Haus nicht stattlicher sein müsste, nach dem perfekten Souvenir zu suchen und immer und immer wieder zu sagen, wie grossartig diese Frau Lindgren doch war, haben „Meiner“ und ich nur noch das eine Bedürfnis: Schlafen und vom einfachen Leben in Bullerbü träumen. Oh ja, wir haben die Besuche in Astrid Lindgrens Värld genossen, doch jetzt sind wir hundemüde.

Unsere Kinder aber haben dort nicht nur Zuckerstangen, Postkarten, Krumulus-Pillen, Kuckelimuck-Medizin und ein Madita-Kleidchen erstanden, sondern offensichtlich auch eine ganze Menge Energie. Und so spielen sie bis zur Dämmerung – also bis elf Uhr oder so – auf dem Rasen vor dem Haus das Leben in Lönneberga nach. Da werden Missetäter in den Tischlerschuppen geschickt, es werden Spukgeschichten erzählt, man tanzt einen abendlichen Walzer und immer wieder ertönt die Bitte: „Mama, singst du mit uns Klein-Idas Sommerlied und dann noch das Lied von Karlsson und dann noch…“. Ja, und dann glauben sie doch allen Ernstes, wir könnten vor dem Eindunkeln noch im nahe gelegenen See baden gehen, so, wie Michel und Alfred das getan haben.

Einfach herrlich, ich weiss und mir wird auch ganz warm ums Herz, wenn die Fünf so erfüllt sind von dem, was wir gesehen und erlebt haben. Aber werden die denn nie müde?

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Ansichtssache

„Meiner“ und ich bemitleiden den FeuerwehrRitterRömerPiraten jeweils wegen seines Geburtstags. Mitten in den Sommerferien, meist an einem Ort, wo Kuchenbacken nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist und die Geschenke eine gewisse Grösse nicht überschreiten dürfen, weil sie sonst nicht mehr ins Reisegepäck passen. Die Geburtstagsparty mit Freunden muss entweder Wochen vorher oder Wochen nachher stattfinden, die Geschenke von Verwandten tröpfeln so nach und nach herein.

Das ist unsere Sicht, die Geschwister des FeuerwehrRitterRömerPiraten sehen das ganz anders: Er bekommt die ausgefallensten Tortendekorationen, die grösste Vielfalt an Süssigkeiten, die Luftballons, die es in der Schweiz nicht gibt. Nie muss er an seinem Geburtstag zur Schule gehen, wir alle haben Zeit, ihn den ganzen Tag zu feiern, meistens gibt es ein ausgefallenes Spezialprogramm.

Darum war das Protestgeheul gross, als „Meiner“ und ich verkündeten, wir würden Astrid Lindgrens Värld am Geburtstag des FeuerwehrRitterRömerPiraten besuchen. „Dann wird sich wieder alles nur um ihn drehen, dabei freuen wir uns seit Monaten auf diesen Ausflug“, protestierten die anderen. „Meiner“ und ich redeten uns den Mund fusselig, um die aufgebrachten Geschwister zu beruhigen, doch nichts half. Bis mir endlich das Argument in den Sinn kam: „An seinem Geburtstag lassen sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten gratis rein. Das heisst, mehr Geld für uns alle. Vielleicht liegt dann ja sogar ein zusätzliches Souvenir drin…“ Da konnten sie natürlich nichts mehr einwenden, auch wenn sie es noch immer furchtbar unfair finden, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat echte schwedische Zuckerstangen und „einen Ring Bratwurst von der Besten“ bekommt.

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Traumhaft

Wenn ein Abendspaziergang mit der Familie ganz unerwartet zu einer privaten Führung mit einem ortskundigen Reiseleiter wird,…

Wenn du nur mal schnell dem Prinzchen die Kälbchen zeigen willst und ihr gleich in den Stall gebeten werdet, wo dein staunender Jüngster sieht, wie die Milch von der Kuh in den Tank kommt,…

Wenn dich die Leute bei jedem Wort, das du auf Schwedisch stammelst, mit Lob überhäufen,…

Wenn du zum ersten Mal im Leben wild wachsende Bartnelken siehst,…

Wenn es an jeder Strassenecke frische, süsse Erdbeeren zu kaufen gibt,…

Wenn du anfängst, mit einem wildfremden Menschen in einem Mix aus gebrochenem Englisch und gebrochenem Schwedisch über die Vorzüge eines Gewächshauses zu fachsimpeln,…

Wenn die Häuser rot, gelb, blau, rosa, hellgrün, dunkelgrün… auf gar keinen Fall aber grau sind,…

Wenn du keine Worte findest, um die Schönheit der Natur zu beschreiben,…

Wenn Lachs aus nachhaltiger Fischerei so günstig ist, dass die ganze Familie davon satt wird,…

…dann läuft Mama Venditti Gefahr, zu glauben, in Schweden sei alles besser als zu Hause.

