Fast schon wie früher

Da bin ich also wieder, bestens ausgeruht, mit zahlreichen guten Vorsätzen ausgerüstet – früher ins Bett, weniger Koffein, mehr Grüntee, mehr Gelassenheit, mehr Geduld und weniger Stress – und bereit, wieder meinen Teil zum Familienleben beizutragen. Also morgens um vier mit „Meinem“ das Prinzchenbett von Katzenkot befreien, Weihnachtsmenü aus dem Ärmel schütteln, überdrehte Kinder beruhigen, Baum schmücken, Playmobil zusammenbauen – was halt so dazugehört, wenn man einen Tag vor Heilig Abend nach Hause kommt. Nun ja, das mit dem Katzenkot ist zum ersten Mal passiert, aber das Prinzchen zeigte sich verständnisvoll. Die Katzen hätten eben Angst gehabt, ihr Geschäft in der Katzenkiste im dunklen Wohnzimmer zu verrichten. Im Kinderzimmer war es zwar genauso dunkel, aber lassen wir das wenig festliche Thema für heute.

Bereits jetzt ahne ich, dass der Familienalltag sich meinen Vorsätzen gegenüber wenig sensibel zeigen wird, aber ich kann gut damit leben. Wenn ich bedenke, dass wir vor zwei Monaten noch fürchteten, „Meiner“ werde vielleicht nie wieder ganz sich selber sein, dann bin ich einfach nur dankbar, dass es bei uns schon fast wieder so ist wie früher und dass wir unser übliches turbulentes, möchtegern-feierliches Weihnachtsfest mit hier einem Stimmungseinbruch und dort einem Glanzlicht feiern durften.

Frohe Weihnachten allerseits!

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Bitte nicht ausquetschen!

Es hat eine Weile gedauert, aber allmählich macht sich nun doch das Heimweh nach den Kindern bemerkbar. Aufgefallen ist mir dies, als ich heute im Bus inmitten einer Gruppe von Schülern sass. Dem Alter nach bereits Teenager, aber noch immer pausbäckig und leicht unsicher. Die Jacken bereits trendy und teuer, die Mütze dazu in den passenden Farben aber noch von Mama gestrickt. Jungs wie Karlsson eben.

Gewöhnlich schenke ich solchen Schülergruppen kaum Beachtung, weiss ich doch, wie wenig sie an einem Gespräch mit mir interessiert wären. Heute aber konnte ich mich nur mit Mühe davon abhalten, sie anzusprechen. „Geht ihr auch in die sechste Klasse?“, hätte ich gefragt, oder „War der Prüfungsstress vor Weihnachten schlimm?“. Ich hätte ihnen erzählt, dass mein Ältester auch in ihrem Alter ist und dass er es vor Weihnachten sehr streng hatte in der Schule. Sie hätten vielleicht höflich genickt und ich hätte erzählt, dass meine Tochter es auch streng hatte, obschon sie noch nicht in der Sechsten ist. Vielleicht hätte ich noch gefragt, ob sie auch Geschwister haben und sie hätten mit einem gleichgültigen Schulterzucken „Ja“ gesagt, oder vielleicht auch „Nein“. Irgendwann wären sie ausgestiegen und ich hätte gesagt: „Schöne Weihnachten noch!“ und draussen hätten sie ihre Köpfe geschüttelt, über mich gelacht und zu Hause erzählt, dass sie im Bus von so einer komischen alten Tante angequatscht worden seien.

Ich habe die Schüler natürlich nicht angesprochen, dafür habe ich abends noch mit Karlsson telefoniert. Das Gespräch verlief folgendermassen:

Karlsson: „Hallo Mama, wie geht’s?“
Ich: „Gut, ein wenig müde. Und dir?“
Karlsson: „Gut. Was hast du heute gegessen?“
Ich: „Suppe, Salat, Roulade… Und du?“
Karlsson: „Ich geb‘ dir dann mal das Prinzchen ans Telefon. Tschüss!“

Okay, verstanden. Ich soll nicht nur fremde Zwölfjährige in Ruhe lassen, ich soll auch meinen eigenen nicht mehr als das absolut Notwendigste fragen.

