Windstille

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Schule, der Zoowärter im Kindergarten und das Prinzchen in der Krippe. Die nasse Wäsche ist aufgehängt, Geschirrspüler und Waschmaschine laufen, die Wohnung ist aufgeräumter als gewöhnlich. Von draussen die üblichen Alltagsgeräusche, drinnen einzig das Ticken der Uhr und das Schnurren der Katzen. Zwei Stunden noch bis das Mittagessen auf dem Tisch stehen muss, bis dahin einfach nur Ruhe.

Diese heiligen Zeiten der absoluten Windstille gäbe es nicht, hätten nicht Herbststürme unser Leben durcheinander gewirbelt. Ich bin unendlich dankbar für diese Momente, ich bin aber ebenso dankbar, dass unser Leben nicht immer so still ist wie oben beschrieben.

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Ganz der Papa

Nein, Helena und der Zoowärter haben noch immer keinen Termin für ein Treffen gefunden. Davon geredet haben sie zwar schon oft, aber meist scheitert es daran, dass bei Helena keiner das Telefon abnimmt, wenn der Zoowärter anrufen will. Das Mädchen ist wohl einfach zu beschäftigt. Kein Grund für den Zoowärter, Trübsal zu blasen. Es gibt ja noch andere Mädchen. Joanna, zum Beispiel, mit der man es immer so lustig hat. Oder Matilda, mit der er diese Woche schon dreimal gespielt hat und die er morgen schon wieder einladen will.
Ganz klar, der Zoowärter liebt Mädchen. Er, der mit seinen Freunden und Brüdern so laut und wild ist, zeigt sich bei seinen Freundinnen von der sanften, verspielten Seite. Da wird gemalt, gebastelt und Schule gespielt. Für Matilda darf es kein gewöhnliches Zvieri sein, da muss ein bunter Früchteteller her. Neben Matilda stürmt man auch nicht einfach achtlos die Treppe hoch, sonst könnte sie am Ende noch hinfallen. Vor allem aber will er sich ungestört mit ihr unterhalten können. „Prinzchen, sei nicht immer so laut“, heisst es dann. „Matilda und ich können bei diesem Lärm gar nicht miteinander reden.“
Ich kenne einen Mann, der genau auf diese Weise das Herz seiner heutigen Frau erobert hat und mir scheint, dass der Zoowärter diesem Mann nicht nur sehr ähnlich sieht, sondern dass er auch seine Art geerbt hat.

Window-Shopping

Endlich weiss ich, was mich in diesen Tagen fast zur Verzweiflung bringt. Es ist meine Projektlosigkeit, die mir die Lebensfreude raubt. So viele Möglichkeiten und so wenig Energie. Ich fühle mich wie ein London-Tourist, der bis auf ein paar Pfund alles für kitschige Royals-Souvenirs ausgegeben hat und nun mit sehnsüchtigen Blicken vor den Schaufenstern von Selfridges steht.

„Wow, beeindruckend, dieser Käser-Lehrgang! Den nähme ich sofort. Wenn der bloss nicht so zeitintensiv wäre. Aber vielleicht dieser Fünftageworkshop? Ist zwar nicht die ganz grosse Sache, aber mit etwas gutem Willen würde ich es vielleicht hinkriegen? Mist, da steht, dass man zuerst einen Basiskurs in Milchverarbeitung machen muss und das dauert ja auch wieder seine Zeit. Wird wohl nichts daraus… Aber dort hinten, diese niedliche, kleine Tauschbörse für Hausgemachtes. Kostet gar nicht so viel, ein paar Anrufe, ein bisschen Werbung auf Facebbook, zwei oder drei motivierte Freundinnen… Ich glaube, das könnte ich noch zusammenkratzen… Bloss, wer kümmert sich dann um die Kinder? Und was, wenn alles, was keinen Abnehmer findet, bei mir liegen bleibt? Und wenn sich alle aus dem Staub machen, bevor aufgeräumt ist. Wird wohl doch nichts draus… Aber es wäre doch soooooo niedlich….“

„Das dort drüben ist der absolute Hammer! Ein umwerfendes Buchprojekt, das nehme ich, koste es, was es wolle… Äääähm, okay, an die durchwachten Nächte habe ich dabei natürlich nicht gedacht und die freien Stunden für ungestörtes Arbeiten… Na ja, wenn ich mich ein wenig anstrengen würde, könnte es klappen… Aber mir brummt noch der Schädel von der letzten schlaflosen Nacht und da habe ich nicht mal geschrieben. Ist wohl doch noch etwas zu früh für grosse Schreibereien… Aber dieses sensationelle Ablagesystem für gute Ideen, das kann ich mir vielleicht leisten. Wie, dazu müsste ich mein Büro auf Vordermann bringen? Wo ich doch gerade so knapp meinen Haushalt schaffe, wenn „Meiner“ mehrheitlich ausfällt… Wird wohl auch nichts draus. Zumindest noch nicht jetzt.“