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Sieben unter einem Hut

Familienferien sind schön, ganz klar, aber Familienferien sind auch eine Herausforderung, denn wenn der Einzelgänger dazu gezwungen ist, sein Zimmer mit dem Herdentier zu teilen, dann kommt es früher oder später unweigerlich zum Krach. Vor allem, wenn die Leseratte ebenfalls im gleichen Zimmer schlafen muss und abends das Licht nur so lange brennen lassen darf, wie die anderen es dulden. Für weiteren Zündstoff sorgt, dass das Herdentier unglaublich unternehmungslustig ist, was dem Genussmenschen, der einfach nur in den Tag hinein leben möchte, vollkommen gegen den Strich geht. Während der Krachmacher hier draussen endlich mal so richtig laut sein darf, ringt der Ruhesuchende verzweifelt um Fassung. Warum muss der ausgerechnet hier so laut sein, wo endlich mal weder Motorenlärm noch Nachbars Rasenmäher stören? Der Ordnungsliebende rauft sich derweilen die Haare, weil die anderen sich einfach so gehen lassen, als wäre Ordnung im Urlaub vollkommen unwichtig. Um dem ganzen Chaos noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, schmieden die einzelnen Charaktere im Laufe des Tages immer wieder neue Allianzen, denn es findet sich immer ein Verbündeter, der auch gerade das will, was die anderen Fünf nicht wollen.

Es könnte ziemlich schwierig werden, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, wollten wir nicht trotz Unterschiedlichkeiten alle dasselbe: Die Zeit in diesem wunderschönen Land geniessen, möglichst viel Unbekanntes kennenlernen und jeden Tag in Frieden mit einem Kapitel „Michel“ abschliessen.

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Bildungslücken füllen

Heute Nachmittag, als wir gemütlich durch Mariannelund schlenderten, wurde auf einmal eine riesige Bildungslücke sichtbar. “ Mama, weisst du noch, wie der Michel einmal mit seiner Büsse einen Dieb verjagte?“, fragte Karlsson. „Und als er Klein-Ida an der Fahnenstange hochzog? Das muss ein Spass gewesen sein…“, sagte Luise. „Und sein armer Papa war immer das Opfer…“, meinte der FeuerwehrRitterRömerPirat kichernd. „Oh ja, der arme Papa mit dem Blutklösseteig…“, fing ich an, doch der Zoowärter unterbrach mich: „Was hat der Michel mit der Fahnenstange gemacht?“ Und noch ehe ich antworten konnte, wollte das Prinzchen wissen, was denn eine Büsse sei. Als ich nicht gleich zu erklären begann, wandte sich das Prinzchen an „Meinen“: „Papa, was ist eine Büsse und warum hatte der Michel eine?“ „Also, äääähh, ich glaube…also ja, da musst du die Mama fragen…“, stammelte „Meiner“ und da dämmerte mir, dass etwas geschehen muss und zwar sofort.

„Luise, hast du nicht den ‚Michel‘ mitgenommen?“, fragte ich. Als sie bejahte, stand das Programm für heute Abend fest: Zuerst ein Ausschnitt aus dem Bullerbü-Film, dann ein Kapitel „Michel“ für die Kleinen und schliesslich Pflichtlektüre für „Meinen“. Karlsson, Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich können uns doch unmöglich mit solch ungebildetem Pack in Vimmerby zeigen.

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Stille

In Sichtweite kein Nachbarhaus, einzig das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Summen der Bienen und das Lachen – wahlweise auch das Streiten – unserer Kinder, kühles Gras unter nackten Fusssohlen, Grün soweit das Auge reicht, ein altmodisches, kleines Haus, natürlich in Rot, die Freiheit, einfach in den Tag hinein zu leben, Hagenbuttensuppe aus dem Tetrapack zu probieren und mit einem Ball, dem bald die Luft ausgeht, Fussball auf der riesigen Wiese vor dem Haus zu spielen. Wann war unser Leben zum letzten Mal so herrlich entspannt und unkompliziert?

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Dialog am frühen Morgen

Mama: „Zoowärter, weisst du denn schon, was es heute zum Abschiedsessen im Kindergarten gibt?“

Zoowärter (noch ziemlich verschlafen): „Süssigkeiten…“

Mama: „Süssigkeiten? Soooo fein. Und was gibt es sonst noch?“

Zoowärter (überlegt lange): „Ketchup.“

Mama: „Und was noch?“

Zoowärter (überlegt wieder lange): „Pommes Chips.“

Mama: „Toll! Und was noch?“

Zoowärter: „Mayonnaise.“

Mama: „So ein tolles Menü für eine Abschiedsparty. Gibt es denn sonst noch etwas?“

Zoowärter (wie aus der Pistole geschossen, zumindest, wenn man bedenkt, dass er noch nicht ganz wach ist): „Wenn wir alles Ungesunde aufgegessen haben, dann essen wir Früchte.“

In den vergangenen Monaten habe ich viel gewettert über die Volksschule, aber solange es noch Kindergärtnerinnen gibt, die sich mutig über den „Wir machen immer alles auf den Punkt genau nach Vorschrift“-Wahn hinwegsetzen, ist noch nicht alles verloren. Ich bitte um einen grossen Applaus für die zwei tapferen Heldinnen.