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Morgenstimmung

Zoowärter: „Prinzchen, bist du schon wach?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Stehst du jetzt auf und fängst an zu spielen?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Ich spiele mit.“

Augenblicke später sitzen die zwei auf dem Fussboden und besprechen die Handlung: „Zuerst wären die Indianer ums Lager geschlichen und dann wäre der Wolf gekommen und dann hätten die Feuerwehrleute das Baby entführt…“ Nach einigen Momenten der Stille beginnt das Spiel:

Zoowärter: „Woooooaaaaaahhh! Bummmmmmmmm!“
Prinzchen: „Zack!“
Zoowärter: „Attackeeeeeeeeeeeeeee!“
Prinzchen: „Tatüttataaaaaaaaa! Hilfeeeeeeee!“
Zoowärter: „Und jetzt hätten die Indianer das Baby wieder befreit.“
Prinzchen: „Ja, und dann wären die Cowboys gekommen….“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat betritt die Szene. Ich halte den Atem an. Verträgt es einen Dritten in diesem Spiel, das trotz aller Action so friedlich ist? Offenbar ja:
Prinzchen und Zoowärter unisono: „Hallo FeuerwehrRitterRömerPirat. Spielst du mit?“
Prinzchen: „Die Feuerwehrleute haben das Baby entführt…“
Zoowärter: „…und du musst den Wolf spielen…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Ja, und dann hätte sich der Wolf am Feuer verletzt und dann….“

Wieder Lagebesprechung, dann wieder „Woooosh! Auaaaaaa! Tschack! Zum Aaaaaaangrifffffffff!“

So geht das zwei Stunden lang, ohne nur einen Hauch von Streit. Ich sitze im Nebenzimmer und warte zitternd darauf, dass irgendwann doch noch die Explosion kommt. Aber sie kommt nicht, nicht mal, als das Prinzchen verkündet, Luise dürfe nicht mitmachen, weil alle Frauenrollen bereits besetzt seien. Was braucht es denn noch, bis die Bombe platzt und das Geschrei losgeht? Wenn ich doch bloss wüsste, wann es vorbei ist mit dem Frieden und ich einschreiten muss. Aus lauter Angst vor dem Theater, das unweigerlich losgehen wird, wenn einer doch noch das Falsche sagt, schaffe ich es kaum, den seltenen friedlichen Moment zu geniessen. Irgendwann halte ich die Spannung nicht mehr, ich trommle die Kinder zusammen und lasse sie den Film schauen, für den gestern, vorgestern, vorvorgestern und an den Tagen davor keine Zeit blieb.

Seitdem die Kinder vor der Glotze parkiert sind, bin ich nicht etwa ruhiger geworden. Ich quäle mich jetzt einfach mit der Frage, ob ich mit der Einlösung meines Versprechens etwas Grossartiges zerstört habe, oder ob ich damit heldenhaft verhindert habe, dass die Stimmung doch irgendwann noch kippt.

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Auf ins Mittelalter!

Eben noch war sein Olymp bevölkert mit Feuerwehrmännern, Bauarbeitern und Ambulanzfahrern. Als Halbgötter akzeptierte er Polizisten und Zivilschützer. Für Ritter, Dinosaurier, Piraten und anderes Gesindel hatte er keine Verwendung. Zu kämpferisch, zu laut, zu weit von der Realität entfernt waren sie. Wenn seine grossen Brüder zu Ehren der Helden der Vergangenheit einen Ritterkampf durchführten, wandte er sich nahezu angewidert ab.