‚Ha, aber das dort drüben, das muss einfach klappen. Das Kätzchen, das sich Karlsson zum Geburtstag wünscht, das muss doch einfach drin liegen. Wo zwei Katzen sich wohl fühlen, wird auch eine dritte glücklich sein. Ach so, ja, die zwei müssten Nummer drei auch noch akzeptieren. Und wenn Leone oder Henrietta dies nicht täten? Würde dann eine davon sich aus dem Staub machen? Die Kinder würden das Karlsson und mir nie verzeihen… Aber es wäre doch so tröstlich, etwas Kleines, Lebendiges zu haben…. Nein! Auf gar keinen Fall hinschauen! Du weisst, dass das nicht in Frage kommt…Nun ja, ein einziger, verstohlener Blick wird wohl nicht schaden…es ist ja nur ein Blick… Mist! Jetzt hat es mich schon wieder erwischt, dabei weiss ich doch ganz genau, dass das auf gar keinen Fall drin liegt. Ob es vielleicht eine Nummer kleiner ginge? Ein Tageskind vielleicht, nur ein paar Stunden pro Woche, vielleicht auch nur ein oder zweimal im Monat… Ach, vergiss es, du weisst genau, dass das weder für das Kind noch für dich gut wäre…“

„Dann machen wir eben eine Reise. Einfach mal weg aus dem ganzen Trott, Neues erkunden, Vergangenes hinter sich lassen, neue Lebensperspektiven gewinnen… Nun gut, zuerst müsste „Meiner“ mal wieder auf die Füsse kommen. Und dann müsste man schauen, wie das mit der Schule zu lösen wäre. Ach so, ja, die Finanzen… Vergessen wir das Ganze gleich wieder…“

So stehe ich da, bewundere die Auslage und denke, dass ich wohl erst einmal sparen muss, ehe wieder an Projekte zu denken ist. Aber ich weiss schon, was ich mir als erstes anschaffe, wenn es dann soweit ist. Bis dahin stricke ich mal an Karlssons Pullunder weiter. Ist ja auch eine Art Projekt…

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Wenn bloss die blöden Kieselsteine nicht wären…

Es sind nicht die grossen Brocken im Leben, die mir derzeit am meisten zu schaffen machen. Ich kann damit leben, dass es noch mehrere Wochen bis Monate dauern kann, bis „Meiner“ sich von seiner Krankheit erholt hat. Hauptsache, er kommt wieder auf die Beine und die Aussichten dafür sind gut. Natürlich treibt es mich an die Grenzen, dass die Hauptlast für Kinder und Haushalt in diesen Wochen auf meinen Schultern lastet, aber irgendwann haben wir ja gesagt zu „in guten wie in schlechten Tagen“ und „Meiner“ hat ja auch schon oft für mich geschleppt. Ich kann es verkraften, dass ich zu ausgelaugt bin für einen neuen Job. Klar, ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich endlich wieder energiegeladen aus dem Bett springen werde, aber bis dahin nehme ich das Leben so ruhig wie das eben möglich ist.

Oder versuche es zumindest und genau da liegt das Problem: Mit den grossen Brocken wäre ich genügend ausgelastet und darum würde ich zu gerne auf die lästigen Kieselsteine verzichten, die in meinen Schuhen drücken. Die Flöhe, die sich ausgerechnet jetzt auf unseren Katzen niederlassen müssen und deren Bekämpfung viel Zeit erfordert. Die Panne beim Online-Banking, die mich dazu zwingt, die Rechnungen am Postschalter zu begleichen und eine neue „Smart Card“ zu organisieren. Der Geschirrspüler, der mal wieder nicht will, wie er sollte. Der heruntergerissene Duschvorhang, den ich erst dann wieder aufhängen kann, wenn ich die richtigen Ringe aufgetrieben habe. Prinzchens Weigerung, etwas anderes als grüne Hosen anzuziehen, wodurch jedes An- und Umziehen zum Machtkampf ausartet. Die Mandarinenschalen, welche die Kinder überall liegen lassen. Der Katzenkot hinter der Spielzeugkiste. Der Anruf, der genau dann kommt, wenn ich endlich mal auf dem Sofa liege. Der Autoschlüssel, der nicht dort ist, wo er sein sollte…

Lauter kleine Banalitäten, an die ich nicht mehr als einen Gedanken verschwenden sollte und die in diesen Tagen doch so oft dazu führen, dass ich laut werde. Nichtigkeiten, keiner Beachtung Wert und doch oft so gewichtig, dass meine Laune – und meine Familie – darunter leidet. Ich möchte mich nicht darüber aufregen und schaffe es doch nicht, cool zu bleiben. Vielleicht rauben mir die grossen Brocken doch mehr Energie, als ich wahrhaben möchte.