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Wenn…dann

Wenn…

…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…

…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…

…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…

…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…

…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…

…dann

bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.

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Margerite

Es gibt ein einziges motorisiertes Gefährt, das mich zum Träumen verleitet, nämlich der „Döschwo„. Wann immer ich einen sehe, rufe ich: „Habt ihr gesehen, Kinder? Das war ein Döschwo. Sollte ich je Geld haben, das ich zum Fenster hinaus werfen kann, dann kaufe ich mir einen…“ Dann erzähle ich von dem Prachtstück in Bordeaux und Schwarz, in welches meine Eltern jeweils ihre drei jüngsten Kinder und den riesigen, kinderfeindlichen Köter quetschten und über Land tuckerten. Und wenn die Kinder dann wissen wollen, weshalb meine Eltern das Auto nicht behalten haben, erzähle ich von dem Dieb, der einmal, als mein Vater in Paris war, das Dach der armen, kleinen Ente aufschlitzte und die Kamera, die auf dem Sitz lag, entwendete. 

Neulich, als Luise und ich miteinander unterwegs waren, sahen wir ein ähnliches Prachtexemplar. Rabenschwarz, blank poliert und über und über mit Margeriten verziert. Wir zwei, die wir sonst keinem Auto Beachtung schenken, es sei denn, der Fahrer falle uns auf die Nerven, blieben stehen und sahen dabei zu, wie die Fahrerin versuchte, ihren Döschwo zwischen zwei Offroader zu zwängen. Die Frau war mir auf Anhieb sympathisch, nicht nur, weil sie das Gefährt meiner Träume fuhr, sondern auch, weil sie und ihre Ente sich durch die bedrohlichen Monster nicht im Geringsten beeindrucken liessen.

Ich stellte mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich die Frau am Steuer wäre, als Luise mich fragte: „Mama, warum hat die Frau ihr Auto eigentlich mit dem ‚Implenia‘-Logo verziert?“ Schlagartig erwachte ich aus meinen Träumen. Was hänge ich auch alten Zeiten nach? Die Strasse gehört längst nicht mehr den Döschwos, sondern den Offroadern und die Margerite ist auch für kleine Mädchen zum Erkennungszeichen eines Baukonzerns geworden.

Und weil ich für diesen Baukonzern nicht werben will, gibt’s heute eben eine Mohnblume.

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Schon wieder…

Noch einmal so ein Anlass, bei dem ich erkennen musste, dass ich einfach nicht mehr ins Bild passe: Kindergartenbesuch mit dem Prinzchen, die meisten Mütter mit dem ersten Kind, eine oder zwei mit dem Zweiten und ich mit dem Fünften. Wäre ich mit dem dritten Kind hier, würde ich von den anderen Müttern wohl als wandelnder Kindergartenratgeber angesehen, so aber bin ich in den Augen der anderen die abgebrühte Mehrfachmama, die sich nicht mehr richtig um ihren Nachwuchs sorgen mag.

Es ist ja auch wirklich schlimm, was ich da von mir gebe. Die Mamas empören sich über den schlimmen Schulweg, ich teile zwar ihre Meinung, dass es durchaus ein paar gefährliche Stellen gibt, merke dann aber noch an, es sei doch erstaunlich, wie gut die meisten Kinder mit diesen Gefahren umzugehen wüssten und dass ein Kind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger Begleitung benötige. Mit entrüsteten Blicken gibt man mir zu verstehen, dass ich mit meiner Aussage ziemlich daneben liege. Naiv, wie ich bin, schweige ich nicht, sondern merke an, die Strasse, von der die Rede ist, sei schon länger ein Thema, man könne ja vielleicht bei der Gemeinde noch einmal nachhaken, ob inzwischen konkrete Sicherheitsmassnahmen geplant seien. Mist, schon wieder das Falsche gesagt. Nachhaken war nämlich populär, als unsere Ältesten in Prinzchens Alter waren, heute bevorzugt man Hilfe zur Selbsthilfe, was ich übrigens vollkommen okay finde. Als ob ich mich nicht schon genug in die Nesseln gesetzt hätte, bitte ich ein paar Minuten später meine Mitmütter darum, mich nicht weiter nach einem bestimmten Thema zu fragen, weil ich mich dazu momentan nicht äussern möchte.

Innert wenigen Minuten ist es mir gelungen, einen ziemlich schlechten Eindruck zu hinterlassen und das alles nur, weil es mir nach all den Stunden, die ich schon an solchen Anlässen verbracht habe, nicht mehr gelingen will, nett lächelnd allem beizupflichten, was in der Runde gesagt wird.

Und wo ich heute schon dabei war, meinen Ruf zu schädigen, habe ich abends auch noch fröhlich mit Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter im Schwimmbad herumgeblödelt und sie von Kopf bis Fuss nass gespritzt. Ein Blick auf all die trockenen Mamas am Beckenrand überzeugte mich davon, dass eine richtige Mama auch das nicht tut. Solche Dinge überlässt man den Papas…

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