Das alles war gestern. Heute sass er am frühen Morgen im Bett und bewunderte andächtig die Bilder in einem Ritterbuch. „Schau, Mama, ein echter Ritter. Der hat eine richtige Rüstung. Und hier eine Burg. Wow, das Pferd ist ja riesig!“ Erst glaubte ich noch an einen Zufall. Vielleicht hatte er sich im Buch geirrt und gab nur vor, sich für den Inhalt zu interessieren, weil er zu bequem war, sich andere Lektüre zu besorgen. Wenig später aber ertappte ich ihn dabei, wie er seiner kleinen Cousine voller Begeisterung das Buch mit den Ritterrüstungen zeigte, am Nachmittag befasste er sich eingehend mit dem Thema „Brandbekämpfung in der Ritterzeit“.

Spätestens jetzt gab es keinen Zweifel mehr daran, dass Feuerwehr & Co allmählich ihren Reiz verlieren, das Prinzchen macht sich dazu auf, das Mittelalter zu erkunden. Ich hätte wissen müssen, dass das kommt, habe ich diese Entwicklung doch bereits dreimal mitgemacht. Ein Entwicklungsschritt, den ich grundsätzlich begrüsse, denn in der Vergangenheit kenne ich mich besser aus als auf Baustellen. Etwas besorgt bin ich nur, weil der Wandel ausgerechnet jetzt stattfindet. Prinzchens Weihnachtsgeschenke sind nämlich bereits gekauft und es hat keinen einzigen Ritter dabei.

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Jetzt bloss nicht zurücklehnen!

Es ist wohl eine der grössten Illusionen, wenn Eltern glauben, die Kinder brauchten einen weniger, wenn sie grösser werden. Klar, nachts aufstehen muss man selten bis nie, in Körperpflege und Terminplanung werden die Knöpfe immer selbständiger, die Zeiten, zu denen keiner im Haus ist, werden länger. Wehe aber dem, der daraus schliesst, dass er sich jetzt entspannt zurücklehnen und eigenen Projekten zuwenden kann.

Das Gegenteil ist der Fall: Jetzt gilt es erst recht, bei der Sache zu sein. Konnte man beim Stillen, in den Schlaf wiegen und Windelwechsel noch eigenen Gedanken nachhängen, ist volle Aufmerksam gefragt, wenn der Teenager abends um halb elf über seine Bedenken bezüglich Übertritt an die Oberstufe reden möchte. Ein Dreijähriger gibt sich noch mit einer einfachen Antwort zufrieden, eine Zehnjährige bohrt nach, bis es richtig persönlich wird und man sich sehr gut überlegen muss, was man jetzt sagt, damit man dem Kind das weitergibt, was einem wirklich am Herzen liegt. Meinungsverschiedenheiten lassen sich nicht mehr mit einem „Davon verstehst du noch nichts“ vom Tisch wischen, sie wollen ausgetragen sein.

Ganz klar, die Auseinandersetzungen werden anspruchsvoller, Mama und Papa müss(t)en sich noch mehr darüber austauschen, wie sie ihre Kinder begleiten wollen. Dennoch halte ich weiterhin nichts vom abgedroschenen Spruch von den kleinen Kindern und den kleinen Sorgen. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass jede Zeit ihre ganz eigenen Herausforderungen, aber auch ihre eigenen Glanzlichter hat. Ich ahne, dass sich die Herausforderung dann am besten meistern lassen, wenn man es immer wieder aufs Neue schafft, sich über die Glanzlichter zu freuen, ob es nun ein zahnloses Lächeln nach einer durchwachten Nacht ist oder ein wohlwollendes „Mama, du bist eigentlich ganz cool“ nach einem heftigen Krach mit Türknallen und Wutgeschrei.

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Generationenhaus

Auch bei uns hat es reichlich geschneit, obschon böse Zungen behaupten, bei uns hätte es deutlich weniger Schnee als andernorts. In unserem 3-Generationenhaus löst die Schneedecke äusserst unterschiedliche Reaktionen aus.