 

Brave Kinderchen

Die Kinder von heute geniessen im Allgemeinen nicht den besten Ruf, vor allem nicht am 31. Oktober. Man berichtet von rohen Eiern, die gegen Hauswände fliegen, Nachtlärm und gemeinen Lausbubenstreichen. Weil ich weiss, dass das nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, konnte ich ein mitleidiges Lächeln nicht unterdrücken, als Karlsson kurz vor dem Eindunkeln den folgenden Hinweis an die Eingangstüre hängte: „Bitte nicht stören, wir sind krank. Der Inhaber“

„Damit machen wir uns doch nur lächerlich“, wandte ich ein. „Darauf nimmt doch keiner Rücksicht.“ Doch Karlsson liess sich nicht beirren. Keiner sollte es wagen, die Kranken im Hause zu belästigen. Und siehe da, die Bitte wurde ernst genommen. Kein einziges Kind brachte es übers Herz, die leidenden Vendittis zu stören, dabei hätte mein Süssigkeitenvorrat für das halbe Dorf gereicht. Einige wagten sich zwar in den Hauseingang, aber nachdem sie das Schild gelesen hatten, zogen sie brav wieder ab. Sentimental, wie ich nun mal bin, war ich ob dieser Rücksichtnahme so gerührt, dass ich einer Kindergruppe hinterherrief, sie sollten doch bitte warten, damit ich ihnen etwas mitgeben könne. Folgsam, wie die Kinder von heute nun mal sind, warteten sie, aber ich glaube, sie fürchteten sich fast ein wenig vor dieser Irren, die ihnen in der Dunkelheit Süssigkeiten aufdrängen wollte.

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Karlsson hat nie…

Karlsson hat nie wissen wollen, warum wir bei Halloween nicht mitmachen. Er hat es einfach akzeptiert, dass der Brauch uns nichts sagt.

Karlsson hat nie den Wunsch geäussert, regelmässig eine Vorabendserie schauen zu dürfen.

Karlsson hat sich mit neun keinen iPod gewünscht.

Karlsson hat sich nie darüber beschwert, dass wir uns keine ausgedehnten USA-Ferien leisten können.

Karlsson hat stets klaglos akzeptiert, dass bei uns gewisse Dinge anders sind als bei anderen.

Karlsson fand es ganz okay, dass wir den Kindergeburtstag zu Hause feiern und nicht an dem wohlbekannten Ort mit Rundum-Bespassung.

Karlsson hatte kein Problem damit, dass ich viel von dem Weihnachtsklimbim, den sie dir im Oktober schon nachwerfen, links liegen lasse.

Karlsson liessen Monster, Ninjas und Star Wars kalt.

Heute konfrontieren uns Karlssons Geschwister mit all diesen und vielen weiteren Wünschen. Und ich frage mich, ob Karlsson wirklich so genügsam war, oder ob er einfach nicht den Mut hatte, zu wünschen, was die Jüngeren zuweilen fast schon fordern.

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Bloss nicht dran denken

Bloss nicht dran denken, dass diese erste Woche eben nur die erste Woche war und dass es durchaus sein kann, dass noch ein paar weitere ähnliche Wochen folgen.

Bloss nicht dran denken, dass nächste Woche die Schule wieder beginnt und „Meiner“ nicht in der Lage ist, mit Karlsson und Luise Mathematik zu büffeln.

Bloss nicht dran denken, dass die Kinder irgendwann merken, dass ich alleine nicht immer alles mitbekomme, was ihnen die Gelegenheit bietet, endlich ein paar Dummheiten auszuhecken.

Bloss nicht dran denken, dass mein Akku irgendwann leer sein könnte.

Bloss nicht dran denken, dass „Meiner“ und ich jetzt eigentlich unsere drei kinderfreien Tage hätten geniessen sollen.