Meine Mutter stellt abends fest, dass es schneit wie ehemals. Diese Feststellung reicht, dass sie am nächsten Morgen aus dem Bett steigt und nach der üblichen Morgenroutine zur Schneeschaufel greift und der Rest läuft automatisch: Zuerst die Treppenstufen vor dem Haus, dann der Weg zum Briefkasten, damit der Briefträger sich nicht ärgern muss, danach der Fussweg bis zur Garage, wo die Zufahrt für die Autos freigeschaufelt werden muss. Die Schneehaufen müssen hierbei so zu liegen kommen, dass die Kinder problemlos Schneemänner und Iglus bauen können. Und vielleicht auch einen Thron aus Schnee, so wie sie und ihre Schwestern damals.

Ich stelle abends fest, dass es schneit wie in der Kindheit einmal, es muss wohl 1983 gewesen sein. „Hach, wie romantisch!“, denke ich und schaue minutenlang verträumt aus dem Fenster. Am Morgen fällt der erste Blick auf die verschneite Tanne in Nachbars Garten und ich wünschte mir, ich hätte eine Ausrede, nach draussen zu gehen. Ich könnte ja Schnee schaufeln, die frische Luft und die Bewegung würden mir bestimmt gut tun. Aber ich muss mich beeilen, sons kommt mir meine Mutter zuvor und ich will nicht, dass sie schaufeln muss, das ist jetzt meine Pflicht. Wenn der Weg frei ist, trinken wir alle zusammen heisse Schokolade und dann schreibe ich einen Blogpost über den Schnee.

Die Kinder stellen abends fest, dass es schneit wie noch kaum je in ihrem Leben. Morgens springen sie aus ihren Betten, suchen noch vor dem Frühstück Skianzüge, Handschuhe, Schals und Mützen zusammen und rennen nach draussen. „Wir bauen einen Schneemann! Und ein Iglu! Und ein Schneefort!“, brüllen sie im Treppenhaus. Eine Viertelstunde später stehen sie fröstelnd wieder in der Wohnung. „Mama, uns ist kalt. Kannst du uns zeigen, wie man ein Iglu baut? Und der Schlitten läuft auch nicht gut. Warum denn nicht?“

Treffen diese drei Generationen nun im Garten zusammen, wird es ziemlich chaotisch. Meine Mutter war natürlich schneller als ich und darum versuche ich, ihr die Schneeschaufel zu entwinden. Sie gibt sie nicht her und darum einigen wir uns, den Weg gemeinsam freizumachen, wir haben ja zwei Schaufeln. Meine Mutter wundert sich, weil die Kinder die Quader für das Iglu mit Plastikkisten zu formen versuchen und weil bereits sechs Schlitten ums Haus verteilt liegen. Ich erkläre ihr, dass sich unsere Kinder im Schnee wohl ähnlich verloren fühlen wie ein Fünfundachtzigjähriger am Billettautomat der SBB. Die Kinder begreifen nicht, warum wir mit unseren Schaufeln die schöne Schneedecke zerstören und warum sie ihre Schuhe ausziehen müssen, bevor sie zurück ins Haus gehen.

Irgendwann ist der Weg freigeschaufelt, wir ziehen uns alle an die Wärme zurück und morgen, wenn wieder neuer Schnee gefallen ist, werden wir die ganze Sache viel geordneter angehen können, weil wir jetzt wieder wissen, dass bei Schnee jeder von uns etwas anders tickt als der andere.

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Probelauf

Mir kommt es so vor, als würden „Meiner“ und ich in diesen Tagen einen Probelauf für das Rentenalter absolvieren. Rund um die Uhr sind wir zusammen und immer wieder ergeben sich Dialoge, die es im Familienalltag gar nicht geben dürfte. Zum Beispiel beim gemeinsamen Start in den Tag, nachdem alle Kinder aus dem Haus gegangen sind:

Er: „Nimmst du auch en Tässchen Tee?“
Ich: „Nein, ich glaube, heute nehme ich lieber einen Kaffee.“
Er: „Bist du sicher? Ich hätte gerade heisses Wasser…“
Ich: „Sicher, heute lieber Kaffee. Ich konnte gestern nicht so gut einschlafen, darum brauche ich jetzt ganz dringend Koffein.“
Er: „Ich bin auch nicht so gut eingeschlafen. Vielleicht lege ich mich heute nach dem Mittagessen noch einmal hin.“
Ich: „Das solltest du wirklich tun. Man hat ja nicht immer die Gelegenheit dazu. Reichst du mir mal eine Zeitung?“
Er: „Die AZ oder das OT?“
Ich: „Kommt nicht so drauf an, steht ja ohnehin das gleiche drin.“
Er: „Also gut, ich nehme zuerst das OT.“

Schweigen. Wir lesen beide.

Ich: „Das ist doch nicht zu fassen…“
Er: „Was denn?“
Ich: „Da hat doch tatsächlich einer versucht…“
Er: „Ach ja, das habe ich auch gelesen. So etwas ist doch einfach die Höhe.“
Ich: „Man möchte glauben, dass so etwas nicht möglich ist, aber die Leute schrecken ja vor nichts mehr zurück…“

Wieder schweigen und lesen.

Er: „Hast du den hier gesehen? Ein totaler Spinner!“
Ich: „Nein, soweit bin ich noch nicht. Ich lese da noch dieses Interview.“
Er: „Ach so, das habe ich nicht gelesen. Du, bevor ich es wieder vergesse, wir müssen heute unbedingt noch Abfallsäcke besorgen.“
Ich: „Haben wir schon wieder keine mehr.“
Er: „Doch, aber ich kann sie nicht mehr finden. Ich habe sie wohl in der Garage liegen lassen, bloss weiss ich nicht mehr wo.“
Ich: „Ich habe doch letztes Mal zwei Rollen gekauft. Und jetzt sind die schon wieder aufgebraucht. Unglaublich, wie viel Abfall wir immer produzieren.“

So würde das den lieben langen Tag weitergehen, hätten wir nicht fünf Kinder, die uns Gott sei Dank davon abhalten, für den Rest unseres Daseins solche Gespräche zu führen. Und dann sind da zum Glück noch einige Lebensträume und Visionen, über die wir uns jeweils unterhalten, wenn uns der alltägliche Gesprächsstoff ausgegangen ist.

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Samichlaus-Farce

Eine Memme ist er, dieser Samichlaus. Lässt sich durch ein paar Käferchen davon abhalten, unser Haus zu besuchen. Hat einfach einen Sack vors Haus gestellt und ist wieder in der Dunkelheit verschwunden. Und dies nur, weil Karlsson und der Zoowärter heute krank im Bett lagen und der Samichlaus sich nicht anstecken will. Immerhin hat er jedem der Kinder einen lieben Brief mit viel Lob und wenig Tadel geschrieben und sich demütigst für sein Nichterscheinen entschuldigt. Peinlich finde ich das, aber der Begeisterung unserer Jüngsten tat die Farce keinen Abbruch. Den Grossen ist es ohnehin egal, ob der Klaus ins Haus kommt oder nur an der Türe klingelt. Hauptsache, er bringt Nüsse, Schokolade und Lebkuchen im Überfluss.

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Kapitales Versäumnis

Es hat durchaus sein Gutes, dass wir derzeit lahmgelegt sind. Ging vorher so manches im Trubel unter, sind wir jetzt geradezu vorbildlich im Erledigen von Kleinigkeiten. Die Zeit reicht gar nicht mehr aus, Formulare, die ins Haus geflattert kommen, mit Kakaoflecken zu verzieren, weil wir sie sofort ausfüllen und zurückschicken. Die Kinder haben keine Chance mehr, etwas zu Hause zu vergessen, weil Mama und Papa morgens kontrollieren, ob auch wirklich alles im Schulsack ist. Die Katzen müssen nicht mehr miauen, um Futter zu bekommen, weil einer von uns beiden den Futternapf füllt, wenn nur schon das Halsband-Glöckchen im Treppenhaus zu hören ist. Sogar die Winterreifen sind inzwischen montiert, drei von fünf Kindern haben neue Winterstiefel und die anderen zwei bekommen sie morgen. Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?