Einfach nur einen Tag nach dem anderen nehmen, dankbar sein, dass wir die erste Zeit so gut überstanden haben und dass es „Meinem“ ein klein wenig besser geht.

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Ich muss das nicht alleine schaffen

Plötzlich ist es wie im Märchen. Ich überlasse mit schlechtem Gewissen mein ganzes Familienchaos meiner Schwester, um „Meinen“ im Spital zu besuchen – und um endlich aus diesem Arzt herauszupressen, was eigentlich los ist – und bei meiner Heimkehr glaube ich, mich im Haus geirrt zu haben. Alles glänzt, Prinzchens Kleiderschrank ist aufgeräumt, die Abfalleimer sind geleert und statt einer Schwester stehen plötzlich zwei da, dazu auch noch meine Mutter, Karlsson und Luise, mit Putzlappen bewaffnet. Sie haben das nicht so geplant, sind einfach zufällig gerade zusammengekommen und anstatt gemütlich Kaffee zu trinken machen sie sich dran, meinen Dreck zu beseitigen. Und versprechen, wieder zu kommen.

Ich habe mich noch kaum von meinem freudigen Schrecken erholt, da klingelt das Telefon und Schwester Nummer drei bietet an, morgen die kleineren Kinder durch den Wald zu jagen, wenn die grösseren aus dem Haus sind. Etwas später gehe ich kurz ins Büro, um eine Kleinigkeit zu erledigen und als ich zurückkomme, ist der Einkauf, den ich diese Woche habe liefern lassen, fein säuberlich verstaut. Wieder Karlsson, Luise und meine Mutter. Eine WC-Pause später hat sich Karlsson bereits an den Herd gestellt, um das Abendessen vorzubereiten. Luise versucht derweilen, ihrem grossen Bruder beizubringen, dass er einen kleinen Mist gebaut hat: „Ich möchte jetzt wirklich nicht mit dir streiten, Karlsson, aber das war nicht besonders schlau von dir, was du vorhin gemacht hast…“ Ist dies das gleiche Mädchen, das ich jeweils wegen seiner verletzenden Worte zurechtweisen muss? Als ich glaube, dass es besser nicht kommen könnte, bekomme ich noch einen Anruf, mit dem mir eine weiterer gewaltiger Stein vom Herzen fällt.

Ich denke zurück an den vergangenen Samstag, als ich auf meiner einsamen, verregneten Heimfahrt aus dem Tessin nur noch lauter Berge vor mir sah und zwar nicht nur St. Gotthard & Co. „Warum immer wir?“, klagte ich. „Warum ausgerechnet jetzt, wo ich ohnehin am Ende meiner Kräfte bin?“ Als ich „Meinen“ am Montag zitternd und schwankend in die Ambulanz einsteigen sah, fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Wie sollte ich das Ganze ohne ihn schaffen, wo wir doch zu zweit schon an unsere Grenzen stossen?

Heute habe ich erfahren, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Ich bin umgeben von Menschen, die alle ihre eigenen Grenzerfahrungen gemacht haben und die darum um meine Überforderung wissen. Menschen, vor denen ich mich nicht zu schämen brauche, auch wenn ich beim Anblick unseres derzeitigem Durcheinanders vor lauter Scham im Boden versinken könnte. Ja, es war mir unendlich peinlich, dass sie mein Chaos in all seiner Pracht gesehen haben und doch habe ich heute seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal richtig aufgeatmet.

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Und schon wieder eine Hürde…

Seit gestern Morgen ist „Meiner“ im Spital. Fit war er schon seit längerer Zeit nicht mehr, dann aber kamen das hohe Fieber, die wirren Sätze und schliesslich die Ambulanz, die ihn ins Spital brachte. Nach einigen bangen Stunden des Wartens endlich der erlösende Bescheid, dass es zwar schlimm ist, aber nicht so schlimm, wie man insgeheim stets fürchtet, auch wenn man es natürlich nie und nimmer offen ausspricht. Aus Angst, dass es eintreffen könnte, wenn man es ausspricht? Oder weil man denkt, man könnte sich lächerlich machen? Ich weiss es nicht. Auf alle Fälle atmete ich auf, als endlich der erlösende Anruf kam. Seither leben wir einmal mehr irgendwo zwischen Familienchaos und Spitalzimmer, getragen von einem dichten Netz aus Verwandten, Freunden und Bekannten. Nicht gerade das, wovon man träumt, wenn man im weissen Kleid vor dem Altar steht, aber immerhin erlebt man einmal mehr, dass man nicht alleine ist.