Wäre da bloss nicht dieses eine kapitale Versäumnis: Wir haben keinen Samichlaus. Der gute Wille war zwar da, aber ausgerechnet in diesem wichtigen Punkt waren wir so spät dran wie zu unseren schlimmsten Zeiten und da haben wir eben keinen mehr bekommen. Wir haben uns zwar eingehend darüber unterhalten, wie wichtig wir es finden, dass Zoowärter und Prinzchen ihren Samichlausbesuch bekommen, auch wenn Karlsson und Luise allmählich etwas zu gross sind dafür. Wir haben uns Gedanken gemacht, was der gute Mann zu jedem unserer Kinder sagen sollte, aber wir haben zu lange gezögert, zum Telefon zu greifen und so war es eben zu spät, als wir es endlich doch taten.

Vielleicht hätte ich mir dieses Versäumnis verzeihen können, hätte mir nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit leuchtenden Augen verkündet, er wolle dem Samichlaus sein erstes Liedchen auf der Trompete vorspielen. Wie soll ich es übers Herz bringen, diese Vorfreude zu zerstören? Ich glaube, es würde mir leichter fallen, allen Kindern dieser Welt ein für alle Mal klar zu machen, dass es den Samichlaus nicht gibt, als meinen Kindern zu gestehen, dass er dieses Jahr nicht zu uns kommen wird, weil wir ihn zu spät eingeladen haben. Wie nur sollen wir nach diesem Versagen das Vertrauen unserer Kinder wieder zurückgewinnen?

Ob es hilft, wenn ich mir ganz viel Asche aufs Haupt streue? Dann ginge ich am Donnerstag zumindest als Schmutzli durch.

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Startschwierigkeiten

Theoretisch hätte heute ein neuer – und zugleich auch alter – Lebensabschnitt angefangen. Fast-Vollzeithausfrau und freischaffende Schreibende war ich schon mal und so wie es aussieht, werde ich es auf absehbare Zeit auch bleiben, diesmal mit dem erklärten Ziel, dem Schreiben den Raum zu geben, den es verdient. Um dem Ganzen zumindest eine Chance auf Professionalität zu geben, bleibt das Prinzchen vorerst einen Tag pro Woche in der Krippe. Es ist nämlich gar nicht so einfach, den roten Faden eines Textes zu behalten, wenn das Prinzchen mit dem Feuerwehrauto durch die Wohnung kurvt und in jedem Winkel einen Brand zu löschen hat. Also haben wir den Montag zu meinem offiziellen Schreibtag erklärt und dies sowohl den Kindern als auch der Putzfrau mitgeteilt.

Leider nimmt die Schule auf solche Pläne keine Rücksicht und so stand heute Mittag plötzlich Karlsson auf der Matte. Er hätte am Nachmittag schulfrei, ob ich das denn vergessen hätte. Ach ja, die Weiterbildung. An die hatte ich tatsächlich nicht mehr gedacht. Zehn Minuten später erschien Luise, um mich daran zu erinnern, dass sie heute eine Stunde früher nach Hause kommen würde. Ebenfalls Weiterbildung, ebenfalls vergessen. Tja und so versuchte ich eben, meine Ideen zu skizzieren und gleichzeitig Karlsson zuzuhören, der mir ausgerechnet heute unglaublich viel zu erzählen hatte. Nun gut, immerhin liess er sich dazu hinreissen, die wenigen Zeilen, die ich zu Papier brachte, zu lesen und mir ein Feedback zu geben, aber ansonsten war seine Anwesenheit meiner Arbeit nicht gerade förderlich. Nach und nach trudelte auch der Rest der Horde ein und so beschloss ich schliesslich schweren Herzens, den Beginn meines neuen Lebensabschnittes auf den kommenden Montag zu verschieben. Wobei, das geht gar nicht, dann muss Karlsson zum Arzt und ich auch. Na dann eben übernächste Woche oder vielleicht auch erst nächstes Jahr…

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