Tagsüber geht’s ja auch ganz gut. Die Kinder halten mich auf Trab, das Telefon klingelt mehr als gewöhnlich und zwischendurch bekommt sogar der Haushalt ein wenig Zuwendung. Abends aber, wenn alles still wird und nur noch die Katzen und ich auf dem Sofa sitzen, dann kommen die Ängste angeschlichen. „Was, wenn die ganze Sache doch gefährlicher ist, als du dir weismachen willst?“, raunen sie mir zu. „Hast du denn nicht bemerkt, dass ‚Deiner‘ heute Abend wieder so schwach war und kaum essen mochte?“ „Bist du dir sicher, dass du den Ärzten trauen kannst? Immerhin haben sie ‚Deinen‘ nicht ins Spital deines Vertrauens gebracht…“

Solange alles hell und lebhaft ist, kann ich mir einreden, dass alles fast genau so ist wie immer. Wenn ich bei „Meinem“ am Krankenbett sitze und mit eigenen Augen sehen kann, dass es ihm zwar nicht gut, aber immerhin schon etwas besser als gestern geht, dann glaube ich, dass alles wieder gut kommt. Wenn aber die Tageszeit kommt, die wir gewöhnlich miteinander oder zumindest nebeneinander verbringen, dann spüre ich, wie verloren ich mich fühle ohne den Mann, der zwar nicht perfekt, aber dennoch der Mann meines Lebens ist.

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Erstklassig

Heute also zurück nach Mendrisio. Diesmal im Zug, erste Klasse. Hat mir der Herr von der Versicherung erlaubt, vermutlich aus schlechtem Gewissen, weil wir das Ersatzauto bereits nach 24 Stunden wieder abgeben mussten. Ich habe dankend angenommen, als kleine Entschädigung für meinen missratenen Geburtstag. Bin zwar nicht gegen missratene Geburtstage versichert, aber wenn sie mich dafür entschädigen wollen, greife ich lieber mit beiden Händen zu. Beim nächsten Schadenfall werden sie nämlich wieder sagen, exakt für diesen Fall seien sie leider nicht zuständig. „Wenn Sie den Schaden nur ein kleines bisschen anders organisiert hätten, dann ja, aber so kann man leider nichts machen.“

Da sitze ich nun also im fast leeren Abteil der ersten Klasse und geniesse die Ruhe. Nun ja, der Kerl hinter mir dürfte ruhig etwas leiser in seiner Zeitung blättern – hat der noch nie etwas von iPads gehört? – aber wer samstags gewöhnlich durch einen Chor von „Mama, sag Karlsson, er soll aufhören!“, „Mama, wann machst du mir endlich Kakao? Ich warte schon lange.“ und „Mama, der Zoowärter hat mir den Baby-Dino weggenommen.“ geweckt wird, sollte sich über solche Kleinigkeiten nicht beklagen. Und einem geschenkten Gaul schaut man ohnehin nicht ins Maul. Auch nicht, wenn er morgens um Viertel vor sechs angetrabt kommt, weil die Autogarage in Mendrisio um halb zwölf schliesst und es nun mal eine Weile dauert von hier bis nach Mendrisio.

Ich bin fest entschlossen, diese Fahrt bis zum letzten Augenblick auszukosten, denn die Heimfahrt wird vermutlich weniger gemütlich, wo zu erwarten ist, dass heute so ziemlich jeder, der etwas auf sich gibt, von Süden nach Norden fahren wird. Ich hoffe bloss, dass mir beim nächsten Umsteigen ein wenig Zeit bleibt, Frühstück zu besorgen. Ansonsten könnte schon die Hinfahrt ziemlich ungemütlich werden.

Da fällt mir ein, dass ich gar nie darüber berichtet habe, wie wir am Ende doch noch nach Hause gefunden haben, aber das hat zwei gute Gründe. Erstens möchte ich unserem netten Pannenhelfer nicht die Polizei auf den Hals hetzen, denn was in den Augen des Italienischen Pannendienstes noch erlaubt war, ist in der Schweiz offenbar streng verboten. Aber die vom Italienischen Pannendienst sind nach Aussage des Schweizer Pannenhelfers – der übrigens auch Italiener war – ohnehin lauter „Coglioni“, „Stronzi“ und „Cazzi“, doch weil das hier eine jugendfreie Seite ist, gehen wir auf dieses Thema nicht näher ein. Zweitens möchte ich diesen elenden Geburtstag so schnell als möglich vergessen. Dass er mich ein Jahr näher an die Vierzig gerückt hat, ist schon schlimm genug.

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